Autor: admin

  • Jahrescharts

    LPs

    1. SWA – Winter
    2. Nomeansno – Wrong
    3. Neil Young – Freedom
    4. Dennis Brown/Gregory Isaacs – No Contest
    5. Boogie Down Productions – Ghetto Music: The Blueprint Of HipHop
    6. Slovenly – We Shoot For The Moon
    7. 24-7-Spyz – Harder Than You
    8. John Cale – Words For The Dying
    9. Kolossale Jugend – Heile Heile Boches
    10. Victims Family – Things I Hate To Admit
    11. The Cocoon – While The Recording Engineer Sleeps
    12. Autopsy – Severe Survival
    13. Gang Starr – No More Mr. Nice Guy
    14. A Guy Called Gerald – Hot Lemonade
    15. Morbid Angel – Altars Of Madness

    Singles

    1. Neil Young – (Keep On) Rockin’ In The Free World
    2. Public Enemy – Fight The Power
    3. Napalm Death / Electro Hippies – Suffer / Mega Armageddon Death Part 3
    4. Mudhoney / Sonic Youth – Halloween / Touch Me …
    5. Soundgarden – Flower
    6. NWA – Gangsta Gangsta
    7. De La Soul – Me, Myself And I
    8. Queen Latifah – Princess Of The Posse
    9. Carcass – Peel Sessions
    10. Unseen Terror – Peel Sessions
    11. The Cult – Edie
    12. Brosch – Heya!
    13. Killdozer – For Ladies Only
    14. Lard – The Power Of Lard
    15. Black Radical Mk. 2 – Monsoon
  • Earache / Peaceville – Labelportraits

    UK Hardcore / Death Metal – neue musik

    Mit jeweils circa zwanzig Veröffentlichungen haben die beiden britischen Hardcore-Label Peaceville und Earache innerhalb der letzten zwei Jahre eine neue Musik bekannt gemacht und durchgesetzt: zwischen dem extrem schnellen, kreischenden britischen Grindcore mit seinem überkorrekten, anarcho-vegetarischen Bewußtsein und den tiefen, schweren Sounds des satanistischen oder splattersüchtigen Death Metal aus den USA. Mit allen Paradoxa und Widersprüchen, durch die Hardcore wie Underground-Metal sich gegenseitig anziehen wie abstoßen.

    Dig, Martin und Hammy haben als Labelmacher, Produzenten und Musiker zwischen den Stühlen gesessen und große Erfolge erzielt. Und stehen zwischen Innovationslob, Ausverkaufsvorwurf und dem nächsten neuen Ding.

    „It’s a peaceful lifestyle, and that’s why it’s a violent music.“

    Cecil Polanski a.k.a. Hammy

    „Die neue Death-Metal-Szene ist heute so wie die Hardcore-Szene vor zwei, drei Jahren war: Demos, Austausch, Bands, die sich schnell gründen und wieder auflösen und Mitglieder austauschen, alles ist sehr lebendig und sehr stark noch Underground und sehr unschuldig, ziemlich antikapitalistisch.”

    Dig Pearson

    „If I hear another moronic metal band sing sexist, macho, or satanic related bullshit, I’ll throw up. Isn’t the heavy metal attitude pathetic? It blindly promotes the image of men as tough guys – primitive warriors who follow their aggressive instincts. Qualities such as intelligence, compassion, or sincerity are treated with scorn by these arseholes – afraid to show their inner feelings and break their hard images. Women are treated like objects who must dress up right to impress their men … Just look at cretins like Slayer, Onslaught, Bathory …”

    Active Minds – „I’m Sick Of It“,
    LP:
    Welcome To The Slaughterhouse,
    Loony Tunes Records/RTD

    Die Begeisterung von politischen HC-Aktivisten nicht nur für die musikalische Seite von Death Metal, etwa die extremen Schlachter- und Verstümmel-Lyrics und -Cover, sind für mich nur eine Erweiterung genau der musikalischen Funktion von Hardcore: Reinigung, protestantisch-masochistisch-lustvolle Selbstbestrafung, Flagellantentum – die Haltung von Pilgervätern und Hutterern der Scene, die sich mit aller exorzistischer Kraft in das vermeintlich Böseste, Brutalste stürzen, alle satanischen Versuchungen sich vorstellen (auch um die Kraft von Novizen und Kandidaten mutprobenmäßig zu testen), um sich anschließend wirklich wirksam von ihnen lösen zu können und peaceful vegetarisch mit ihrer Frau zu schlafen … oder aber: vielleicht ist U.K.-Hardcore auch nur evangelische Angst vor Sex? Das wäre sicher nicht das uninteressanteste und unberechtigtste Problem. Man kann davon ausgehen, daß heutzutage Tausende und Abermillionen Jugendliche genau die delikaten und verzehrenden Probleme mit ihren Körpern und deren natürlichen Sehnsüchten und künstlichen Begierden haben wie vor zweihundert Jahren ein, zwei französische Adelige pro Dekade.

    aus: Hammer Hammersen: Hardcore – Artcore – Schwartcore, stw 666

    Anarcho vs. Splatter

    Dig und Hammy haben eine Menge gemeinsam. Zum Beispiel könnte man fast sagen, daß sie einer neuen Musik zu Leben und Durchbruch verholfen haben. Sie gehören zu den Frontleuten einer neuen, zeitgemäßen populären Musik, einer Verbindung aus der proletarischen, oft hoffnungslosen, eskapistischen und zuweilen reaktionären Erfahrung des Metals und dessen Radikalisierung im Laufe der letzten Jahre mit der kleinbürgerlichen, ökologischen, feministischen, linken Erfahrung des fortgeschrittensten, britischen Hardcore anarcho-vegetarischer Prägung in der siebten bis neunten Generation. In den letzten zwei Jahren haben Digs Label Earache und Hammys Peaceville zusammen mit anderen, wie Manic Ears Records, Meantime, First Strike, auf britischem Boden eine neue Musikmischung, die sich an allen Ecken und Enden der Welt abzeichnete, zu prägnanter, medienwirksamer Konturiertheit gebracht.

    Und sie haben sogar Platten verkauft dabei, Dig mit den Novelty-Sounds von Napalm Death, Carcass, Unseen Terror, Heresy und Bolt Thrower, Hammy vor allem von den Electro Hippies, Doom. Beide in letzter Zeit mit den neu formierten Resten oder Nachfolgern und Kindern der Death-Metal-Bands, die auch ihre Acts vor drei Jahren nachhaltig beeinflußt hatten, ohne richtig bekannt zu werden.

    Metal und Punk – das ist ein Problem, eine Geschichte, eine Herausforderung, die fast das ganze letzte Jahrzehnt geprägt hat. Immer wieder gab es, von Motörhead bis Black Flag, von Chaos UK bis Concrete Sox, Annäherungen, Crossovers, gemeinsam gegangene Passagen eines Weges im Musikalischen wie im Inhaltlichen, im Sozialen wie im Politischen, wie es häufiger Entfernungen und Unvereinbarkeiten gab. Wichtige musikalische Wegbereiter einer Begegnung wie D.R.I. oder M.O.D oder Suicidal Tendencies gelten den Hardlinern im Core-Lager – zum Teil aus bekannten inhaltlich-politischen Gründen nicht ganz zu Unrecht – heute als die mittlerweile unannehmbarsten Verräter. In den USA ist das Ganze kaum noch ein Thema, da in fast allen HC- oder Post-HC-Spielarten mittlerweile problemlos Metal-Einflüsse aller Art ebenso unbeschwert Hallo! sagen wie Free Jazz oder Gang Of Four. Aber das sind die USA mit ihren lokalen Scenes und deren kreativen Freiheiten und beschränktem Wirkungskreis. In UK dagegen benehmen sich auch noch die Abgrenzungsprobleme der dissidentesten unter den dissidenten Subkulturen wie staatswichtige Affären (und sie verfügen von allen Musik-Scenes immer noch über den kürzesten Weg zu einer echten nationalen Bedeutung: er ist gepflastert mit nur ein paar Weeklies und John Peel). Interessanterweise sind gerade die neueren Entwicklungen, die Radikalisierungen im Metal oft von Bands mit den dubiosesten Ideen/Images/Texten vorgenommen worden. Gerade die haben Punk musikalisch am meisten interessiert, die ihm scheinbar inhaltlich am entfernsten waren. Hier wäre ein Zusammenhang über Radikalität an sich herzustellen, die, egal in welchem Rahmen, eben immer extra magnetische Kräfte entwickelt und, ob sie nun formal oder inhaltlich auftritt, die gleiche Revolte zum Ausdruck bringt (ein Zusammenhang, der sich von Free Jazz bis Hip-Hop immer wieder leicht belegen läßt und von der immer noch wirkenden, lukacsistischen Linken hartnäckig bestritten wird). Eine Revolte, deren Gemeinsames das Verhältnis zum Körper ist, wie er sich in der Musik, in Konzertritualen, auf Covern und in Lyrics eindeutig zeigt: maximale Erschütterung, Krise, Austoben, bis ins innerste Innere, in die Organe. Erst Speed- und Death-Metaller wie Slayer und andere Vertreter allerblutigster, unvegetarischer Inhalte und oft völlig irrationaler Positionen schafften es nämlich, für die Kinder aus dem Indie-Lager mit ihrer Gier nach musikalischen Extremen aus eigener Kraft interessant zu werden, auch wenn deren aufgeklärtes Anarcho-Veg-Bewußtsein nun Schwierigkeiten bekam, mit „Auschwitz, the meaning of pain …“. Zerstückelte Leichenteile als Kick und politische Empörung über Schlachthof-Zustände und Holocausts – nur zwei Seiten desselben, musikalisch eindeutigen Körpergefühls?

    Von Anbeginn aller Punk-Tage war Metal auch sowas wie ein natürlicher Feind. Was hatte dieser neue, extrem realistische Punk-Rock mit jenem eskapistischen, sexistischen Fantasy-Dreck zu schaffen? Mehr als alle Beteiligten dachten, wie die nächsten zehn, fünfzehn Jahre zeigen sollten. Die Welt fügt sich nicht völlig den Erkenntnissen durchaus bewundernswerter, aber auch nur beschränkter, rigider, kleinbürgerlicher Moralistik. Ebensowenig wären deren Erfolge auf ihrem Gebiet aufzugeben (gute, erkämpfte Rigidität gegen vernebelndes, bürgerliches Verständnis eintauschen). Vor allem ist aber der soziale Graben zwischen HC (und seiner Verankerung in der alternativen Indie-Welt) und Metal (und seiner Verankerung in einer Working-Class-Reality) immer noch am tiefsten. Punk, HC oder auch das, was hier behandelt und neuerdings Grindcore genannt wird und um sogenannte schnellste Bands der Welt entstanden ist, gehört nach wie vor zur großen, bunten abgerüsteten Indiepeace-Welt, wo coole Absolventen von Gymnasien die Welt nach ihren Vorstellungen einrichten und im politischsten Falle darauf bestehen müssen, daß die Coolness ihrer ewig verlängerten Kindheit, ihres ewigen Draußenseins – was ein echter Erfolg ist, nichts dagegen – nicht von irgendeinem uncoolen Erwachsenenalltag kaputt gemacht wird. Die Leute in dieser Welt geben sich offensiv politisch oder geschmackssicher und tun in ihrer ästhetischen Praxis etwas, das sie für Sich-der-Realität-Stellen halten (die definieren sie allerdings global, also eher nach Art der Overground-Medien als mikropolitisch, und von speziellen Lieblings-Issues geprägt, die direkt nichts mit ihren alltäglichen Existenzproblemen zu tun haben: Tierversuche, Umweltvernichtung, Diktatur der Bourgeoisie und des kriegstreiberischen Monopolkapitals). Metal-Fans – so progressiv auch immer sie sein mögen – kommen aus der anderen Welt: da wo man arbeiten muß, um sich Platten kaufen zu können, wo man Angst haben muß um seinen Arbeitsplatz, um den Bund nicht herumkommt und sich gerne in phantastische Welten flüchtet, ohne sich dafür anhören zu wollen oder zu müssen, man sei „Eskapist”.

    So wie es für bestimmte Metaller immer mal wieder cool war, Hardcore-T-Shirts zu tragen oder gar die Pistols zu covern, galt den Corelern das Interesse von Metallern an einer der ihren Gruppen immer als Zeichen für deren Ausverkauf (obwohl die semiotische Infrastruktur der HC-Szene sehr viel von Metal übernommen hat: Bedeutung von T-Shirt-Motiven, Logos, Logo-Gestaltern, Thanks-Listen etc.). Während die Rigidität und der Puritanismus, die die immer alkoholfreieren, immer vegetarischeren Hardcore-Zirkel Englands und großer Teile vor allem des Ostens der USA in der zweiten Hälfte der 80er zunehmend dominierten, und natürlich die Inhalte von Metal – sofern sie im gleichen Maße wie die Musik interessanter sexistischer und fleischfresserisch fantastischer, faschistischer und satanischer wurden – ablehnen mußte, begann sich HC gleichwohl im Verlauf seiner vor allem in England stattfindenden musikalischen Zuspitzung in dieselbe Richtung zu entwickeln wie ein großer Teil der meistens amerikanischen Speedmetal-Musik und bezeichnenderweise auch in Richtung Death Metal. Dabei blieben die Texte in dieser Entwicklung der Coreler weiterhin strictly anarcho-veg, wie der Engländer sagt, während den Metaller vor allem nach wie vor Höllengerichte und Blutorgien heimsuchen, ganz besonders besagte mit Pentagrammen und Leichenteilen geschmückten Satanisten und Death-Metaller. Die ersten Coreler, die sich zu (grotesk gesteigerten) Eingeweide-Verstümmelungen durchringen konnten, waren die von Napalm Death’ Bill Steer geführten Carcass; die ersten aus der – mehr oder weniger – Death-Metal-Szene kommenden, die sich öko-anarchopolitisch äußerten, waren die amerikanischen Napalm-Death-Fans Terrorizer. Bezeichnenderweise eröffnete Earache den Reigen seiner Veröffentlichungen mit einer LP der amerikanischen Accüsed, einer linken kalifornischen Core/Speedmetal-Band, die gleichzeitig Splatter-Texte macht. Um dies mit ihrer politischen Haltung vereinbaren zu können, hatten sie den Charakter Martha Splatterhead erfunden, eine Figur, die als Rächerin der Räumungsgeklagten und Vergewaltigten durch die Lande zieht und auf splatterige, grausame Weise Rache nimmt, was einerseits die Möglichkeit gibt, Splatterszenen zu beschreiben, andrerseits den politisch korrekten Standpunkt einzunehmen. Napalm Death waren nicht nur die schnellsten – auch wenn inzwischen nicht nur Carcass ihnen dabei Konkurrenz macht –, sie haben auch erfolgreich Symbole der Death-Metaller und das unversöhnlichste soziale AntiSchweine-Engagement miteinander verknüpft. An diesem Punkt frage ich Digby Pearson, Gründer des Earache-Labels, wie es weitergehen soll. Sowohl Earache als auch Peaceville, wirft die eingeschworene HC-Szene einen Ausverkauf in Richtung Metal vor?

    „Alle sagen, ich würde jetzt Metal machen. Hör dir dagegen die erste Seite der ersten Napalm Death an: das ist purer Metal, keine andere Earache-Veröffentlichung war so Metal wie das. Im Moment scheint einfach mehr zu passieren, in einer gewissen Metal-Szene, das siehst du auch an seinen Veröffentlichungen (zeigt auf Hammy).“

    „Klar, Toranaga, Tallion, Autopsy – aber das wichtigste ist, daß sie gute Bands sind“, sagt Hammy in seinem charmanten Yorkshire-Akzent.

    Wenn Dig wirklich wie der progressive Mosher wirkt und sein Earache-Kompagnon Martin, der früher bei den legendären Ron Johnson Records und danach bei dem Spex-Lesern bekannten Richard Jordan und dessen Fundamental-Label in den USA, also bei Indie-Labels im weitesten Sinne gearbeitet hat, wie der independent Hip-Hop-Sympathisant, dann ist Hammy am ehesten der typische, langhaarige Sohn der britischen Hardcore-Vegetarier-Hippie-Punk-Szene. Er, der stolz darauf ist, am Tage geboren zu sein als Winston Churchill starb – „ein großer Führer tritt ab, ein Nachfolger wird im selben Moment geboren“ – beginnt als Musiker bei den Instigators, einer der dauerhaftesten englischen Hardcore-Bands, die sich zwar nie musikalisch sonderlich aufregend in die eine oder andere Extremrichtung entwickelt hatten, aber nicht nur inhaltlich ein äußerst solides und umfangreiches Werk klassisch sägenden, mittelschnellen Hardcores, unzähliger Interviews und Touren – die Abschiedstour findet gerade statt – hinterlassen, wovon zwei LPs jetzt gekoppelt als CD bei Peaceville erscheinen. Bald verläßt er die Instigators, um bei Sore Throat als Drummer einzusteigen, einem der kompliziertesten Fälle der britischen Core-Szene, auf die wir noch zu sprechen kommen werden, und bei denen er heute noch spielt, und singt zwischendurch bei Civilised Society?, eine der ersten britischen Anarcho-HC-Bands, die sich für Metal begeistern und darunter in ihrer Szene und in ihrer Zeit vor gut zwei Jahren zu leiden hatten und sogar Dub-Versionen von ihren Stücken kursieren ließen. Ähnliches gilt etwa für Concrete Sox, die auch schon damals musikalisch etwa von Metallica beeinflußt, textlich in bester oder verbesserter CrAss-Linie standen.

    Nun Hammy, aber das sagt jeder, daß es ihm nur um gute Musik gehe.

    „Aber wir sind keineswegs ein reines Hardcore-Label, nie gewesen, noch ein Metal-Label. Letztendlich glaube ich daran, daß die Haltung einer guten Musik die Musik selbst überstrahlt. Vegetarianismus zum Beispiel, das erreicht eine Menge Leute, die mit der Hardcore-Szene überhaupt nichts am Hut haben.“

    Dig: „Was Earache betrifft, kann ich sagen, daß ich einfach die drängendste, intensivste, dichteste Musik suche. Vor zwei Jahren war das Heresy, die aufregendste Band der Welt. Heute finde ich das, was ich suche, nicht mehr in dem Maße beim Hardcore, heute sind für mich Death-Metal-Bands das Aufregendste, Bands wie Morbid Angel.“

    Martin: „Wir haben noch vorhin im Auto darüber geredet: Death Metal ist eigentlich kein Metal im engeren Sinne, das ist eine da herausgewachsene eigene und sehr neuartige Musik.“

    Death vs. Vernunft

    Death Metal ist ein Begriff, den es schon eine Weile gibt. Ein kleiner, aber begeisterter Kult um die frühen Demos von Bands wie Death und anderen Amerikanern. Verwandtschaften mit von Vokabeln wie Doom Metal oder Black Metal Bezeichnetem, Hellhammer und die daraus hervorgegangenen, aus allen Rahmen fallenden Celtic Frost, Possessed, aber auch Slayer wurden mit diesem Begriff schon bezeichnet. Musikalische Kennzeichen sind eher tief runtergestimmte Instrumente, tiefe, harte und „brutale“ volle Produktion, insofern das Gegenteil von dem sägenden Ton vieler der avanciertesten GB-Hardcore-Produktionen. Textlich eine Welt aus Hellraiser– und Evil Dead-Inhaltsangaben, Satan, Dämonen, Augen im Unterholz, Verstümmelungen, Vergiftungen, Chirurgie, seltenen Krankheiten, Mumien und Zombies und präzise medizinische Details und Freude an Fachausdrücken, dazu das Pentagramm und die Number of the Beast – nichts von alledem ist für sich neu in der Metal-Welt, aber so wie es in den letzten Jahren auf eine bestimmte Spitze getrieben wurde, kann man schon von einem klar unterscheidbaren, faszinierenden neuen Stil sprechen, der mehr als fast alle anderen Metal-Stile zuvor Hardcore-Fans und -Musiker anzusprechen scheint. Death Metal kann durchaus Elemente von Mosh oder Thrash enthalten, aber darf darin nicht aufgehen, das Voluminöse, Kompakte unterscheidet es von den zum Flüchtigen neigenden Formen extremen Speeds, obwohl DM oft, wenn auch nicht so dauerhaft, dieselben Geschwindigkeiten erreicht: es ist dann, als würde diese Geschwindigkeit nicht von einem Porsche erreicht, sondern von einem Truck.

    Dig: „Das Wort ist schon eine Weile da, aber es bedeutete nie soviel wie jetzt, wo die ganzen Bands, die sich selbst noch vor kurzem Begriffe wie Grindcore ausgesucht haben, es verwenden. Ich finde, das ist immer das beste, wenn man Begriffe verwendet, die die Bands selber ausgesucht haben. Heute findest du überall da, wo diese extremste Musik gemacht wird, das Wort Death Metal.“

    Wie läßt sich das inhaltlich mit der Anarcho-Veg-Orientierung des britischen Core verbinden?

    Hammy: „Im Prinzip handeln Hardcore und DM-Texte von den gleichen Dingen, zum Beispiel von Todesangst. Nur daß Hardcore den Tod mit zum Beispiel Atombomben in Verbindung bringt, während Death Metal ihn auf die allgemeine Angst bezieht, seine Sinne nicht mehr zu haben, die Kontrolle zu verlieren, vom Bösen – was immer das sein mag – überwältigt zu werden. Natürlich bleibt da etwas wie eine Faszination, weil man ja das beschreibt, um davon loszukommen, aber grundsätzlich gilt, daß beide Sorten Texte von Angst handeln, von der ganz realen Angst, die die Leute haben. Allenfalls handelt Death Metal von diesen Dingen, um die Leute zu schockieren, aber doch nicht davon, sie zu glorifizieren.“

    Worüber ich mir nicht so völlig sicher wäre, denn welcher Death-Metal-Fan wird Death-Metal-Fan, um sich schockieren zu lassen, richtiger erschiene es mir, den Begriff der Glorifizierung von Splatter und grotesken Gewalt- und Todesvisionen einmal jenseits jener moralischen Idiotie, die sich ständig zur leichtesten, frömmsten unter den frommen Denkungsarten zwanghaft bekennen muß, einmal politisch zu denken. Auf die Frage, warum nunmehr seit gut zehn Jahren immer mehr politisch über jeden Korrektheitszweifel erhabene, wichtige und gute Leute sich für zunehmend krassere Formen von Death Metal im weitesten Sinne und in allen Medien zunehmend begeistern und zur adäquaten und unabhängigen Weltbewältigung erklären, eine politische Antwort geben, die die Krise jedes sinnvollen politischen Klartexts unter den Bedingungen der Informationsgesellschaft einbezieht.

    Und vor allem sich fragt, ob Leute, die gegen Herrschende kämpfen, heutzutage nicht völlig zu Recht und im Einklang mit allem, was wir sonst theoretisch wissen, auch einen Ort/Stil/Punkt brauchen, von wo aus sie die Herrschaft der Vernunft auf die krassest denkbare Weise attackieren können.

    Hammy: „Es geht wirklich um die Angst, niemand will sowas nachmachen, das ist lächerlich. Es ist der beste Weg, die Angst zu formulieren.“

    Dig: „Es ist vielleicht schwer das zu erklären, aber wir bringen jetzt zum Beispiel zwei Platten raus, eine von Morbid Angel, einer Death-Metal-Band im eigentlichen Sinne, und von Godflesh, die mit Drum-Computern arbeiten und sich eher wie Avantgarde anhören (und sich auf Dub, PIL, Jah Wobble und World Domination Enterprises beziehen – d. Verf.). Für mich ist das aber beides in einem Punkt das Gleiche: extreme und intensive Musik!“

    Beide Bands sind interessante Eckpunkte des Earache-Labels. Morbid Angel sind tatsächlich faszinierend und dürften leisten, diesen neuen Death Metal solchen Leuten nahezubringen, die sich aus musikalischen und weniger aus Kult-Gründen nach neuen Sachen umsehen. Eine unwahrscheinlich gebündelte, perfekte und minutiöse Prügelei über tiefe Register, die sich aber von Napalm-Death-Fan-Bands wie etwa Terrorizer unterscheiden, indem sie immer wieder ganz punktuell und gezielt knapp klassische Metal-Akkord-Schwelgerei einblenden, wie gesamplet. Godflesh stehen dagegen für die Head-Of-David-Roots, aus denen Napalm Death – als die bekannteste Earache-Band – ebenso hervorgegangen sind, wie aus einer Liebe für die Kult-Band Death aus Florida (wo auch Morbid Angel herkommen und was für die sonst eher antiamerikanische UK-HC-Szene auch nicht gerade der allercoolste Ort ist) und einem kompromißlosen Anarcho/Öko-Engagement. Justin Broadrick, Sänger und Gitarrist bei Godflesh, war früher bei Napalm Death und davor bei der Noise/Avant-Band Head Of David. Auf der anderen Seite spielt Napalm-Death-Gitarrist Bill Steer, neben seiner Arbeit bei ND, die auf die Spitze getriebene Härtest-Core-Death-Metal-Fusion bei Carcass und gibt das allgemein hochgeschätzte und als kompetent unumstrittene Metal-Zine Phoenix Militia heraus.

    Indie vs. Major

    In keiner Szene wird so sehr wie in der britischen Hardcore-Welt – von einigen amerikanischen und süddeutschen Subzentren abgesehen – streng und unbestechlich darauf geachtet, daß sich niemand des guten alten Verbrechens des Ausverkaufs schuldig macht. Bands, die Gigs mit gemieteten großen PAs ablehnen und Interviews mit Spex wegen eines Vierfarb-Covers oder jeden Distribution-Deal mit Firmen, die man bei uns Major-Indie nennt, für ebenso unmoralisch halten wie den Verzehr eines Pfeffersteaks oder Regenwaldrodung, sind keine Seltenheit. Dies hat aber bessere Gründe als meine ironischen Zeilen erkennen lassen: es geht in Englands Provinz-HC-Szene wirklich um etwas (wir können und müssen die weltoffene, weniger verbissene, dafür oft nur noch funnige und stilistisch eher amerikanisch zur Vermischung bereite Londoner HC-Szene um Labels wie Vinyl Solution oder Bands wie die Stupids diesmal außen vor lassen: die haben andere Probleme, Vorzüge und Nachteile). Die recht aktive, auf eine alte Freischärler-Tradition von Glastonbury-Hippies, People’s Bands über CrAss bis zu den Subhumans zurückblickende Anarcho-Punk-Szene hat einen relativ gut organisierten „alternativen“ Lebensstil zu verteidigen, der es lohnt verteidigt zu werden, dessen Sicherung keine bloße Kinder-Ideologie und Angst vor der wirklichen Welt ist und der tatsächlich bedroht wäre, wenn die wichtigsten Bands alle plötzlich ebenso leicht für politisch indifferente Metal-Fans zu konsumieren wären, weil die ihnen dann irgendwann logischerweise auch die Inhalte diktieren. In England ist Musik eben auf allen Ebenen immer noch Staatsaffaire, auch und gerade eine so ideologische Sache wie Hardcore. Napalm Death sind in kurzer Zeit unverhältnismäßig groß geworden und man hat nicht ganz zu Unrecht Angst, daß sie und mit ihnen die ganze Bewegung zu Geiseln entweder des Londoner Fashion-Zentralrates, der ebenso schnell aufbaut wie zerstört, oder der zynischen Metal-Industrie werden. Dann würden nicht nur wirklich gute kleinere Labels wie Meantime oder First Strike oder Loony Tunes (der Active Minds, wo auch die wichtigen Generic veröffentlicht haben) wirklich untergehen, ebenso viele gute (zum größten Teil Indie-Core-) Bands wie Ripcord, HDO, Sofa Head, Jailcell Recipes und andere, die kein durch Metal stark gewordenes Umfeld haben. Hinzu kommt, daß alle Metal-Einflüsse in ihrer eindeutigen Kraft gerade auch ästhetische Strukturen ausbilden und festzuschreiben neigen, die musikalische Seitensprünge, wie sie sich die eher metalfreien neuen HC-Bands wie eben Active Minds oder Sore Throat erlauben und den Indie-Avantgardismus extremer Produktionsstile wie bei Heresy in die Marginalität verdrängen, aus der sich diese Bands gerade raus gekämpft haben, oder einfach töten. Der Schritt zur wirklichen Wirkung, zur Durchsetzung ist in diesem Fall also wirklich mit Risiken verbunden, die jenseits der alten HC- und Indie-Paranoia liegen, daß man sich dem Teufel verkaufe, wenn man mit einem Vertrieb zusammenarbeite, der statt 600 Platten 900 und drei T-Shirts verkauft. Ich zitiere aus einem Zettel, der einer Single der Active Minds beilag und wo „kommerzielle“ Label wie Peaceville, Earache, Manic Ears, Vinyl Solution etc. heftig angegriffen werden.

    Hammy: „Wenn Du diese Leute persönlich kennen würdest, würdest Du das verstehen. Einer von Active Minds ist ein Angestellter, der 8 Pfund die Stunde verdient, die anderen arbeiten auch und sind nicht arm, sie haben leicht reden, weil sie nicht von ihrer Musik leben müssen. Die sitzen in ihren respektablen Jobs und machen eine Menge Geld. Davon finanzieren sie ihre Releases. Uns werfen sie dann vor, daß wir mit einem professionellen Vertrieb wie dem Cartel zusammenarbeiten. Wir müssen aber Geld aus unseren Verkäufen zurückbekommen, sonst können wir nicht weitermachen.“

    Sie verlagern also die Widersprüche, die objektiv existieren, nur in ihre private Existenz, ihre Organisation, die sie nicht öffentlich machen?

    Dig: „Als wir vor ein paar Jahren angefangen haben, haben wir genauso geredet wie die. Und es ist okay, so zu reden, wenn Du, wie wir damals, in deinem Schlafzimmer sitzt und Flexis für 25 Cents rausbringst. Aber heute haben wir Bands, für die sich die Leute in der ganzen Welt interessieren und da geht das nicht mehr so.“

    Hammy: „Außerdem muß es das Ziel einer guten Botschaft sein, so viele wie möglich zu erreichen. Solche Leute kreieren ihr kleines, exklusives Ghetto, das nie über 1.000 Leute umfaßt, während wir die Gelegenheit schaffen, sehr viel mehr Leute zu erreichen. Unsere Botschaft ist dabei als Label klar geblieben. Da muß mittlerweile nicht mehr jeder einzelne Text jeder Band untermauern, um was es geht, man weiß, was man an uns hat. Ich meine, um das auch mal zu sagen: der Grundsatz eines jeden Satanisten ist: Do What Thou Whilst, und ist das nicht auch die Grundlage jeder anarchistischen Philosophie?“

    Alle: „Hahaha!“

    Dig: „Bist Du jetzt ein Satanist, Hammy?“

    Hammy: „Nein, natürlich nicht, aber da ist doch was dran. Ich meine, wer weit weg ist, von wo das alles passiert, der kann das alles mißverstehen, der hält Active Minds für Heilige und hält Death-Metal-Texte für Handlungsanweisungen. Aber wer eben einigermaßen aktiv ist in der Szene, und darum geht es ja, weiß doch wie sowas läuft. Ich glaube, sie schaden der Sache mehr, als daß sie ihr nutzen, denn schließlich sind wir hier doch gute Leute, nein wirklich: Wir glauben an die richtigen Sachen. Ich bin Vegetarier und ich bin Anarchist und ich lebe nach meinen Idealen, ich arbeite nicht mit EMI und ich tue, was ich will. Und ich kann nicht und werde nicht mit Faschisten oder Sexisten zusammenarbeiten. Ich arbeite nicht mit Firmen zusammen, die in Südafrika arbeiten. Aber solche Leute wie Active Minds schwächen uns, statt die Majors zu schwächen, die sie schwächen sollten. Im Moment sind all die Majors da draußen und kaufen alle mittelgroßen Acts auf, um die Lücke zwischen Indies und Majors noch größer zu machen, das sind die Probleme, um die es wirklich geht.“

    Man greift aber immer nur das nächst Größere wirksam an. So wie du dich inzwischen gegen Majors wendest, muß sich doch die Basis der Bewegung gegen größere Indies wenden. Bei uns hält man Tempo für die Ausgeburt des Medienfaschismus, und jedes HC-Fanzine glaubt wiederum allen Ernstes, wir würden mit Spex dickes Geld verdienen, aber so muß es doch laufen und das muß man doch auch ernst nehmen. Außerdem: wo verläuft für dich die prinzipielle Grenze zwischen einem großen Indie, wie etwa Rough Trade, die euch hier vertreiben, und einem Major?

    Martin: „Earache hat nichts gegen Major Labels, wir arbeiten mit ihnen zusammen, wenn es den Bands nützt.“

    Hammy: „Ich habe schon was gegen Majors.“

    Martin: „Ich will meine Jungs groß machen, ich will, daß es ihnen gut geht. Manchmal denke ich sowieso, daß die großen Indies schlimmer sind als die Majors.“

    Hammy: „Es ist eine Frage der Haltung der Leute, mit denen du zusammenarbeitest, Major und Indie ist zu schwarz/weiß. Wir würden nie mit Leuten zusammenarbeiten, die mit Südafrika oder der Militärindustrie zu tun haben. Aber solange es von der Message her stimmt und etwas Positives dabei rauskommt, habe ich nichts dagegen, eine unserer Platten von einem Major lizensieren zu lassen.“

    Also doch. Aber Südafrika und Raketen- und Pharmaindustrie und andere Superverbrechen sind eh weit von deiner Sphäre entfernt; da wo du dich entscheiden mußt, geht es noch um was anderes, also laß uns über realistische Versuchungen reden …

    Hammy: „Ja, klar, ich hab zwar was gegen sie, aber ich würde sie benutzen, für etwas Positives.“

    Das sagt jeder am Anfang.

    „Auf der anderen Seite ist das alles nicht so unrealistisch. Toranaga zum Beispiel sind so groß geworden, daß ich sie mir nicht mehr leisten kann, für so eine Band gelten plötzlich andere Gesetze als für Hardcore-Bands, andere Horizonte, die Grenze heißt plötzlich nicht mehr Nummer eins der IndieCharts, sondern Iron Maiden, was kann ich da tun? Aber solange es deinen guten Zielen dient …“

    Aber gerade wenn du sogenannte gute Ziele im Rahmen einer von dir als falsch angesehenen Struktur wie der Schallplattenindustie scheinbar verwirklichst, wird es noch viel schlimmer, weil du damit deine richtigen Ziele mit im ganzen falschen, zumindest deinen Absichten widersprechenden Produktionsbedingungen als vereinbar darstellst, also verkaufst, was ein uraltes Problem ist, alt wie das Jahrzehnt …

    Hammy: „Aber so ist doch das Leben. Man kann doch nicht den ganzen Tag den Kopf gegen die Wand hämmern.“

    Handelt nicht aber davon genau die Musik, die ihr verkauft?

    Martin (brummt): „Stimmt, ist was dran, alle gute Musik handelt von Folter und Verzweiflung.“

    Ihr erklärt beide, nicht im Ghetto bleiben zu wollen und seid beide in den letzten Jahren ganz beträchtlich gewachsen. Wen habt ihr dazugewonnen?

    Martin: „Bei uns war es ja hauptsächlich durch Napalm Death. Und da kamen eben, zusätzlich zur Hardcore-Audience, vor allem sehr viel Indie-Leute, und einige interessiertere Metal-Fans, bei denen sie auch sowieso Cred hatten. Dann nahm der NME sie aufs Cover und sie erreichten noch mehr Leute, die wiederum keine Hardcore-Fans gewesen sein konnten, denn um Hardcore hat sich der NME jahrelang überhaupt nicht gekümmert.“

    Dig: „Wir befinden uns einfach in der Gründung. Das, was jetzt alles zusammenkommt, ist noch nicht ein Publikum, denn das Ganze ist noch so neu, neue Musik eben, jenseits von Punk, jenseits von Metal, mit Wurzeln in Beidem.“

    Martin: „John Peel hat uns sehr geholfen. Wenn er nicht immer wieder Napalm Death, Carcass und Electro Hippies gespielt hätte, würden die Leute heute noch glauben, daß hier ein paar Kinder dumm rumschreien. Er schreibt für den Observer, eine wirklich etablierte Tageszeitung, und hat in der Weihnachtsnummer vom letzten Jahr Carcass zum Album des Jahres erklärt. Unglaublich, aber das hat Peel für uns getan.“

    Kann der Erfolg von Napalm Death nicht einfach mit dem Novelty-Sound des Sängers zu tun haben? Das ist die Band mit dem irren Hundegekläffe, mußt Du haben.

    „Vielleicht, aber so war es doch bei Punk-Rock am Anfang auch, die reine Sensationslust. Neue Musik stellt sich immer zuerst als Novelty-Sound vor.“

    Dig: „Als ich das erste mal Napalm Death gehört habe, habe ich nur gelacht. Heute singen viele so. Oft kopiert, nie erreicht.“

    Jetzt hat sich die Gruppe in zwei Teile gespalten, was wird nun mit dem Zugpferd des Earache-Labels?

    „Nach der Japan-Tour verließ Bill, der Gitarrist, die Band, auch wegen seiner anderen Gruppe Carcass und Lee, der Sänger, ebenfalls. Sie haben dann sofort einen neuen Sänger gefunden, ein Typ namens Barney, alter Freund der Band, der es in diesem Stil noch weiter bringen wird als Lee Dorrian. Er mußte das ganze Repertoire lernen, sie spielen jetzt sogar wieder Stücke von der ersten LP. Ihr neuer Gitarrist spielte bei Terrorizer, einer Band aus L.A., die es schon eine Weile auf Demos zu hören gab und die immer große Fans von Napalm Death waren. Sie haben dann aber immer wieder bei Morbid Angel ausgeholfen oder brauchten Hilfe von Morbid Angel. Und da Morbid Angel immer größer wurden, gab es irgendwann keine Zukunft mehr für Terrorizer. Ich habe sie noch dazu gebracht, jetzt eine LP für uns zu machen.“

    Die Terrorizer-LP ist jetzt auf Earache erschienen und kann es an Härte und gebündelter entschiedener Kraft eindeutig mit den Vorbildern aufnehmen, musikalisch durchaus Death Metal nahe, in der vercoreten NapalmD-Variante, aber dunkler und kräftiger, sind ihre Texte strictly politisch-ökologisch und von der britischen Anarcho-Haltung mehr beeinflußt als von irgendeiner L.A.-Attitüde oder dem Quasi-Crowleyismus von Morbid Angel. Große Band.

    „Mick Harris, der Drummer, ist der wichtigste Musiker bei Napalm Death gewesen, er schrieb die Stücke und war neben Shane Embury, dem Bassisten, immer die treibende Kraft (was man auch gut hören kann, wenn man sie an anderen Instrumenten bei ihrer anderen Band Unseen Terror auscheckt – d. Verf.). Sie werden jetzt wieder auf Tour gehen, Ende November werden sie in Europa sein.“

    Was wird aus Peaceville ohne die Electro Hippies?

    „Toranaga haben ein unglaubliches kommerzielles Potential, aber ich kann sie auf die Dauer, wie gesagt, nicht halten, jetzt dürfte Autopsy wichtig werden.“

    Autopsy dürfte vor allem die musikalisch interessanteste Band auf dem Label sein; so wie Terrorizer und Morbid Angel auf Earache beschreiten sie neue Wege zwischen Death Metal und dem, was sich Grindcore nannte. Aber nicht in Richtung Hochgeschwindigkeit, sondern mit den überraschenden Zuspitzungs-Ergebnissen einer zielgerichteten Wühlarbeit in den Eingeweiden tiefer Töne, um im Bild der Lyrics zu bleiben, die selbst für härtere Fans zu hart sind. Kein Lied, das nicht von Vivisektion, Verstümmelung und Splatter handelt: interessant ist dabei die Perspektive. In „Embalmed“ wird die Mumifizierung aus der Sicht des Leichnams beschrieben, und eine Story von einem paranoiden Killer verrät direkt altmodisches Einfühlungsvermögen. Der Chef der ziemlich einzigartigen Band ist Chris Reifert, Gründungsmitglied der Death-Metal-Legende Death und Drummer auf deren klassischen Debüt-Album Scream Bloody Gore (in Spex 9/87 von Andreas Bach weitblickend gewürdigt), heute will er von dem Begriff nichts mehr wissen, obwohl er meiner Meinung nach musikalisch die richtigste Auslegung davon anzubieten hat, und nennt nicht völlig abwegigerweise St. Vitus als Anregung für die neuen Sachen, mit einem phantastischen, leider nur von Sadus ausgeliehenen Bassisten. Eine Freundschaft zu Carcass brachte den England-Kontakt, dann allerdings lustigerweise nicht zu Earache sondern zu Hammys Peaceville. Wo dann vor kurzem die LP Severed Survival erschien, deren Leichenteil-Cover nur noch von der Verstümmelungs-Collage des Carcass-Cover übertroffen wird. Wieder: die musikalisch fortschrittlichsten Bands.

    Hammy ist auch Produzent: „Ich habe keine Methode, ich will nur das beste aus den Bands rausholen. Ich habe mir allerdings in letzter Zeit angewöhnt, viel Charts-Musik zu hören und zu studieren. Als Produzent. Man kann von einer Madonna-Platte enorm viel lernen, gerade auch als Hardcore-Producer.“

    Dig sitzt auch oft auf dem betreffenden Sessel: „Wir haben keinen besonderen Produktionsstil bei Earache, es muß halt intensiv und extrem klingen.“

    Hammy: „Ich will jetzt nicht Earache beleidigen, aber ich glaube, ihr Sound ist der beste für den Moment, mir geht es eher darum, daß ein Sound in zehn Jahren noch Bestand hat.“

    Als Drummer dient Hammy der extrem streitsüchigen Band Sore Throat, von denen er allerdings scherzhaft meint, sie seien nie gut genug für Peaceville gewesen („Peaceville“ gehört dann neben allen Metal-Zeitschriften, allen Musikzeitschriften, fast allen Punk- und Metal-Bands – vor allem Suicidal Tendencies, Anthrax, Beastie Boys, D.R.I., Sacrilege, Van Halen, Voivod, Metallica, S.O.D., Agnostic Front, Slayer und Venom – zu den in der Scheiße untergehenden Erscheinungen auf dem Cover der Sore-Throat-LP Disgrace To The Corpse Of Sid, allerdings als Hai, der zwar ebenso in der Scheiße schwimmt wie die anderen, aber die anderen Opfer wenigstens noch beißt und bedroht). Sore Throat mischen einen nicht annähernd so druckvoll wie die metalbeeinflußten Briten gespielten, aber bis zur Groteske zugespitzten Schnellcore mit einigen guten Auflockerungen wie Country-Nummern und anderen Beweisen von größerem Blickfeld (neben Heresy stellen sie als einzige Coreler Mitglieder der Indie-Supergruppe, die jetzt 101 Lieder über Sport aufgenommen hat), sowie diverse Abrechnungen mit „Verrätern“: von einem pathologischen Haß auf D.R.I („Dead Rich Individuals“) oder MDC („More Damn Capitalists“) bis zu Exekutionen von – letztes Beispiel – Napalm Death. Ihre erste LP Unhindered By Talent – man beachte den Titel „Hammys Ego“, Text: „Very fucking large“ – erschien bei Meantime und wandte sich Poison Idea zitierend gegen Plattensammler („Still Pretentious Arseholes“), Billy Milano und Amerikaner im Allgemeinen („Invasion Of The Amerikaan HC Clones“) auf nur 52 Stücken, ihre zweite, Disgrace To The Corpse Of Sid, schaffte es mit der vermeintlichen Rekordmenge von 101 Songs auf einer LP (wir kennen natürlich inzwischen die 7″ von Seven Minutes Of Nausea mit über 700 Songs) auf den ersten Platz einer diesbezüglichen Tempo-Liste und erschien bei Earache, die dritte als Sore Throat erregte nun den Ärger der hier anwesenden Konkurrenten. Never Mind The Napalm beleidigte den dicken Shane Embury aufs Primitivste und erklärte Napalm Death als Ganzes den Krieg (Ausverkauf? Metal? Man weiß es nicht, und wie halten sie’s mit Hammy aus?). Hammy distanziert sich ein wenig von der Affäre, dann wieder nicht, beide Parteien sind sich einig, daß man ja doch prima miteinander auskomme, Dig möchte heute aber nicht zulange über Sore Throat sprechen, und alle sind sich einig, daß die Presse den Streit übertrieben hätte, so daß manche nun beiden vorwerfen, sie hätten alles nur inszeniert, um wochenlang die ersten Seiten des NME und das Gehirn von Steven Wells zu füllen. Als wir dann allerdings auf die unter dem Namen Saw Throat erschienene musikalisch mit Abstand interessanteste LP der Band kommen (Inde$troy), meint Dig nur, er wisse nicht, was das mit Erweiterung zu tun hätte, für ihn seien das verdammte Pink Floyd oder Hawkwind (vgl. Review in Spex 10/88). (Hammy: „Wir haben endlich eine Platte machen wollen, die ernst genommen wird, und uns entschlossen, eine superernste zu machen.“) Es bleibt festzuhalten, daß sich Sore Throat personell in ständigem Mitgliedertausch (bis zur Identität) mit der anderen Peaceville- und klassischen HC-Band Doom befinden, die von allen Anwesenden herzlich zur Discharge-Revival-Band erklärt wird (und gegen die man ebenso wenig haben kann wie gegen die Instigators, nur daß sie einen wie mich nie dazu gebracht hätten, einen Artikel über einige Repräsentanten der britischen Hardcore-Szene zu schreiben) und als einzige aller genannten über Humor verfügen, einen Humor, der nie ganz durchschaubar ist, wenn in einem der „ernsteren“ Anti-AKW-Stücke die Zeile steht: „accidents happen, you hide the truth, look at Chernobyl, there’s the prooth“.

    Martin: „Glaub nicht im Ernst, daß die Humor haben, das sind Typen, die sich sehr ernst nehmen und keinen Millimeter Distanz zu sich selbst haben.“

    Hammy: „Diese ganzen Parodien und Anschuldigungen haben die ja gerade gemacht – ich hatte außer auf dem Inde$troy-Album nie allzuviel zu sagen –, um darauf hinzuweisen, daß es uns ernst ist mit den Werten von Hardcore, daß Hardcore kein Begriff ist, den man der britischen Presse überlassen sollte, die ihn aufbaut, sich zu eigen macht und anschließend wieder fallen läßt. Wir glauben wirklich an Hardcore als Lebensweise, wir glauben daran, daß wir klassenlos zusammenleben können, wir glauben an eine ökologische Wirtschaft etc. Man soll mit uns nicht umgehen wie mit den Sugarcubes, die erst jeder liebte und jetzt jeder fertig macht.“

    Ihr habt nur einen Konkurrenten, wenn es darum geht, die lange vakante Idee einer wirklich neuen Musik nochmal zu beleben, einen Konkurrenten, dessen Musik, wie auch bei euch, versucht, jenseits des Melodischen, zwischen Geräuschen, heftigen Rhythmen und Bildern verbindlich Intensitäten aufzubauen – das wäre Hip-Hop. Wie steht ihr dazu? Und statt mir diese blöde Frage zu beantworten, beantworteten sie mir die, was eigentlich der Unterschied zwischen Earache und Peaceville sei, zwischen den scharfen, intensiven Produktionen für den Moment und dem Programm für die Ewigkeit.

    Dig: „Ich liebe Hip-Hop. NWA, Daumen hoch!“

    Martin: „Yeah, Public Enemy, groß. Ich habe bei NWA immer Probleme, wenn ich Platten öffentlich auflege: die Texte sind schon zum Teil übel.“

    Hammy: „Ich mag Hip-Hop eigentlich nicht, für mich klingt das fast immer zu dünn produziert, zu industriell, es hat keine Tiefe. Ich stehe auf klassischen Dub, Musik mit Tiefe …“ Andere absolute Favorites in Sachen Einfallsreichtum sind ihm die Butthole Surfers und – believe it or not – Kate Bush, für die er als 16-Jähriger gräßliche Trampererlebnisse auf sich nahm.

    Und wie Hip-Hop und Dub unterscheiden sich etwa auch Earache- und Peaceville-Produktionen, wenn man von den für sich stehenden Bands wie Terrorizer, Morbid Angel, Carcass oder Autopsy und Decadence Within absieht, letztere haben übrigens eine noch unerwähnte weitere originelle Methode entwickelt, in langen, oft unübersichtlichen Riff-Gebirgen und ebenso schroffen Tälern, in bis zu zehn Minuten langen Stücken die gemeinsame Wahrheit von Core und Metal zu finden. Und die man sich trotzdem ebensowenig auf Earache vorstellen könnte wie manch konventionellen Hardcore von Peaceville oder deren neues, für ganz neue, vielen suspekte Orientierungen geschaffenes Sub-Label „Major Records“, sogar mit einer Pop-Sängerin namens Kay Field und einer LP der reinen, aber guten Metal-Band Talion.

    „Das Lustige ist, daß John Peel uns immer noch spielt, Autopsy, Carcass, obwohl er Metal haßt, also muß es wirklich etwas Neues und Anderes sein. Die Musik mußte einfach extremer werden, weil man ja Eltern, die selber noch in frühen Punk-Konzerten waren, irgendwie anders schocken mußte, anders wäre das nicht mehr gegangen. Außerdem ist das Leben natürlich insgesamt intensiver und härter geworden.“

    So wie amerikanische Musik immer schon, wenn sie weiter wollte, sich erweiterte, Kontakt zu anderen aufnahm, die berühmten Barrikaden niederriß und weiterging, weil sie aus einem Land der großen Räume kommt und ein Weg der Dissidenz eben immer noch das individuelle Abhauen ist, war der Weg englischer Musik immer Zuspitzung, etwas was in der ersten Punk/Hardcore-Welle und auch in den meisten anderen englischen Musiken irgendwann, spätestens 83, fruchtlos wurde, und sich neue aufbauen mußte, inhaltlich wie musikalisch und in den verschiedensten Bereichen. Die Ernte dieses Aufbaus ist das, wovon ein Teil auf Earache und Peaceville erschienen ist, hier nur als kleiner Ausschnitt möglich. (Nicht erwähnt wurden, obwohl sie es verdient hätten: die weitsichtigen, aber amerikanischen Repulsion, Deviated Instinct, Axegrinder, Bolt Thrower, Atavistic, das Children-Of-The-Revolution-Label, der Vorgänger von Manic Ear Records mit frühesten Speedcore-Veröffentlichungen von Chaos UK, Depraved, Vicious Circles, Doctor & The Crippens, Heresy’s In Your Face Records, Dan, aus denen besagte Indie-Coreler und Blyth-Power-Freunde Sofa Head hervorgegangen sind u. v. m.) Daß Tierversuche und Vegetariertum zu zentralen Issues geworden sind, andrerseits dieselben Leute zum Teil begeisterte Splatter-Fans, ist dabei als eine wichtige und notwendigerweise oberflächlich widersprüchliche Codierung des existentiellen und nicht-relativierbaren Inhalts dieser Musik/Bewegung zu lesen, nicht (nur) als Diskussionsbeitrag. Wie Progressivität jenseits alter Fortschrittsvorstellungen und Vernunft-Terror gehen soll, ohne in die Barbarei zu verfallen, kann nur an deren Abgrund wahrscheinlich sich herausstellen: in der Erschütterung des Körpers und seiner buchstäblichen wie symbolischen Innereien (und deren vollständiger Abbildung in Ton, Wort und Bild).

    Und daraus den wichtigsten Wert jeder „heutigen Jugend“ gewinnt: Unversöhnlichkeit.

  • Platte des Monats: Dein Name sei Band

    Grateful Dead: Without A Net; Arista/BMG

    Während ich dies schreibe, sind einige tausend amerikanische Jugendliche und Althippies in eigens gecharterten Jumbos über dem Atlantik, um dem Lebensziel hinterherzujagen, das sie seit Jahren landauf, landab in den Staaten per Bus verfolgen: kein Konzert der Grateful Dead verpassen. Für diese Deadheads richtet die Gruppe ihrerseits besondere abgesperrte Sektionen ein, wo sie in Ruhe und unter besten akustischen Voraussetzungen die Konzerte mitschneiden können. Raubpressungen und Konzertmitschnitte in Cassettenform sind ausdrücklich erwünscht. Diverse Grateful-Dead-Fanzines in aller Welt sorgen in riesigen Kleinanzeigen-Teilen dafür, daß diese Tapes unter den Fans getauscht oder verscherbelt werden („Suche Santa Monica, 11/7/83, biete Boston 15/8/70“). Das größte dieser Fanzines, Relix, ist eine richtige Zeitschrift mit Vierfarb-Covern, Artikeln über Ökologie, alternative Projekte, Grateful-Dead-verwandte Musik, sei es von West-Coast-Veteranen oder von jüngsten Musikern aus der Post-Punk-Generation und Hippie-Gedichten. In Relix werden Ideale und Probleme der Hippie-Bewegung diskutiert, als wäre sie nie verschwunden oder zu New-Age-Musik verkommen. Und wer sich nicht mit einer Sammlung von tausend und mehr Tapes belasten will, läßt sich in den Verteiler aufnehmen, der Dead-Fans in aller Welt monatlich mit Computer-Protokollen informiert, welche Songs sie bei welchem Konzert gespielt und welche etwaigen Gäste mitgespielt haben. Denn u. a. darauf legen die Dead in den gut 25 Jahren ihres Bestehens großen Wert, nie das gleiche Material in der gleichen Kombination zweimal zu spielen.

    Grateful Dead ist das zum Monstrum aufgeblasene oder meinetwegen auch zu Ende gedachte Produktionsprinzip der letzten drei Dekaden Popmusik: Sein Name ist Band. Und obwohl die heutige Technologie und der direkte Entstehungsprozeß neuer Pop-Musik dieses Prinzip eigentlich ad absurdum führen, hat es sich auch z. B. beim Hip-Hop gehalten, dieses eigenartige Kollektiv aus notwendig komplementären Charaktern, aus John, Paul, George und Ringo. Das vielgerühmte Sich-Blind-Verstehen der Dead, das Abend-für-Abend-neue-Kombinationen-aus-einem-Repertoire-von-über-400-Songs-aus-dem-Ärmel-schütteln-Können, die riesige selbstverwaltete Kommune, die den Apparat der Dead, vom Ticket-Office bis zur Dead-Hotline übernimmt – das sind alles Ergebnisse eines von keiner anderen Band so konsequent und über die Jahre unbeirrt verfolgten Prinzips einer unabhängigen großen Gang, deren Vorbild und Auslöser durchaus richtige Gangs/Parteien waren, wie etwa die San-Francisco-Hells-Angels, deren Hausband die Dead in ihrer Anfangszeit waren (auch wenn die etwas zu naiv an das Love-&-Peace-Image der Gruppe glaubenden Fans das gerne verdrängen) oder auch die Black Panther Party, für die die Dead in den 60ern so manches Benefizkonzert gegeben haben. Doch es ist nicht nur eine Organisationsform, die den Dead lange vor einer Indie-Bewegung die größtmögliche Freiheit gegenüber der Musik-Industrie eingebracht hat (im übrigen mit dem typischen Nachteil einer solchen Lage, den wir auch aus der Kunst gut kennen: einem undialektischen, jede Mode, Veränderung der anderen, „falschen“ Welt ignorierenden, wenn nicht verachtenden Weltbild), es ist auch ein kreatives Prinzip, das gewürdigt gehört.

    So spielen die Dead seit Jahren kaum noch neue, und wenn doch, dann nicht besonders interessante Songs, das Songschreiben ist seit ihrer 73er-LP Blues For Allah nicht mehr ihre große Stärke, obwohl Jerry Garcia, vgl. auch seine Solo-LPs, ein begnadeter, ölig-sentimentaler Balladenschreiber ist. Songs waren für die Dead eigentlich auch vorher eher das Ergebnis experimenteller, drogenschwangerer Studio-Situationen. Doch im Studio haben sich die Dead eh nie wohlgefühlt. Endlos federndes Gedaddel, Improvisationen über Skalen wie im Jazz der späten 50er, frühen 60er, aber unglaublich gedehnt, endlos geflochtene Bänder knüpfend, webend, perlend, jede Songform hinter sich lassend, wie sie es bei Live-Konzerten bis zu 5, 6 Stunden praktizieren, sind der Grund, warum ihnen tausende von Deadheads nachreisen und selbst ihre offizielle Diskographie weit mehr Live- als Studio-Platten aufweist. Die, von der hier die Rede ist, ist ihre zweite Triple-Live-LP, die letzte war Europa ’72, die Tour, bei der ich sie das letzte Mal gesehen habe. Ein Jahr nachdem ich von einem TV-Mitschnitt angefixt wurde, bei dem auf so unbeschreiblich schöne, folgerichtige Weise der Dead-Song „China Cat Sunflower“ in den Folk-Blues-Traditional „I Know Your Rider“ überging, das Hippie-Girl-Minnelied bei der historischen Landarbeiter-Realität landete, deren Formen sich der Dissens weißer Bürgerkinder aus merkwürdigen Gründen seit Jahrzehnten immer wieder ausleiht.

    Bleiben wir kurz bei „I Know Your Rider“. Dieses Stück ist schon auf der ’65 aufgenommenen Live-LP Vintage Dead zu hören, kommt wieder in der Kopplung mit „China Cat …“ auf Europa ’72 vor und ist nun auch auf Without A Net wieder enthalten. Was mich dabei am meisten bewegt, ist die Fähigkeit von Grateful Dead, über 25 Jahre diese aus vielen Blues-Standards bekannten Sätze: „The sun will shine on my back door someday“ und noch schöner „I wish I was a headlight on a northbound train“ (der Norden, wo es Arbeit gibt und der Rassismus weniger brutal ist) noch so vortragen zu können, daß die erste geschichtliche Bedeutung dieser Sätze sich gefühlsmäßig noch ebenso nachvollziehen läßt wie die zweite, die Gründe, warum sich die Hippies dieser Sätze angenommen haben. Nicht Authentizität, die Lüge des Rockism, sondern Musik, die eine Geschichte hat, eingedenk dieser Geschichtlichkeit, also eingedenk ihrer außermusikalischen Referenzpunkte spielen zu können, und zwar dann natürlich als reine Musik, ist das Besondere an dieser Fähigkeit. Dazu paßt, daß die Dead in den letzten Jahren zunehmend Songs in ihr Repertoire aufgenommen haben, die andere in der Zeit geschrieben haben, mit der sie mythologisch verbunden werden: Hippie-Songs von anderen Hippie-Bands als Reflex der Tatsache, daß die Dead über ihren Mythos und ihre Stellvertreter-Funktion für ein ganzes Bündel nur in einigen Fällen liebenswerter, spinnerter Ideen und romantischen Quatsches nicht nur Bescheid wissen, dem immer nur das beste abzugewinnen sie verurteilt sind, was das Geheimnis ihrer Kontinuität ist: Beharrlichkeit in dasjenige einzuführen, das sich sonst immer nur über Flüchtigkeit definiert, Jugendkultur, und dem sie wahrscheinlich nicht besser die Treue halten können, als indem sie ihren Laden, einen der größten Arbeitgeber in Alternativzirkeln der Bay Area, aufrechterhalten.

    Dabei sind die vier Leute, die seit 25 Jahren ununterbrochen bei Grateful Dead aktiv waren, alles andere als die lieben Blumenkinder, für die sie ihr Mythos hält. Die Verflechtung zwischen Zuhälterei und Summer of Love, Beatnik-Dichtung und Gang-Kriminalität in den frühen 60ern und späten 50ern an der Westküste, die Welt, aus der die Dead hervorgingen und der sie z. B. in „Cassidy“, einem auch auf der Dreifach-Platte enthaltenen Song über Kerouacs Helden Neal Cassidy Referenz erweisen, kann man in Hank Harrisons sehr lesenswertem dreibändigen Dead Book nachlesen. Jerry Garcia, der fette Leadgitarrist, Leader, wenn es sowas bei den Dead gibt und verdienter Träger des Spitznamen „Captain Trips“, war schon jahrelang vorher aktiver Musiker der verschiedensten Genres der blühenden Folk-Szene. Bassist Phil Lesh gehörte jenem legendären Bay-Area-Kreis serieller Komponisten und Fans der Kölner Schule Neuer Musik an, der in Pynchons Roman Die Versteigerung von No. 49 vorkommt. Bill Kreutzmann war ein stadtbekannter Schläger und Schlagzeuger und Bob Weir ein damals unbedarfter 17-Jähriger. Ur-Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan, der ’72 an Leberzirrhose starb (seine Nachfolger Keith Godchaux und vor wenigen Monaten Brent Mydland starben ebenfalls vor der Zeit), verkörperte den Hells Angel und paßte gut in das Ensemble pockennarbiger Hauertypen, das die Dead damals waren. Doch auch Tom Constanten, E-Komponist, Mathematiker, „intelligentester Mensch Kaliforniens“ und Boogie-Woogie-Pianist, paßte vorübergehend gut rein. Ihr berühmter Drogenkonsum und ihre bis heute nicht zurückgenommene Erklärung von deren Wichtigkeit, hatte im klassischen Beatnik-Hedonismus seine Wurzeln, auch in den seit den frühen 60ern laufenden legalen Acid-Tests, von denen Tom Wolfe in The Electric Kool-Aid Acid Test berichtete, aber nicht im Learyschen Idealismus einer Bewußtseinserweiterung durch Drogen.

    Aber die einmalig konsequente Band-Haltung ermöglichte es den Dead, jenes organisiert unorganisierte, komplexe Improvisationsspiel zu kultivieren, das immer wieder so gerne als „federleicht“ beschrieben wird. Das, was Jazz-Musikern auch höherer Begabung immer wieder passiert, weil die Arbeitsbedingungen häufiges Wechseln von Ensembles und eingespielten Bands diktieren, haben die Dead, in dieser Konsequenz als einzige Band der Rockgeschichte, immer zu umgehen gewußt: hierarchisches Improvisieren, Stimme und Begleitung. Mittlerweile entstehen immer mehr Kontakte zwischen Jazz-Leuten und den Dead: Ornette Coleman verpflichtete Jerry Garcia als Gitarristen für drei Nummern seiner letzten LP, und Branford Marsalis, einer der offensten unter den zeitgenössischen Jazz-Stars, der gerade die Musik für Spike Lees Film Mo Better Blues gemacht hat und auf „Fight The Power“ von Public Enemy mitspielt, ist hier auf der 16-minütigen Fassung des Dead-Dauerbrenners „Eyes Of The World“ mit einem schönen Tenor- und einem, allerdings total kitschigen, Sopransaxophon zu hören.

    Ihren nicht nur musikalischen Tiefpunkt hatten die Dead in den späten 70ern, frühen 80ern. Seit Blues For Allah war keine gute Platte mehr erschienen, auch die periodisch erscheinenden Live-Doppelalben hatten nachgelassen und die Punk-Bewegung hatte die Dead als archetypischen Feind ausgemacht, als schlaffe Hippies par excellence. Lester Bangs hatte mit seiner berühmten, auch im deutschen Sounds nachgedruckten Schilderung der unglaublichen Langsamkeit, Länge und Langeweile eines Dead-Konzerts vielen aus dem Herzen gesprochen.

    Heute sind gerade in Ex-Punk-Kreisen haufenweise Dead-Fans zu finden. Greg Ginn von Black Flag bezeichnete die Dead mit als Vorbild für die Erweiterung des Hardcore zur Instrumentalmusik, auf seinem Label SST kamen mit z. B. Always August Bands heraus die sich deutlich an die Improvisationsformen der Dead anlehnten wie sie die Nähe von deren Art zu improvisieren zum John Coltrane Quartett der frühen 60er aufdeckten, indem sie das eine mit dem anderen Vorbild konfrontierten. Camper Van Beethoven sprechen aus, was viele 80er-Jahre-Musiker denken, die versucht haben, sich über sogenannte Indie-Labels unabhängig von der Musikindustrie zu organisieren, wenn sie sagen, daß die Dead im Grunde das Vorbild der ganzen Bewegung sein müßten.

    Dennoch treiben mich wohl auch sentimentale Gründe ins Konzert in der Essener Gruga-Halle. Schließlich sind die Dead heute wirklich ein unglaublich schlaffer, alter Haufen, der in einem Paralleluniversum glücklich ist. Beeindruckend ist eigentlich dann immer wieder nur, daß man der Musik anhört, daß dieses Paralleluniversum als Organisation wirklich existiert. Mit den Dead, wenn auch als Objekt von Henry Kaisers – noch so ein spät bekehrter Dead-Fan, der ursprünglich aus einer ganz anderen Ecke kam: der atonalen, freien Improvisation – Erkenntnis: „Those Who Know History Are Doomed To Repeat It“, hat diese Kolumne angefangen, mit den Dead soll sie enden. Im nächsten Jahr wird sie dann als etwas anderes auferstehen.

  • Lost In Music

    „I’m marginal, let’s have some fun!“
    Universal Congress Of

    Versuchen wir Musik noch einmal so zu verstehen, like in the days of old …

    Seit mehr als zehn Jahren macht Alan Jenkins die verspielteste, intimste, selbstreferentiellste und teilweise beste Musik des Planeten. Seine erste, mittlerweile aufgelöste Band hieß The Deep Freeze Mice, seine zweite, auch schon seit fast einem halben Jahrzehnt aktive Band The Chrysanthemums. Ihre LPs, EPs, Doppel-LPs, Flexis und Tapes sind zahlreich und voller Witze und Bezüge auf eigene und allgemeine Geschichte (alles, wirklich ALLES über Deep Freeze Mice, Chrysanthemums, wie auch die um sie herumschwirrenden Jody & The Creams, Yummy Fur, Yeah Yeah Noh, Fnords etc. in From Art To Pop And Back Again, Teil 3 – Die Deep Freeze Mice Story von Armin Müller, Speyer, 1989, erhältlich gegen 8,– in Briefmarken von Armin Müller, St. Klara Klosterweg 86, 6720 Speyer). Kein Quadratmillimeter Cover bleibt leer, keine Coverrücken ausgespart, um ungehemmtem Einfallsreichtum Platz zu machen. Natürlich hält sowas kein Mensch aus: für Pop-Benutzer ist es viel zu viel, für Kunstgenießer ist es viel zu ungeschützt und konzeptlos, für Theoretiker ist es nicht relevant genug, für irgendwelche „Scenes“ ist es zu affig. Daher erschienen ihre Platten auch nur auf Labels wie Hamster Records, Mole Embalming Music oder Cordelia und hatten nur selten überhaupt einen Vertrieb in Deutschland.

    Komisches Wochenende neulich in Hamburg. Wie immer zu viele Gespräche mit zu wichtigen Leuten in zu kurzer Zeit, aber dennoch eine klar beschreibbare Veränderung: ging es früher um Spex, wurden von den Hamburger Mitarbeitern und Freunden Wünsche geäußert, Vorschläge gemacht, Ideen entwickelt. Diesmal wußten alle, wie es laufen muß. Ihre Referenz war nicht mehr ihr Geschmack, ihr Wunsch, ihre Weltanschauung oder ihr jeweiliger Spezialistenkreis – es war die Wirklichkeit. Da die Wirklichkeit so und so ist, müsse Spex dem nun endlich Rechnung tragen. Mal abgesehen davon, daß das immer noch die Frage ist, ob wir das müssen, denn schließlich ist Spex zu einem guten Teil auch immer dazu da gewesen, gegen das, was irgendwelche Interessenten aus meist naheliegenden Gründen zur Wirklichkeit erklärt hatten, zu opponieren, bleibt dann noch ein anderes Problem: Die Diagnosen widersprachen einander bis zur absoluten Unvereinbarkeit, null Quadratmillimeter Überschneidung. „X sagt aber …“ – „Ach was, X habe ich seit Jahrzehnten nicht an den wichtigsten Plätzen gesehen.“ X: „Y hat sich doch total zurückgezogen, der geht überhaupt nicht mehr vor die Tür, aber ich.“ Z: „Es gibt nur noch Hip-Hop, niemand redet von irgendetwas anderem.“ Der Kobold aus der siebten Dimension: „Es gibt absolut niemanden mehr, der DJ werden will. Alle Leute tragen Stirnbänder und wollen sleazy Rocker werden.“

    Und so weiter.

    Alle wissen alles, alle kennen sich seit Jahren, alle sind intelligent und arbeiten in Berufen, wegen denen allein sie zu Mitgliedern, Kennern, Kunden und Akteuren der „Gegenkultur“, „Szene“, „Underground“-Industrie geworden sind und irgendwann waren alle mal Passagiere des Flugzeugträgers „Independence“ (und den beiden damit zusammenhängenden Gedanken, daß Wirklichkeit in der Popmusik entweder die Durchsetzung des eigenen Interesses gegen das herrschende Falsche sei, egal ob dieses Interesse sich mit Gummibärchen, Sex, Klassenkampf oder Ottifanten maskiert, oder daß Wirklichkeit der Ort ist, an dem die avanciertesten, bezeichnendsten und wichtigsten Kämpfe der Gegenwart stattfinden, zu denen man ein wie auch immer kulinarisch über moralisch bis solidarisches Verhältnis qua definition als dissidenter dude zu finden hat). Diese neue Selbstsicherheit geht also nicht ganz auf in jener bekannten Neigung kleinbürgerlicher Intellektueller, allzeit das eigene Seelenleben für das unmittelbare Einzugsgebiet des Weltgeists zu halten, nur soweit, wie diese bei allen vorliegt, die in intellektuellen oder kulturellen Auseinandersetzungen Relevanz erwarten (und es so immer wieder schaffen, die unfaßbare Lächerlichkeit eines solchen Glaubens auszublenden. Ich sage z. B. immer: schau dich um, Kleines, alles andere ist noch viel lächerlicher).

    Entscheidend ist, daß sich die Sicherheit, mit der die eigene Wirklichkeit zur Wirklichkeit schlechthin erklärt wird, verschärft hat. Mich überraschte diese, nun im Alter zwischen 27 und 35 gewonnene absoluten Sicherheit, über das, was wirklich los ist, vor allem, weil es mir in den letzten Monaten ganz anders gegangen war. Die Genese solcher Sicherheit und ihre uplifting Wirkung hatte ich ja immer schon bei den Kölner „Spexlern“ und bei mir selbst, immer in ihrem oft unsteuerbaren Zusammenwirken aus persönlichen Entwicklungen, Zeitverzögerungen oder durch besondere Spezialisierung gewonnenen Vorsprung – auch als Mittel der Profilierung gegenüber der Konkurrenz – beobachten können. Aber in diesem heißen, fettigen Sommer habe ich durch übertriebenes Freinehmen und durch die Gegend Reisen, leichtfertiges Zusagen zu jedem Auftrag, der mit einer Reise verbunden war, und frivoles Annehmen jeder Einladung in Sommerquartiere, eine neue alte Art, die Welt wahrzunehmen, wiederentdeckt. Nicht mehr mein professioneller Verstand, der jetzt bei sinkender Sonne wieder die Karten mischt, und die vielen in ihm untergebrachten analytischen Kategorien, nicht mehr meine Fragen produzierten brauchbare Antworten, sondern meine Entlassung aus der Notwendigkeit, meine Existenz zu rechtfertigen. Das Hineinbegeben in Situationen, in denen ich keine Existenz haben würde, sondern die ich zunächst nur durchschreiten würde, Ferien eben, sorgten dafür, daß die Geschichten plötzlich von allein sich erzählten. Daten und Personen zu Arrangements und Verkettungen in Raum und Zeit sich zusammenfanden, zu denen ich sie nie hätte zwingen können: eine andere Wirklichkeit.

    Alan, warum haben wir solange nichts von Deep Freeze Mice gehört? „Nun, diese Gruppe wurde immer mehr mein eigenes isoliertes Ding und ich wollte eigentlich lieber mehr mit anderen zusammenarbeiten, wie jetzt bei den Chrysanthemums.“

    Ja, Herr, der Sommer war groß. Die völlig verkrampften Glieder des Apriori entspannten sich zu einem grazilen, biegsamen Aposteriori. Platzgründe verbieten es mir, die großen, unwillkürlichen Motivverkettungen dieses Sommers, die vielen kleinen Fabeln, die sich von Ort zu Ort ohne mein erzwingendes Zutun weiterschrieben, hier auszubreiten („Sometimes it occurs to me: what a long strange trip it’s been“), nur ein Ausschnitt daher: Ich fraß diesen Sommer mit großem Appetit das Werk des großen Hamburger Heimatschriftstellers Hubert Fichte, die endlich gefundene Sixties-Gegenfigur zum Kölner Brinkmann, die ich früher aus dem blöden Grunde, daß Raddatz sie hofierte, ignoriert hatte: endlich ein deutscher Nachkriegsschriftsteller für mich. Der alles richtig gemacht hat. Arbeitsgebiete: eigenes Leben – so werden wie man ist, Homosexualität, Literatur, Subkultur, Kriminalität, Voodoo, Haiti, Brasilien, seine Lebensgefährtin, Hamburg. In Wien erkennt mich in einer Kneipe ein Mann an der Art, wie ich das Wort „Beton“ ausspreche (nämlich „Betong“) als Hamburger. Wir kommen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, daß er während seiner Jugend in den 50er Jahren bei Hans Henny Jahnn ein- und ausgegangen ist. Jahnn war aber eine der zentralen Figuren bei Hubert Fichte, in Leben und Werk: Jahnn wollte Fichte adoptieren, lange Story, nachzulesen in Versuch über die Pubertät. Mein Hamburger in Wien kannte zwar Fichte nicht persönlich, spricht aber von einem anderen Ziehkind Jahnns, dem Komponisten Trede. Trede wiederum war einer unserer Nachbarn während meiner Kindheit. Ein Freund von mir hat sich bei ihm für uns indische Instrumente ausgeliehen, mit denen wir an romantischen Plätzen coole Katzenmusik aufführten. Die Defoliants haben unlängst eine von Tredes Filmmusiken gecovert. Zwei Wochen später steige ich in Hamburg in einem kleinen Hotel in der Bremer Reihe ab, der Straße, die ich früher auf meinem Weg zum Arbeitsplatz bei Sounds zweimal täglich entlangging, eine der wenigen Ecken rund um den Hauptbahnhof, die noch im wesentlichen so aussieht, wie zu der Zeit, in der Fichtes Der Kleine Hauptbahnhof oder Lob des Strichs spielt, wenn auch mittlerweile im Zentrum des Drogenelends (bei der Durchsicht des fertigen Textes in der neuen Zeit geblättert, wo der ebengenannte Roman mit dem „Fall“ Sedlmayr in Verbindung gebracht wird). Am Abend gehe ich zur Präsentation von Roberto Ohrts Situationismus-Buch Phantom Avantgarde in der Buchhandlung „Nautilus“, wo ich auch Thorwald Proll kennenlerne, der sich als ein ehemaliger Freund desselben, seit zehn Jahren in Amerika lebenden Benjamin Buchloh herausstellt, mit dem ich drei Wochen vorher auf einem Symposion in Graz sehr gerne diskutiert habe. Beim Umschauen in der Buchhandlung entdecke ich, daß Nautilus mehr als ein Buch des Norwegers Ingvar Ambjørnsen veröffentlicht hat. Und erfahre auf Nachfrage, daß sie sich auch ganz gut verkaufen. Auf meine und Michael Ruffs Bitte wird die alte Buchhandlungs-Musikbox von Thorwald Proll angeworfen, und wir drücken u. a. Crispian St. Peters „You Were On My Mind“, eines der fünf ersten Stücke, die ich 69 vom Radio mit meinem nagelneuen Quelle-Recorder aufnahm. Zwei Tage später bei der Abreise aus dem Hotel, in dem ich wohl nie wieder schlafen würde, ist mir dieser Umstand ein Grund, die Klingelschilder zu studieren, auch um zu sehen, wer wohl heute in St. Georg noch wohnt, ob immer noch Türken wie damals, oder ob sich die das mittlerweile nicht mehr leisten können, und siehe da: Ingvar Ambjørnsen wohnt im selben Haus. Am Bahnhof, zwei Minuten später, höre ich aus dem im Internationale-Presse-Shop laufenden Radio „You Were On My Mind“: „When I woke up this morning, you were on my mind …“

    Yukio alias Terry Burrows, Begründer auch der Jung Analysts und des Obskuritäten-Labels Hamster Records und seit ca. einem halben Jahrzehnt neben Jenkins Kopf der Chrysanthemums, sagt: „Viele der Anspielungen haben mit Musikgeschichte auch gar nichts zu tun, beziehen sich auf uns selbst.“ Jonathan Staines, außerdem bei Jesus Couldn’t Drum: „Die alte Frage der Originalität, wir sind alle Gefangene der Geschichte.“ Man könnte ja naiv sein wollen (eine beknackte Idee, wie ich finde, hinter den erreichten intellektuellen und moralischen Horizont zurückgehen zu wollen, nur um irgendwie unpeinlich gut auszusehen)? „Oh ja, laß uns alle zusammen in ein Haus ziehen und zusammen schlafen.“ Terry: „Wir haben auch Bezüge zu House, es hängt immer davon ab, was man gerne hört, ich höre gerne Tanzmusik und tanze gerne, Alan haßt Tanzmusik und tanzt auch nicht gerne. Habt ihr hier auch Kylie und Jason?“

    So sauber und folgerichtig ist die individuelle Welt aufgereiht, so fügt sich eins zum anderen, das Nacheinander der Narration wird zum natürlichen Ordnungsprinzip des armen, heillos ins Gleichzeitige der Zusammenhänge verstrickten Kopfes, wenn man nur nicht erzwingen will, was eigentlich die eine ausschließliche Wirklichkeit ist. Die, mit der man in den Konkurrenzkampf um den in der Kulturindustrie so gefragten Wirklichkeitssinn zieht. Die Unvereinbarkeit und Unvermittelbarkeit dieser bei meinen Freunden vorgefundenen, mit letzter Sicherheit erkannten Wirklichkeiten macht für mich Momente, in denen verschiedene Leute aus verschiedenen Gründen die gleiche Musik gehört haben, um so interessanter. Nicht nur weil ja das Ideal von Popmusik ist, daß viele verschiedene freiwillig und aus verschiedenen Gründen in einem Moment das Gleiche hören, sich also vor jeder Geschichtsschreibung über das verständigen können, was gerade Sache ist, sondern weil das eben auch der Stoff ist, aus dem eine richtige Geschichte besteht. Und „Geschichte“ ist eben das Wort für Verkettungen von Motiven und Daten in der Zeit, die einem erklären können, was an dem, warum man so geworden ist, wie man heute ist, relevant ist. So wie Leute auch nur aus vermeintlich völlig verschiedenen, subjektiven Gründen Revolutionäre oder KZ-Wächter werden. Andererseits lernen sie dabei ein für allemal ihre Kategorie von Wirklichkeit als die einmal erfahrene Ereignismatrix, die Geschichtsfähiges produziert. Und suchen später immer nach dem Geschmack dieser Stimmungen, nach Proportionen und Verhältnissen in dieser Matrix, die einmal zu Geschichte sich Kombinierendes geregelt hat, um wieder Wirklichkeit zu erleben, die wieder Geschichte wird und ihre Teilnehmer wichtig macht oder ihnen zumindest erklärt, was an ihnen wichtig und relevant ist und was nicht. Dabei entscheiden das natürlich ganz andere.

    „Wir haben in letzter Zeit keine langen Stücke mehr gemacht, weil wir vieles, was in diesen langen Nummern drin war, jetzt auch in kürzeren Sachen unterbringen können. Was wir uns vorstellen können und demnächst auch machen wollen, ist ein 70-minütiger Pop-Song auf einer CD, strukturiert wie ein Pop-Song, mit fünfminütigem Intro, zehnminütiger Strophe, zehnminutigem Kehrreim …“ Jonathan: „Und einem fünf Minuten gehaltenen Sextakkord am Schluß.“ Alans Lieblingsplatte aller Zeiten ist Captain Beefhearts Trout Mask Replica, Terrys ist Chairs Missing von Wire. Die Chrysanthemums, die nur sehr selten etwas gecovert haben, werden demnächst eine Platte ausschließlich mit Zombies-Covern machen.

    „Wirklichkeit“ und „Objektivität“ als Namen für hochspezialisierte Einsamkeiten, die nicht ihre Herkunft von einem geschichtlichen Moment (oder mehreren: und damit gerade dem Objektiven an ihrer Subjektivität) anerkennen wollen, sind wahrscheinlich notwendige Illusionen auch dieses Kultur-Berufslebens. Auch weil sie den spezifischen Stimmungen, aus denen dieser Moment zusammengesetzt war, immer weiter blind nachrennen, und im Verlauf dieses Nachrennens, das ja in der Zeit stattfindet, durchaus zu neuen geschichtsfähigen Situationen und Konstellationen beitragen, ohne das Gefühl zu bekommen, die Relevanzkoordinaten im Nordmeer der Erinnerung je erreicht zu haben, bzw. den Seeweg nach Indien gefunden zu haben. Sie sind außerdem verführerisch, weil in ihnen selbsterzeugte Verfeinerungen und Bereicherungen möglich sind, die man keiner Kommunikationskontrolle durch andere Lesarten der „Wirklichkeit“ mehr aussetzen muß. Die, die diese anderen Lesarten hervorbringen, sind ja nicht wirklich. „Wirklichkeit“ bezeichnet demnach den einmal eingeschlagenen Seeweg, der aber ganz individuell ist, obwohl er glaubt, zur Geschichte zu wollen. Da er das aber ganz will, ist das Objektive, das mit dem Subjektiven zusammen einen geschichtlichen Moment bildet, ganz aus ihm herausgefallen und das Subjektive des Willens ganz an seine Stelle getreten.

    In diesem Punkt ist Spex eigentlich in den letzten Jahren das Gegenteil von einer „Abgrenzungsorgie“ (O.D. Marx) gewesen: seit Ausdifferenzierung in Subszenen, nicht vereinbare Underground-Welten der Gang der Dinge ist, versucht Spex eigentlich (mit unterschiedlichen Gewichtungen) diese zusammenzubringen, zu konfrontieren oder auf ihr objektiv Gemeinsames hinzuweisen. Das geht bis in die Sprache. In Spex stehen weit mehr synthetische als analytische Urteile. Die berühmte Spexsche Analogie als euch allen sattsames bekanntes Mittel der Musikbeschreibung („… verhält sich zu x wie y zu z“) ist nur ein Beispiel dafür. Vielleicht sollte Spex sich gerade mehr abgrenzen, gewisse Entscheidungen sind im heutigen Zustand nötig. Es geht nicht mehr, daß jeder – wie früher die Spex-Verfassung sagte – der zu uns gehört, schreiben darf und soll, über das, was ihn interessiert. Mir persönlich wird die Entscheidung, daß Band A wichtiger ist als Band B – oder Phänomen Big-in-England oder Phänomen Stehen-sie-in-süddeutschen-Jugendzentren-drauf oder Phänomen Big-in-Californien-und-Hannover oder Phänomen Groß-an-der-Hamburger-Uni-im-CBGBs-und-unter-jungen-Yale-Absolventen – immer unmöglicher: zumal das „Phänomen“ und die „Relevanz“ eben genau die klassischen falschen, scheinobjektivistischen Kriterien des konventionellen Journalismus sind, die ich immer gehaßt habe, wegen der Gewalt, die sie jeder nicht notgeborenen Wirklichkeit antun. Ich sehe im Rose Club an einer roten Wand die Plakate von sechs Bands, die im nächsten Monat spielen und die ich für gleich interessant halte: Celebrity Skin, Cryptic Slaughter, die neue Band von Rikk Agnew, Das Damen, Psychotic Youth und Verbal Abuse. Nur eine, höchstens zwei werden im nächsten Spex-Heft Platz haben.

    Die Chrysanthemums sind eine Band, die seit zehn Jahren (früher als Deep Freeze Mice) kein Hehl aus ihrer völligen Einsamkeit und Unverständlichkeit macht, aber auch nicht so genau weiß, warum sie so allein ist. Ihre Einsamkeit unterscheidet sich von der privilegiert zur erkannten Wirklichkeit verklärten Einsamkeit des Kultur-Profis ebenso wie von der elektronischen Einsamkeit und dem von ihr verursachten Verschwinden der Wege, der unberechenbaren Begegnungen, und damit des Sozialen, die mehr oder minder die meisten Freizeitindustrien produzieren. Gemeinsam ist all diesen Einsamkeiten nur, daß sie nie gekannte Verfeinerungen und Individualisierungen im Austausch für den beschriebenen Verlust der Option Solidarität anbieten, die dann schließlich dazu führen, daß der aus ihnen hervorgeschleuderte Hilferuf „against the loneliness“ sich so zart und fein und fast kraftlos anhört. Doch die selbstgewählte Einsamkeit der Melodie, die bei Deep Freeze Mice und den Chrysanthemums in einer extremen Form vorliegt, bezieht sich nicht in einer traurigen oder fatalen Weise auf den einen Moment des Jungerwachsenenlebens, an dem dieser sich (nicht immer ganz zu Unrecht) einbildet, mit dem Machen von Geschichte zu tun zu haben, sondern in diesem Fall in einer reflektierten Weise auf das für immer verlorene Glück der bürgerlichen Behütetheit, die verlorene Zeit.

    Jetzt sind sie zum ersten Mal auf Tour gegangen: „Die ersten Tage war es nur ein Witz, aber jetzt macht es so viel Spaß, daß daraus mehr werden könnte“, sagt Terry Burrows. Bezeichnenderweise nicht der in Leicester alleine mit sich, einem Mail-Order-System und dem wundervollen Cordelia Label unbegrenzt wuchernde, melodische Schönheiten entwickelnde Alan Jenkins, der – von zwei oder drei Deep-Freeze-Mice-Gigs in der Schweiz und lokalen Ereignissen in und um Leicester abgesehen – noch nie live aufgetreten ist. Seit zehn Jahren beobachte ich, wie Deep Freeze Mice mit „My Geraniums Are Bulletproof“, „Teenage Head In My Refrigerator“, „The Gates Of Lunch“, „Saw A Ranch House Burning Last Night“, „I Love You Little Bobo With Your Delicate Golden Lions“, „Hang On Constance Let Me Hear the News“, „Rain Is When The Earth Is On Television“, „Neuron Music“, „War, Famine, Pestilence And Miss Timberlake“ und „The Tender Yellow Ponies Of Insomnia“ und die Chrysanthemums mit „Is That A Fish On Your Shoulder Or Are You Just Pleased To See Me“, „The XXXX Sessions“, „Little Flecks Of Foam Around Barking“ und „Live At The Palladium“, von EPs, Singles, Flexis, Samplerbeiträgen und Cassetten gar nicht zu reden, noch jeden an diesen spezifischen Pop-Schönheiten Interessierten, deren Grundlagen in den sogenannten Sixties gelegt wurde, vor Begeisterung flachlegten. Sie befriedigten eine vor allem in den mittleren Achtzigern immer stärker gewordene Sucht nach immer weiterer Verfeinerung, Vertiefung und Ausweitung dieser Sorte Musik befriedigend, die immer noch mehr Referenzen, kleine Brüche, Verschlungenheiten und harmonische Melancholien braucht, der infinitive Regreß der romantischen Kunstkritik eben: wie diese Leute vor lauter atemloser Begeisterung über puren, feinen, kleinen, reichen Wohlklang plus unendlich verzwirbelten, versponnenen Humor wehrlos kollabierten. In all diesen Jahren sind Depp Frieze Mice dennoch nur von zwei Zeitschriften dieser Erde überhaupt beachtet worden: von Spex und dem amerikanischen Option. Auch dafür haben sie keine einleuchtende Erklärung: „Wir sind halt zu eklektizistisch.“ Aber die britische Musikpresse kümmert sich um jeden, jeden auch noch so obskuren Scheiß, oder? „Wir sind halt nicht aus Manchester.“ Nun ja. Aber es wäre doch wichtig, diese spezifisch englischen Gefühle, diese besonders englisch codierte Melancholie, über englische Geschichte sich mitteilende, über sich selbst lachende Trauer um verlorenes Kinderglück, auch einem englischen Publikum nahezubringen: „Und genau das, was du gerade beschreibst, gefällt eben ganz besonders euch Ausländern.“

    Ich hätte schon eine Erklärung. Um die zu verstehen, muß man zwei Voraussetzungen akzeptieren: 1. Die nach den Gesetzen europäischer Funktionsharmonik gebastelte Melodie ist spätestens seit Schönberg, wenn nicht seit Wagner als Repräsentation oder Vehikel avancierter Gedankengänge, relevanter, auch emanzipatorischer Ideen/Entwicklungen erledigt. 2. Afro-amerikanische Musik hat ein instrumentelles Verhältnis zur Funktionsharmonik und hat ihren Effekten nie geglaubt. Eher parodiert sie, zieht sie in die Länge, macht sie fast kaputt, läßt sie zwar im Prinzip unangetastet, aber etabliert immer eine zweite Ebene, den Groove, von dem aus alle melodischen Effekte distanziert betrachtet werden können. Daher wird sie von der Regel ausgenommen. 3. „Weiße“ Pop-Musik, die sich entweder von der Melodie abwendet (Richtung Beat oder Richtung Lärm: Punk, HC etc.) oder sich im Austausch mit schwarzer Musik oder anderer unter marginalisierten Bedingungen zustande gekommener Musik befindet (wie etwa Westcoast-Hippie-Musik), codiert Melodie und Harmonie ebenfalls grundsätzlich anders. Von diesen drei Fällen soll hier nicht die Rede sein.

    Als Beat-Musik, das Aufgreifen von schwarzem Soul durch mitteleuropäische – größtenteils – Kleinbürgerkinder (wenn auch Kleinbürgerkinder mit guts – schließlich haben sie den Krieg noch im Luftschutzlaufgitter mitgemacht. Van Morrison: „We were the war children …“), die Melodie als „schöne Melodie“ restaurierte, war das Einklagen eines von durch Behütetsein bestimmten Kleinbürgerkinderglücks, speziell eines englischen kleinfamiliären Reihenhaus-Glücks, einer Überschaubarkeit, die emotional völlig kongruent ist mit der „romantischen“ klassischen Melodie des 19. Jahrhunderts, jener Zeit als Überschaubarkeit und Beherrschbarkeit die avancierten Hoffnungen der Bourgeoisie speisten und ihre „avantgardistischen“ Künstler beflügelte. In den 60ern dieses Jahrhunderts war diese Melodie plötzlich nicht nur aus dem Mund der beim Abwasch singenden Mutter, sondern through the airwaves zum Code von unbeschwertem Kinderglück geworden, jedenfalls für die, die damals Kinder waren: die ganze Seite der Popmusik von Beatles bis Hüsker Dü reicht seitdem über einen rocking Schubert die Beherrschbarkeit und Planbarkeit der Welt zur Wiedervorlage ein. Bezeichnend auch, daß sie in dem Moment sich aus schwarzer Musik etwas holten, das zu weißer Glücksmusik werden konnte, als die schwarze Musik einen Unterzweig herausgebildet hatte, der mit aller Macht in dieselbe Mittelschicht hineinwollte, in der die weißen Kinder gerade glücklich spielten. (Andererseits besteht die überlegene Kraft der Motown-Musik eben genau darin, daß hier Erwachsene um/über ihr Leben als die eine einzige Existenz sangen, statt zu spielen.)

    Und dieses Festhalten am Sixties-Kinderglück – egal ob das spätere daran Festhalten der Kinder von damals oder das zeitgenössischer, naiver Jungerwachsener – war insofern sogar auch rebellisch und in gewissen Maße „subversiv“, weil es sozusagen die erstarrten, Macht und Machtausübung konstituierenden Werte der bürgerlichen Gesellschaft beim Wort nahm (Sicherheit, Eigentum, Kontrolle), zu den Versprechungen des dynamischen Kapitalismus der Sechziger addierte (Mobilität, Abenteuer, Sex) und einen Glücksanspruch darauf aufbaute, der über die Kindheit hinausgehen sollte: dauernde Ferien, nie arbeiten, Verantwortung ist für Arschlöcher, die daran glauben. Seitdem, den 60ern, bis heute ist die Option nichtlächerlicher wie auch nichtproletarischer, „weißer“ Popmusik, sich immer wieder über immer feinere Melodien zu versichern, daß man nicht allein ist, mit seinem Glücksbegriff, seiner feinen, filigranen Sehnsucht nach der – schätzen wir mal – spätestens in der Romantik festgelegten bürgerlichen, ordentlichen, einerseits planenden, andrerseits sehnenden Seele. Ein manieristisch dekadenter Höhepunkt dieser Musik ist sicherlich das Werk von Prefab Sprout.

    In der Zwischenzeit ist denjenigen, die sich so äußern, allerdings entgangen, daß sie einander nicht mehr erreichen. Die Menge derer, die über eine kunstvoll gedrechselte Melodie anderen sagen: „Du bist nicht allein, wenn du allein bist und zurück zu Mami willst“, wird immmer größer, die Zahl derer, die das noch hören wollen, wird immer geringer. Das hat unter anderem damit zu tun, daß diese Melodien damals an die objektiven, in großer Linie stattfindenen Bewußtseinsprozesse angekoppelt waren. Daß in den 60er Jahren, besonders kurz vor deren Kante 69-72, als Nachkriegszeit in postmoderne Ölkrise umkippte, Kultur, besonders Pop mit seinem zusammenschweißenden, solidarisierenden Anspruch/Mythos, die ohnehin gärende Legitimationskrise der westlichen, kapitalistischen Gesellschatten nochmal schwer forcieren und ausnutzen konnte. Marcuses damals viel rezipierte Diagnose von der „repressiven Toleranz“ ist ja eigentlich erst danach richtig durchgesetzt worden, war, wie so viele Modelle der Kritik, in Wirklichkeit ein Zuendedenken der Probleme der Macht, das die Macht selber noch gar nicht vorgenommen, geschweige denn vollständig und ausweglos umgesetzt hatte. Und daß so damals, mit dem von Haight Ashbury, Monterey und Woodstock genährten Nation/Community-Mythos verschränkt, dieser Glücks-Drive mächtig und wichtig klang, was auf die ihn hervorbringenden Produzenten zurückwirkte.

    Das Vorübersein dieses Sixities-Zustands, das sich im melodischen Verarmen der Popmusik ebenso mitteilte wie in der Vereinsamung derer, die via Melodie Glücksverheißungen schmieden wollten, äußert sich bei Deep Freeze Mice von Anfang an als ein bis dahin nicht gekanntes Bewußtsein von der eigenen Lächerlichkeit. Alan Jenkins’ wortkarges Nuscheln beim Interview entspricht dem gleichen Nicht-Ernstnehmenkönnen seiner nunmehr jahrzehntelangen Verfeinerungsarbeit mit Material aus der Popmusik der 60er, wie die haltlose Satire und Relativierung dieser Verfeinerung in Texten und Präsentation. „Gerade weil die Leute Melodien nur aus der Vergangenheit kennen, machen wir diese Texte und Witze.“ Für deren Verhältnis zueinander bietet er, mitten in einem Erklärungsversuchsschwall von Terry das schöne Wort „Deuteronomie“ an.

    Jenkins gehört zu denen, die nicht mehr versuchen, ihre Welt zur verbindlichen Wirklichkeit zu erklären, er konnte auch der Versuchung widerstehen, Kontakt aufzunehmen zu den Regionen, wo die eine oder andere Wirklichkeit noch verbindlich für ihre Beteiligten verhandelt wird (Metal, Hop, Rave, Core). Er macht das weiter, was der frühe Zappa tat, der einerseits so eindeutig hörbar aufgestachelt wurde, von der ganzen Relevanz und Freiheit, die Musik in den mittleren und späten 60ern genoß, und doch deren ausgesprochenen Inhalt nicht ernst nehmen konnte, so daß er ständig in Satire-Labyrinthe abhauen mußte, um aushalten zu können, daß avancierteste, gerade noch melodische Musik Massen von Teenagern begeistert. We’re Only In It For The Money nennt Yung als seine Zappa-Lieblingsplatte. Uncle Meat, erklärt Alan Jenkins, und vorübergehend kommen wir etwas ins Gespräch, als wir ergründen, wo auf seinen Platten Einflüsse von Uncle Meat zu finden sind. Heute ist die Lage natürlich ganz anders, Zappa konnte, als von der europäischen E-Musik kommend, zwar überwältigt, aber mit anderen Infos versorgt, erkennen, wie in die Spät-60er-Musik Idealismen und Anachronismen eingebaut waren. Jenkins hat „psychedelische“ Melodien nie so sehen können, sondern sie unkontrolliert wuchern lassen, in etwas dermaßen referenzbeladenes Kompliziertes hinein, das objektiv die E-Musik von heute ist, nur daß es im Gegensatz zur meisten neuen E-Musik noch etwas davon weiß, was seine Musik mal sozial bedeutet hat. Und man kann hören, daß er traurig über den Verlust dieser Bedeutung ist.

    Heute ist die E-Musik ja wieder auf dem Weg zu zugänglicheren Formen, wenn auch nicht, weil soziale Belange dies fordern: die Avantgarde im klassisch-modernen Sinne sind Hip-Hop und Core und andere Sounds, von denen Musik nach einem vielzitierten Satz von Albert Ayler heute zu handeln hätte, anstelle von Noten. Auch der Jazz ist aber wieder auf dem Teppich. Eine hochorganisierte Musik, im klassich europäischen Sinne, die dem Zustand Rechnung trägt, daß ihre Elemente Bedeutungen haben, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, findet man immer seltener. Die Chrysanthemums und die anderen Bands und Arbeiten von Jenkins haben ein Bewußtsein von ihrer Verlorenheit und Lächerlichkeit und sind deswegen nicht lächerlich oder verloren, so obskur und independent sie sich auch geben mögen.

    Heute ist britische Popmusik, der traditionelle Ort der schönen Melodie im „weiß“-kleinbürgerlichen Sinne auf den Rave gekommen. Im Streit um die Frage, ob es ein absolutes Kriterium gibt, das den Menschen von in der Zukunft denkbaren Künstlichen Intelligenzen unterscheidet, ist als ein inzwischen auch wieder heftig in Frage gestelltes Kriterium der KI-Forschung die Intentionalität genannt worden. Intentionalität nicht im alltagsprachlichen Sinne, sondern definiert als die Fähigkeit, von sich aus Kontakt aufzunehmen bzw. sich zu beziehen auf etwas außerhalb der Maschine liegendes. In dem Sinne ist Rave die erste Jugendkultur, die nicht intentional ist, die weder etwas abschaffen noch einführen, kritisieren, ironisieren, überwinden will, das außerhalb von ihr selbst liegt. In ihr ist die glückliche Kleinfamilie zur großen Riesenfamilie geworden, zu der jeder Zutritt hat, der nichts anderes will als dieses Glück. Das hat den Vorteil, daß der Macht jede Zuschreibung, jedes selbst angegebene Ziel, das sie braucht, um einen Kult verwaltbar zu machen, vorenthalten wird. Es hat den Nachteil, daß die Idee der Politik, der Öffentlichkeit, der Wirkung, des Gewinnens einer Wirklichkeit damit endgültig aufgegeben worden zu sein scheint (obwohl gerade das ja immense Wirkung zeigt: wenn sich 1.000 Leute zusammenrotten, um die Abschaffung des Systems zu fordern, gähnt die Polizei, wenn sich 1.000 Leute zusammenrotten, um … äh … „glücklich“ zu sein, ruft sie Großfahndungen aus). Die Chrysanthemums heben in ihrer Arbeit in einem verzweifelten musikalischen Humor die Unvereinbarkeit auf, sowohl die gegen elektronische Einsamkeit zu erkämpfende Solidarität wie die objektive Einsamkeit, ihr Eingeständnis und ihre Chancen aufrechtzuerhalten, jedenfalls für eine weiße, mitteleuropäische Bürgerkinderpopmusik. Was dabei rauskommt, muß natürlich albern klingen, denn es kann ja nicht wissen, was die Wirklichkeit ist. Und das ist einfach unprofessionell. Und das möchte ich auch gerne wieder sein.

    *

    „We talked also of the all-too-familiar obstacles and misunderstandings that must be finally overcome simply by continuing to make music.“
    Spencer Richards über ein Gespräch mit Cecil Taylor