Denkwürdigkeiten eines Zwölfjährigen
Da dieses Jubiläum ja nicht zum ersten Mal gefeiert wird, gibt es längst eine Reihe von routinierten, abwehrenden ’68-Skeptizismen, die die Relevanz des fraglichen Ereignisses und der ihm zugeordneten Daten runterspielen. Da wären diejenigen, die den Einschnitt nicht leugnen, aber seine Konsequenzen unselig finden – von rechts, weil es mit nationaler Identität, Zucht und Ordnung seitdem Richtung Gender Studies und Ehe für alle den Bach runtergegangen sei, von links, weil der Beginn und die Durchsetzung der Selbstverwirklichungskultur die neoliberale und postfordistische Produktionsweise outgesourcter Ich-AGs und infokapitalistischer Wertschöpfung initiiert hätte. Die kalifornische Ideologie habe den Weg von den Kommunen von Drop City zu den Datenkraken des Silicon Valley mit seinem weltumspannenden Cyberkapitalismus geebnet, die K-Gruppen hätten die aktuelle deutsche Manager*innen-Elite ausgebildet. Und so weiter. Schließlich einigen sich aber Skeptiker*innen jeglicher Couleur, selbst wenn sie jede Relevanz abstreiten, paradoxerweise gerne auf die falschen Folgen, die das Jahr gehabt habe: Radikalisierung und Gewalt, maoistisches Sektierertum oder auch psychedelisch-esoterische Weltflucht und Wellness-Kapitalismus bis zu Wiederholung und Vollendung para-faschistischer Mobbildung samt Terror.
Manche mögen aber auch das Jahr selbst nicht und möchten lieber über ein anderes Jahr reden. Die Süddeutsche Zeitung hatte vor einiger Zeit eine Reihe, in der sie zu jedem der Jahre zwischen 1955 und 2004 ein Booklet mit CD herausgab. Die jeweiligen Verfasser*innen der Einleitungstexte wussten stets plausibel zu erklären, dass das jeweilige Jahr 1963 oder 1972 viel einschneidender und wichtiger war als die üblichen Verdächtigen wie ’68, ’77 oder ’89. Dann gibt es eine Reihe von Büchern und Filmen, die sich eine*n Nachbar*in von ’68 ausgesucht haben: 1967 und 1969 sind offensichtlich, es gibt aber auch welche zu 1966 – und das ist dann auch irgendwie plausibel: Blow Up, Revolver und LSD war noch legal. Leute wie Hans Ulrich Gumbrecht oder Florian Illies haben freiwillig/unfreiwillig vorgeführt, dass man sich eigentlich jedes Jahr jedes Jahrhunderts willkürlich herausgreifen (1913, 1926) und argumentieren kann, es vertrete die absolute Zeitenwende.
Wenn ich heute – unter anderem – von dem Jahr danach rede, habe ich aber keinen revisionistischen Grund der Überbietung und des Rechthabens. Ich glaube nicht, dass 1969 wichtiger war. Ich habe einen methodischen und einen persönlichen Grund: Der methodische ist, dass wir alle erst wissen, was wir getrunken haben, wenn wir unseren Kater behandeln. Das Jahr danach, der Kater erst, gibt Auskunft über das Gewicht dessen, was in der letzten Nacht gelaufen ist. Und der persönliche: an 1969 kann ich mich erinnern, an 1968 nicht so richtig; denn 1969 ist das Jahr meines zwölften Geburtstages, den ich während meiner Kindheit immer als den Moment des Eintreffens aller Attribute des Erwachsenseins antizipiert hatte. Nicht nur, dass ich einmal nachgefragt hatte, ab wann ich denn erwachsen sei und jemand unvorsichtigerweise den zwölften Geburtstag nannte. Die Zahl war auch plausibel, weil sie tatsächlich einen Systemwechsel, einen Neubeginn auf dem Zifferblatt der gnadenlos tickenden Wanduhr anzeigte, unter deren alles sehendem Auge ich meine Hausarbeiten erledigen musste, hoffend, dass mit zwölf aller Zwang vorüber sein werde.
Ich möchte über den fraglichen Zeitraum also aus der Perspektive der Subjektivität reden, meiner und einer verallgemeinerten: wie konnte man Subjekt sein gegenüber 1968. Vor 1968, zumal in den 1950er und den frühen 1960er Jahren, galt in westlichen Jugendkulturen der kategorische Imperativ des Existenzialismus, der Mythos der Wahl: Du hast eine Wahl, wähle das Richtige. Denn Du bist der, der zu sein Du gewählt hast. Von der in Deutschland um 1968 unter Intellektuellen vorherrschenden Perspektive der kritischen Theorie aus gesehen war das trivial und falsch: diese Verabsolutierung der Wahl war eine größenwahnsinnige Überbietung einer wahlweise kleinbürgerlich-individualistischen oder aber protestantischen Ideologie. Oder beides. In der Sprache der in Frankreich sich abzeichnenden Perspektive einer massiv rezipierten Zurückweisung des Existenzialismus durch das, was später Poststrukturalismus heißen sollte, hieß dies eine grenzenlose Überschätzung des Subjekts. Aber auch für die verschiedenen neuen Politisierten, die ja durchaus an eine von Menschen zu machende Zukunft glaubten – von Maoist*innen bis zu US-amerikanischen Anarchist*innen und Antirassist*innen –, war die Idee der Wahl ebenfalls eine Mystifikation der Unmöglichkeit, als proletarisches und/oder rassistisch verfolgtes Subjekt frei zu entscheiden: Dennoch war der Heroismus all dieser Bewegungen dem Existenzialismus durchaus noch nahe. Das zeigte sich auch in der Rhetorik dieser vielleicht wichtigsten politischen Band der US-amerikanischen Kulturrevolution, The MC5. Man kann das in dem berühmten, live mitgeschnittenen Intro ihres hauseigenen Prediger-Performers Brother J.C. Crawford hören, das bei all ihren Konzerten um 1968 zum Einsatz kam, in welchem dem Publikum die Entscheidung zur Revolution als Mischung aus existenzialistischer Wahl und dem der afrobaptistischen Liturgie nachempfundenen Ablegen eines Zeugnisses der eigenen Glaubensstärke nahegelegt wird:
It’s time for each and every one to testify. It’s time for each and every one of you to decide, Brothers and Sisters, you must choose, Brothers and Sisters, you must choose: whether you wanna be a part of the problem or a part of the solution, you must choose about your purpose here on this planet.1
Aber es gab auch Leute wie Jim Osterberg – wie The MC5 in Ann Arbor, Michigan, beziehungsweise Detroit aufgewachsen –, später als Iggy Pop bekannt, der gerne zu MC5-Konzerten gegangen sein soll, aber jedes Mal, wenn die Frage nach der Entscheidung den Höhepunkt des linksradikal-pseudoafrobaptistischen Gottesdienstes erreichte („ … part of the problem or a part of the solution?“), aus voller Lunge gerufen haben soll: „problem, problem!“ Das gab es auch und damit auch die Frage, ob 1969, anders als die Skeptiker*innen meinen, kein böses oder irrelevantes Jahr gewesen sei, sondern einfach nur ein ganz normales Jahr wie jedes andere. Dazu später mehr.
In der bewussten Kindheit – so nenne ich mal die Grundschuljahre – also von 6 ½ bis 10 ½ im damaligen Hamburger Schulsystem, von 1964 bis 1968 in meinem Falle, ist einem aufgegeben, drei Welten zu unterscheiden und zu vermitteln: die gerade entstehende individuelle Welt, die Welt der Eltern und die Außenwelt, die wiederum aus anderen Kindern und sonstigen Erwachsenen zusammengesetzt war. Die entscheidenden Fragen: wie reagieren die Elternwelt und die Außenwelt – Schule sowie sonstige Erwachsene – auf meine Welt? Diese Frage ließ sich nie so gut anhand von Aktivitäten und Verhaltensformen stellen, die ohnehin zur Welt der Kinder gehören und daher von den Erwachsenen gutmütig aus ihrem Zuständigkeitsbereich geschoben werden konnten (auf Bäume klettern), sondern nur anhand der Themen, die auch in der Welt der Erwachsenen in jenen Jahren eine Rolle spielten. Dies waren dann meistens Bezüge, die man mit den anderen Kindern gemeinsam entwickelt und erarbeitet hatte, die ja für ein Kind Gesellschaft darstellten, also mit denen man gemeinsam lernte, die Grenzen zwischen sich und den Peers auszuhandeln und Gemeinsamkeiten zu formulieren.
Eine solche Verbindung zwischen Kinderneugier und Erwachsenenthema stellte zum einen die damals so genannte Beat-Musik dar, zum anderen und damit verbunden die langen Haare junger Männer. Die langen oder je etwas längeren Haare bedeuteten zwischen 1962 (Schwabinger Krawalle) und 1972 (Glam Rock) etwas ganz Bestimmtes und zugleich viele einander entgegengesetzte Dinge. Sie richteten sich gegen die Erwachsenen, die Konvention und die auf De-Markierung des männlichen Körpers und seiner Individualität gebaute öffentliche Ordnung (das System des Herrenanzugs). In dieser Gegnerschaft vereinten sie aber zugleich bürgerlich-individualistisch-künstlerische, asozial-verwahrloste, hypersozial-anarchistische, kommunistische und esoterisch-mystische Züge, zuweilen in sich wieder konformistische und antikonformistische, feminisierende und neo-machistische, gay und hetero Komponenten – einfach alles und doch ein einheitliches Zeichen, das alles auf seiner Seite hatte.
In der Regel reichte aber schon die Beat-Musik, um auf Konfrontationskurs zu den anderen Erwachsenen zu landen. Als ich in der ersten Klasse auf die Frage der Lehrerin in die Runde der Siebenjährigen, welches Lied wir gerne singen würden, unschuldig und ohne Provokationsabsicht antwortete „I Want To Hold Your Hand“ wurde ich mit einem scharfen: „Diedrich, Du weißt ganz genau, dass wir so etwas nicht singen“ angepfiffen. Dabei wusste ich das nicht. Ich wusste es deswegen nicht, weil meine Eltern – definitiv keine Langhaarigen noch deren Sympathisanten – die Beatles durchaus mochten, ich also erst langsam lernte, dass es da einen Unterschied zwischen meinen Eltern und den anderen Erwachsenen gab, einen der für meine Eltern sprach. So erlaubten sie dem noch nicht Neunjährigen, als das ZDF am 5. Juli 1966 einen Zusammenschnitt der beiden Konzerte der Beatles aus dem Circus Krone-Bau in München ausstrahlte, wach zu bleiben, bis die Main Attraction nach Auftritten der drei Vorgruppen Cliff Bennett & The Rebel Rousers, The Rattles und Peter & Gordon die Bühne erklomm. Die Eltern waren in Sachen Beat zwar etwas picky, sie mochten solche Bands nicht, die ihrer Meinung nach „zu viel Show“ machten (und ich mochte viel Show) und sie lobten nach den Vorgruppen die Beatles, weil „die wenigstens ihre Instrumente stimmen“: „Da sieht man, dass die was können.“ Aber ich hatte das Gefühl, dass meine Eltern Bescheid wussten und verspürte keine Dissonanz mit ihnen. Sie verteidigten mich, wenn Onkels, Tanten und Nenn-Onkels in der Position von Oberstudienräten über die „Affenmusik“ schimpften, die aus meinem Zimmer erklang und sich generell über „langhaarige Affen“ aufregten. Heute klingt es wie ein 1960er-Jahre-Klischee, aber tatsächlich war die Formulierung vom „langhaarigen Affen“ stehende Rede, die ich von Großeltern, Verwandten, Lehrer*innen – der kompletten Erwachsenenwelt – permanent während dieser Zeit zu hören bekam – bis in die späten 1970er Jahre als Schlafwagenschaffner: „Junger Mann – oder ist das überhaupt ein Mann, kann man gar nicht so genau erkennen, hohoho …“. So war ich in der psychologisch einzigartigen und einzigartig bequemen Lage, eine konfrontative Haltung zur gesamten Erwachsenenwelt einnehmen zu können und mich dabei von meinen Eltern unterstützt zu wissen. Das änderte sich, als ein neuer Protagonist, eine neue Variante des „langhaarigen Affen“ die Öffentlichkeit betrat: der Student. Ab circa 1967 war von ihm verstärkt die Rede. Nun waren meine Eltern plötzlich mit den anderen Erwachsenen einig, dass diese Langhaarigen Mist im Kopf hätten („lange Haare, kurzer Verstand“) und traten mit Leidenschaft gegen diese ein. Mein Vater war selbst an der Uni und schleppte eines Tages im Jahre 1969 vier Bände der Edition Suhrkamp an, je einen von Marcuse, Adorno, Habermas und Bloch, die mir wegen ihres modernen, bunten Aussehens (das berühmte Fleckhaus-Design) sofort auffielen (und sich damals von den anderen Büchern in seinem Arbeitszimmer unterschieden wie vier langhaarige Affen von lauter Oberstudienräten) und erklärte: „Ja, das lesen diese Studenten, ist aber nicht so schlimm, wie das, was die daraus machen.“ Mein Vater kam von Nietzsche, Klages und Carus und war, wie ich später erfahren habe, entsetzt, als er als junger Mann einmal Adorno eingeladen hatte und dieser nach dem Vortrag erwartete, von ihm zu einem Reeperbahnbummel begleitet zu werden.
Die Studenten, die meine Eltern so hassten und mit der gleichen Leidenschaft ablehnten, mit der vorher nur die anderen Erwachsenen auf Langhaarige reagiert hatten, waren aber ebenfalls Langhaarige und mir dämmerte, dass ich mich jetzt bald würde entscheiden müssen, zwischen meinen Eltern und den Langhaarigen. Das hatte auch mit der Entscheidung zwischen generell den anderen Kindern und den Erwachsenen zu tun: meine Eltern waren nun langsam zu einem Teil der anderen Erwachsenen geworden. Beziehungsweise noch, und wir sind nun im Jahre 1968, war ich mir mit meinen elf Jahren nicht so sicher, wer Recht hat, die Studenten oder meine Eltern.
Neben dem Längerwerden männlicher Haupthaare – während die Studentinnen meines Vaters, die bei uns mal zu Besuch waren, sehr kurze Haare hatten, so wie Gudrun Ensslin in dem Fotoalbum von der gemeinsamen Ibiza-Reise mit Bernward Vesper aus dem Jahre 19632 – gab es aber eine andere Kontinuität des Fortschreitens, die mich interessierte: die langsam aber stetig voranschreitende Annäherung der Menschheit an den Mond. Je näher sie dem Mond kamen, desto mehr crazy funkelnde Bilder aus dem Weltraum, die meistens die Erde blau und strahlend in der Ferne zeigten, waren im Fernsehen und den glossy magazines zu sehen. Auch dieser Vorgang hatte seinen Höhepunkt bekanntlich im Jahre 1969: am 21. Juli betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Am 14. Dezember 1972 verließ der spätere republikanische Senator Harrison Schmitt als letzter Mensch den Mond. Es ist ziemlich genau dieser Zeitraum, für den ich mich in Sachen 1968 und seine Nachwirkung oder durch die Brille seiner Nachwirkungen zuständig fühle. Meine Frühpubertät und die Jahre, in denen sich sowohl der linksradikale wie der psychedelische Zweig der Langhaarigenkultur formulieren konnte, bevor ihm aus den eigenen Reihen diverse Konkurrent*innen und Gegenbewegungen erwuchsen: Glam-Rock, Feminismus, Ökologie, Punk etc.
Für die Frage, ob meine Eltern oder die Langhaarigen letzten Endes im Recht waren, war aber auch meine Zuständigkeit wichtig. Diese war, wie oben an der Uhr dargelegt, der zwölfte Geburtstag. High Noon. Nun stand meine Lebensuhr ganz oben und teilte die Zeit in 1 und 13 Uhr. Ambivalenz begann, Erwachsenenzeit. Während der Mondlandungszeit war in der BR Deutschland Wahlkampf gewesen, mein erster. In meiner ersten Gymnasialklasse (Einschulung: mitten im Jahr 1968) war darüber diskutiert worden. Wer wenigstens ein bisschen lange Haare hatte – wir waren 1969 vier von mehr als dreißig –, unterstützte die SPD. Damit hatte ich auch einen Kompromiss mit den Eltern geschlossen: mein Vater unterstützte damals ebenfalls, zum letzten Mal, die Sozialdemokraten, meine Mutter die CDU. Ich trug bis zu den großen Ferien ein knalloranges leuchtendes, handtellergroßes Badge, auf dem in weißen Buchstaben stand: „Willy wählen!“ Eines Tages sprach mich im Bus ein Langhaariger, ungefähr vier, fünf Jahre älter als ich, mit den Worten an: „Hey, Willy-Wähler! Glaubst Du wirklich, dass die SPD Deine Interessen vertritt“ – und erläuterte mir das Programm der Aktion Demokratischer Fortschritt, ein Wahlbündnis verschiedener para-kommunistischer Organisationen, die nach dem KPD-Verbot entstanden waren. Auch das war eine Initialzündung. Ich lernte dieses: So wie man erst nur mit einer Rakete ins All flog, dann die Erde umrundete, dann den Orbit der Erde verließ und den Mond umrundete und schließlich den Mond erreichen konnte, so konnte man sich auch der Welt der Langhaarigen in verschiedenen Radikalisierungsstufen nähern. Willy, über dessen Sieg ich mich im September noch freuen konnte, war nur eine Erdumlaufbahn. Es ging weiter, Mond, Mars, vielleicht Jupiter und dann – wie es so schön bei Stanley Kubrick heißt – die Unendlichkeit, die Unendlichkeit der Revolution.
Doch zwischen Mondlandung und Bundestagswahl geschah alles, was das Jahr 1969 nun gewissermaßen tatsächlich zum Scheitelpunkt, zum High Noon, qualifizierte. Nicht zuletzt, weil Mitte August des Jahres mein zwölfter Geburtstag anstand. An diesem Tag ging das Woodstock-Festival zu Ende und mit ihm begann der weltweite Siegeszug eines Konzeptes von Langhaarigkeit und Gegenkultur, das politischen Protest an ein wie auch immer zu verstehendes „befreites Verhalten“ binden wollte und zugleich die esoterischen, psychedelischen und tribalistisch-primitivistischen Aspekte integrierte: diese für ein paar Jahre gültige, die ursprüngliche Offenheit teilweise aufhebende, teilweise stabilisierende Formel galt nun ungefähr für die drei Mondreisenjahre und beantwortete auf typisch vage, aber pragmatische Art, wie man mit der Unmöglichkeit, radikale kritische Theorie oder subjektkritischen Poststrukturalismus leben zu können, umgehen kann, ohne in den alten Existenzialismus zurückzufallen: Marxismus und Messianismus schossen in den psychedelischen Bildern und Ritualen zusammen – sofern man nicht versuchte, sie auszubuchstabieren. Die deutsche progressive Pop-Welt war voller zugleich linker wie psychedelisch bewegter Prediger wie Rolf-Ulrich Kaiser3 oder Rolf Schwendter, dem von Pop-Festival zu Pop-Festival ziehenden, trommelnden Wiener Triple-Doktor, Volkskundler und Erfinder des Begriffs Subkultur.4
Der Erfolg des mythischen Festivals zu Woodstock lag natürlich auch daran, dass es von cleveren Hip-Kapitalist*innen zum ersten gleichzeitig vermarkteten Film-Schallplatte-Medienverbund im großen Stil zusammengeschweißt und von einem Weltkonzern, den Warner Brothers, vertrieben wurde. Zwei Jahre zuvor, am Beginn der drei magischen Jahre der ko-extensiven Vervielfachung von Bildern politischer Radikalisierung und Bildern und Tönen psychedelischer Progression, hatte man schon mal Ähnliches versucht. Mithilfe eines Films von Direct Cinema-Pionier D.A. Pennebaker und einer Live-Platte (allerdings nur mit den Auftritten von zwei Acts, nämlich Jimi Hendrix und Otis Redding) sollte schon das Festival von Monterey zum definitiven Moment einer neuen Kultur erklärt werden. Eric Burdon schrieb sogar damals schon ein originelles Lied-zum-Festival („Down in Monterey“) mit lustig simulierten Auftritten aller Beteiligten – aber noch war es nicht gelungen, die verschiedenen Rechte- und Verträgeinhaber*innen der Kulturindustrie unter einen Hut zu bringen. Erst Joni Mitchells Kommentar zum Woodstock-Festival („Woodstock“) mit seinen regressiv-utopischen Verheißungen – zu deutsch: „Wir sind Sternenstaub, wir sind golden und wir müssen es schaffen, zurück in den Garten“ – erhielt den seitdem inflationär vergebenen Ehrentitel „Hymne einer Generation“. Ja, Generation, auf was sonst sollte man sich berufen? Vielleicht geht es etwas präziser. Das Konzept „Gegenkultur“, das in jenem August als Massenprodukt in die Welt gesetzt und mir gewissermaßen zum Geburtstag geschenkt wurde, war mehr als nur eine Generationenbestimmung. Um ihm näher zu kommen, werden uns zwei andere Prominente helfen, für die in diesem August das Schicksal seinen Lauf nahm, Theodor W. Adorno und Charles Manson. Der eine starb, viel zu früh und bis heute unersetzt, ausgezehrt und genervt von – genau – Subkultur und Student*innenrevolte am 6. August im Urlaub in der Schweiz, wo er sich nämlich gegen ausdrücklichen ärztlichen Rat gleich am zweiten Urlaubstag wieder beim Wandern übernehmen musste. Der andere, der wesentlich im Gefängnis sozialisierte Dauer-Outlaw, stiftete seine Gang heruntergekommener, von den falschen Drogen (Stechapfel: bis zu dreißig IQ-Punkte gehen pro Einnahme verloren) gezeichneter und von seiner Guru-Autorität geistig abhängiger Hippie-Jünger*innen zu ihren spektakulärsten Untaten, den sogenannten Tate-LaBianca-Morden, an.
Einen Tag vor Adornos Tod, am 5. August 1969, nahm die Polizei in Los Angeles den Musiker Bobby Beausoleil wegen des wahrscheinlich ebenfalls von Manson angestifteten Foltermordes an Gary Hinman, einem anderen Musiker fest. Beausoleil sollte später vom Gefängnis aus, als Nachfolger von Mick Jagger und Jimmy Page, die vor ihm nach Ansicht des schwarzen Magiers und verdienstvollen Underground-Film-Erfinders Kenneth Anger an derselben Aufgabe scheiterten, für Angers ewig unvollendetes großes Filmprojekt Lucifer Rising den Soundtrack einspielen. Ein in jeder Hinsicht bedrohliches und einschüchterndes Progressive-Rock-Georgel, das man heute als Picture Disk für Sammler*innen erwerben kann.5 Eigentlich sollte Beausoleil auch Luzifer selbst darstellen. Dazu kam es nicht, und er schloss sich stattdessen im Knast, wo er heute noch sitzt, der berüchtigten rassistischen Aryan Brotherhood an, deren zentrales Ziel es war, „weiße Gefangene vor schwarzen Vergewaltigern zu schützen“, die es auf weißes Fleisch abgesehen hätten. Dies war eine Fantasie, die der inzwischen geläuterte Beausoleil damals mit seinem Freund Charles Manson und dem inzwischen verstorbenen Beach-Boys-Schlagzeuger Dennis Wilson teilte. Der 1983 ertrunkene Wilson träumte angeblich oft nachts von schwarzen Vergewaltigern und sprach mit Manson darüber, dessen spirituelle Präsenz er mit dem Maharishi verglich, den die Beach Boys kurz nach ihren Erzkonkurrenten, den Beatles, entdeckten. Dennis Wilson sorgte auch dafür, dass die Beach Boys im November 1968 eine der düsteren Kompositionen des ambitionierten Folk-Rockers Manson aufnahmen und umbenannten: aus Mansons „Cease to Exist“ wurde unter den makellosen Vokalharmonien der Wilsons „Never Learn Not to Love“, als Komponist auf dem Album 20/20 wurde Dennis Wilson ausgegeben. Aus der titelgebenden Zeile Mansons wird „Cease to resist“, an ein Love Object gerichtet und damit natürlich nicht weniger creepy als das Original.
Zwei Tage nach Adornos Tod, fünf Tage vor dem Beginn von Woodstock, rückte ein Manson-Kommando aus, um in der von Roman Polanski gemieteten Villa Nummer 10050 Cielo Drive fünf Menschen, darunter die hochschwangere Sharon Tate, Polanskis Ehefrau und gefeierte Darstellerin in dessen Tanz der Vampire, wie es immer heißt „bestialisch“ zu ermorden. Die Täter*innen erfanden zu diesem Anlass das seitdem zur Horrorfilm-Trope gewordene Mit-dem-Blut-der-Opfer-Parolen-an-die-Wand-Schreiben (man denke auch hier wieder an Stanley Kubrick und The Shining): die schaurigen Graffiti bezogen sich wiederum auf Songs der Beatles, für deren Weißes Album der Fan Manson eine popfantypische, hermeneutische Obsession entwickelt hatte. Wenn man vom Cielo Drive in die erste rechts abbiegt, kommt man in den Benedict Canyon Drive, von dort aus geht es schnurgerade bergab, dann wieder rechts ein mittellanges Stück den Sunset Boulevard herunter, zur Rechten lässt man die hyperreichen und schwerstbewachten einstigen Villen der Schönbergs und Manns liegen, um dann links in die nicht mehr ganz so üppige South Kenter Ave einzubiegen, wo Adorno in einem Holzbau mit Doppelgarage die mittleren 1940er verbrachte, gelegentlich Thomas Mann oben auf dem Berg beim Doktor Faustus in Sachen Dodekaphonie beriet und die Dialektik der Aufklärung co-authorte. (Und nun raten Sie mal, wie die Kenter Ave nach dem nächsten Block heißt? Richtig, Bundy Drive! Und wer wohnte da wohl? Nein, nicht Horkheimer, hier lebte O.J. Simpson, aber das ist eine andere Geschichte.)
Der Mann, dessen berühmtestem Diktum zufolge es kein richtiges Leben im falschen gäbe, also erst recht nicht in Brentwood, Los Angeles, nahm seinen Satz mit ins Grab und machte den Platz frei für ein Festival, das den ursprünglich nur ein paar eingeweihten Bohemiens (19. Jahrhundert) und Hipstern (20. Jahrhundert) bekannten Umstand massenhaft feierte und vermarktete, dass mit den richtigen Glückstechniken bewaffnet (Drogen, Musik, Arbeitsverweigerung, Spiritualität und Sexualität – und alles auch käuflich) dieses richtige Leben, und sei es für ein paar Tage, doch möglich sei, mitten in den Vereinigten Staaten des Falschen. Doch diese Feier war von Anfang an von der Tatsache kontaminiert, dass unmittelbar aus all diesen Befreiungen heraus, eine „bestialische“ Raserei, Folter und Mord genauso hervorgehen konnte wie die berühmte Liebe und der sattsam bekannte Frieden.
Man darf nicht vergessen, dass den Hippie-Utopien als erstes nämlich noch nicht ihre Vermarktbarkeit vorgehalten wurde. Das passierte zumindest in Deutschland erst so ab 1971, eher 1972, als überall die Levi’s-Anzeige (Motiv „Pop-Festival“) erschien und das Magazin Konkret und Franz Josef Degenhardt den Konsumismus und Eskapismus der Pop-Kultur gnadenlos zu geißeln begannen6, wofür das Pop-Festival mit seinem Kommerzialismus und offensichtlich gescheiterten Versuchen neuer temporärer urbaner Zonen immer öfter die zentrale Metapher abgab. Nein, zuvor wurde den Hippies vor allem ihr Manson (und mit ähnlicher Stoßrichtung ihr Altamont) vorgehalten, einer der ihren, klar zu erkennen an den langen Haaren, der genauso brutal und entfesselt in Blut baden würde wie die anderen nackt in den Flüssen und Seen der freien Natur Nordamerikas. Und beide, Manson wie die Mörder von Altamont, Hells Angels, die den afroamerikanischen Konzertbesucher Meredith Hunter ermordeten, waren flagrante Rassisten.
Nicht die Vermarktung hätte demzufolge das Konzept Gegenkultur zur Strecke gebracht. Es war von Anfang an ein weitgehend innerkapitalistisches Konzept, das zwar antikapitalistische Effekte zeitigte, aber vor allem dazu taugte, die Umwertung von Werten, sofern sie den Kapitalismus nicht in seinen Grundfesten bedrohten, und selbst dann, auch erfolgreich massenhaft zu verbreiten. Ganz klar, dass dies nur in Kompliz*innenschaft mit dem Markt geschehen konnte, dennoch gelang es den sich notorisch und naiv „antikommerziell“ gerierenden Werten der Gegenkultur trotzdem immer wieder, sich auch gegen den Markt zu erneuern, den Markt als Problem zu thematisieren und darüber hinaus ihre Attraktivität für neue Generationen aufrechtzuerhalten. Die Selbstvermarktung der Hippies hatte sogar explizit im Zeichen des Gebrauchswertes und seiner Rettung begonnen, indem ein Ziel marxistischer Warenkritik als Motto einer neuen Vermarktungsidee auftauchte: „Access to Tools“. Dies geschah, als der Kybernetik-Fan, Organisator experimenteller Musikfestivals und fliegende Händler der Landkommunenszene Stewart Brand sich von einem Manifest des Fluxus-Künstlers George Maciunas und des Mathematikers, Musikers und Philosophen Henry Flynt mit dem Titel „Communists Must Give Revolutionary Leadership in Culture“7, das dafür warb, dass sich die Linke mit den nützlichen und revolutionären Produkten der Massenkultur auseinandersetzen sollte, inspirieren ließ für seinen Whole Earth Catalogue8, der unter dem Slogan „Access to Tools“ für eine Neu-Definition von Gebrauch und Gebrauchswert warb. Das war aber bei Brand nicht mehr kommunistisch gemeint, sondern im besten Falle anarchistisch, später eine Inspiration für die Gründergeneration Silicon Valley: die im Grunde böseste Verfehlung oder Überbietung des Marxismus – den Gebrauchswert in den Versandhauskatalog schreiben, in Deutschland machte das dann ein paar Jahre später der zweitausendeins-Versand.
Nein, die gegenkulturelle Dialektik aus antikonsumistischer Befreiung (mit ihrer Schattenseite: weißer bürgerlicher Elitismus nicht nur der von Brand bedienten Kommunen Kaliforniens und Arizonas) und massenhafter, warenförmiger und effizienter Verbreitung revolutionären Gedankengutes (mit diversen Schattenseiten: Verflachung, Entschärfung, Konsumismus etc.) war solange intakt, wie die westlichen Gesellschaften insgesamt reformierbar waren oder sich reformierbar gaben. Und das taten sie auf beiden Ebenen – Mainstream und Gegenkultur – dank der Koalition zweier eigentlich zutiefst unwahrscheinlicher Partner*innen: Im Mainstream waren das soziale, sozialdemokratische, arbeiterbewegte und eine bürgerrechtlich bis lifestyle-liberale Politik, im Underground Linksradikalismus, marxistischer wie anarchistischer Prägung mit spirituell-sexueller psychedelischer Politik, der Politik der Ekstase, wie sie Timothy Leary taufte. 1967–1969 ging das zusammen, 1969–1972 funktionierte es noch notdürftig und lappte bald ins Bizarre.
Jeder psychedelische Schritt nach innen und jeder revolutionäre Schritt in die Radikalisierung waren aber zunächst noch gegenseitig gedeckt. In den Jahren zwischen „Willy wählen“ und dem Rückzug des letzten Menschen vom Mond lernte ich dann in dieser Spannung, dass die langen Haare nur wirklich legitim waren, wenn man zum Sprung von einer kritisch-politischen zu einer mystisch-psychedelischen Haltung bereit war – und zurück. Von Droge zu Demo zu Droge zu Demo. Das konnte nur so lange halten, wie Gegenkultur das unsinnliche und unbestechliche Geschäft der Kritik mit dem der Begeisterung und des Exzesses in diesen ersten drei magischen Jahren zusammenspannen konnte, und es musste zusammenbrechen, wenn es wie zwischen ’69 und ’72, den Hangover-Jahren, in seine Bestandteile zerfiel und seine jungen Nachahmer wie ich von einem der Bestandteile zum nächsten sprangen und unser Heil aber immer noch in der einmal gelernten Mechanik der Erweiterung, der Steigerung suchten, im „Furthur“, das der Magic Bus von Ken Kesey als Richtungsschild trug.
Aber das Böse war ein logisches Ergebnis des Zerfallsprozesses des Konzepts Gegenkultur. Dies war die eigentliche Rache von Adornos Diktum. Denn wer die mit Steigerung, Erweiterung, Radikalisierung einhergehende Überschreitung predigte, wer die individuelle Entwicklung und Verwirklichung als einen Weg aus den Entfremdungen und Aporien in immer wieder neue politische und mystische Identitäten predigte, durfte, solange sie oder er im Falschen lebte, nicht vergessen, dass diese Schritte immer auch gegen die Moral der Gemeinschaft, auch der je neuen Gemeinschaft sich richten mussten, um nicht beim bloßen wirkungslosen und leblosen Predigen des Guten stehen zu bleiben. Die Tat um ihrer selbst willen, der Übertritt um seiner selbst willen – ein entscheidendes Element des Konzepts Gegenkultur: jetzt hier anders zu leben und dies ohne Geduld zu realisieren – lappte immer auch ins Böse und (blond-)Bestialische. Gleichwohl war dieses Risiko unverzichtbar für die Idee der Gegenkultur: die Aktualisierung der Ideen, die Komplettierung der Theorie durch die Tat machte ihre Erotik aus, unterschied sie von der trockenen politischen Idee, um die herum sich brav überzeugte, protestantische Gewissenstiere sammeln dürfen. Riskant und politisch korrekt, lebendig und fortschrittlich zugleich waren Gegenkulturen immer nur dann, wenn sie intakte, die Paradoxe ausbalancierende Communities bildeten, die aber an Gesellschaft als Ganzes noch angeschlossen waren – und sei es in pointierter, gerichteter Negation. Ansonsten kämpfte sie schon damals mit dem Paradox, das heute viele queer-politisierte Personen kennen; dem Imperativ zugleich transgressiv zu sein und auf der richtigen Seite zu kämpfen. Eigentlich geht das nicht.
Das Doppelte von ’68, dem die Politik der drei Jahre überhaupt ihre Euphorie-Fähigkeit verdankte, der Komplex Langhaarigkeit, das Konzept Gegenkultur war eine Antwort darauf, dass die reine Kritik nicht zu leben war, dass sie als negative Dialektik lediglich Leuten eine Perspektive überließ, die nicht mehr anders leben wollten, sondern nur noch auf der Höhe der Zeit denken. Der Messianismus und die marxistische Mystik Walter Benjamins, damals oft von den gleichen Leuten wiederentdeckt, ich nenne als Beispiel Helmut Salzinger9, die eine Versöhnung von radikaler Politik und psychedelischer Erleuchtung anstrebten, war vielleicht das letzte kritische Denkmodell gewesen, das den radikalen Gedanken mit einer Lebensform verband. Der sogenannten profanen Erleuchtung, zu Zeit ihrer Entstehung als kritische Chiffre bei Walter Benjamin in seinem „Sürrealismus“ womöglich eine rätselhafte Kategorie, wuchs massive Evidenz in der psychedelischen Pop-Art-Sensibilität zu, wie sie Tom Wolfe in The Electric Kool Aid Acid Test beschreibt, wo er zwischen Timothy Learys psychedelischer Politik, die sich letztlich apolitisch auf einen Berg nach Tibet sehnt, und der von Ken Kesey und seinen Merry Pranksters unterscheidet, die in den Plastikobjekten der US-amerikanischen Konsumkultur der Gegenwart genau das fanden, was Benjamin knapp vierzig Jahre zuvor geahnt hatte: profane Erleuchtung in den Waren. Nicht zurück zum Gebrauchswert, sondern schriller, kritisch erleuchtender Gebrauch des Tauschwerts über seine Ästhetik. Das war in etwa das Programm.
Es endete nicht unbedingt damit, dass auch das wieder käuflich wurde. Damit hätte man umgehen können, wenn man denn noch unter der klaren Unklarheit der Langhaarigkeit gemeinsam hätte operieren können. Es waren die Wellen der Ausbreitung der Langhaarigkeit, die sich in konzentrischen Kreisen nicht nur über die Welt horizontal, sondern auch vertikal durch die Milieus ausbreitete, durch die knirschende harte Realität des Falschen, in dem es kein richtiges Leben geben konnte. Hier wurde sie an jedem Hindernis neu durch die immer wieder gleichen Probleme von Ungleichzeitigkeit und Ungleichheit in jeder Hinsicht gejagt, von Missverständnis zu Missverständnis: und dafür war die Langhaarigkeit besonders anfällig, denn ihr Punkt war ja, dass sie so eindeutig nach außen wie unklar nach innen bleiben sollte. Und zu den Hindernissen gehörte natürlich auch, dass es eine Reihe von Attraktionen gab, die man aus dem Komplex der Langhaarigkeit herausbrechen und anderweitig entwickeln oder verscherbeln konnte.
Es ist interessant, dass erst der verstorbene britische Musikjournalist und -theoretiker und Kapitalismusgegner Mark Fisher und dann teilweise mit ihm zusammen dessen Weggefährte Jeremy Gilbert vor einiger Zeit und in weiten Teilen noch etwas holprig an etwas strickten, was sie für eine Rekonstruktion des alten Bündnisses aus psychedelischer und linker Kultur halten oder hielten: sie nennen es „Acid-Communism“. Gemeinsames Ziel der linken, poststrukturalistischen und der psychedelisch spirituellen Bewegung ist bei ihnen die Dekonstruktion des Selbst, bei dem antiindividualistische Linke, psychologische Dekonstruktion und Hip-Buddhismus gemeinsame Sache machen könnten. Man will sogar schon Erfolge erzielt haben, dies der britischen Labour-Partei zu verkaufen und hat zuletzt den Begriff „Acid-Corbynism“ geprägt.
Es gehörte aber auch zur Langhaarigkeit, dass in ihrem Herzen, dort wo sich Ablehnung der herrschenden Verhältnisse mit dem Wunsch trifft, genau deswegen eine gute Zeit haben zu wollen und aus dem Erfolg dies auch – durch Drogen, Sex etc. – zu schaffen, sich die Kraft der Kritik regeneriert, dass sich an diesem Punkt schon 1968 eine neue Skepsis bildete, die nichts mit den heutigen ’68-Skeptiker*innen zu tun hatte, sondern das präformulierte, was wir später unter dem Namen Punk als die erste große relevante Korrekturbewegung zu ’68 kennengelernt haben. Besagter Iggy Pop, der lieber zum Problem als zur Lösung beitragen wollte und damit die existenzialistische Wahl am nachhaltigsten infrage stellte, schrieb also einen Song für das erste Album der Stooges, der 1969 aufgenommen wurde und von 1969 handelt, aber auch von 1968: „It’s 1969 okay. All across the USA. / Another year for me and you. / Another year with nothing to do. / Last year I was 21 [also 68] / Didn’t have a lot of fun / Now I am 22 / I say my my BooHoo.“
- The MC5 (Brother J.C. Crawford): Intro zu „Rambling Rose“, auf: The MC5: Kick Out The Jams, Elektra 1968. ↩︎
- „Reise nach Ibiza – Fotobericht“, in: Jörg Schröder (Hg.): Mammut – März-Texte 1969-1984, Herbstein 1984. ↩︎
- Rolf-Ulrich Kaiser: Underground? Pop? Nein! Gegenkultur!, Köln 1969. ↩︎
- Rolf Schwendter: Theorie der Subkultur, Köln 1971 – nun ja, „erfunden“ haben diesen Begriff amerikanische Soziologen, Schwendter hat ihn als erster im deutschsprachigen Raum definiert und aufgeladen. ↩︎
- Bobby Beausoleil & The Freedom Orchestra: Lucifer Rising, Lethal Records / Magick Theatre Productions 1980, beziehungsweise Bobby Beausoleil: The Lucifer Rising Sessions, Obico 2005. ↩︎
- Franz Josef Degenhardt: Die Wallfahrt zum Big Zeppelin, Polydor 1971. ↩︎
- Henry Flynt, George Maciunas: Communists Must Give Revolutionary Leadership in Culture, Selbstverlag 1965. ↩︎
- Vgl. Diedrich Diederichsen, Anselm Franke (Hg.): The Whole Earth. California and the Disappearance of the Outside, Berlin, New York 2013. ↩︎
- Helmut Salzinger: Swinging Benjamin, Reinbek bei Hamburg 1973. ↩︎