Alan Vega war die singende Hälfte des Duos Suicide, das seit 1971 die Musik der allerneusten Zeit vorwegnahm. Lange vor den Erfolgen von Soft Cell und DAF haben Vega und sein Partner Martin Rev am Synthi mit minimalem Aufwand maximale Erfolge erzielt und, unverstanden von den veraltetem Rock’n’Roll zujubelnden Amis, auf zwei LPs die Vorbilder für die so erfolgreiche Bewegung des Synthi-Pop abgegeben. Nachdem auch die zweite wunderschöne Suicide-LP kommerziell versagte und die Gruppe auf Tourneen weiterhin ausgebuht wurde (in Hamburg konnte man sie als Vorgruppe von Elvis Costello im AudiMax erleben, das muß so um 1978 gewesen sein), wollte keine Plattenfirma der Welt die beiden weiter unter Vertrag halten. Alan Vega zog die Konsequenzen. Aus der Erkenntnis heraus, daß die minimalistische Musik schon bei den berühmten Sun Sessions von Elvis Presley entstanden sei, widmete er sich einer Wiederaufnahme der Rockabilly-Tradition, veredelt von seinen urbanen Speed-Visionen. Zusammen mit seinem Partner Phil Hawk an der Gitarre und einer Rhythmusmaschine spielte er eine überragende, überschäumende Platte ein, die trotz geringer Produktionskosten wieder ein Flop zu werden drohte, bis etwas Unerwartetes geschah: Die Single-Auskopplung „Jukebox Baby“ wurde zum Hit in europäischen Discos und schaffte ausgerechnet in Frankreich auch überragende Verkaufserfolge. Vega, dessen amerikanische Firma von den französischen Erfolgen nicht viel hatte, unterschrieb daraufhin bei dem französischen Vertriebslabel Celluloid, das derzeit mit Gruppen wie Material und einem vielfältigen Programm neuer Musiken von sich reden macht. Für eine zweite LP war dann sogar das Geld für eine kostspieligere Produktion mit Band vorhanden. Vega spielte in Clubs rund um New York mit jungen unbekannten Musikern und entwickelte mit ihnen eine stilistische Weiterführung seiner ersten Solo-LP. Noch wesentlich gehetzter, speediger und nervöser hechelt er sich durch die zerstörten Mythen amerikanischer Rock-Rebellion, bis er in einem vierzehnminütigen Gruft-Gesang mit Dröhn-Musik von seinen Erfahrungen im Vietnam-Krieg erzählt: „Viet Vet“. Wie immer bei Vega oder Suicide tragen auch hier die ungünstigen Produktionsbedingungen mit zum Charme der Musik bei. Die wenig erfahrene Band, die außer den erwähnten Club-Auftritten kaum Erfahrungen besaß, wird von Vega in ihrer Kurzatmigkeit ebenso genial als Stilmittel benutzt wie das Fehlen einer Band bei seiner vorangegangenen Platte. Inzwischen hört man aber von drüben, trotz der üblichen Buh-Orgien, die die Band als Vorprogramm der Pretenders in amerikanischen Football-Stadien über sich ergehen lassen mußte, daß Alan Vegas Rockabilly-Ensemble sehr gut beieinander sei, was verspricht, daß wir beim Hamburger Live-Auftritt wieder mit einer neuen Phase von Vegas Entwicklung konfrontiert werden dürften.
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Spandau Ballet
Als vor eineinhalb Jahren die erste Maxi-Single von Spandau Ballet in dem charakteristischen griechisch-römischen Cover-Stil verpackt erschien, waren sich die Medien ihrer einmütigen Ablehnung seltsam sicher. Die Band, die sich gern in aufwendigen Kostümen, mit Tüchern behangen und mit extravaganten Frisuren präsentierte, war für die besserwisserische, von Soziologismen verseuchte Kritik, vor allem in Deutschland, ein Bestandteil eines neuen, für berufsmäßige Interpretierer unverständlichen Phänomens, das man „New Romantics“ nannte. Gruppen wie Spandau Ballet, Ultravox, Duran Duran, Depeche Mode, Classix Nouveaux, Soft Cell, Visage (von denen genau dreieinhalb gut sind und dreieinhalb schlecht) wurden von dieser Kritik in die Ecke eines apolitischen Eskapismus gedrängt. Man verkleide sich, um der Härte des Alltags (die berühmten Arbeitslosenziffern) zu entfliehen, statt sich, wie es die Väter schließlich getan hätten, zu Protestmärschen aufzumachen.
Welche Bedeutung Verkleidung, Stil und Mode gerade im strategischen Sinne für Jugendkultur hat, daß es gerade darum geht, längst vereinnahmten Protest-Strategien zu entgehen, und daß es eben auch darum geht, für eine liberal-soziologische Interpretation unverständlich zu bleiben, wurde verschwiegen. Höhepunkt der New-Romantic-Verteufelung war die Assoziation eines NDR-Moderators, der in der besagten Maxi-Single „To Cut A Long Story Short“ mit ihren Sequenzer-Rhythmen die menschenfeindliche Mechanik von Hinrichtungsmaschinen heraushörte und die verbreitete Meinung, der Name Spandau Ballet sei aus Sympathien für Rudolf Hess gewählt worden. Gary Kemp, der Kopf der Gruppe, konnte zunächst nicht oft genug von seiner sozialistischen Haltung reden, seine Philosophie des Ausgehens, des englischen Souls und seiner Anhänger erklären. Er wurde nicht wahrgenommen. Das lag vielleicht auch daran, daß Spandau Ballet nicht auf Anhieb zu gefallen wußte. Die erste LP hatte diverse Längen, das Instrumentarium war relativ öde, die Arrangements nur in Ansätzen interessant. Erst im letzten Sommer gelang Kemp & Co. mit „Chant No. 1“ eine absolut überzeugende Realisierung ihrer Ideen. Die mit Unterstützung der Bläsertruppe Beggar & Co eingespielte Hymne an das Nachtleben in Soho gehörte definitiv zu den fünf Songs des Jahres. Dem folgte eine LP mit fünf Titeln vergleichbarer Qualität, die alle ebenfalls als Maxis in besserer Abmischung zu haben sind, und drei überflüssige Verirrungen in vermeintliches Neuland (Anklänge an Music For Zen Meditation und andere Resultate von Gary Kemps etwas zu intensiver Hermann-Hesse-Lektüre). Doch zu Spandaus Soul-Boy-Ideologie gehört es, auf die Maxi-Singles – als wesentliches Medium der üblichen luxuriös-aufwendigen Abmischung – ebensoviel Gewicht zu legen wie auf die ursprüngliche Komposition. Daher sind die hervorragenden letzten fünf Maxis für die Absichten der Gruppe entscheidender als die zweite LP.
Sehen konnte man Spandau Ballet bislang nur auf Video, wofür gemäß der New-Romantic-Haltung sehr viel Mühe und Liebe aufgewendet wurde. Vor wenigen Wochen gab es in England die ersten Bühnen-Auftritte des fünfköpfigen Ensembles, und der leidenschaftliche Crooner Tony Hadley soll mit seinem Gesang die Massen verzaubert haben.
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Alan Vega
Rock’n’Roll, R&B, Blues – Während Depeche Mode mit ihrer Beach-Boys-mäßigen „See You“-Single für den musikalischen Höhepunkt der kindlichen Synthie-Pop-Welle sorgten (nach dem grandiosen „Don’t You Want Me?“, versteht sich), erlebt die alte Musik ihre besten Tage. Meine Lieblingsplatten sind zur Zeit: Tav Falco’s Panther Burns, The Gun Club, The Fleshtones und Alan Vegas zwei Solo-LPs.
Intro
Alte Musik? Rock-Musik ist steintot, und was wir heute von Tav Falco, Gun Club oder Alan Vega zu hören bekommen, ist keine alte Musik. Dieses elende und aufregende Jahrhundert laboriert nun schon gute achtzig Jahre an dieser Avantgarde-Idee herum, die einen immer weiteren „Fortschritt“ mittels „Grenzen überschreiten“, „Gewohnheiten brechen“, „neue Formen finden“ wünscht, postuliert oder erträumt. Da wird immer noch das freie, selbstverantwortliche Individuum gehätschelt, das sich möglichst grenzenlos und genialisch austobt. Diese progressive Paralyse des Avantgardismus führte schließlich zur Selbstaufhebung der Künste. In der Konzept-Art zählte nur noch das unsichtbare Konzept, nicht die Realisierung, Beckett schrieb das Drama „Atem“, das nur einen im abgedunkelten Bühnenraum Atmenden vorführt, und John Cage schrieb „4’33“ für schweigendes Piano (bezeichnend, daß die Pop-Variante dieser Idee ganz explizit „Two Minutes Silence“ hieß auf der John-Lennon/Yoko-Ono-LP Unfinished Music No. 2, Komponisten des Schweigens sind laut Credit Lennon/Ono). Pop-Musik hatte mit diesem Dilemma nie viel zu tun, nur ein paar verirrte Geister meinen, daß die Beatles unsere Miniatur-Schönbergs seien oder huldigen dem trägen Götzen Zeitlosigkeit. Pop entwickelt sich nicht nach vorne. Es geht nicht voran. Es geht zur Seite, daneben. Stilblöcke, Spielweisen stehen allen zur Verfügung. Du stürzt dich mit allem Enthusiasmus auf sie, du landest neben deinen Vorbildern, und diese Differenz erzählt von der Wahrheit, Aktualität und Tiefe deiner Musik. Diese Differenz ist Stil, ist der neue Stil neben dem Vorbild-Stil. Im Vergleich mit Vega und den anderen Genannten ist Dave Edmunds wirklich nur stumpf. Und Velvet Underground war neben Beatnik-Big-City R&B und Mittagspause war neben Beat, und Fall neben Velvet und John Lee Hooker, und Klassenfeind neben den Cramps und Vanilla Fudge, die ihrerseits …
Kunst
Alan Vega ist tough. Er stammt aus den härteren Bereichen Brooklyns, schaffte irgendwann den Sprung nach Manhattan und ein leidliches Überleben in der Kunst-Parasiten-Szene. Er sah Zeiten der Obdachlosigkeit, der erzwungenen Kriminalität, und er redet den mit tausend „man’s“ und anderen Kürzeln durchsetzten New Yorker tough kid slang. Er kommt nach Manhattan und wird Künstler. Er bastelt seit den frühen Siebzigern Neon-Skulpturen. „Ich mache Kruzifixe“, sagt er. Die Materialien klaut er oder findet sie auf Baustellen.
Suicide
Ebenfalls Anfang der Siebziger lernt Alan den Musiker Martin Rev kennen. Der Rest ist Legende. Suicide wird gegründet: Das erste DAF-Soft-Cell-Ein-Sänger/Ein-Synthie-Duo der Geschichte. Ein Jahrzehnt des Kampfes gegen amerikanischen Rock’n’Roll beginnt. Keine Auftritte für Suicide. Ein paar Künstlertreffs haben vielleicht ein Herz, aber bis 77 läuft fast nichts. Dann die erste LP bei Marty Thaus Red-Star-Label. Jenes unsterbliche (ja das ist zeitlos, was superaktuell war!) Meisterwerk, die Verschmelzung aus herzerweichender Romantik, ungefilterter Toughness und Drogenwahnsinn mit den strengen Ideen des Synthi-Minimalismus. Die Plattenindustrie verschafft Suicide Auftritte, und die nehmen alles, was sie kriegen können. Die Desaster, die ihnen als Vorgruppe von den Clash, Elvis Costello und den Cars zustoßen, sind schon Bestandteil der Suicide-Legende. Blutige Nächte in Europa, Bierflaschenhagel in den USA: „Man hat uns einfach nicht verstanden. Wir waren unserer Zeit voraus.“
Hits
„Suicide hat ein zerstörerisches Image. Wir galten als aggressiv, schräg und unverkäuflich. Bei unserer zweiten LP hatten wir versucht, durch Namensänderung das Image abzubauen. Wir nannten uns Vega/Rev statt Suicide. Ric Ocasek von den Cars hatte unseren Sound ziemlich geglättet, aber es hat nichts genützt.“ Meinst du nicht, daß in der Zukunft eins der romantischen Suicide-Lieder nochmal ein Hit werden könnte? (Ich denke etwa an die göttlich-liebeskranke Maxi-Single „Dream, Baby, Dream“ oder an „Sweetheart“ von der zweiten LP). „Höchstens im Jahre 2023. Suicide-Songs werden nie Hits, das habe ich gelernt. Ich dachte zunächst auch, wir hätten Hit-Potential. Ich würde sogar sagen, wir haben eine Menge Hits geschrieben, aber es gibt da etwas, was uns daran hindert, in die Charts zu kommen.“
Soft Cell
„Ich bin übrigens froh, daß du mir nicht auch die Frage stellst, die mir hier in Europa noch jeder Interviewer gestellt hat. Ob ich nicht sauer sei, daß Soft Cell mit unserer Musik Erfolg hätte. Ob ich nicht sauer sei, daß sie bei uns geklaut hätten usw. Ich habe Richard Grabel vom NME erzählt, daß ich sie blöd fände, und dann waren sie in New York und kamen bei mir angeschissen: ‚Wäh, wäh, warum sagst du sowas Gemeines über uns. Wir haben immer so viel Gutes über Suicide gesagt, und du ziehst so über uns her, wäh, wäh!‘, – absolut lächerlich. Ich habe gar nichts dagegen, wenn man klaut. Wir haben auch geklaut, bei Velvet Underground und was weiß ich wo. Aber wir hatten eben auch das richtige Gefühl dafür. Wenn Martin ein Riff aus drei Tönen spielt, klingt es absolut anders, als wenn jemand anders dasselbe Riff spielen würde. Das ist das Problem mit Soft Cell. Sie sind nicht gut. Andererseits … so schlimm sind sie auch nicht, und ich habe keine Lust, immer gegen sie zu hetzen.“
Solo
„Suicides Vertrag bei ZE war ausgelaufen. Aber ich hatte noch einen kleinen Zeh in der Tür. Den nutzte ich für meine erste Solo-LP, ein superbilliges Produkt. Es war gar nicht so sehr meine Absicht, Rock’n’Roll zu machen. Ich machte die minimalistischen Sachen weiter, die ich auch bei Suicide gemacht hätte, nur daß Martin diesen Stil langsam satt hatte. Phil Hawk war der richtige Mann, mich zu begleiten“.
Drogen
Die zweite Seite der göttlichen Alan-Vega-Solo-LP beginnt mit dem Song „Speedway“: „Speedway / oh speedway / gasoline / oh cocaine“ Alan knüllt eine Dollar-Note: „Die meisten Musiker haben kein Arbeits-Ethos, keine Disziplin. Mir ging es sehr schlecht, und ich habe sehr viel durchgemacht, aber ich wußte immer, wer ich bin und was ich zu tun habe. Ich bin ein Künstler und habe daran zu arbeiten. Du darfst nicht in Begriffen wie Karriere denken, du mußt wissen, was du zu tun hast. Deswegen gehen so viele Musiker zu Grunde. Sie verlieren den Boden unter den Füßen. Kommen mit den Drogen nicht zurecht. Sie wissen nicht mehr selber, was ihre Stärke ist, sondern müssen es sich von anderen sagen lassen.“ Später: „Wir waren diese ganze Suicide-Tour, die ganzen dreißig Tage über auf Trip. Es war irrsinnig. Mann, das waren Zeiten!“
Kollisionskurs
„Minimalismus ist nichts Neues. Und schon gar nicht das Eigentum der Kunstszene. Hör dir die Sun Sessions mit Elvis an! Das ist Minimalismus. Das entspricht vollkommen der Idee, die ich davon habe. Man läßt das Unwesentliche weg und konzentriert sich auf das Wichtige.“ Alan Vegas zweite Solo-LP ist von einer anderen Schönheit als die erste und sämtliche Suicide-Werke. Die weiträumigen, stimmlichen Ausschweifungen, die großen Gefühle, großen Gesten, die bizarr schillernden, drogengetränkten Flächen weichen der konzentrierten, realistischen Hetze eines modernen 50er-Rock’n’Roll. „Die Rock’n’Roll-Idee nahm Formen an, als ich eine Band zusammen hatte. Natürlich war die erste Platte von mir wieder ein Flop. Dann kam die große Überraschung. Ausgerechnet in Frankreich war ‚Jukebox Baby‘ ein großer Hit geworden. Die dortige ZE-Vertriebsfirma Celluloid nahm mich direkt unter Vertrag und ermöglichte mir die Aufnahmen von Collision Drive. Ein lustiges Völkchen ist das bei Celluloid. Da gibt’s zum Beispiel diesen Jacno. Ein toller Hit-Komponist, aber noch sehr jung. Er ist der typische, genießerische französische Lebemann. Er nimmt, was er kriegen kann. Eines Tages saß ich mit ihm und seiner Freundin Elli Medeiros, eine tolle Sängerin, in einem Café. Da kommt ein Mädchen und will ein Autogramm von ihm. Und was tut er? Er zieht eine riesige Luger und hält sie ihr an die Nase. Mir blieb der Atem stehen. Von ihm hätte ich das am wenigsten erwartet.“
New York
Vegas Musik handelt in Varianten vom Ausbruch, von der individuellen Reise. Die amerikanische Rock-Mythologie zapft er um „Outlaws“, „Ghost Rider“, „Jukeboxes“, „Speedways“ und „Cowboys“ an. Vegas New-York-Rockabilly klatscht aber wie ein Flummi an die Häuserfronten, die dem „Motorcycle Hero“ die freie Sicht versperren. Vegas Reisen und Jagden, Kämpfe und „Rock’n’Roll rebels in a lonely town“ sind unwirkliche, schattenhafte Ereignisse, auf Hinterhöfe projizierte Fantasien, das pochende Delirium amerikanischer Identitätssuche. Der Moment des Todes, da sich noch einmal die Lebensgeschichte vor dem sterbenden Auge abspielt, ist für die US-Kultur eingetreten.
Und gleichzeitig gibt dieser Sterbensmoment Kraft. Wenn mit dem Tod der US-Kultur all ihre Wesen noch einmal aufleben, dann verwandeln sie sich plötzlich in Waffen, in todsichere Formen, hinter denen man sich verbergen und überleben kann: „Rebel Rocker“.
„New York und die ganze Musik-Szene scheinen mir total am Ende zu sein. Ich sehe eigentlich niemanden, der es jetzt schaffen kann, etwas Wichtiges zu leisten. Wenn einer gut ist, dann ist es James White. Er muß nur endlich von der Droge herunterkommen und er muß mit diesem albernen Funk aufhören. Aber er weiß, was er will. Er ist hart gegen sich selbst und ein besessener Arbeiter. Er kann es schaffen. Aber es ist wie mit meinem besten Freund, Johnny Thunders, er muß sich endlich vom Heroin trennen. Sonst schafft er nichts mehr.“ dB’s? Raybeats? Fleshtones? „Die Fleshtones waren ja eigentlich meine Entdeckung. Ich habe sie am Anfang sehr gefördert. Es ist seltsam. Damals waren sie sehr gut. Heute ist es so, daß sie Tage haben, an denen sie noch absolut brillant sind und andere, wo du einschläfst. Aber selbst, wenn ich sie für ’ne große Gruppe halten würde: Werden die Fleshtones je die Welt verändern?“
Politik
Wird Musik überhaupt je die Welt verändern?
„Früher zumindest gab es so ein Phänomen, daß Musik Wirkung auf politische Bewegungen hatte. Heute ist das ein für alle Mal vorbei. Musik wird diese Aufgabe nie wieder übernehmen können. Etwas völlig Neues wird kommen. Ich weiß nicht was. Vielleicht gibt es ja endlich wieder gute Schreiber, das wäre ja mal an der Zeit. Aber eigentlich glaube ich, daß wir sehr bald mit völlig neuen Künsten konfrontiert werden. Ich sage dir auch, wie unser neuer Präsident heißen wird: John Glenn. John Glenn war der erste Amerikaner im All. Er ist vor kurzem Gouverneur von Ohio geworden, und die Ergebnisse von Ohio haben immer eine gewisse repräsentative Bedeutung. Glenn ist der erste Demokrat, der da seit langem gewählt wurde. Und er ist ein linker Demokrat. Obwohl man eigentlich nicht links sagen kann, denn er hat eigentlich einen völlig neuen Blick auf die Dinge. Eben von oben (ha!ha!).“
Viet Vet
„Viet Vet“, 12:45 (Alan Vega)
„Ja, ich war in Vietnam. Trotzdem handelt das Stück nicht von mir. Bin ich verstümmelt?“
„Von allen Vietnam-Filmen kommt Deer Hunter der Sache noch am nächsten. Kein Vietnam-Film ist gut, aber De Niro bringt etwas von unserem Lebensgefühl ’rüber. Apocalypse Now ist dagegen der größte Haufen Scheiße, den es überhaupt gibt. Ich hasse diesen Kerl, diesen wie-heißt-er-noch? … ah ja, Coppola. Ein ekelhafter Kerl, voller Scheiße. Und dann hat er sich noch alle Ideen von den Doors geholt. Der Film ist ‚The End‘ von den Doors. Alles, was er darüber hinaus ist, ist Scheiße.“
Iggy Pop
Vegas vehementes Benehmen, seine direkten Äußerungen, seine gedrechselten Slang-Metaphern – das erinnert alles an Iggy Pop. Sein Bühnenauftreten als todesmutiger Märtyrer, totaler Schauspieler wird schon seit Unzeiten mit Iggy verglichen: „Klar, Iggy war der zweite große Einfluß, und ich habe bei ihm reichlich geklaut. Er ist der beste Entertainer. Aber dann, so ab 71, passierte ihm das, was ich vorhin beschrieb. Er verlor sich, die Kontrolle, er verlor den Kontakt zur Erde. Heute spinnt er. Ich meine, er bleibt ein großer Sänger, der vielleicht beste, weiße Blues-Sänger, alles, was er singt, klingt irgendwie gut. Aber was er so verbreitet, sein Pro-Reagan-Engagement zum Beispiel, all diese Kopf-Spielereien, das ist einfach lächerlich. Er spielt irgendwie ’rum und hat die Ergebnisse nicht unter Kontrolle. (mit singender Stimme) Zu viielee Drohgehn!“
Zukunft
„Wir waren jetzt mit den Pretenders auf Tour. Wir sind noch mehr ausgebuht worden als zu Suicide-Zeiten. Trotzdem war es gut. Irgendwo in diesen Stadien sind immer ein paar Kids, die uns mögen, die gern was Neues kennenlernen. Im Mai kommt die Europa-Tour, unter anderem bei euch. Ob es ein neues Suicide-Album geben wird, weiß ich nicht. Wenn einer uns ein Angebot macht …“
Wir schrieben mal in unserem Blatt, es solle den Arbeitstitel Trance tragen.
„Trance? Nie gehört. Ist aber ein guter Titel. Werden wir verwenden.“
Discographie
Suicide (Red Star/Ariola), vergriffen / Alan Vega / Martin Rev – Suicide (Island/Ariola) / Suicide (Red Star, Compilation aus der ersten LP und auf dem Live At Max’s Kansas City veröffentlichten Aufnahmen) / Suicide – Half Alive (Reach Out International-Cassette mit frühen und Live-Aufnahmen. Vega: „Ich mag nur eine Seite: nämlich die, die alle nicht mögen. Die, die alle mögen, hasse ich.“) / Alan Vega & Fleshtones – Rocket U.S.A., auf Blast Off!, noch ’ne ROIR-Cassette / Alan Vega (Ze/Celluloid/Ariola) / Alan Vega – Collision Drive (Celluloid/Ariola)
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Freiwillige Selbstkontrolle
Laxheit, Laissez Faire, im Takt den Oberkörper bewegen, statt das Gehirn – Auseinandersetzung ist der Jugend mal wieder ein Fremdwort. Zwar hat sich mancherorts die Mittsiebziger-Tendenz zur allgemeinen Verbrüderung unter der großen, weichen Schmusedecke der Subkultur zugunsten von ein wenig mehr vernünftiger Arroganz gelegt. Doch in den Sekten, Szenen und Sub-Szenen herrscht nach wie vor die stumpfe Selbstbestätigung, die Perpetuierung gedankenfeindlicher Feeling-Ideologien.
Die Gruppe Freiwillige Selbstkontrolle aus München ist gegen Verbrüderung, sie sind für Auseinandersetzung, für Standpunkte. Und dennoch wirst du es in Diskussionen mit ihnen schwer haben; denn als gewiefte Kybernetiker ist Verwirrung eines ihrer Steckenpferde, und sie können es summen lassen in deinem eindimensional geschalteten Kopf. „Manchmal werden wir für Faschisten gehalten, aber genauso oft für DKPler“, sagt Thomas Meinecke, Exil-Hamburger und redseligstes Bandmitglied. Da der bewußte Einsatz von Schlagworten, oft in fremder Umgebung, zum Konzept gehört, passiert es der Gruppe hin und wieder, daß sie Beifall erhalten, von mißverstehenden Zuschauern, die Minuten später, im günstigen Fall, erkennen, daß da nicht ihre Freunde auf der Bühne stehen. Da gibt es rechtsradikale Skinheads, die glauben, in FSKs Hippie-Haß und gekonnter Kurzschließung vulgärlinker und alternativer Theoreme einen Bündnispartner gefunden zu haben, um sich dann in erkennenden Momenten erschrocken abzuwenden: „In München gibt es einen FSK-Haß-Klub, das sind echte Neo-Nazis, die erst meinten, wir seien auf ihrer Seite, um dann noch viel enttäuschter zu reagieren.“
Beim Hamburger Konzert verwunderte das New-Wave-Hippie-Publikum – eine Soße, die fast so unerträglich geworden ist wie die schlimmsten Hippie-Vereinigungen – vor allem die Musik oder Nicht-Musik des FSK. Beim FSK gibt es weder eindeutige Signale für Stimmung, Tanz oder Rock’n’Roll, noch irgendwelche Anhaltspunkte, daß dort avantgardistische Absichten gehegt würden. Mal tönt es zurückhaltend-liedhaft aus vier Kehlen, mal riskiert man etwas Lärm, nie gibt es ein reguläres Schlagzeug, das Kernstück aller alternativen Mythen von Echtheit und Naturverbundenheit, sondern eine trocken pluckernde Rhythmusmaschine, die andrerseits auch nicht new-wavig als überstarkes Zeichen für die sattsam bekannte „Wir leben im Zeitalter der Mikroprozessoren“-Mentalität eingesetzt wird. FSK schaffen es auf eigentümliche Weise, weder hübsch (melodiös) noch häßlich (atonal, lärmig), weder natürlich (Rock, Schweiß, weggelaufene Frauen) noch demonstrativ artifiziell (Synthi/Rhythmbox/Beschwörung von Modernismen). Hat FSK eigentlich Spaß an den wirklich hübschen Melodien, die manchmal vorkommen, oder begreifen sie das nur als Konstrukt, ausgesuchtes Zeichen, zu dem keine innere Beziehung besteht? „Beides“, rufen Michaela Melián, Justin Hoffmann, Wilfried Petzi und Thomas Meinecke wie in einem Chor: „Das Schöne ist ja auch gerade immer häßlich. Bei ‚Deutschland über alles‘ ist es eher so, daß mir das Spielen vom zweiten Teil (den lärmigen Improvisationen) Spaß macht. Aber natürlich schafft sich bei uns keiner. Wir drücken uns ja nicht durch Musik aus, wir werden nicht identisch mit der Musik.“ Dadurch, daß viele von FSK ursprünglich noch in einem anderen Sinn gebrauchte, inzwischen popularisierte Schlagwörter, Erkennungszeichen der sog. neudeuWe geworden sind, wie ‚Deutschland‘, ‚Untergang‘ oder die DDR-Mythologie, stellt sich mir die Frage, ob FSK nicht oft völlig entgegen ihren Ideen eingeordnet und mißverstanden wird. Ja, das ist immer das Problem, daß man die Texte nicht versteht … Heute würden wir solche Sachen auch nicht mehr machen, so was wie ‚Deutschland über alles‘. Da gibt es jetzt eben schon Fehlfarben oder DAF, die das verwenden oder Abwärts, Stalingrad. Damit wollen wir nichts zu tun haben.“
FSK haben mit dem Berliner Untergangs-Untergrund nämlich nichts am Hut und grenzen sich auch hiervon in einem ihrer kämpferischen Paper entschieden ab. Die vier Mitglieder von FSK waren ursprünglich (und sind noch) an der Produktion einer Zeitschrift namens Mode & Verzweiflung beteiligt, in deren 79er-Ausgabe man bereits wesentliche Manifeste der FSK-Haltung finden konnte. Die Idee, Musik zu machen, stellte sich unabhängig von der frühen NdW-Aufbruchsstimmung ein: „Wir haben dann einfach mal dem Alfred ein Band geschickt.“ Und der war auch erstmal begeistert. Das zu Hause auf vier Spuren aufgenommene Werk wurde direkt gepreßt, die erste FSK-EP erschien Anfang 1980 bei ZickZack. Der Klassiker „Moderne Welt“, eine ebenso rührende wie distanzierte Affirmationshymne zu lieblichen Velvet-Underground-„Candy Says“-Klängen, bleibt bis heute neben „Zurück zum Beton“ und „Was heute zählt ist Sauberkeit“ eines der definitiven Statements post-linker und post-alternativer deutscher Jugendkultur (wenn es so etwas gibt … wir wollen schließlich keine neue Suppe anrühren).
FSK – laßt euch nichts erzählen, sie sind nicht eure Brüder, ich auch nicht – beruht auf Wechseln der Position, die euch klang-fixierte Musik-Konsumenten in heillose Verwirrung stürzen werden. Thomas: „Ich bin an Aufklärung wieder interessiert, ich finde das wieder gut, auch im klassischen Sinne. Nachdem jetzt überall dieser Irrationalismus wieder grassiert …“ Justin: „Bei Atomkraftgegnern sind das doch meistens völlig emotionale Reaktionen.“ Diedrich: „Aber kein Mensch kann in die Zeit zurück, in der man Aufklärung noch gradlinig denken konnte, ohne ihre Dialektik. Bevor also Aufklärung zu der kritischen Vernunft degeneriert ist, mit der wir es heute in der BRD zu tun haben.“ Thomas: „Du meinst Böll und Lenz, Problembewußtsein und so. Das finden wir natürlich widerlich, das ist doch klar.“ Justin: „Aber gerade, wo alle wieder von Hexen reden und auf Mittelalter machen. Da kann man doch wieder von Aufklärung sprechen.“
Nachdem FSK für ZickZack eine zweite EP aufnahm, an der besonders der Song „Tagesschau“ angenehm auffällt, entstand die erste LP Stürmer, die ich schon vor einiger Zeit zu rezensieren die Ehre hatte: eine sehr kurzweilige, musikalisch unterstützte Ansammlung von Statements und Manifesten. Das, was der durchschnittliche NDW-Hörer bei FSK mitbekam, war ein vager Eindruck, daß die Gruppe, aufgrund ihrer abstrakt und aggressiv verfaßten Slogans („Geh doch nach Indien“), irgendwie eine politische Gruppe sein müßte: „Das ist verrückt. In München haben wir zum Beispiel auch das Image einer total unpolitischen Gruppe, weil wir nirgendwo mitmachen, uns aus allem raushalten. Da wirft man uns direkt Politik-Verweigerung vor. Wohl auch, weil wir nicht mit einer Ideologie ankommen, sondern eher kybernetisch, mal hier, mal dort Stellung beziehen. Trotzdem haben wir dieses Image einer Polit-Gruppe gekriegt. Dabei geht die Hälfte der Lieder über Liebe.“ Wilfried: „Wir haben halt so als ‚politisch‘ empfundene Reize. Wörter wie ‚Deutschland‘ oder unser Auftreten in Uniformen.“
„Wir sehen eben diese ganze Untergangs-Geschichte als reine Hippie-Sache. Nicht, weil wir was gegen Berlin haben. In München gibt es auch diese ganzen Anarcho-Punks, die unheimlich viel Shit rauchen, und diese neuen Indianer sind für uns schon der Hauptfeind. Obwohl das auch langsam langweilig wird. Die Leute, die wir vor einem Jahr noch reizen konnten, die schimpfen heute auch auf die neuen Hippies. Da sind uns dann Skinheads schon lieber.“
„Als wir bei dieser Fernsehdiskussion gespielt haben, da waren auch der Langhans und der Kunzelmann. Und die fanden uns auch gut. Da dachte ich, das kann doch nicht sein. Da funktioniert doch irgendetwas nicht.“ Was findet ihr denn schlimmer, daß euch Langhans mag oder daß euch Kunzelmann mag? „Na, Langhans natürlich. Der Kunzelmann gehört ja schon zu den härteren, klareren Denkern. (…) Aber später fand ich das dann gar nicht mehr so schlimm. Da dachte ich dann, daß wir so zu einer Band werden könnten, die sich allgemein an die Intelligenz wendet. Egal, wie die nun aussieht.“
Eine Band für die deutsche Intelligenz. Das wäre doch was.