Autor: admin

  • Pigbag

    Der Einfluß der britischen Band The Pop Group auf die gegenwärtigen Entwicklungen innerhalb der britischen Szene ist nicht hoch genug einzuschätzen. Ähnlich wie James Chance für New York, entwickelte die Pop Group für die englische Szene einen Stil, der die Rohheit des frühen Punk mit vielschichtigen Funk-Rhythmen und vom Free Jazz entlehnten atonalen Spielweisen verknüpfte. Nach drei hervorragenden, enorm einflußreichen LPs (inzwischen spielt in England jeder Funk) löste sich das Ensemble auf. Von den vier Nachfolge-Bands nehmen sich drei des musikalischen Erbes der Pop Group, auf zwar unterschiedliche, aber doch in allen Fällen folgerichtige Art und Weise an (Maximum Joy, Rip, Rig & Panic, Pigbag), während die brachial-parolenhaften Texte bei Marks Mafia aufgehoben sind.

    Pigbag ist die Formation, in der Simon Underwood, der als Bassist vor allem in den frühen Tagen der Pop Group wichtig war, das besagte Erbe verwaltet. Und das ist in jeder Hinsicht überraschend. Die erste bei dem unabhängigen Y-Label erschienene Single hielt nicht nur Einzug in die Discotheken des Untergrunds, sie plazierte sich auch monatelang in den Disco-Charts des amerikanischen Branchenmagazins Billboard und bescherte der Gruppe Dutzende von Firmen-Angeboten. Der zackige Afro-Funk-Marsch „Papa’s Got A Brand New Pigbag“, getragen von einem eingängigen Bläser-Motiv, war der Gruppe aber zu diesem Zeitpunkt als Markenzeichen schon wieder zu einengend und man strich ihn aus dem Live-Programm. Pigbag bestehen darauf, ihre zwischen straffen Themen und wilden Improvisationen wechselnde Musik live stets aufs Neue zu entwerfen. Es ist auch keine Seltenheit, daß in den jeweiligen Clubs fremde Musiker sich der Band auf der Bühne anschließen und mitimprovisieren. Die rein instrumental arbeitenden Vollblutmusiker sind für jede Anregung offen, zu jeder Variante bereit, wenn nur die Verständigung klappt. Denn für Leute, die erst fragen müssen: „In welcher Tonart spielt ihr das gerade?“ hat man nur Verachtung. Da feiert der Jam-Session-Geist alter Jazzer seine Auferstehung.

    Inzwischen ist ebenfalls auf Y-Records eine zweite Single erschienen („Sunny Day“), die wie „Papa’s Got A Brand New Pigbag“ auf der einen Seite eine sehr schwarze Tanznummer vorstellt, während die B-Seite („Elephants Wish To Become Nimble“) die freiere, jazzigere und verspieltere Seite der Gruppe vorstellt. Besonders bemerkenswert ist hier, wie Simon Underwood seinen bundlosen Funk-Bass mit einem virtuos gestrichenen, akustischen vertauscht und, wie einst Charles Mingus, vom Baß aus die Improvisation leitet.

  • Heaven 17 – Antifascho-Funk mit Hindernissen

    Wenn es zwei Plattenkritiken gibt, die ich bereue, sind es die Reviews der ersten und der zweiten Human-League-LP. Selten unentschlossener gewesen, selten größeren Quatsch zusammengeschrieben. Und wenn sonst ein Urteil spätestens nach zwei Monaten reift, ist mir bei Human League immer noch keine Idee gekommen. Und jetzt bei Heaven 17 soll alles klar sein?

    Daß künstlerische Klasse oft nichts mit Persönlichkeit, Genie oder Charakter, gar Integrität des Künstlers zu tun hat, ist eine alte Weisheit. Oft sind die größten Blödmänner mit irgendeinem partikularen Talent gesegnet, und andere, die die Welt wirklich verstehen, produzieren unentwegt nur Sülz und Schund. Künstler wissen nicht, was an ihnen gut ist, die Ausnahmen sind selten, und zu große Selbstkenntnis für die eigene Entwicklung sogar gefährlich. Selten hab ich aber schon in den vorliegenden Produkten so ein krasses Nebeneinander von blödester Verblendetheit, ja nachgerade schockierender Dummheit und großer Klasse gefunden wie bei den ersten beiden Human-League-LPs. Und auch Martyn Ware, der einerseits, wie ich, die zweite Seite der Heaven-17-LP Penthouse And Pavement als Fortsetzung seiner Arbeit an Human Leagues Travelogue begreift, aber andererseits Travelogue inzwischen prätentiös findet, kann nicht erklären, wie aus der verkifften Note dieser netten, traurig-schönen Melodien so plötzlich eine kämpferische wurde.

    Und ich weiß, daß die Welt nicht so einfach ist: Hier Martyn Ware und Ian Marsh, die klugen, Melodien schreibenden, politisch engagierten Heaven-17-Macher, dort die verblödete Restgruppe mit Modepopper Phil Oakey und Dia-Debilo Adrian Wright. Nein, so einfach ist das Leben nicht. Wir wissen das ja.

    Was auch den heutigen Human-League-Rest trotz eines Minimums an Einfällen hörbar und in Ansätzen reizvoll macht, ist dasselbe, was mich manchmal in eigentlich völlig verblödete Styling-Schüler-Cafés treibt: die glatte, saubere Oberfläche der Unbedarftheit, die ruhigen Flächen, die Unaufdringlichkeit eines erzblöden, aber hübschen Menschen, Urlaub von Argumenten und hektischer Sinnstiftung, billige Badeferien im polierten Land des Nichts, der Nichtse, der perlenden Schaumkronen des Spätkapitalismus. Hübsch, dumm und morgen vergessen, wem will man das übel nehmen?

    Anders Heaven 17, deren Einsatz viel größer ist. Die schwermütigen Human-League-Melodien mit ihrem europäisch-tiefsinnigen Flair im Marschgepäck, gründen sie ausgerechnet eine Produktionsfirma nach dem Modell der Chic-Organisation und flirten mit Funk und (!) großer Politik. Und sie schneiden glänzend ab. Das erste Stück, das sie schreiben, wird der ganz große Glücksfall. Lassen wir Martyn Ware erzählen: „Human League verschlang auf Tour ungeheuer viel Geld, wir hatten nur ungenügende Umsätze, um diese Kosten zu decken. Wir wollten uns einschränken, aber Phil Oakey wollte den großen Erfolg. Da ich den größten Teil des Materials geschrieben hatte, gab er mir die Schuld an unserem Problem, nicht ganz nach oben gekommen zu sein. Er versuchte, mich hintenrum aus der Gruppe zu schmeißen, doch Ian Marsh warnte mich und entschloß sich, zu meiner Überraschung, mit mir zusammen die Gruppe zu verlassen und eine Songschreiber-Partnerschaft zu starten. Daraus wurde dann B.E.F. (British Electric Foundation), unsere Firma. Wir schlossen einen Vertrag mit Virgin, der uns drei Jahre lang verpflichtet, mit drei Gruppen LPs zu machen. Im ersten Jahr mit der ersten, im zweiten Jahr eine mit der ersten und eine mit der zweiten und im dritten Jahr die dritte der ersten, die zweite der zweiten und die erste der dritten Gruppe. Heaven 17 wurde diese erste Gruppe. Glenn Gregory wurde unser Sänger; er sollte damals schon Human-League-Sänger werden, was daran scheiterte, daß er nicht in Sheffield lebte. Der erste Song, den B.E.F. schrieb, sollte eine Art Hommage und auch Parodie der englischen Disco-Chart werden. Wir sahen uns die Titel durch und sammelten all diese Funk-Slang-Ausdrücke, die immer wieder auftauchen: Groove, get down, thang, good time dancing etc. Schließlich hatten wir einen schnellen Funk-Titel fertig und er hieß ‚We Don’t Need That Groove Thang‘. Wir waren bester Laune und sahen fern und hatten eine Party, und plötzlich hatte ich Schnipp! – eine Idee: ‚Wir machen noch eine Prise Pop Group dazu‘. Die Pop Group hatte damals Furore gemacht mit Songtiteln wie ‚How Much longer Do We Tolerate Mass Murder?‘, total überdrehte, absurde Polit-Texte. Das paßte irgendwie zu den anderen Funk-Absurditäten wie Groove und Thang. Und als ich sagte: ‚We Don’t Need This Fascist Groove Thang’, haben wir uns bepißt vor Lachen. Es war ein großer Spaß. Zwei Tage später wurde Reagan gewählt, und der Song bekam eine völlig neue Wahrheit. Wir haben ihn etwas aktualisiert, und er war plötzlich hochpolitisch, wurde im Radio verboten, rechte Organisationen schickten uns Drohbriefe, und wir bekamen Angst vor Schlägerkommandos.“

    Martyn Ware ist in der Tat ein recht intelligenter Mensch, auch wenn er sich unmöglich anzieht (wahrscheinlich gerade deswegen), fast sind die Dinge etwas zu klar bei ihm. Ich fand beim „Groove Thang“ so besonders gelungen, daß die musikalische Sprache den politisch-historischen Drive des amerikanischen Neo-Heavy-Stupid-Conservatism so treffend nachzeichnete und gleichzeitig im Untergrund und sonstwo zum Tanzen benutzt wurde. Ware: „Es war ein guter Widerspruch in sich. Wir hatten einen der radikalsten linken Songs gemacht, und die Leute haben dazu getanzt statt zu sinnieren und dann zusprechend zu applaudieren.“ Der Durchbruch der Agitation auf den Tanzboden. Großstadt-Gesinnungs-Guerilleros in leicht verunglückten Junior-Chef-Anzügen. Eine wichtige Geschichte bei B.E.F./Heaven 17 scheint ihre Welteroberungsstrategie zu sein, ihr Gestus als weltumspannende, geheimnisvolle Firma, allgegenwärtige Agenten der Subversion. „Sicher hast du recht, unser Image als Firma spielt eindeutig mit solchen Phantasien. Andererseits sind wir wirklich eine Firma. Ian und ich sind B.E.F., ein Unternehmen, das Songs liefert, Produktionen übernimmt, Auftragsarbeiten durchführt und mehrere Gruppen führt. Wir wollen unser Unternehmen auch erweitern, weitere Songschreiber mitarbeiten lassen, die Buchhaltung an Spezialisten abgeben etc. Ich finde es wichtig, daß man von dem herkömmlichen Selbstverständnis der meisten Rock’n’Roll-Bands wegkommt. Unsere Idee, eine Firma zu bilden, ist ein Schritt dahin. Wir wollen nichts mit diesen elenden Mythen zu tun haben, die durch die Touring-Routine gebildet werden. On the road und der ganze Scheiß.“

    Ihr distanziert euch auch von dem Habitus der engagierten Band, die ihren Protest als persönlich, subjektiv, von innen kommend, vorführt, die sich außerhalb der Produktionsverhältnisse stellen zu können meint und quasi als unabhängige Stimme des Menschen die Mißstände anprangert, sich also völlig in idealistischen Illusionen verheddert. „Klar, ein Aspekt des Firmen-Image ist, daß wir nicht verhehlen, selbst ein profitorientiertes, kapitalistisches Unternehmen zu sein. Insofern sind wir viel radikaler als die meisten sich aufrührerisch gebärdenden Bands, die noch in der Protest-Tradition der Sechziger stehen. Erstens nennen wir Dinge beim Namen und zweitens sind wir offen, was unsere eigenen Produktionsbedingungen betrifft.“

    Was ließ Heaven 17 nun den gemütlichen Sessel hinter dem Mischpult mit hanseatischen bzw. bayrischen Monsterdiscos tauschen? Schließlich gibt es allenthalben genug Arbeit. Nicht nur, daß die Gruppe von ihren Songs auf Singles, 12-inchs, Cassetten als B.E.F. ständig diverse Versionen veröffentlicht (manchmal recht überflüssig), darüber hinaus hatte man gerade für die Disco-Tänzer mit Ballett-Ambitionen Hot Gossip eine LP mit eher dürftigen Resultaten zusammengestellt, benannt nach einem Heaven-17-Erfolgstitel, Geisha Boys And Temple Girls (Ware: „Sicher, die Vocals sind etwas dünn, aber es war eine Auftragsarbeit und sehr lehrreich. Daß dabei unsere eigenen Songs wiederverwendet wurden, war nicht unsere Idee, Hot Gossip wollte das so.“), und sich gleich darauf an eine neue Platte gemacht, die im Moment ihrer Diskotheken-Tour zu zwei Dritteln fertiggestellt ist. Die Ware/Marsh-Lieblingsoldies werden von Prominenten zu B.E.F.-Backing neu interpretiert. Dabei scheinen B.E.F. in der Auswahl der jeweiligen Sänger über ebensoviel Humor wie Menschenkenntnis zu verfügen. Sandie Shaw singt ein Cilla-Black-Liedchen (Erinnert sich einer an Guy Pellaerts geniales Cilla-Black-Gemälde in Nik Cohns Rock Dreams, ein Meisterwerk des sozialistischen Realismus?). John Foxx schlüpft in die überaus passende, wenn auch leicht zu hoch gegriffene Rolle des ewigen Greiners (mit Stil!) Roy Orbison. Und das Soul-Meisterwerk „Ball Of Confusion (That’s What The World ls Today, Hey Hey!)“ von dem Temptations harrt noch eines Sängers, aber da der im Moment kontraktlose James Brown kurz vor einem Abschluß mit Virgin steht, soll seine Teilnahme schon fast sicher sein.

    Und vieles mehr. Klar, daß man dabei Spaß hat. Laß John Foxx greinen, schiebe die Schach-Figuren des Pop-Alltags hin und her. Laß Adam Ant „ABC“ von Jackson Five singen und Kim Wilde ein paar Shocking-Blue-Nummern. „Das Spiel mit Menschen-Schicksalen“, sagte Dr. Mabuse 1922.

    „Daß wir jetzt auf Tour gehen, ist ein Kompromiß. Wir wollen keine Konzerte, wir wollen in einer funktionierenden Disco auftreten, wo vor uns getanzt wurde und nach uns getanzt wird. Wir verstehen uns da nur als ein kleiner Bonbon zwischendurch, der für uns natürlich Promotionzwecke hat. „Mit prophetischen Fähigkeiten gesegnet“ wende ich ein, daß es funktionierende Discos in Deutschland nicht gibt. Es mag gerade noch hingehen, wenn man in München im „Why Not“ auftritt, wo auch ansonsten eine Musik gespielt wird, die mit der neuen Tanzerei zu tun hat, wo es also auch sonst möglich wäre, Heaven 17 zu hören. Dies geht aber nicht in Hamburgs „Trinity“, wo normalerweise nie ein Heaven-17-Fan auftauchen würde. Die, die dann kommen, während Heaven 17 im Schneegestöber im Taxi sitzen und über die Bedeutung des Wortes „Funk-Taxi“ kichern, erwarten ein Konzert, Rock’n’Roll-Konzert, Stimmung. Mindestens die Verdoppelung der Wirkung, die die Platte zu Hause auf sie hat. Die Ware Stimmung für DM 12, mindestens eine Stunde. Die wenigsten wissen, daß auch sonst in diesem Laden an Wochenenden 10 Mark Eintritt genommen wird und sich ihr Eintrittspreis folglich so zergliedert: DM 10 für die Ware Disco (Studio-54-Nachbau, ehemals als Tanztempel konzipiert – in Hamburg kann es keine Tanztempel geben), DM 2 für die Ware Konzert. Die Empörung über die drei wäre sicher geringer gewesen.

    Was haben sie sich zu Schulden kommen lassen? Mit aufgerissenen Augen, Mäulern, Körperöffnungen steht die Menge starr, frontal auf die Bühne fixiert und wartet. In England tanzt man zu diesem Zeitpunkt bereits (zu besserer Musik, versteht sich). Die drei kommen auf die Bühne, „Ah-Oh-Ah!“, und sehen sich mit der unmöglichen Aufgabe konfrontiert, diesen Block von Masse zu bewegen. Und das mit präparierten Tapes, eher linkischen, aber niedlichen Gesten und mit zwei dünnen und einer guten Gesangsstimme, mit der sich Glenn Gregory, von der Situation verunsichert, oft versingt. Die Tapes waren z. T. neu arrangiert (tolle Bläser bei „The Height Of The Fighting“ und ebenso lustige kreisende Bewegungen mit der rechten Hand, die in einem gereckten Zeigefinger endeten beim Kehrreim: „Hey-La-Ho!!!!!“), aber das wurde bei diesem halbstündigen Fiasko kaum bemerkt. Die Leute fühlten sich verarscht. Ich hasse dieses Wort und die ihm zugrunde liegende grundnörgelige Geisteshaltung, die vor allem zum Ausdruck kommt, wenn ein Hamburger dieses Wort ausspricht: Ffeoscht. Heaven 17 wollten, nein, besser B.E.F. wollte sein Produkt Heaven 17 vorstellen, so wie der Mann von der Hamburg-Mannheimer seine Produkte vorstellt. Dies finde ich eine grundsympathische, nette Idee. Anti-Rock, Anti-Helden, nett.

    „Wir hassen die Barrieren, die ein Rock-Konzert aufbaut. Dieses Einem-Künstler-Lauschen, der ganze Mythos des Progressiven, der Leistung, des Könnens auf der Bühne. Das ist das Gute an der neuen Tanz/Disco-Bewegung. Daß diese Barrieren niedergerissen werden, daß diese kleinbürgerlichen Kunstideen verschwinden. Gute Tanzmusik ist eben nicht das Eigentum einer Klasse. Ich habe nicht mal Vorurteile gegen Boney M. O.K., bis jetzt haben sie nur schlechte Platten gemacht, das weiß ich auch. Aber sie sind nicht schlecht, weil sie Boney M. sind. Morgen könnten sie eine tolle Platte machen, und dafür will ich offen sein.“ (Martyn Ware).

    Was Heaven 17 vergessen, ist, daß auch ohne Rock’n’Roll-Mythen, auch in der Disco, auch im allerneuesten Zeitalter, auch im Jahre 2000, keine Bühnenpräsentation funktionieren kann ohne Fluidum, ohne irgendeine Form von Suggestion, von Kommunikation, von Kontakt. Heaven 17s Live-Gig war nicht so völlig ohne, aber nahe dran, sich selbst zum Verschwinden zu bringen, kurz davor, nur noch eines zu bedeuten: ein kleines Zeichen dafür, daß die Musik, die vom Band kommt, von Heaven 17 stammt. Man reißt aber keine Barrieren nieder, indem man sich selbst verschwinden läßt.

    Trotzdem war das Hamburger Publikum doof, aber das hat andere Gründe. Konzertzuschauer sind eben Kunden. Kunde sein, ist immer etwa peinlich, was in dem oberpeinlichen Akt des Umtauschens einer nicht zufriedenstellenden Ware gipfelt. Kaufen ist peinlich. Sich beschweren ist peinlich. Am allerschlimmsten ist das Nörgeln. In diesem Gestrüpp von entwürdigenden Peinlichkeiten der Konsumgesellschaft treten Heaven 17 die Flucht nach vorne an. Und stolpern ab und zu.

  • Bärchen und die Milchbubis – Pogo mit menschlichem Anlitz oder Hansjörg Felmy und die Stoischen Skinheads

    Hannover sei ein Vorort Hamburgs, sagt man in dieser Stadt. Für mich ist der Weg dahin dennoch eine transsibirische Expedition, und Leben und Menschen mindestens so exotisch wie sowjetische Algenfischer im Eismeer.

    Städtevergleiche sind jedoch eher Stoff für gepflegte Party-Konversation als für anregende, informative Artikel. Bevor ich irgendwelche Chancen hatte, mich der Umgebung zu akklimatisieren, bin ich schon mitten in einem der seltsamsten Szenarios Hannovers; dieser typischen Mischung aus Akne und Weisheit, abgeklärtem Fun und adoleszenter Verwirrung: Bärchen und die Milchbubis, die Pop/Pogo-Kapelle mit menschlichem Antlitz spielt in der Aula eines altsprachlichen Gymnasiums und – eheu! – Sokrates tanzt Pogo und Cicero macht bumm!

    Die unlängst erschienene BudM-LP Dann macht es Bumm wurde in diesem Blatt meiner Ansicht nach zu Unrecht von der Pech-und-Gröfaz-Ecke sehr skeptisch rezensiert. Ich finde, daß ihr Verzicht auf jede Finesse, ihre gebirgsquellklare Pop-Ausrichtung von geradezu ekstatischer Einfachheit nicht nur hierzuland absolut originell ist. Gerade heute, wo alle Punks Funk und alle Hippies Untergang- und Elektronik-Lärm machen, ist es schön, daß jemand Unschuld mit Stil und (Widerspruch!) cleverer Selbstinszenierung verbinden kann. Auf der Platte tritt als Star nur Bärchen in Erscheinung, die in den 14 Songs in alle möglichen Rollen schlüpft: männermordend, naiv, böse, lasziv, provinziell, frech etc. Auf der Bühne wirken die andern drei mindestens ebenso phantasieanregend, wie sie zwischen lauter tanzwütigen ungestylten, bebrillten Schülern auf ebener Erde herumhüpfen. Mit ihrem Äußeren verkörpern sie drei Karikaturen heutiger Jugendbewegungen, am Baß Adam Ant (Kai), an der Gitarre ein Oi!-Hacker (Rudolf), am Schlagzeug ein Pogo-Hacker (Andreas), wobei ihre Mienen die Verkleidung allemal relativieren.

    Zwischen den Songs, an der Wand mit den Kursankündigungen der reformierten Oberstufe auf- und abgehend, beginnt vor meinem inneren Auge ein Film Gestalt anzunehmen. Er gehört dem längst vergessenen (zu Unrecht!) Genre des Paukerfilms an. Vorbild ist ein Halbstarkenfilm aus den Fünfzigern mit Heinz Rühmann als verständnisvollem Pauker, der eine Bande halbstarker Schüler (darunter der junge Fritz Wepper, sowie Klaus Löwitsch und Peter Vogel) mit pädagogischer Finesse zu ekelhaften Freizeit-Automechanikern umerzieht, die auf Schrottplätzen sich aus Müll ein Auto zusammenbasteln. Totale Aus-Ruinen-auferstanden-Mentalität. Doch bei uns läuft es anders. Die renitente Bärchen schleppt den Virus der Punk-Revolte an das ehrwürdige, traditionsreiche Gymnasium, das bis vor ein paar Jahren noch nicht einmal Mädchen aufnehmen wollte und aus dessen Absolventen sich Jahr für Jahr die neue Nomenklatura der Leine-Metropole rekrutiert. Unterstützt bei ihren aufrührerischen, rebellischen Aktivitäten wird sie von einem schlagkräftigen, Gitarre spielenden Skinhead, der schon früher an der ganzen Schule gefürchtet wurde. Seine rebellische Interessenlosigkeit hat nur deswegen noch nicht zur Relegierung geführt (schon 76 hatte er seiner Leidenschaft, der Chemie, gefrönt, indem er einen selbsterfundenen Sprengstoff in die Karte mit dem Periodensystem der Elemente einrollte, der beim Entrollen durch den Lehrer so explodierte, daß dem Armen der Hosengurt zerbarst), weil er im ehrwürdigen Kollegium über einen Fürsprecher verfügt: den sanften verständnisvollen Griechisch-Lehrer (von Hansjörg Felmy gespielt), mit dem der junge Skin, der ein Musterschüler in Griechisch ist, die Vorliebe für die Philosophen der Stoa teilt. Doch als Skin und Bärchen auch noch aus einem verträumten Bassisten einen vergnügungssüchtigen Piraten-Punk machen und dann zu dritt den besten Fußball-Torwart der Schule in einen Punk-Drummer umformen, sind die Grundfesten erschüttert. Bevor es zur Katastrophe kommt … Fortsetzung folgt.

    Die Milchbubis sind inzwischen beim Höhepunkt ihres Sets angelangt, dem Single-Hit „Jung kaputt spart Altersheime“ (was im übrigen nicht stimmt: denn „jung kaputt“ macht aus Steuerzahlern Frührentner, die sich raffiniert am Generationenvertrag vorbeistehlen und dem Staat die Geldmittel entziehen, mit denen er überhaupt noch irgendwelche Altersheime bauen könnte). Bevor die Schulfest-Disco wieder auf DAF oder Extrabreit schaltet, wird der Kehrreim noch einmal mitgegröhlt. Zugaben fallen bei den Milchbubis aus, dafür spielt der enorm ausdauernde Rudolf auf seiner Gitarre die Auslaufrille der LP, bis sein Arm schwach wird. So geht man bestimmt nicht jung kaputt, bei soviel körperlicher Ertüchtigung …

    Es bleibt fraglich, ob dieses spezifische Hannoveraner Talent, treffsichere Pop-Melodien nicht mit angelesenen Ansprüchen zu überfrachten, sondern auf die eigene, direkte, mitunter auch peinlich direkte Ausstrahlung zu vertrauen, sich anderswo durchsetzen wird. Dabei könnten wir Images, Selbstdarstellung und Mini-Mythen wirklich dringend brauchen, um den schmalen Grat zwischen Nichts, 999, Fehlfarben und Kim Wilde wieder begehbar zu machen.

  • Sordide Sentimental. Label-Porträt

    Franzosen haben von jeher eine größere Sensibilität in Fragen des Styling, der äußeren Repräsentation von Haltungen und Ideen. Eine andere Wahrheit über Frankreich, die durch häufige Wiederholungen nicht falsch wird, ist, daß der wichtigste kulturelle Export der letzten zwanzig Jahre die einzigartige Entwicklung von Theorie und Philosophie in diesem Land war, die dem Rest der Welt immer noch ziemlich genau zwanzig Jahre voraus ist.

    Und aus genau diesen beiden Ingredienzien setzt sich auch der französische Beitrag zur weltweiten neuen Musik-Bewegung zusammen: Labelpolitik, die von dem bundesdeutschen Komplex „Nur kein Warendesign“ frei ist und einmalige Ideen entwickelt hat, Schallplatten in größere Zusammenhänge der künstlerischen Verpackung unterzubringen, und ein ausgeprägtes intellektuelles Raffinement bei der mitgelieferten philosophischen Haltung und Konzeption.

    Da dieser Artikel von Sordide Sentimental handeln soll, handelt er nicht von Illusion und nicht von Bain Total, den anderen beiden französischen Ideenproduzenten, die allerdings noch nicht so lange arbeiten und sich bislang weniger profiliert haben, die aber auch weniger Prätention und mehr Frische aufzuweisen haben als die Grübler von Rouen.

    Organisator von Sordide Sentimental sind Jean Pierre Turmel und Yves von Bontee, der 1978 die erste Ausgabe einer gleichnamigen Zeitschrift herausgab, die mir allerdings nie unter die Augen gekommen ist. Die Musikwelt wurde aufmerksam, als Throbbing Gristles Single „We Hate You, Little Girls“ im DIN-A-4-Klappcover mit einem ultra-sensiblen, aus Fotos, Zeichnungen, effektvoll eingesetzten Schmuckfarben zusammengebautem Layout veröffentlicht wurde. Nicht nur, daß TG hier eins ihrer besten Werke den beiden unbekannten Franzosen zur Verfügung gestellt hatten, die Verarbeitung der Musik durch ein faszinierendes Wechselspiel aus extremem Kontrast zur radikalen Musik (verträumte Graphik, softe Farben) und einem äußerst normalen Foto ihrer Produzenten (ein Foto, auf dem TG aussehen wie Steeleye Span oder Fotheringay, auch wenn Cosey Fanni Tutti natürlich myriadenmal hübscher ist als Sandy Denny – Gott habe sie selig!) erregte die Aufmerksamkeit auch derer, denen der Name Throbbing Gristle seinerzeit noch nichts sagte.

    Das dritte Produkt war dann noch aufsehenerregender: Kurz vor Ian Curtis’ Tod kam die Single „Licht und Blindheit“ von Joy Division mit den Titeln „Atmosphere“ und „Dead Souls“ auf den Markt (den kleinen, alternativen, versteht sich) und traf das Herz des beginnenden JoyDiv-Kults durch seine äußerst ambitionierte Verpackung („prätentiöse Spinner aus Frankreich“, schrieb JoyDiv-Fan Michael Ruff in Sounds); aber der normale JoyDiv-Fan bewegt ja für gewöhnlich Megatonnen Weltganzes in seiner Seele. Nun ja, die limitierte Auflage von 1578 Stück wurde später neu zugänglich gemacht, mit einer schlichteren Verpackung.

    Turmel und seine Mitstreiter machten weiter mit einer neuen Auflage von ihrer Zeitschrift, die sie jetzt Isolation Intellectuelle nannten, und da keine Schallplatte beigelegt war, blieb diese Ausgabe auf 300 Exemplare limitiert und war damit quasi unzugänglich. Alle Veröffentlichungen bis zu diesem Zeitpunkt (frühes 1980) sind heute vergriffen.

    Noch erhältlich ist die Single von einem Amerikaner namens Billy Synth, die wieder im gewohnten DIN-A-4-Klappcover mit der inzwischen identifizierbar gewordenen typischen Sordide-Graphik und einem Text von Yves von Bontee erschien. Der Text „Un orchestre sans tête“ war bislang das profilierteste Statement des rätselhaften Labels, das sich bis dahin nur durch eine vage Affinität zu deutschen Romantikern und Existenzphilosophen auszeichnete. Der (schlecht) auf deutsch und (gut) auf englisch auf einem Beiblatt übersetzte Text wird von einer „Warnung“ eingeleitet, deren kurze Theorie der „publicité“ (in der deutschen Version irreführend mit „Werbung“ übersetzt) entfernt an Gedanken von Jean Baudrillard erinnert. Die Musik von Billy Synth erfreute sich, ähnlich der JoyDiv-Veröffentlichung, eines kleinen makabren Werbegags. Die drei rohen Anti-Songs des Mannes aus Harrisburg fielen in ihrer Entstehung mit dem Reaktor-Unfall zusammen. Aber die Platte ist toll, und der Aufwand von Sordide macht sich erstmals bezahlt, weil hier ein selbst im alternativen Markt chancenloses Produkt durch individuelle Gestaltung die „publicité“ enthält, von der besagter Yves von Bontee sagt, sie sei die „allerletzte Theorie dessen, was existiert“.

    Das nächste Produkt in den attraktiven DIN-A-4-Plastiktaschen mit dem auffälligen Logo war die zweite Ausgabe von Isolation Intellectuelle, die aus Fotos bestand, die die kurz zuvor an Krebs verstorbene Lebensgefährtin von Turmel gemacht hatte (wieder ein makabrer Werbegag und konsequent im Sinne von Bontees Äußerungen, damit bis zum äußersten zu gehen und auch diesen naturgemäß sehr persönlichen Nekrolog zu veröffentlichen). Dazu gab es eine Single der französischen Synthi-Gruppe Ptose Production, die nur auf einer Seite bespielt war und nicht sonderlich bedeutend klang. Das letzte bislang erhältliche Plastiktäschchen enthielt eine Single der Akron-Underground-Pop-Band The Bizarros, die für mich eine der wunderbarsten ernsten Großstadt-Pop-Songs seit „There she goes again“ (wer als „Rock Session“-Leser nicht weiß, von wem das ist, ist selber schuld) enthielt: „She’s going underground / she says, she’s tired of hangin’ round / she’s going underground to the new life that she found“. Dazu gibt es einen mit Kierkegaard- und Thomas-Rapp-(Pearls-Before-Swine-Sänger)-Zitaten angereicherten Horror-Text von Turmel mit Versatz-Stücken aus romantischer Literatur, Charles-Manson-Mythologie und Teilen der Bizarros-B-Seite „The Cube“. Etwas schwer durchschaubar das Ganze.

    Die dritte Ausgabe von Isolation Intellectuelle ist angekündigt. Bezugsquelle entweder „Der Zensor“ in Berlin 62, Belziger Straße 28 oder Sordide Sentimentale, 34 Rue Louis Ricard, 76000 Rouen, Frankreich.