Autor: admin

  • Paul Mazursky: Willie & Phil

    Die Welle der freundlich-verbindlich-reizenden Filme will und will nicht abebben. „Die Welt ist schlecht, heiter die Kunst“ (Friedrich Schiller / Der Plan). Paul Mazursky, gefeierter Problembewältiger (Eine entheiratete Frau), hat sich des beliebten Truffaut-Klassikers Jules und Jim angenommen und ihn in ein zeitgemäßes, modebewußtes Amerika transportiert.

    Befreit von Truffauts typisch-französischer Mystifizierung des Weibes, der Frau („Sie ist eine Frau, du mußt mit ihr in die Berge gehen!“), dafür angereichert mit einer flott-hübschen US-Zigaretten-Werbe-Romantik wird uns nett und harmlos die freundliche Geschichte von der Dreiecksbeziehung zwischen einem italo-amerikanischen Fotografen, einem jüdischen Intellektuellen und einem Mädchen aus dem Süden erzählt.

    Da die Menschen in diesem Film alle grundgut, grundsympathisch, grundeinsichtig und grundweise sind, kommt es dabei zu keinerlei Problemen. Ein Münzenwurf entscheidet, daß das Mädchen erst bei dem jungen jüdischen Lehrer einzieht, ihn später heiratet, dann – nach seinem geistigen Niedergang („Mein Traum ist es, eigene Karotten auf dem Land zu züchten.“ … „Er wollte schon immer nach Indien gehen.“) und äußerer Verwahrlosung (Bart!) – mit dem Italiener („Mama, Mama! … Wenn ich an meine Mama denke, fühle ich mich wie ein sechsjähriger Junge!“) zusammenlebt und mit jenem das Kind vom ersten Mann aufzieht, der derweil in Indien weilt. Als dieser am Ende wieder da ist – wird das ganze Dreierding in Wohlgefallen aufgelöst: Das Mädchen hat sich in einen feurigen Rrrruuussen verliebt, sein Name ist Igorrrr.

    Als Willie und Phil am Schluß wieder ins Kino gehen, um sich Jules et Jim anzusehen – am Anfang lernten sie sich in diesem Film kennen – treffen sie am Ausgang auf eine Horde Rocky Horror-Fans. So ändern sich die Zeiten.

    David Crosbys Song „Triad“ („I don’t really see / why can’t we go on as three“) dürfte von der heutigen Jugend eh kaum noch gekannt werden. Denn die weiß, daß das Leben schwieriger ist und dieser Song wie dieser Film weniger realistisch sind als besagte Horror Show, aber wer wie ich gerne hypermoderne Zigarettenreklame sieht, auch gerne neunzig Minuten lang, sollte sich Willie & Phil nicht entgehen lassen.

  • Federico Fellini: Die Stadt der Frauen

    Marcello Mastroianni, der Mann, der Nastassja Kinski in den Hintern gebissen hat, sitzt im Erste-Klasse-Abteil und schläft. Die italienischen Gleise schütteln ihn durch. Er blinzelt, der Zug war gerade in einen Tunnel gefahren. Vor ihm sitzt eine Frau. Von ihren „Arschbacken“ gefesselt, folgt er ihr, erst aufs Klo, dann bei einem Halt auf freier Strecke in einen Wald, von dort in ein Hotel …

    Im Hotel ein Tohuwabohu: Ein obskures Feministenfestival scheint stattzufinden: Vorträge, Dia-Shows, Filme, Sketche. Mastroianni irrt gutmütig lächelnd, leicht amüsiert und verwirrt durch diesen Zirkus, immer noch auf der Suche nach den Arschbacken. Kurz nachdem er sie entdeckt hat, hält sie eine flammende Rede gegen den Mann und formuliert dabei en passant die Perspektive des Zuschauers, der Kamera und des Helden bis zu diesem Zeitpunkt: „Ihr ergötzt euch an unseren Leiden!“.

    Bis jetzt war der Film brisant, nun beginnt er sich zu verlieren. Statt in der dramaturgisch gut gewählten Szenerie des Hotels den Widerspruch, die Spannung zu forcieren und auszutragen, flieht der trottelige Ex-Beau von nun an vor den grellen, schrillen Emanzen durch eine von künstlichen Nebelschwaden durchflutete Traumwelt, rennt gegen Pappmaché an, das überall in großen Mengen herumsteht und reduziert damit das Sujet des Films zu einem subjektiven Männer-Alptraum.

    Auf seiner Flucht gerät Mastroianni zu einem Hyperphallokraten, Repräsentant der Gegenwelt zum Feministenhotel, der sich aber mit einer weiblichen Polizei herumärgern muß.

    Mastroiannis Odysee, die ihn unter anderem auch durch ein Rummelplatz-Environment führt, in dem ihm vergangene Liebschaften vorgeführt werden, wird am Schluß – wieder im Zug – als Traum zurückgenommen. Der Film endet, wie er begann: der Zug fährt in den Tunnel (Symbol! Symbol!).

    Die weitverbreitete Meinung, Fellini sei ein großer Filmregisseur, müßte schon lange mal korrigiert werden. Fellinis Fähigkeiten – das zeigt auch Die Stadt der Frauen – sind die eines ausgeflippten Dekorateurs mit Riesenbudget, seine Filme die Vorführung von Ausstattungsideen. Auf dieser Ebene fasziniert auch Die Stadt der Frauen. Aber die kinematographische Schlaffheit, das Fehlen der Bearbeitung der Theatereffekte fürs Kino, nimmt dem Film die Straffheit, die Deutlichkeit, die nötig gewesen wäre, um Fellinis Riesenvorhaben – die Auseinandersetzung eines aufrichtigen, gutwilligen Chauvi (Fellini) mit dem Feminismus unter Zuhilfenahme eines bescheuerten Alter Egos (Mastroianni) – durchzuführen.

    Die Darstellerregie, die Inszenierung von Verücktheiten, die dem Film einige schöne Stellen gibt, leidet stark unter der klamottenhaften Synchronisation.

  • 999 – Mordgeschichten mit Kid-Appeal

    Rasende Kopfschmerzen hämmern gegen die Schädeldecke. In dem mäßig erleuchteten „Moonlightclub“ in London spielen In Kamera. Vier hochaufgeschossene, düstere junge Männer. Vorne steht einer, der stammelnd zu schleppenden Akkorden seinen Weltschmerz erbricht. Diese militante Innerlichkeit ist nach einem Nachmittag mit 999 wirklich der radikalste Kulturschock, den man sich vorstellen kann.

    Man merkt in London wirklich immer deutlicher, daß Rationalismus und Auseinandersetzung mit den Dingen dieser Welt unter den neuen Gruppen mehr und mehr außer Mode gerät; und auch wenn In Kamera eine passable Single gemacht haben und ihr Drummer wie ein junger Gott spielt, packte meinen dröhnenden Schädel in diesem Moment eine massive Sehnsucht nach den klaren und präzisen Auskünften, die mir noch kurz vorher Nick Cash gegeben hat, der väterliche Sänger von 999. Stundenlang hätte ich mit dem rundlichen gemütlichen Mann plaudern können.

    Eigentlich ist mir ja dieses Lob des einfachen Mannes ein Greuel, diese Griechenlandfahrer-Ideologie, daß ein alter Schäfer, der in seinem Leben nur zwei Worte gesprochen hat und ansonsten seinen Mund von seinem weißen Bart hat zuwachsen lassen, viel weiser sei als wir kopflastigen Zivilisationsmenschen. Aber Nick Cash ist wirklich weise. Kommt mir jedenfalls so vor, wenn er mit gewinnendem Lächeln breit über den Tisch lehnt, während seine Jungs wie Tick, Trick und Track im Zimmer rumalbern, nicht still sitzen können und sich Wodka/Orangensaft in mitgebrachte Plastikbecher schütten.

    Wahrscheinlich geht er mit ihnen genauso um wie mit seinem ewig jugendlichen Publikum, das seit den frühen Punk-Tagen zu dieser Gruppe hält, obwohl zumindest die englische Rock-Presse mit ihren Literati und Philosophen nie so recht was mit 999 anzufangen wußte. 999 haben jahrelang, unauffällig und unbeobachtet, einen Stamm von Kid-Fans der verschiedensten Arten geschaffen, vor allem Punks, aber auch den einen oder anderen Skin und Leute wie mich, die die absolute unprätentiöse Stilsicherheit 999s auf dem Terrain der Pop-Komposition und -Interpretation zu schätzen wissen. Blues-Klischees und R&B-Harmonien meistens vermeidend, aber sonst ziemlich souverän mit den möglichen Ton-Kombinationen im Genre Pop/Beat hantierend, haben sie es geschafft, auf drei LPs und diversen B-Seiten in vier Jahren nicht einen peinlichen Song zu veröffentlichen, dafür einen Haufen kleiner Meisterwerke, vorläufig zeitlos, die man sich auflegen kann, wann immer man will, besonders wenn man sich die Jacke anzieht und ausgehen will.

    999 erinnern an gar nichts. Nicht musikalisch meine ich, sondern sie lösen nichts Zusätzliches aus, nichts Außermusikalisches. Man wird sich 1987 nicht bei einem 77er 999-Stück an 77 erinnern, sondern vage an die Vergangenheit. 999-Songs bedeuten nämlich nichts. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes bedeutungslos. Und das ist toll.

    999 liefern erstklassige Gebrauchswerte, Material für den Alltag. Was kann man alles mit so einem bedeutungslosen Song anstellen. Hast du dir mal überlegt, für was so ein 999-Song nütze sein kann? Es gibt tausend Möglichkeiten. Bedingung für solche Songs ist natürlich, daß sie anregend sind, und das sind sie bei 999, weil sie ein totales Stil- und Formbewußtsein ausstrahlen. Sie wissen stets genau, was sie tun.

    Ende der Mutmaßungen und Analysen über Nutzwert und Gebrauchswert, ein paar Worte von 999: „Wir bauen unsere Songs meist um ein Wort, eine Phrase oder ein Wortspiel herum auf. Das ist dann ein Zentrum, drum herum machen wir den Text – und die Musik.“

    Wachstum

    „Wir sehen uns langsam genötigt, auch vor größerem Publikum zu spielen, obwohl wir eigentlich skeptisch waren. Wir sind jetzt bei einem Festival als Headliner aufgetreten und wir fanden das gar nicht so schlimm. Es ist nun mal die logische Konsequenz, wenn unsere Fans immer mehr werden.“ 999 sind mit ihren drei Alben kontinuierlich gewachsen, obwohl sie nach eigener Auskunft in den drei Jahren nur eine Sache gelernt hätten („The use of the bass drum“), merkt man doch eine Entwicklung, wenn man die auf einem unlängst aus vertraglichen Gründen, aber mit Billigung von 999 veröffentlichten Single-Sampler der Jahre 77/78 mit der letzten LP (The Biggest Price In Sport) vergleicht. Irgendwie schien es die Band früher noch wichtiger zu finden, ihre Alkoholiker-Rauhheit, ihren Kid-Appeal zu artikulieren („Feeling Alright With The Crew“). Auf Separates, der zweiten LP, beginnt die Phase, in der die Musik straffer, etwas simpler und formaler wird. Und lustiger. Auf Separates ist auch „Homicide“, bis heute der größte Hit von 999 und ein wirklich rundum gelungenes Werk, das Spaß macht, nachgesungen zu werden. Ich habe zwar keine Ahnung, wovon es handelt, kenn nur die Zeile: „I believe in Homicide“ – Ich glaube an Mord –, aber man kann sich eine Menge tolle Sachen dazu vorstellen. Der ganze Song ist ein Aphorismus.

    In Deutschland haben 999 meines Wissens erst zweimal gespielt. Jetzt sind sie wieder auf Tournee, zusammen mit den Fehlfarben, die ja eigentlich viel wichtiger sind als 999, zumindest für uns Deutsche, aber sie passen gut zusammen. 999 werden auf der Tour erstmals Stücke aus ihrer neuen LP spielen: „Scandal In The City“, über eine Meldung aus der „Sun“, „Christmas Card“, über das große Geschäft mit Weihnachten – hatten wir in der 7. Klasse als Aufsatzthema – und alle Hits der Vergangenheit, vor allem von The Biggest Price In Sport. Die neue Platte wird so ähnlich sein: „Wir verändern uns auch, aber wir sind keine Avantgardisten“, sagt Nick Cash. Nein, 999 haben überhaupt keine Ansprüche. Fast hat man das Gefühl, ihre Musik wäre nichts anderes als die erste völlig pure, ungetrübte Abstraktion von Rock’n’Roll, die so frei ist von persönlichem Mitteilungsbedürfnis und so ausschließlich geprägt ist von der Freude an der Form, daß man in früherer Zeit von l’art pour l’art, Kunst um der Kunst willen, gesprochen hätte. Heute weiß man, daß der Begriff unsinnig ist und auch der scheinbar rein formale Aspekt von Kunstwerken Bedeutungen trägt und umgekehrt.

    Aber um den Rock’n’Roller mit Theorie nicht zu überfordern, sei gesagt, daß man 999 auf jeder Ebene genießen kann; als Pogo oder als Essay.

  • Untergrund und Unternehmer (Teil 2)

    Dieser zweite Teil unserer Serie soll von Berlin handeln. Aber eigentlich ist es keine Fortsetzung der im ersten Teil der Serie angeschnittenen Probleme. In Städten wie Hamburg oder Hannover, wo die Aktivitäten des musikalischen Untergrunds auf ein, zwei Personen bzw. Organisationen zentriert sind, sind zwangsläufig Fragen nach Integrität und Verantwortung drängender als in Berlins pluralistisch florierender Szenerie.

    Beide Extreme der mit der neuen deutschen Welle an die Oberfläche gespülten Phänomene haben in Berlin eine feste Tradition: die Bereitschaft zum radikalen politischen Engagement ebenso wie die Nachfrage nach Erotika, nach Whizz-Kid-Sensations. Das hat zur Folge, daß eine in sich strukturierte Subkultur mit diversen Sub-Subkulturen vieles an der neuen Welle auffangen konnte und z. T. assimiliert hat. Daß dies ebenso viele negative (Beliebigkeit, Kurzlebigkeit, Hustlerei) wie positive (kreative Explosion, größeres Publikumsinteresse, Feedback) Begleiterscheinungen für die künstlerische Seite mit sich bringt, braucht hier nicht diskutiert zu werden. Festzuhalten ist, daß „man im Prinzip in Berlin das durchführen kann, was man will“ (Burkhardt vom Zensorladen).

    Dinge, die in Hamburg und Hannover bei einer Person liegen, werden in Berlin automatisch an verschiedene delegiert. So gibt es z. B. exzellente Auftrittsmöglichkeiten für deutsche Gruppen (Exxxzess, KZ 36, Kantkino), an deren Organisation die einschlägigen Labels nicht beteiligt sind. Im Exxxzess spielten z. B. im Laufe eines Monats: Mania D., Unlimited Systems, Geile Tiere, DIN A Testbild (alle aus Berlin), aber auch P.D. aus Mainz, der KFC aus Düsseldorf, The Names aus England etc. – eine Liste, die andere Metropolenbewohner nur neidisch machen kann.

    Zu beobachten ist aber auch, daß in der Fülle der Berliner Musikszene viele Gruppen agieren, deren Interesse von Anfang an der Deal mit der Industrie, die Karriere im Musikbiz ist, die also noch stärker als anderswo den Untergrund benutzen, um sich Reputation und Profil für den kommerziellen Markt zu verschaffen. Der Berliner Musikuntergrund ist denn auch viel weniger an unabhängiges Denken und Handeln linker Tradition oder Herkunft angebunden. Die politische Punk-Szene ist tendenziell viel weiter von der Musikavantgarde isoliert als etwa in Hamburg, wo es eben nur so wenige Treffpunkte gibt, daß sich beide Gruppen zwangsläufig immer wieder sehen und miteinander auseinandersetzen müssen. Dennoch gibt es auch in Berlin einige Querverbindungen.

    Die ersten unabhängigen Produktionen der neue Welle in Berlin waren die Single und die 25-cm-Platte von Tempo und die „Garbage“-Single von DIN A Testbild, etwas später folgte die erste Geile-Tiere-Single und P1/E, letztere aber bereits im Monogam-Vertrieb. Die erstgenannten Singles sind alle Eigenproduktionen, entstanden ohne die Hilfe eines Labels (auch keines unabhängigen) und sind sozusagen direkt aus dem Preßwerk an die alternativen Vertriebe ausgeliefert worden. Das alles geschah vor achtzehn bis zwölf Monaten: zu einer Zeit, als die ersten Initiativen entstanden.

    Esoterische Künstler

    Burkhardt Seiler hatte schon längere Zeit davon gelebt, auf eigene Faust unabhängige Produktionen aus England zu importieren und auf Flohmärkten, bei Konzerten oder privat zu verkaufen. Anfang 1979 eröffnete er mit Tina Fiedler den „Zensor“-Laden in der Belziger Straße, der ihm aber mittlerweile allein gehört. Der Laden war von Anfang an auf unabhängige Produktionen spezialisiert.

    Ob er sich damit nicht automatisch eine esoterische Künstlerszene ins Haus geholt habe, will ich wissen. „Nein, das war ja damals noch nicht so getrennt. Gruppen wie Human League z. B. haben ja damals noch unabhängige Platten gemacht (…) Der Laden hat von Anfang an auch Punks angezogen.“

    An den Zensor-Laden war von Anfang an ein Versand und Vertrieb geknüpft, und dadurch erhielt der Laden auch für Westdeutschland eine immense Bedeutung. Bis heute ist der Zensor für fast alle ausländischen, unabhängigen Avantgarde-Produktionen (wenn sie nicht gerade von Rough Trade kommen) die einzige Quelle sowohl für Wiederverkäufer als auch für Privatkunden. Und was so schräge oder so weit vorn ist, daß es die westdeutschen Läden nicht haben wollen, muß man direkt in Berlin bestellen. So eine Position schafft Verantwortung. Burkhardt hat einen gewissen Einfluß auf das, was verkauft wird.

    „Sein Name (Zensor) ist wirklich ganz genial und irre treffend. Das meine ich sowohl positiv als auch negativ.“ (Alfred über Burkhardt) Burkhardt selber sieht das so: „Ich nehme zwar im Prinzip alles in den Laden und in den Vertrieb, was unabhängig produziert wurde, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, aber ich fördere nur, was ich gut finde.“ Fördern bedeutet empfehlen. Der Kontakt zu den auswärtigen Kunden läuft bei Burkhardt übers Telefon: „Ein überschaubarer Kreis von Leuten, die ich kenne.“ Die Kriterien, was Burkhardt fördert und was nicht, entstammen seinem musikalischen Geschmack: „In den 70er Jahren habe ich kaum Rockmusik gehört, eher Free Jazz und andere Avantgardemusik. Als es dann auch im Jazz immer langweiliger wurde, Eberhard Weber, Anthony Braxton und so, und in der Rockmusik sowieso eine große Leere war, hatte ich dann, wie viele andere auch, bei den frühen Punkgruppen erstmals wieder das Gefühl: Hier passiert was.“

    Aus aller Welt

    Heute fördert Burkhardt das, was sonst niemand fördert, Avantgardistisches und Ungewöhnliches aus aller Welt. Was kommen denn heutzutage so für Leute in den Laden? „Alle möglichen. Punks. Aber auch Beamte. Ja, wirklich viele Leute, die in den Laden kommen, sind Beamte.“ Eine von Burkhardts Mitarbeiterinnen erzählt, daß neulich eine ältere Frau in den Laden gekommen sei und nach einer „Punk-Platte im 6/8-Takt“ verlangt hätte.

    Zusammen mit dem Monogam-Label organisiert Burkhardt auch Konzerte. Auch hier gelten, ähnlich wie beim Vertrieb, persönlicher Geschmack und Qualität als Kriterien, wenn auch dadurch eingeschränkt, daß Burkhardt nicht allein arbeitet. Michael Vogt vom Monogam-Label arbeitet beim neuen SO36 mit, das sich ja jetzt in türkischen Händen befindet, und hat so Zugang zu einer Halle. Manchmal tritt Monogam/Zensor nur als lokaler Promoter einer von jemand Drittem organisierten Tour auf, mal holt Burkhardt selbst eine Gruppe für ein Konzert in Berlin rüber, wie etwa die Young Marble Giants, oder, wie für Oktober geplant, Throbbing Gristle.

    Das Monogam-Label ist auch sonst eng mit Zensor verbunden. Die Monogam-Platten sind im Zensor-Vertrieb, Michael Vogt arbeitet gelegentlich im Zensor-Laden, Elisabeth Recker, ebenfalls an Monogam beteiligt, organisiert den Versand. „Aber was das Label betrifft, arbeiten die völlig unabhängig, ich nehme überhaupt keinen Einfluß auf ihr Programm und bin auch finanziell nicht daran beteiligt.“

    Monogam hat bis jetzt vier Singles herausgebracht: Mania D., Rainy Day Women, Hits Berlin und – als einzige nicht aus Berlin – die Vorgruppe aus Herne. Ein besonderes künstlerisches Labelkonzept ist dabei nicht erkennbar. Dennoch hat Monogam schon so etwas wie Labelpolitik betrieben (in bescheidenem Rahmen, den ein unabhängiges Label hat), etwa durch das Organisieren eines Monogam-Festivals im SO36.

    Anarcho-Tradition

    Zusammen mit dem Musiker Frieder Butzmann hat Burkhardt ein eigenes Label, das den beiden dient, völlig unabhängig von Marktgesetzen ihre eigenen künstlerischen Vorstellungen zu realisieren: das Marat Label (dem übrigens gelungen ist, die Originalität der Bestellnummern des englischen Labels Tiger Records (Grrroo 1, Grrroo 2) noch zu übertreffen: L’ami du peuple 1, L’ami du peuple 2). Erstes Produkt war die „Waschsalon“-Single von Butzmann und Sanja. Die nächste Mania-D.-Platte wird ebenso auf Marat erscheinen wie noch zwei weitere Platten.

    Mittlerweile gibt es in Berlin auch eine Reihe konventioneller Gruppen, die unabhängig produzieren, wenn auch oft nur, um das Produkt später oder das nächste Produkt an die Industrie zu verkaufen: Firma 33, Scala 3, Neon Babies, Ideal, Z etc. – nicht alles Gruppen, die durch die Bank schlecht oder langweilig sind, die aber für meine Begriffe musikalisch und inhaltlich nicht zur neuen deutschen Welle zu zählen sind. Alle diese Gruppen haben ohne Label-Unterstützung gearbeitet, obwohl ja Z inzwischen bekanntlich bei Ariola gelandet sind. Auch von den Geilen Tieren gibt es eine neue 25-cm-Platte, die – und weil wir vergessen haben, sie zu rezensieren, hier ausnahmsweise ein Qualitätsurteil – aber neben den interessanten, eindrucksvollen Live-Auftritten der Gruppe, modisch und schal wirkt.

    In einem Boot

    Die Kreuzberger Punk-Szene baut stark auf spezifisch Berliner Anarcho-Traditionen auf. Ihre Konsum- und Kommerz-Verweigerung/Ablehnung – ihr erinnernt euch vielleicht an die massive Kritik am früheren SO36 wegen seiner hohen Eintritts- und Getränkepreise – hat mittlerweile zu einem eigenen Zentrum geführt, dem KZ 36. Hier spielen zu extrem niedrigen Eintrittspreisen vorwiegend Berliner, aber auch schon mal Hamburger Punk-Gruppen. Das KZ versteht sich als Kommunikationszentrum (nicht Konzentrationslager) gegen den Berliner New-Wave-Chic, aber auch gegen jede andere Form von Verkauf und Handel incl. dem Zensor-Laden („Daß ein Laden eine kleinbürgerliche Angelegenheit ist, ist mir natürlich auch völlig klar,“ Burkhardt). Demnächst wird das KZ 36 einen Sampler mit Mitschnitten herausbringen, dessen Profit für den Laden verwendet werden soll. Auffallend ist, daß die Existenz eines solchen Kommunikationszentrum auch dazu führt, daß die Meinungsverschiedenheiten zwischen Punks in Anarcho-Tradition und der von ihnen als kommerziell, elitär oder intellektuell bezeichneten Gegenseite weniger ausgetragen werden, wenn es einen solchen Zufluchtsort gibt. Seit in Hamburg das Krawall 2000 nicht mehr existiert, sitzen hier eben all die in einem Boot, die in Berlin voneinander getrennt sind.

    Die Berliner Situation mit ihrer verwirrenden Mischung aus Exklusivität und Kommunikation, musikalischer Radikalität, Innovationen und einer breiten konventionellen Rock-Szene, aus politischem Anspruch und künstlerischer Ambition ist recht deutlich verschieden von den westdeutschen Großstädten. Im Prinzip ist hier alles erlaubt, wenn du es an der rechten Stelle tust. Dadurch liegen hier hohe Qualität, Radikalität direkt neben der totalen Beliebigkeit.