Autor: admin

  • Gedanken zu Rock Session 5 (Sounds-Diskurs)

    Mit Kritik an Sounds ist unsereins ständig konfrontiert. Hilfreich ist da vor allem die von Bekannten mündlich ausgesprochene Kritik, das Feedback im Alltag. Hilfreich können auch Leserbriefe sein, auch wenn sie meistens eher demoskopisches Material abgeben. Anlaß dieses Artikels aber ist professionelle Kritik, wie sie sich durch Zufall gerade jetzt häuft. Als Beispiel soll ein Artikel des ansonsten verdienstvollen „Rock Session“-Herausgebers Klaus Humann dienen, den zum Anlaß nehmend äußert sich unser Mitarbeiter Klaus Frederking über Sounds. Gemeinsam ist all diesen Kritiken, daß sie (Ausnahme: Frederking) nicht nur nicht hilfreich sind, sondern auch an einem Mythos stricken, ein Klischee verfestigen, mit dem zu leben unangenehm ist. Zunächst zu einer typischen Äußerung.

    Kurt Martin Dahlke, der Pyrolator: „Mir wird dieser Handlungsablauf immer deutlicher bewußt. Die landläufige Musikpresse ist von der Industrie bezahlt. Ob das nun Sounds ist oder wer auch immer. Die sind von der Industrie bezahlt. Ob das nun die Verlagsgesellschaft ist oder der Chefredakteur selbst, das spielt im Prinzip keine Rolle. Bestimmte Produkte sollen gefördert werden, um mehr Geld reinzukriegen. Und die sagen natürlich an ’nem bestimmten Punkt, nee Leute, jetzt bremst euch mal mit eurem Alternativkram und schreibt mal über Sachen, die wir auch verkaufen wollen.“ Ein Statement, das sich in seiner unbefangenen, unreflektierten Naivität kaum unterscheidet von dem Satz: „Politik ist ein schmutziges Geschäft“, wie ihn Klischee-Rentner angeblich nach der Tagesschau ausstoßen. Aber warum soll sich der Pyrolator, den ich sonst sehr schätze, auch genaue Kenntnisse aneignen über Dinge, die ihn nur am Rande betreffen, er ist ja auf anderes spezialisiert. Blöd ist nur, daß der „Rock Session“-Autor, der dieses Statement zitiert, darin „die Geri-Reig-Philosophie des Plan“ findet: „Etwas Eigenes machen. Sich absetzen. Sich bewußt querstellen zu vorgegebenen Verfahrensweisen (…) ein unabhängiges Label zu betreiben ist ein politische Entscheidung“. Du meine Güte!

    Sounds ist abhängig von Anzeigen. Diese werden zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Schallplattenindustrie akquiriert. Sounds hat erwiesenermaßen, zu meiner Zeit jedenfalls, nie sein redaktionelles Konzept von dieser Abhängigkeit beeinflussen lassen. Weil man Sachen wie den Plan wichtig findet, macht man sich Ärger, halst sich sinnlose Diskussionen auf, und hört dann sowas. Soweit die menschliche Seite.

    Die andere Seite ist die mangelnde Aussagekraft solcher Sätze. Im Kapitalismus wird alles von irgendwelchen Industrien bezahlt. Das Geflecht der Abhängigkeiten ist ein Dickicht. Dies festzustellen, ist eine Binsenweisheit. Wichtiger wäre, sich Gedanken zu machen, wie jemand mit den vorgegebenen Voraussetzungen eines Gesellschaftssystems umgeht. Ich wage die Behauptung, daß Sounds die von allen an Kiosken im normalen Vertrieb erhältlichen Musikzeitschriften der BRD und GB die freieste ist, diejenige, die inhaltlich so wenig Beschränkungen unterliegt, daß wir zeitweilig einen Anteil von über 50 % von unabhängigen oder Importplatten in unseren LP-Kritiken hatten, an denen die heimische Industrie nicht einen Pfennig verdient. Daß es Kraft kostet, so etwas durchzusetzen und zu verteidigen, dürfte eigentlich nicht zu schwer vorstellbar sein. Sich darüber Gedanken zu machen, müßte für einen Kritiker der Kritik mit lohnenswerteren Erkenntnissen und Beobachtungen belohnt werden, als das ewige nörgelnde Herumreiten auf den äußerlichen ökonomischen Bedingungen oder Zwängen. Interessant ist, wie ihre Wirksamkeit eingedämmt bis vermieden wird, nicht, daß es sie in einem, ohnehin nur nebulös verstandenen, ökonomischen Zusammenhang irgendwie doch geben müßte.

    In der gleichen Ausgabe macht sich Klaus Humann, seines Zeichens Herausgeber der „Rock Session“, ausführliche Gedanken über Sounds. In zwölf Mini-Kapiteln rechnet er mit uns ab, auch wenn ihm dabei so oft die Beispiele des „Beispiel Sounds“ ausgehen, daß er allgemeine Auslassungen über Rockjournalismus einflicht, die der unschuldige Leser ebenfalls auf Sounds beziehen müßte. Schon im Vorspann wird da ein horribles Bild vom Rock-Kritiker gezeichnet („Talking-Heads-Halstuch, Bob-Seger-Mütze, Eagles-T-Shirt, Greg-Kihn-Sweat-Shirt …“). Eine Zunft, die sogar das Hemd am Leibe der Gefügigkeit für Korruption verdankt. Es gibt Leute, die so rumlaufen und auch vorwiegend in Promo-Geschenkchen denken. Nur haben sie mit Sounds nichts zu tun, auch wenn Humann den Eindruck erwecken will, nur er in der Rock-Session-Einsiedelei sei von derlei weltlichen Anfechtungen frei. Die ersten beiden Kapitelchen beziehen sich auf den Rest der Musikpresse. (Fehler: Sounds verkaufte im ersten Quartal 1981 laut NW-Statistik (die sich jeder besorgen kann), 39 Tausend, 9 Hundert und ein paar zerquetschte pro Heft). In Kapitel drei steht, daß Humann Sounds früher charmanter fand. Nun gut. Kapitel vier ist infam: „Seit dem Wechsel ist Sounds in meinen Augen effizienter, cooler, angepaßter geworden.“ Effizient heißt wirksam. Ist eigentlich gut, oder? Nicht für Humann, der mit der Wahl dieses Wortes nicht die Bedeutung anpeilt, die man normalerweise unter „effizient“ versteht, sondern Assoziationen wecken will, die sich aus der Verwendung des Begriffs in Kalkulationen und Rechenschaftsberichten multinationaler Konzerne herleiten. Er will sagen: Wir nützen der Industrie. Hoho! Da soll er mal einen Vertreter der Industrie fragen.

    Angepaßt? Ein hohles, abgenutztes Wort. Erfunden von einer Generation von liberalen Fusselhippies, die glauben, mit individuellem Habitus die Welt zu verändern. Ab nach Poona mit dem Wort! Aber da es nun mal hier steht, müssen wir es auch diskutieren. An wen oder was angepaßt? An die Belange der Industrie („Der Firmenwunsch ist da Befehl“, Humann)? Als Beispiel für diese Vorstellung zeichnet er ein Bild vom eiligen, unsorgfältigen Sounds-Journalisten, der mit dem Taxi auf Firmengeheiß die Vorab-Kassette von der Plattenfirma abholt, in die Maschine bespricht nach einmal Hören, damit die Plattenfirma den Rezensionstext in einer Anzeige für die gleiche Platte verwenden kann. Ein Gespinst, diese Vorstellung! Wir rezensieren schon mal Vorab-Kassetten.

    Der Leser muß schließlich wissen, wie die neue Sowieso ist, wenn er sie als Import drei Wochen vor dem bundesrepublikanischen Erscheinungstermin im Laden stehen sieht. Diese Vorab-Kassetten müssen wir der Industrie (falls sie von der Industrie kommen und nicht vom Musiker selber) aus dem Kreuz leiern. Denen ist Sounds nämlich längst zu renitent und die Gefahr eines Verrisses viel zu groß, um sich dermaßen ins Zeug zu legen. Humann hat was gegen Schnelligkeit. Dann sollte er die „Zeit“ lesen, die lassen Abbey Road ein Jahrzehnt reifen, bevor sie das Werk als Direct-Master-Speed-Half-Cut wie einen alten Wein rezensieren. Rock-Musik ist schnell. Das tägliche Leben, nicht das epochale. Und auch wir haben reichlich Artikel, die Tradition und Geschichte Tribut zollen. Aber Humann weiß selber: „Die Pflicht einer Zeitschrift wie Sounds (anders als ‚Rock Session‘) ist Nachricht, damit Aktualität und Analyse, das Spontane und das Abgeklärte (Ein heillos konfuser Zustand, ein psychologisches Paradox!), die Nähe und die Distanz (nun bricht vollends die dialektische Schulung durch. Diese Forderung ist so wahr wie falsch, sie ist gleichsam die Antizipation des Wahren im Falschen, oder besser die im Irrtum eingebettete Erkenntnis)“.

    Was will der Mann also? Seine Anschuldigungen sind aus der Luft gegriffen, seine Forderungen erreichen einen Abstraktionsgrad, wo sie in totale Beliebigkeit umschlagen. Seine Informationen sind falsch (Auflagenzahlen, Industriekontakte). Im nächsten Kapitel wirft er uns vor, Platten zu verreißen, ohne unsere Erwartungshaltungen und Kategorien offen zu legen. Dabei fällt folgender Satz: „Wichtig ist das feeling, geil oder nicht geil, das interessiert.“ Abgesehen davon, daß die Worte „geil“, „Feeling“ oder auch „Die Stimme“, „Das Wahnsinnigste“ oder „Der Trend“, die er uns später in den Mund legt, in den letzten zwei Jahren zumindest, nicht zum Vokabular von Sounds-Kritiken gehörten, bleiben seine Vorwürfe in diesem Kapitel so klischeehaft und vage (unqualifizierte Verrisse) wie ein paar Kapitel weiter der Vorwurf, andere Platten zu gut zu besprechen (Hype). Das läßt sich auf einen abweichenden Geschmack reduzieren, der hier durch einen nachdenklichen Gestus verbrämt wird, aber nichts anderes sagt als: Ihr sagt Pink Floyd ist schlecht, das ist gemein, oder ihr sagt die Slits sind gut, da hat euch wohl die Industrie einen Schein zugeschoben. Unterstellungen, die normalerweise nur in den Leserbriefen vorkommen, die man gar nicht erst abdruckt, weil sie zu substanzlos sind.

    Nach der Aufdeckung eines vermeintlichen Gefälligkeitsjournalismus im Falle Lake, der sich vor meiner Zeit bei Sounds zugetragen haben soll, kommt die Geschichte mit dem Hype-Verdacht. Sounds ließe sich, wenn auch nicht ganz so offensichtlich, aber eben doch, von der Industrie zur Behandlung bestimmter Themen, die der Industrie nützen, verführen. Ohje! Es läßt sich leider nicht vermeiden, daß die eine oder andere gute Gruppe eben bei der Industrie unter Vertrag ist. Aber die Themen haben wir noch immer selbst ausgesucht und zwar nach unseren Vorlieben und oft hatten wir jemanden entdeckt, bevor die Industrie wußte, wer das überhaupt ist: DAF, James White, das gesamte Rough-Trade-Programm, ZE u. v. a. m. Daß die Leute hinterher Verträge abschließen, ist nicht unsere Schuld. Sounds begünstigt möglicherweise die Voraussetzungen für eine Unterschrift bei der Industrie, aber sollen wir gute Musik verschweigen, nur damit der Dämon Industrie nicht auf die Idee kommt, armes hilfloses Musiker mit große böse Vertrag zu linken?

    Darum kann es nicht gehen und darum geht es auch nicht. Humanns Hype-Unterstellung gipfelt in dem Satz: „Eine Gruppe aus New York oder London schafft es immer viel schneller als eine Gruppe aus Hannover, Herford oder Schwetzingen.“ Ach nee! Wenn sich das ein bißchen geändert haben sollte (abgesehen davon, daß auch heute noch ein deutliches Qualitätsgefälle, nicht nur zwischen New York und Schwetzingen, sondern eben auch zwischen Sheffield und Hannover klafft), dann doch wohl durch die angepaßten, effizienten (eben!) und coolen Sounds-Schreiber, die seinerzeit von Oldwavern wie Humann viel Kritik für ihr Engagement ernteten. Der nächste Streich: Ein Zitat aus Chapple/Garofulos „Wem gehört die Rockmusik?“, in dem eloquent beschrieben wird, wie 1975(!) in den USA(!) Rockkritiker durch subtile Strategien zu willfährigen Sklaven des Industrieinteresses werden. Der Text stand April 1980 in Sounds. Wir hatten derlei Dinge durchaus also auch reflektiert. Aber in diesem Zusammenhang soll der Text natürlich den Eindruck erwecken, er treffe auf die Verhältnisse bei Sounds zu. Was wiederum infam genannt zu werden verdient.

    Gekrönt wird Humanns „Kritik an der Rock-Kritik“ von einer Gegenüberstellung einer positiven Sounds-Kritik (M.O.R.K. über Fleetwood Mac, Tusk) mit einem WEA-Pressetext. Beide haben sprachlich, gedanklich nichts gemeinsam, außer dem Produkt positiv gegenüberzustehen. Daraus schließt Humann: „Die Plattenfirma und ihr journalistischer Partner …“. Nur weil Werbekampagne mit positiver Beurteilung zusammenfällt, soll da was faul sein. Warum zählt er dann nicht die Dutzende von verrissenen Platten auf, denen ebenso große Werbekampagnen vorausgingen? Hinzu kommt, daß uns Kröhers brillantes, aber opulentes Werk damals nicht reichte als Auseinandersetzung mit Tusk und daher in der gleichen Ausgabe eine Zusatzkritik von Thomas Buttler abgedruckt war, die die WEA-Kampagne explizit angriff. Die ignoriert Humann, man muß wohl sagen, böswillig. Daher kann auch diese Antwort um den Ton des Auge um Auge, Zahn um Zahn nicht herumkommen. So willkommen Kritik normalerweise ist, wenn sie auf vorhandene Widersprüche hinweist, zu unterscheiden weiß. Mit Dämonisierung ist niemandem geholfen. Dafür sind die Zusammenhänge inzwischen ohnehin zu kompliziert. Und auch bei der Industrie gibt es Idealisten, die gegen den Strich schwimmen, die wissen, wessen Interessen sie vertreten und dieses Bewußtsein in ihre Arbeit einfließen lassen, und Leute, denen künstlerische und politische Werte über Wohlverhalten gehen. Aber das wäre wirklich zu kompliziert, gell?

    Kritik stelle ich mir so vor, wie Klaus Frederking das in dem vorstehenden Artikel gemacht hat. En Detail. Auch ich halte Spex für eine Alternative zu Sounds, die eine andere Methode von Rockjournalismus entwickelt hat. Nur, daß ich, im Gegensatz zu ihm, die Methode des unredigierten Erlebnisberichtes für vollkommen unsinnig halte. Der Wert eines solchen Berichts ist mit einem erschöpft, da seine immer gleichen Formeln und wiederkehrenden Erfahrungen von den Bedingungen des Tour-Betriebs abhängig sind, nicht von dem spezifischen Charakter der einzelnen Gruppe. Somit halte ich Ruffs keineswegs dilettantischen, sondern neuartigen Gedanken zu Jazz im Falle Comsat Angels dem nervtötenden Frage/Antwort-Spiel in Spex für um einiges überlegen. Mein Stray-Cats-Artikel ist, zugegeben, etwas dünn, aber er enthält doch den einen oder anderen weiterführenden Gedanken. Ein Rockjournalist sollte meiner Meinung nach nicht Mythen zerstören, sondern sie als solche kenntlich machen und herausarbeiten, ob sie ein Teil von Selbstdarstellung, selbstgewählter Stil, kokette Relativierung eigener Aussagen darstellen oder ob sie ein kommerzielles Wiedererkennungszeichen der Industrie sind (Ob Mythen oder Nicht-Mythen, ich glaube, wir meinen das Gleiche – K.F.).

    Spex entwickelt seine Stärken meiner Meinung nach eher da, wo es Sounds ergänzt (das ist nicht arrogant gemeint), wo wenige längere Plattenkritiken stehen, statt vieler kurzen, wie bei uns. Beides ist sinnvoll und beides sollte es geben. In diesem Sinne kann man sich über Spex freuen, aber unterlegen sind wir bestimmt nicht.

  • Neue Deutsche Welle. Die jungen Wilden

    „A-E-I-O-U. Ich bin Analphabet, ich bin Analphabet“. Ein wilder Pop-Song. Eine keuchende, klagende Stimme. Seltsame Töne an einem verträumten Sonntag-Nachmittag im sozialdemokratisch-drögen Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. „WIRTSCHAFTSWUNDER“ spielt im „Künstlerhaus“, einem ehemaligen Fabrikgebäude in einem Hinterhof.

    „Ist das hier öffentlich?“ fragt ein Neugieriger. Ja, das ist öffentlich. Doch nur im engen Sinne. Denn: auch wenn „Spiegel“ und „Stern“ inzwischen neumodisch den Trend vermarkten – noch geht’s rund im deutschen Untergrund.

    „Schwester, was ist Ypsilon?“ fragt da Angelo, der einmal Pizzabäcker war und nun den Leadsänger bei „Wirtschaftswunder“ macht. Fragen an die deutsche Sprache sind Fragen an eine Sprache, die für Songs und Gedichte lange, lange tot und verstaubt, peinlich oder bemüht klang. Doch das Wunder ist da: Seit zwei Jahren wird wieder deutsch gesungen, deutsch gedacht. Langsam aber sicher wird der amerikanische Kult-Imperialismus abgeschüttelt: Raus aus der Pop-NATO! Musikalische Finnlandisierung heißt die Devise.

    Welch Wunder, daß sich die erfolgreichste neue deutsche Band „DEUTSCH-AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT“ (D.A.F.) nennt. Das krönt das neugewonnene Selbstbewußtsein der jungen deutschen Rockmusik. Wir sind wieder wer. Was macht’s auch, wenn D.A.F. inzwischen aus dem Untergrund-Ghetto ausstieg, sich nach London absetzte, um beim Ariola-Konzern für einen sechsstelligen D-Mark-Betrag zu unterzeichnen. Der „Neue Deutsche Welle“-Untergrund lebt auf mit soviel kreativer Urgewalt, daß selbst Insider wie der aus Kalifornien stammende Allround-Musiker Chris Lunch eingestehen: „Nirgendwo in der Welt gibt es eine so freie, unabhängige und unzensierte Musik-Szene wie in Deutschland.“

    Die Protagonisten dieser neuen Welle wehren sich gegen U-Profit und U-Profis und frönen einem „dilettantischen Phantasievismus“, der sich schon in der selbstbewußt-versponnenen Namensgebung beweist: EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, MATERIALSCHLACHT, MÄNNER IN NASSEN KLEIDERN oder KORPUS KRISTI sind keinesfalls Wortgespinste nervöser Poésie pure, sondern schlichtweg Ausdruck von sperriger Originalität, die eben und endlich auch mal die deutsche Sprache nützt: „Fleischwurst, Fleischwurst an der Wand / Wer ist der schönste Strauß im Land / Alle Leute tun dich begaffen / hältst Du ihn für einen Affen? / Die Fleischwurst sagte mir: meine Innereien gehören Dir …!“

    Rück-Schnitt auf 1979: Die ersten Festivals in der Hamburger Markthalle, die Gründung unabhängiger kleiner Plattenlabels sowie unabhängiger Vertriebe, Versände und Läden. „Rip Off“ in Hamburg und „Zensor“ in Berlin machen den Anfang. Beide Läden vertreiben Platten von neuen deutschen Gruppen, importieren unabhängige Scheiben aus England und USA und veranstalten nebenher noch die ersten Sponti-Konzerte. Wenig später stößt Carmen Knoebel aus Düsseldorf hinzu. Ihr Label „Pure Freude“ bringt die ersten wichtigen deutschen Platten heraus: S.Y.P.H. (die später zu der reinen Buchstaben-Erfindung noch durch die „Saufender Yankee Prügelt Homo“-Idee brillieren) mit ihrer „Viel Feind Viel Ehr“-EP und MITTAGSPAUSE mit einer Doppel-Single.

    Die ersten Anzeichen für das, was alles an anderer bundesrepublikanischer Musik möglich sein wird. Technische Fähigkeiten und instrumentale Perfektion wurden getreu dem Drei-Akkord-Credo des englischen Punk kleingeschrieben, nicht aber Originalität, Vielfalt und Humor – gerade im Verzicht auf Studio-Elektronik und einer von der Industrie vorfinanzierten Aufnahme-Technologie liegt die Chance, neue Energien freizusetzen. Ungeschliffene Sounds sind längst in den Ohren, Textzeilen wie „Wir sind die Türken von morgen“ oder „Die Lage ist ruhig an der Innenstadtfront“ werden später gar Untergrund-Volksmund.

    Dramaturgie 1981: Laien machen Musik. Die selbstgewonnene Erkenntnis, daß jeder Öffentlichkeit verdiene und auch kriegen sollte, wird zum selbsterkorenen Leitspruch der neuen deutschen Wellenreiter: Wer seinen unbefriedigten Alltag kreativ und mit Resonanz umsetzt, erfährt etwas über sich, überwindet ein Stück Entfremdung und wird damit potentiell unbequem. Fragen werden gestellt, Selbstverständlichkeiten angezweifelt – Berlins beste Gruppen wußten am Anfang kaum etwas von Musik.

    Die Metropolen neuer deutscher Klänge: Düsseldorf, Hamburg, Berlin. Doch: Die „Kulturrevolution“ findet auch in bundesdeutscher Provinz ihr Nest. Limburg an der Lahn mag für Hannover, Kiel oder Bad Wörishofen ein Beispiel geben. Die schon erwähnte Gruppe „Wirtschaftswunder“, mit einer LP und zwei Singles im landesweiten Untergrund bereits recht erfolgreich, mischt schmalzig bis spaßig akzeptablen Pop mit atonalem, mit emotionalem Auf-die-Kacke-Hauen. Da heißt es dann: „This Bauernlife macht mich pitschia“. Oder aber: „Geldschein, Sonnenschein, Parkschein, Totenschein, Jagdschein, Krankenschein, Gutschein – heutzutage ist alles nur Schein, am liebsten wäre ich scheintot.“

    Berlin-West: Die Binse, diese Unmöglichkeit sei längst Kult-Hauptstadt (schließlich ist New York „out“ und London zu teuer), war anfangs auch der Mittelpunkt der neuen deutschen Welle, schließlich lebt man in „Wall-City“ von der Selbstinszenierung. Allerdings sind Bands wie MORGENROT, INSISTERS, Z, PVC, WHITE RUSSIA oder IDEAL, die sich gern vollmundig als Berlins neue Rockmusik präsentieren, längst im Klischee von Hipness, Nachtleben und Rock’n’Roll hängengeblieben. Oft feiert da der alte Macker-Rock’n’Roll fröhliche Urstände, als hätte es nie einen Punk-Nihilismus gegeben. So verdanken wir der Ideal-Sängerin Annette Humpe immerhin die Erkenntnis: „Bei Sex und Drugs und Rock’n’Roll ist das Maß an Stumpfheit voll.“

    Ganz anders die Kreuzberger Punk-Szene, wo das „KZ (Kommunikations-Zentrum) 36“ als Auffanglager dient. In der gesamten Punk-Rezeption in der BRD ist wohl nie die „Ideologie“ so intensiv gelebt wie in dieser Bewegung. Im Gegensatz zu den oft oberflächlich an englischen Moden orientierten westdeutschen Punks wird in Berlin auch Politisches ernst genommen. Nirgendwo sonst wird so argwöhnisch wie hier auf „Kommerz“ reagiert. So arbeiten die Kreuzberger auch nicht mit den bekannten unabhängigen Labels zusammen, sondern produzieren ihre Sampler in Eigenregie. Überschüsse werden als Benefiz für das „KZ“ verwendet, dem wohl intensivsten Drei-Akkord-Pogo-Laden Deutschlands. Einen aktuellen Überblick über die Szene bietet der gerade erschienene zweite „KZ 36“-Sampler mit BETON-COMBO (Veteranen der kurzlebigen Szene), RUCKI-ZUCKI-STIMMUNGSKAPELLE, KAISERSCHNITT, ACTOSIN, PERVERS, VITAMIN A, GEGENWIND, IX TOI I und REFLEX.

    Musik: Pogo. Text: Wut. Musikalisch ist das alles weder bewegend noch von Ewigkeitswert. Leben und Kunst sind hier noch heiter/ernst/gelassen. Legendär aus der frühen „Bewegung“ sind die inzwischen nicht mehr existierenden Gruppen KATAPULT und ÄTZTUSSIS, an deren Gig vor dem Berliner Frauenknast (dokumentiert in dem sehr guten Film „Okay Okay – der moderne Tanz“ von Christof Dreher und Heiner Mühlenbrock) sich noch so mancher erinnert. Am originellsten gelten für viele das MEKANIK DESTRUKTIV KOMMANDOH, das man nur bedingt zur Kreuzberg-Szene rechnen kann oder auch die mutigen Dilettanten der POPGRUPPE FREUNDSCHAFT, die inzwischen unter dem Namen HANS UND GABI (der Name bezieht sich auf den gleichnamigen Erfolgssong der Düsseldorfer Gruppe DER PLAN) ihr kreatives Unwesen treiben. Als Vorgruppe der britischen Kult-Punk-Helden U.K. SUBS trieben ihre kaputten Klänge das Fan-Publikum zu aggressivem Protest. Ein „Hans und Gabi“-Musiker verlor ein paar Zähne, selbst „Bravo“ berichtete.

    Der „Zensor“-Laden in Berlin-Schöneberg, Belziger Straße – Kult-Stätte der Avantgarde. Ein paar Schritte durch den Accessoires-Laden „Blue Moon“, eine amerikanophile Boutique, und man steht in einem Hinterzimmer ohne Tageslicht. Auf dem Plattenspieler wechseln ständig die Neuerscheinungen. Hinter dem Hinterzimmer ist noch ein Hinterzimmer. Hier sitzt FRIEDER BUTZMANN und ordnet Rechnungen. Frieder ist mit seiner Vergangenheit bei der elektronischen Avantgarde eine Ausnahme in der Szene, ebenso wie Kompagnon Burkhardt, der z. Z. eine Filiale des Berliner Ladens in Düsseldorf aufbaut.

    Von Anfang an hatte gerade Burkhardt entscheidenden Einfluß auf die Stil- und Geschmacksbildung der Neuen Welle genommen. Er machte amerikanische und englische Gruppen populär, die wegen ihrer Außenseiterstellung selbst im eigenen Land ungehört blieben, so beispielsweise THROBBING GRISTLE (inzwischen dürfte „TG“ mehr neudeutsche Synthesizer-Zauberlehrlinge beeinflußt haben als sonst irgendeine englische Gruppe). Burkhardt unterstützte zudem die ersten Berliner Eigenproduktionen. So die mit individuell handverlesenem Müll in einer Plastiktüte verkaufte „Garbage“-Single von DIN A TESTBILD.

    Mitte 1979 veröffentlichte das von Frieder und Burkhardt geführte Label sein erstes Produkt: Frieders gemeinsam mit der 14-jährigen Sanja eingespielte „Waschsalon Berlin“-Single, die selbst in den hehren Spalten von New Yorks Hip-Magazinen Beachtung fand. John Duncan, ein kalifornischer Action-Künstler, schickte Frieder als Glückwunsch eine mit Öl bemalte Zeitung: „Hey Butzmann! Good Record!“

    Wenig später, Ende 1979, nahm das „Monogam“-Label seine Arbeit auf. Michael Vogt, der eng mit „Zensor“ zusammenarbeitet, brachte bis heute MANIA D., FRAUEN FÜR SCHLECHTE TAGE, THOMAS VOBURKA, EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN und als Gast aus Herne die VORGRUPPE heraus. Ein Sampler mit „Einstürzenden Neubauten“ und einigen Neuerwerbungen steht unmittelbar vor seiner Veröffentlichung. Andere Platten, etwa des Synthi-Minimalisten T. Voburka oder der inzwischen aufgelösten Gruppe „P1/E“, wurden von „Exil System“ herausgegeben.

    Denkwürdig noch immer Frieder Butzmanns Auftritt mit der Gruppe LIEBESGIER beim dritten Hamburger Markthallenfestival, Dezember 1979. Punks und „Künstler“ standen sich im Publikum wie im Programm gleichstark gegenüber. Pogo-Tanz-Truppen wie die „Razors“ heizten zum Punk-o-Rama auf, während so schräge Töne wie die von Minus Delta t die jungen Leute in schwarzem Leder nachdrücklich ärgerten. Dann Liebesgier: Einfache rhythmische Gebilde, getragen vom Minimal-Intensiv-Schlagzeug Gudrun Guts, intensiviert vom Saxophon Frieder Butzmanns. Dazu Bass, Gitarre, Tanz.

    Das Publikum pfeift und schreit. „Ihr alten Arschlöcher“, brüllt Eva Gössling ins Mikro. Später wird sie dafür verprügelt und gebissen. Trotz der Ablehnung bei den Punks, gibt es einige Zuhörer, die nach einer Zugabe verlangen. Frieder intoniert das Agitprop-Lied: „Die so-zi-a-listische Weltrepublik!“

    Später treffen wir MALARIA, Berlins neue alte Frauengruppe. Fotograf Bernd Giebel und ich fahren zum SFB, wo „Malaria“ auf Grund irgendwelcher Beziehungen einen Luxus-Proberaum nutzen. Bevor die Foto-Arrangements aufgebaut sind, lassen wir uns sehr neues Material vorspielen. Und das zeigt folgendes: Wenn man ihn nicht erzwingt, kommt er von allein. Wer? Der Professionalismus. Gerade Frauenbands haben ja besonders mit dem chauvinistischen Vorurteil zu kämpfen, daß ein Takt so und so lang und ein Intervall so und so groß sein müßten.

    Bettina Köster (Saxophon, Gesang) und Gudrun Gut (Gitarre, Schlagzeug) haben vor mehr als zwei Jahren mit ihrer Musik begonnen. Sie spielten in der legendären Krachmacher-Band DIN A TESTBILD, dann bei „Liebesgier“, bekannt wurden sie schließlich durch MANIA D., ein ebenso geliebtes wie verachtetes Trio, zu dem auch noch die Bassistin Beate gehörte. Doch als Meister des Stylings und des Outfits hatten sie immer genügend Publikum – schließlich gab es was zu sehen, und die Musik war provokant.

    Es ist erstaunlich, was der „kleine Mann“ für ein erhabenes Glücksgefühl aus der Erkenntnis gewinnt, irgendjemand könne ja gar nicht „Musik“ spielen. Dabei führte gerade das unorthodox-unprofessionelle Verhältnis der Musikerinnen zu ihren Instrumenten zu Momenten von Intensität, wie ich sie eigentlich nur von Frauenbands kenne. (Übrigens hat die Neue Deutsche Welle mit XMAL DEUTSCHLAND aus Hamburg, ÖSTRO 430 aus Düsseldorf, den ÄTZTUSSIS aus Berlin noch andere interessante Frauenbands herbeigespült).

    Auflösung und Inkonsistenz sind der Kreativität förderlich. Keine Routine, kein Identifizierbar-Werden, nicht in die Bilder-Mühle der Medien hereinrutschen. Hier und da Auftauchen, Verschwinden, Spuren hinterlassen. Und dann wieder alles auswischen. Die jetzige fünfköpfige „Malaria“-Besetzung ist denn auch nur für eine Europa-Tour, eine Cassette und eine Maxi-Single zusammengekommen.

    Nachts im „Café Central“ (der „Dschungel“ wird mal wieder renoviert). Wir treffen Blixa Bargeld und Andrew Unruh von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN. Beide haben sich erfreulich vom schicken Treiben abgesetzt, wuseln mit ihren Mondlandschaften-Frisuren durch die dekadente Meute. „Du wirst uns sicher nach unseren musikalischen Einflüssen fragen. Das sind die Beatles.“

    Die „Neubauten“ favorisieren, wie immer mehr Leute, die den Untergrund vorm Zugriff des Großen Bruders bewahren wollen, Kassetten für ihre Veröffentlichungen. (In Berlin kann man übrigens am besten bei „Eisengrau“ und im „Kassettenkombinat“ diese Tapes kaufen, in Düsseldorf bei „Klar!80“, in Hamburg im „Rip Off“-Nachfolgeladen „Aus lauter Liebe“). Kassettenproduktionen sind das freieste und direkteste Medium, besonders geeignet, wenn man wie „Einstürzende Neubauten“ so ausgefallene Aufnahmeorte wie das Innere einer Autobahnbrücke dem handelsüblichen Acht-Spur-Studio vorzieht. (Von den deutschen Bands haben bis jetzt nur die Stars Abwärts, DAF, Hans-A-Plast, Fehlfarben und Geisterfahrer auf mehr als acht Spuren aufgenommen).

    „Einstürzende Neubauten“ wollen bei ihrer Verarbeitung der „im Verfall begriffenen Industrie-Welt“ weiter als die vielen englischen Modebands gehen, die in ihren Texten zwar Armageddon und Apokalypse beschwören, sonst aber in Konvention versacken. Selbst die Konstruktion ihres Schlagzeugs soll dafür Zeugnis sein: Es besteht aus gefundenen Metallresten, ist zu Trommeln zusammengeschweißt. Vor dem Stahl- und Blechgedonner Andrew Unruhs (aber immer rhythmisch, scharf und genau) steht Blixa Bargeld einsam mit seiner Gitarre, schrummelt unorthodox zum Rhythmus und predigt: „Mit dem Kopf durch die Wand!“

    Andrew lebt in einem noch nicht eingestürzten Altbau, der instandbesetzt wird. Er schimpft auf Alternative und Hippies. „Morgen gehen sie wieder Müsli kaufen. Neulich stand mal ’n Neubau leer. Den wollten sie aber nicht besetzen, weil sie unbedingt in Altbauten wohnen wollen. So was Blödes …“

    Hannover. Auch hier wird inzwischen „instandbesetzt“. Eine eigenartige Stadt mit einer eigenständigen, stark an konventionellen Rock-Vorstellungen orientierte Szene, HANS-A-PLAST hat es so zu mehr als Zwanzigtausend verkauften Exemplaren gebracht, ihre auf dem lokalen „No Fun“-Label erschienene LP ist die bislang bestverkaufte unabhängig produzierte Neue-Welle-Platte. Allerdings arbeiten sie eher wie die schon länger existierenden alternativen, aber musikalisch veralteten BRD-Jazz-Rock-Langweiler: Sie verbringen sehr viel Zeit auf Tour, haben ein festes Image, feste Besetzungen und sprechen eigentlich eher den Altlinken an, der einen Nina-Hagen-Ersatz braucht.

    Verschwiegen werden sollen auch nicht die anderen schon lange tapfer arbeitenden H-Gruppen wie ROTZKOTZ, BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS, PHOSPHOR und KOSMONAUTENTRAUM, die nach einer mißglückten Avantgarde-Single mit ihrer zweiten Platte Hannovers bislang wichtigstes Stück Neue-Welle-Musik herausgebracht haben.

    Düsseldorf, Ratinger Hof, Mitternacht: Hinter dem glasverkleideten DJ-Pult sitzt der Exil-Österreicher Xao Seffcheque, wie immer grinsend und über den „Public-Image“-Lärm hinweg Witze reißend. Er spielt gerade seine D’dorfer Lieblingsgruppen: die bereits erwähnte MITTAGSPAUSE-Doppelsingle und das über ein Jahr alte Nachfolgewerk, „Herrenreiter“: „Hoch zu Roß den Bundesgeier / am Gewand / Herrenreiter/ haben wieder / zu sagen / im Land / Schwarz – der Himmel unserer Zukunft / Rot – Die Erde der Vergangenheit / Gold – die Zähne unserer Väter …“

    Auch nach ihrer Trennung blieben die vier von „Mittagspause“ die originellsten Musiker D’dorfs. Schlagzeuger Marcus Oehlen sattelte auf Gitarre um und spielte mit verschiedenen Musikern im Raum Krefeld unter dem Namen VIELLEICHTORS, lebt aber mittlerweile in Hamburg. Franz Bielmeier widmete sich dem von ihm gegründeten und mit seiner Frau Heike und Xao Seffcheque geführten „Rondo“-Label. Das äußerst sorgfältig produzierte Sortiment verrät als Einziges unter den deutschen Unabhängigen einen verbindenen Stil und Humor. Bielmeiers exzentrische musikalische Projekte werden meist unter Tarnnamen veröffentlicht, wie RESIDENZ oder ADOLF UND EVA. Bislang sind dreizehn Singles, vorwiegend aus dem Düsseldorfer Raum, auf „Rondo“ erschienen. Außerdem eine Platte von Xao Seffcheque im 10-inch-(25 cm)-Zwischenformat.

    Xaos Arbeit ist hauptsächlich Vorgefundenem gewidmet, bewegt sich im Bereich Parodie, Persiflage, intellektuelles Jonglieren mit Formen: „Ai Emse Waltraud“, gesungen zur Melodie von „I Am The Walrus“, ist ein typisches Produkt: „I mach nix und du mach nix un alle zusammen mach’n wir goarnix / Dös moacht aber nix, dös moacht aber nix, dös moacht nix“.

    Die beiden anderen „Mittagspäusler“, Gitarrist Thomas Schwebel und Sänger Peter Hein, gründeten mit Michael Kemner (Baß), Uwe Bauer (Schlagzeug) und dem hauptberuflich beim „Plan“ spielenden Frank Fenstermacher am Saxophon die FEHLFARBEN, die für eine Single und eine LP bei der „Electrola“ Deutschlands beste Rock-orientierte neue Band wurden. Die LP „Monarchie und Alltag“ brachte es Ende 1980 musikalisch/textlich auf den Punkt: „Im Zentrum der Zivilistation / Leben, Leben / um uns herum / und mittendrin ein Stück Land abgesteckt/ oder ’ne Fabrik, in die keiner seine Nase steckt / verbrannte Erde / Schüsse in der Nacht / Ernstfall / Es ist schon längst so weit … / Wiesel / Marder, Phantom / Albatross, Wiking, Tornado / in den Waffen- / schmieden der Nation / Tag und Nacht/ stete Produktion/ Einkaufsbummel im Erdnußland / was übrig bleibt wird Entwicklungshilfe ge- / nannt Ernstfall“

    Was den Text von modischer Weltkrisen-Poesie unterscheidet, sind die poetischen Effekte, wie die total eigensinnige Metrik, die eine wirklich überzeugende Antwort darstellt auf diese unerträgliche pubertäre „Oberschüler sagt Bedeutungsschweres“-Vortragsweise der meisten teutschen Rocksänger. – Eine Befreiung aus den Korsetten überalteter Versmaße eben.

    Inzwischen hat Peter Hein die „Fehlfarben“ verlassen. Wie’s weitergeht, steht nicht fest, und von den Fans wird mal wieder lautstark nach einer „Mittagspause“-Reunion verlangt. Anderswo geht es weiter: Sänger/Texter Harry Rag, Malergeselle aus Solingen und früher bei „S.Y.P.H.“, produziert weiter seine sich stets jedweder Vereinnahmung entziehende Musik. Die erste „S.Y.P.H.“-LP deutete schon all die Widersprüche an, die in dieser Gruppe steckten. Da gibt’s eine erste Seite mit lauter zwei- bis dreiminütigen All-Time-Punk-Pop-Hits, darunter das berühmte „Industriemädchen“: „Ich sah sie das erste Mal bei der Raffinerie / Sowas wie sie, das sah ich noch nie / Beim Elektrizitätswerk sah ich sie wieder / Ich riß fast vor Freude die Hochspannung nieder / Ich mag sie … / Beim Kernkraftwerk haben wir uns geliebt / Neben uns hat der schnelle Brüter gepiept“

    Oder auch der oft zitierte und analysierte Harry-Rag-Klassiker „Zurück zum Beton“: „Ich glaub ich träume / Ich seh nur Bäume / Ich merk auf einmal / Ich bin ein Tier hier / Ein Scheiß-Tier / Hier / Da gibt es nur eins: / Zurück zum Beton / Zurück zur U-Bahn …“ Oder: „Ich verstehe meine Welt nicht mehr / ich sehe keine Menschen mehr / Menschen, die leben / Menschen, die lieben / sterben wie Fliegen in den Kriegen / Jahr für Jahr werden es mehr / bald gibt es keine Fliegen mehr …

    Frank Fenstermacher, Moritz Rrrr und der Pyrolator standen mit „Plan“ anfangs kalifornischen Pop-Avantgardisten wie den mysteriösen „Residents“ nahe. Ihre erste LP nannten sie „GERI REIG“, nach einem Begriff aus der San-José-Kunstwelt, der seitdem in Deutschland für die vom „Plan“ kreierte Musikrichtung benutzt wird. Die drei zeichnet ein hoher Sinn für Melodik, eigentümliche, fremdartige, aber doch naiv-schöne Tonfolgen aus bei gleichzeitigem Verzicht auf das konventionelle Rock-Instrumentarium. Alles was sie tun, hat eine gewisse Leichtigkeit/Schwerelosigkeit, Charme. Früher hießen sie mal WELTAUFSTANDSPLAN und machten Krach, heute haben sie zwei LPs, zwei Singles, betreiben ein Schallplattenlabel („Warning Records“ bzw. „Ata Tak“) und übernehmen Grafikaufträge.

    Wohl kaum eine Band ist so oft imitiert worden wie der „Plan“. So der scheinbar einfache Einsatz eines Synthesizers oder die scheinbar simplen Vocals. Aber beim Plagiat merkt man dann, wie schwer es ist, einen Synthesizer wohlklingend für Songs einzusetzen, wie verführerisch die kleinen Knöpfe und Schalter ins nebelhafte Soundgewaber führen.

    Erinnern sollte man noch an die Düsseldorfer Gruppe MALE. Ihre LP „Zensur/Zensur“ war eine der ersten deutschen unabhängigen LP-Veröffentlichungen und für den damaligen Stand der Dinge recht gut, weil aufrichtig und kräftig. Viel besser und eine der besten Pop-Singles war die später auf „Rondo“ erschienene Selbstironie: „Clever & Smart“ – „Clever und Smart haben wir Zensur geschrien“ , das jugendlich-ungestüme Engagement, das noch heute 95 Prozent der Punk-Texte über „Bullenschweine“ und „Scheißstaat“ bestimmt, wird relativiert, man hat dazugelernt. Aber die junge Band entwickelte sich rasend weiter. Sie nannte sich später VORSPRUNG und experimentierte mit Strukturen avancierter, raffinierterer englischer Vorbilder wie „XTC“ oder „The Cure“ und trennte sich erst nach einer weiteren, weniger befriedigenden Single auf „Rondo“.

    Heute steht Male-Bassist Bernward Malaka im „Ratinger Hof“ und erklärt seine drei neuesten Projekte: Zusammen mit Jürgen Engler (ebenfalls Ex-„Male“) hat Bernward gerade die Basic-Tracks für die „Stahlwerksymphonie“ aufgenommen. DIE KRUPPS (außer Bernward und Jürgen noch Frank Köllges, Eva Gössling und Ralf Dörper, dessen zwei Singles „Eraserhead/Assault“ und „Im Himmel“ mit Jürgen Engler unter dem Namen DIE LEMMINGE zum besten gehören, was die deutsche Szene hervorgebracht hat) wollen „parallel zu der LP ein Video machen, eventuell auch eine Tour mit Musik und Video“. Jürgen, Bernward und Eva „machen“ außerdem noch zusammen KOMÖDIE TRAGIKK und EMI UND DIE DETEKTIVE (mit den beiden Sängerinnen Pia und Esther).

    Da – wie bei den meisten Gruppen, von denen hier die Rede ist – die einzelnen Musiker geregelte Jobs haben, können sie viel musikalischen Freiraum erproben: Man tauscht Instrumente, wechselt ständig Gruppen und Konzepte und entzieht sich den Problemen, die die festen Bands, mit LPs und Erwartungshaltung beim Publikum, inzwischen auch im Untergrund haben.

    Unbedingt erwähnenswert sind noch die im Vergleich zur übrigen BRD/West-Berlin-Szene viel distanzierteren und humorvollen Punk-Bands D’dorfs. ZK, die gerade ihre zweite Single produzierten und mehr auf Spaß bei Live-Konzerten als auf dröge Studio-Arbeit stehen, verweigern sich jedem Punk-Klischee. Allein schon durch das Posieren mit Tolle und Südstaaten-Flagge, also den Insignien der Punk-Erzfeinde, den Teds, entziehen sie sich ihrer Rolle. Oder der KFC, der sich über unzählige Umbesetzungen, Schein-Auflösungen in drei Jahren vom wild-chaotischen Haufen zur besten Rock-Band nach den „Fehlfarben“ gemausert hat, um sich anschließend erneut aufzulösen. Die „KFC“-LP „Die letzte Hoffnung“, geziert von einer an Käthe Kollwitz erinnernden, sozialistisch-realistischen Kohlezeichnung auf dem Cover, fragt in ihrem besten Titel „Wie lange noch?“.

    Hamburg. Vielleicht die schwierigste Stadt der Neuen Szene. Hier sind die Punks härter als anderswo, das Wetter schlechter, die Gegensätze zwischen proletarischen Punks und Mittelstands-„Künstlern“ schärfer als anderswo. Hamburgs Punks sind nicht eindeutig politisch, sondern entsprechen eher dem Urtyp des englischen Punk um 1977. Nicht die anarchistische Band „CrAss“ wird auf den Graffiti im „Karolinenviertel“ wie etwa in den Straßen Kreuzbergs gefeiert, sondern eher die Skin-Punk-Bands wie COCKNEY REJECTS oder ANGELIC UPSTARS.

    Abends trifft man hier im Zentrum der Elbe-Neuen-Welle, den Kneipen des Karolinenviertels, den Macher des „ZickZack“-Labels, Alfred Hilsberg, nebenher noch Journalist und Veranstalter. Es wird über die Produktion einer SAAL 2-LP diskutiert und über das Klangbild der letzten „Tuxedomoon“-LP. Die „Saal 2“-Mischung aus melodisch-rafiniertem Pop und leicht verdaulichen Experimenten ist viel gefragt und noch ist nicht sicher, ob ihre anstehende Platte bei einem Unabhängigen oder bei der Industrie produziert werden soll. Die GEISTERFAHRER etwa sind zu äußerst günstigen Konditionen bei Phonogramm. Nach einer sehr barocken und etwas zu tiefsinnigen LP nehmen die einzelnen „Fahrer“ zur Zeit flotte Solo-Singles auf, die teilweise im 12-inch-Maxi-Single-Format mit seiner besseren Klangqualität auf den Markt kommen.

    Auch Hamburgs Sensationsband PALAIS SCHAUMBURG wird von der Industrie umworben. Ihre Mischung aus zackig/funkiger Tanzmusik und selbstvergessen-kindlichem Charme ist eben zu verlockend und wahrscheinlich auch leicht vermarktbar: „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm / Ich hab ihn gesehn, und er war schon schön“, säuselt Holger Hiller, während FM Einheit am Schlagzeug gegen die automatische Rhythmus-Maschine anspielt, Timo den Baß knallen läßt und Thomas hinter seinem Synthi, auf- und abwippend, hektische Melodiechen einstreut oder effektvoll zur Trompete greift.

    Holger hat mit „Palais Schaumburg“ nach zwei Solo-Singles endlich seine Band gefunden. Seitdem sie als Vorgruppe von „Pere Ubu“ auf Deutschland-Tour war, sind ganz Berlin und ganz Hamburg begeistert. Noch ist eine gewisse Instabilität gegeben: Schlagzeuger FM Einheit ist nämlich Sänger und Effektmann bei ABWÄRTS, Hamburgs erfolgreichster und bekanntester Band, Bassist Timo spielt bei den ZIMMERMÄNNERN Gitarre.

    Optisch kann man sich keine größeren Gegensätze vorstellen: Timo, der verelendete Popper mit Vergangenheit in Rockabilly-Kreisen und FM, das wandelnde Mülleimer-Kunstwerk, das irgendwann in Prä-Punk-Tagen die Congas einer nordrheinwestfälischen Jazzrock-Combo rührte. Ebenso gegensätzlich wie ihr Outfit ist die Musik der beiden Bands: „Abwärts“, die mit ihrem minimal-melodischen und maximal-rhythmischen 80er-Neurose-Soundtrack zu den kontinuierlich arbeitenden und erfolgreichen Bands gehören und mit „Computerstaat“ sogar Hit-Status schafften, und die „Zimmermänner“, mit ihren verschachtelt-melodisch, leichtfüßig-verspielten, koketten Schlagern („Wäre ich nicht so doof / sondern etwas schlauer / wäre ich gern Philosoph / so bin ich nur Bauer“), stellen die Bandbreite dessen dar, was heute in der Hansestadt möglich ist.

    Noch vor ca. einem Jahr sah es so aus, als könne in Hamburg nur Drei-Akkord-Pogo gedeihen. Das Abschütteln des unseligen Macho-Sprüche-Rock der Westernhagen-GmbH gelang nicht zuletzt durch die massive Unterstützung des „ZickZack“-Labels, das allem, was in Hamburg experimentell oder nur leicht hoffnungsvoll klang, die Chance zu Platten oder Auftritten gab. Originelle Einzelgänger wie ANDY GIORBINO, der allein mit seinen Synthesizern und Gitarren wie eine Band klingt, oder der erst sechzehnjährige Avantgardist ANDREAS DORAU sind auf „ZickZack“-Platten zu hören. Allerdings fällt bei dieser Produktionshaltung natürlich auch einiges an Durchschnitt oder Unausgereiftem an, wie etwa die Singles von SCHÖN aus Bad Segeberg oder INZUCHT UND ORDNUNG aus Kiel.

    Zum Schluß sei noch die vielleicht konsequenteste Neuerscheinung im neuen Markt der Neuen Welle erwähnt: Unter der Bestellnummer „fit 13“ ist die „Keine Platte“ von PADELUUN. Sie ist die wahre Nummer Eins aller Hitlisten, denn mehr als viereinhalb Milliarden Menschen besitzen keine Platte von „padeluun“. Wer dazugehören will, gehe in ein Geschäft für unabhängige Platten, zahle DM 6,– („Keine Platte“ ist eine Single), und man erhält keine Platte von „padeluun“, plus Quittung.

  • Red Crayola

    In der Hochzeit von Psychedelia, in den späten Sechzigern, gab es in Texas die vielleicht erfindungsreichste Spielart dieser Musik: Die in wechselnden Besetzungen um Mayo Thompson gruppierte Band Red Crayola. Sie produzierten damals für das legendäre „International Artists“-Label (auf dem auch solche Psychedelic-Klassiker wie The 13th Floor Elevators veröffentlichten) zwei aufsehenerregende, radikale LPs, bevor sich die Gruppe sang- und klanglos auflöste und Bandleader Mayo sich anderen Dingen zuwandte. Während der siebziger Jahre produzierte er eine Solo-LP, die so gut wie nicht zu haben ist, und machte Aufnahmen mit einem Ensemble, das er „Art & Language“ nannte.

    Aufsehenerregend war seine Rückkehr auf die Szene. Von den Energien der britischen Punkbewegung beeindruckt, siedelte er nach England über, und als er sah, daß gerade diese Bewegung die Nachfrage nach seinen alten Arbeiten forcierte, produzierte er eine neue Red-Crayola-Platte mit Mitgliedern der Gruppe Pere Ubu sowie dem Schlagzeuger Jesse Chamberlain. Mayo Thompson wurde dann etwas wie Hausproduzent und spiritus rector des geschmackvollsten und interessantesten unabhängigen Labels „Rough Trade“ und bewies sich an so verschiedenartigen Projekten wie der ersten LP der nordirischen Polit-Punk-Band Stiff Little Fingers und dem Solo-Album des Jazz-Gitarristen James „Blood“ Ulmer. Im Sommer 1980 schloß er sich Pere Ubu als Gitarrist an, steht der Band aber nur halbjährlich zur Verfügung. Die andere Zeit nutzt er für Red Crayola, die seit 1978 mit wechselnden Besetzungen Platten produzierten. Die neueste LP „Kangaroo?“ ist eine ambitionierte, überaus komplizierte und durchdachte Kollektion von nahezu essayistischen Texten zu einer entsprechend anspruchsvollen, aber immens melodischen Musik. Titel wie „A Portrait of V.I. Lenin in the Style of Jackson Pollock“ (Teil Eins und Zwei) sollten nicht abschrecken, sondern eher dazu anregen, sich vor Konzertbeginn mit jener LP zu beschäftigen. Eingespielt wurde sie mit der Elite der „Rough Trade“-Musiker: Allen Ravenstine (Pere Ubu) – Synthi, Gina Birch (Raincoats) – Gitarre, Lora Logic (Essential Logic) – Saxophon, Gesang, Ben Allesley – Baß und Epic Soundtracks (Swell Maps) – Schlagzeug. Außer Ravenstine wird diese Besetzung auch das Hamburger Konzert bestreiten.

  • Die Taxifahrerin

    Vor einiger Zeit warf man dem deutschen Film vor, sich keine Themen mehr einfallen zu lassen, und, statt etwas zu riskieren, sich in der Eingefahrenheit von Literaturverfilmungen zu akkommodieren. Dem sogenannten neuen französischen Film kann man mit Fug und Recht einen ähnlichen Vorwurf machen.

    Kein Film, der etwas anderes im Sinn hätte, als das gute alte Mann-Frau- oder Mann-Mann-Frau- oder Frau-Frau-Mann-Ding, ohne einen Bezug zu einer als solcher erkennbaren Realität, zu behandeln. Aber schlimmer als das Was ist meistens das Wie.

    Eine Taxifahrerin kurvt durch Paris und lebt davon, ihre reichen Kunden nach der Bezahlung mit ein paar gezielten Tritten umzulegen und anschließend auszurauben. Zwei alte Freunde aus – natürlich Mai-68er-Barrikaden-Tagen – lernen dieses Mädchen kennen. Den einen verführt sie im Taxi, den anderen in dessen Wohnung, nachdem sie ihm vorher gewalttätig klar gemacht hatte, sie bestimme, „wann sie mit wem bumse“.

    Was die Darstellung dieser Beziehung so ärgerlich macht, sind ein paar vorzugsweise in französischen Filmen anzutreffene Klischees über die Frau und die Liebe, die so falsch wie dumm sind. Die Frau ist ein Mysterium, ihre Handlungen sind irrational und widersprüchlich. Man scheint in Frankreich nicht akzeptieren zu wollen, daß eine Frau ein Mensch wie Du und ich ist (eher wie Du); eine Haltung, die man durchaus sexistisch nennen muß. Sie ist eine wilde Katze, sie sagt: „Ich liebe dich“ und schlägt zu und umgekehrt. „Sie ist eine Frau, du mußt mit ihr in die Berge gehen“, raunte mir mal ein französischer Freund zu, als er in meiner Nähe lange schwarze Haare sah. In diesem Fall sind es nicht die Berge, sondern Afrika, aber sie geht alleine hin und läßt die beiden Freunde in ihrer sprachlosen, muffligen, soziologisch nur durch Schreibmaschine, Saxophon, Jazz-Kneipe und 68er-Vergangenheit vage umrissenen Tristesse zurück.

    Ein weiteres Stilmittel, das mir auf den Wecker geht: Es wird unter Liebenden nicht gesprochen. Man glotzt sich in die Augen und sagt Sätze wie: „Du hast schöne Zähne. Schmatz.“ oder: „Es ist mir egal.“ – „Was ist dir egal?“ – „Ich weiß nicht. Alles!“ Das Unsagbare, Unaussprechliche soll eingeführt werden, dabei haben sich Verliebte, wie jeder weiß, eine Menge zu erzählen. Gemeinsam wollen sie die Welt und sich neu entwerfen. In Euphorien reden sie Nächte durch. Nicht so in Frankreich: „Was hast du vor drei Jahren gemacht?“ ist eine der substanzvollsten Fragen, die der eine der beiden verliebten Freunde der wilden Katze von Taxifahrerin stellt. „Ich weiß es nicht“, ist die unglaublich ernüchternde Antwort.

    Entweder will sie nicht darüber sprechen, was traurig wäre, oder sie weiß es wirklich nicht, was erschütternd wäre. Dabei wüßte man es gerne, denn sie ist wirklich toll. Eine kraftvolle Schauspielerin, mit einer beeindruckenden Mimik, guten präzisen Gesten und einem Gesicht, das auf vieles neugierig macht. Deswegen folgt man dem Film, der durchweg schön fotografiert und mit einer klugen, zuweilen an das männliche Pendant aus Amerika erinnernden Musik unterlegt ist und auch bei Kamera- und Schnitttechnik nicht mit Überraschungen geizt, durchweg mit großer Spannung. Stil und Stimmung, die hier verarbeitet werden, erinnern an große Vorbilder aus der Nouvelle Vague (Paris aus der Autoperspektive, vergl. Außer Atem) und New Hollywood (die Neonreklame als Orientierungszeichen in der Großstadt). Die Taxifahrerin hätte ein sehr guter Film werden können, wenn nicht das Drehbuch (bzw. die ihm zugrunde liegende Geisteshaltung) zu bescheuert wären.