Autor: admin

  • Berlin 1981

    Berlin galt uns noch vor wenigen Monaten als das Zentrum mißverstandenen Pops und ekler Macho-Posen, die Avantgarde und die interessanten Gruppen schienen verschwunden. Dies hat sich geändert: Drei Konzerte Ende April und Anfang Mai haben unsere Meinung geändert.

    Während Caruso und andere Vokalisten versunkener Zeitalter vom Band Stimmung machten und englische Touristen in der „Reichshauptstadt“ „Führers Geburtstag“ feierten, strömte durch die schmalen Eingänge des SO36 die inzwischen bekannte Zusammensetzung des Untergrund-Inzucht-Publikums.

    Die Tödliche Doris machte den Anfang. Obwohl der eher miese Sound einige ihrer kleinen Einfälle und ausgesucht skurrilen Instrumente (Xylophon, Cello, Akkordeon) behinderte, war es schon sehr eindrucksvoll anzuschauen. Ungewohnte Physognomien, interessante moderne Mutationen des Kurzhaar-Phänotyps, und immer so ein leicht resigniert, gequältes Lächeln, Spiders From Mars. Ein angenehmer Einstieg. Die Texte kann man an der vorzüglichen Platte studieren. Es folgte die Session-Formation Le Sang Froid mit Musikern der neuen Supergruppe Südpol und dem Leiter der Berliner Factory Dependence. Das war zwar nicht schön, aber es war wenigstens Kamikaze. Harter Krach mit durchlaufendem Beat und verwirrter Ausstrahlung. Dann das Debüt von Malaria. Viel deutlicher als bei dem von Ewald ein paar Absätze weiter beschriebenen Hamburg-Auftritt zeigte das neue Quintett seine Möglichkeiten, vor allem bei neuem Songmaterial, wie das zynisch-poppige „Geh Duschen“ oder „Laufen“, das live noch besser kommt als auf der 12-inch. Es wäre allerdings wichtig, den Set dramaturgisch geschickter aufzubauen, nicht gerade mit zwei verträumten Nummern anzufangen. Aber insgesamt war es ein toll-theatralischer Auftritt.

    Schließlich die Ichs. Nochmal der Phänotyp der Epoche. Interessante Gesichter, interessante Ausstrahlung, aber etwas DAF-geschädigte und konturenarme Musik. Kenner wollen von der Gruppe allerdings schon wesentlich Besseres gehört haben, und die Atmosphäre ließ ohnehin nach, da das verwöhnte und blasierte Untergrund-Publikum inzwischen die Geduld zuzuhören verloren hatte.

  • Gang Of Four – Stagnation?

    So vor etwas mehr als einem Jahr, als man sich ständig und allerorten verteidigen mußte, bezüglich Punk und neue Musik und Welle und politischer Anspruch und dergleichen, gewöhnte ich mir an, nahezu automatisch den Namen Gang Of Four auszusprechen und den lästigen Diskussionspartner sich selbst zu überlassen.

    Und das war meist gut so, wurde er doch durch mich angeregt, eine der besten Rock-LPs aller Zeiten zu hören (Entertainment!) und vielleicht gar einen der mörderischen, fordernden Auftritte des Quartetts zu erleben. Meine Begeisterung anläßlich dieser ersten Begegnung mit dieser Truppe ist in Sounds 4/80 nachzulesen, meine leichte Enttäuschung über das langersehnte zweite Album Solid Gold vor zwei Heften. Meine Hoffnung, die Qualität der Platte würde mit kontinuierlichem Hören steigen, wurde nicht bestätigt. Obwohl sie mir besser gefällt als das, was unter den Namen Public Image, A Certain Ratio oder DAF z. Z. die Intelligentsia begeistert. Es bleibt bei den zwei großartigen Songs „The Republic“ und „In The Ditch“. Der Refrain des letzteren („Show me a ditch / and I’ll dive in it“) begleitete mich auch, festgehakt im Hirn, den ganzen Abend bei der zweiten Begegnung mit der Gruppe. Die Umstände waren grauenerregend. Die Vorgruppe hieß Leningrad Sandwich (was für ein Name) und ließ die Anwesenden grübeln, wann eine Gruppe jemals so schlecht gewesen sein mag. Wem dies nicht die Stimmung verdarb, der wurde durch den Auftrittsort in Rage versetzt. Die aus unerfindlichen Gründen legendäre „Fabrik“ in Hamburg-Altona. Ein Ort, wo niemand sehen kann und dessen Atmosphäre, bestimmt durch seine Zielgruppe, die alternativen Schlaffis, mit grauenvoll nicht ausreichend beschrieben ist.

    Die reine Musik war schon toll, wenn man sich auch immer über alte Songs freute und z. B. „Armalite Rifle“ schmerzlich vermißte. Aber schon bei der Show deutete sich eine gewisse Stagnation an. Vor einem Jahr waren die Bewegungen, Gesten, Austrahlung etc. einen Tick härter, genauer, engagierter. Wahrscheinlich ist das nicht die Schuld der Gruppe, sondern der übliche Verschleiß durch Tourneen und das obligatorische Frust-Besäufnis nach dem Konzert. Wenn man eine Gruppe in einem Abstand von anderthalb Jahren sieht und beide Male im gleichen Zustand, ist es bewundernswert, daß noch so eine intensive Live-Show entsteht. Denn verglichen mit anderen Gruppen, die es in dieser so reichhaltigen Konzertsaison zu sehen gab, sind die Gang Of Four immer noch unerreicht. Andy, warum müssen Rock-Musiker immer betrunken sein? „Du b-bist d-doch auch nicht nüchtbrar …“ – Aber mir tut es morgen leid. „Was meinst du, wie mir es leid tun wird!“ Und das seit zwei Jahren? Ein Leben mit dem Kater? Wie kann man da noch so gute Songs schreiben. Durch andere Drogen vielleicht, vielleicht auch nicht. Jedenfalls mußte ein zufällig anwesender alter Freund der Gang Of Four feststellen, daß nun auch sie, die eloquenten Marxisten des Rhythmus von jenem „Rock-Syndrom“ gepackt sind, das schon andere ruiniert hat. Aber auch beflügelt und inspiriert. Und das Journalisten-Leben ist übrigens auch nicht viel besser.

    P.S.: Andy Gill legt Wert auf die Feststellung, daß er mit dem NME-Journalisten Andy Gill nicht identisch ist

  • Providence

    Kenner werden wissen, daß dieses Werk schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat und auch schon im TV zu sehen war. Resnais, der in den 60er Jahren so was wie ein Heros einer schwermütig-veranlagten intellektuellen Avantgarde war (Letztes Jahr in Marienbad), dürfte heutzutage nur noch wenig bekannt sein, und gerade dieser schwierige Film dürfte, jenseits aller Popularität und Publicity, für den Verleih ein ziemliches Risiko bedeuten.

    John Gielgud spielt einen alten Schriftsteller, auf den Tod zugehend, der während einer Nacht sich sprunghaft und skurril-versponnen mit seinem Leben und dabei vor allem mit seiner Familie auseinandersetzt, sie literarisch in Geschichten und Situationen verfangen läßt, dazwischen genüßlich grunzend, Wein schüttend und unter Leibschmerzen zuckend, raisoniert. Am nächsten Tag hat er Geburtstag, die Familie kommt zum Gratulieren und entpuppt sich als viel normaler, gesunder, friedlicher als in den Imaginationen des alten Lustgreises, der – frei nach Henry Miller und ähnlichen – seine Fantasie und Rückschau vor allem mit Sex und Exzessen bevölkert, die er in die eher spießigen Leben seiner Familie eindringen läßt.

    Der Versuch, eine anspruchsvolle, literarisch konzipierte Erzählweise filmisch umzusetzen, gelingt Resnais, der schon immer dazu neigte, sich zu viel Mühe zu geben, nicht immer. Zwar ist Providence gespickt mit Verweisen und Anspielungen, leistet sich stets sinnlich-dichte Atmosphären und kraftvolles Spiel, aber mit Tempo und Rhythmus hapert es hier und da. Was einen Besuch jedoch allemal lohnt, ist das einsam souveräne Spiel Dirk Bogardes in der Rolle des ersten Sohnes, ein Staatsanwalt, den der Vater als seinen zentralen Widerpart aufbaut. Ein brillanter Rhetoriker und überlegen-gefühlloser Intellektueller, der in seiner Präzision, seinem Zynismus und seiner Korrektheit die Werte in sich versammelt, die dem alten Lebemann am meisten widerstreben.

  • Verschiedene: Hommage an John Lennon

    Dies ist eine Comic-Anthologie mit internationaler Beteiligung anläßlich des Todes von John Lennon. Die Bearbeitung des Themas brachte die verschiedenartigsten Beiträge, in Qualität wie Interpretation, zustande: So wie Robert Gernhardt mit seinen verspielt-irrealen Tuschzeichnungen, Chlodwig Poth mit der nicht-enden wollenden Zweierkiste, bleibt auch das Gros der internationalen Zeichner seinem gewohnten Stil treu.

    Die französischen Mystiker nerven, wie üblich, aber viele hatten, offensichtlich recht spontan, den richtigen Einfall: Die „Momentaufnahme aus einem erfüllten Frauenleben“ etwa, wo Lennons Tod beiläufig in einen flotten, exemplarischen Abriß von drei Jahrzehnten Subkultur eingebaut wird oder Tardi/Granges subtile und einfühlsame Story des Lennon-Mörders. Einige ekelhaft humoristische Stories wie die von Binet sollte man überschlagen, während Gibrats „Little Lennon in New York“ in Anlehnung an Winsor McKays „Little Nemo“ die richtige Art von Witz trifft. Zwischen den überwiegend guten Stories wird man mit Fotomaterial, Discographien und historischen Abrissen versorgt. Zu den besten Sachen gehören die von Bilal und Cosey, am unkonventionellsten und radikalsten löst Cestac das Problem. Auf einer Doppelseite listet er einige Todesfälle in New York am 8.12.80 auf. John Lennon bleibt einer unter vielen.

    102 Seiten, DM 16,80, Verlag Schreiber & Leser