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  • Aus dem gleichen Schrot und Blech

    Automobilliebe ist schöner als Sex: Dominic Sena erhebt in seinem Film Nur noch 60 Sekunden den Karossenklau zu einer noblen Sache. Der Plot um männliche Allmachtsgefühle ist gnadenlos konventionell – aber immerhin wird dabei eine Menge Holzspielzeug, als Inbegriff des Bösen, zertrümmert

    Autofahren ist wie Sex. Mit dem Zaunpfahl dieser weder neuen noch originellen und vor allem zutiefst unplausiblen Idee wird in Nur noch 60 Sekunden so lange hartnäckig gewunken und gewedelt, bis sich endlich jemand traut, sie auszusprechen. Die eine Frau nämlich. Angelina Jolie ist die einzige menschliche Trägerin eines weiblichen Vornamens, die anderen sind Autos. Ihrem Ex, dem legendären besten Autodieb aller Zeiten, Nicolas Cage, stellt sie schließlich die allerdings im Trailer schon verbratene Frage: „Was ist besser – Sex oder Autos klauen?“ Cage, der alte Dialektiker, denkt einen Moment nach, dann dämmert die Synthese und hellt seine Züge auf: „Sex beim Autoklauen!“

    Dass eine irgendwie regredierte Männersexualität, je nach Auslegung, sich in Autoliebhaberei verwirklicht oder beim Autowaschen irgendwas sublimiert, ist natürlich auch nicht neu. Hier wird das mit der handelsüblichen Ironie vorgetragen, die von Affirmation nicht mehr zu unterscheiden ist. Aber trotzdem versteht man diesen Allgemeinplatz anschließend etwas besser: Es geht wohl darum, dass zum Sex ein Objekt gehört, das nicht ganz tot ist, das sich bewegt, möglichst schnell und kraftvoll und unter kehligem Geräusch. Und dieses Objekt soll sogar manchmal Subjekt werden und spinnen, Macken haben, ja sich verweigern. Sie springt heute einfach nicht an. Dann aber zeigt sich der Vorteil des Autos: Man öffnet die Haube und tauscht ein paar Teile aus, ölt und schraubt und die Alte ist wieder wie neu.

    Der Plot um dieses wunderbare Allmachtsgefühl des ansonsten überall gesellschaftlich abgemeldeten Mechaniker-Mannes ist so konventionell, dass man ihm mit einem Minimum an Hirnaktivität folgen kann. Ein Mann war der Beste. Er hatte alle Autos geklaut bis auf eines, das er Eleanor nennt. Dann hat er seiner Mutter versprochen, sich vom Klauen zurückzuziehen. Nun gerät sein Bruder in die Kacke. Tod durch Italiener droht. Und da er der Mutter auch versprochen hatte, den Bruder zu schützen, dies aber nur möglich ist, wenn er 50 Autos für die Italiener klaut, hebt das eine Mutterversprechen das andere auf. Und dann gibt es noch einen Bullen, seinen alten Gegenspieler, hart, aber herzlich. Aus dem gleichen Schrot und Blech. Liest auch die ADAC Motorwelt. Und wie immer in solchen Filmen hat das Über-Ich eine dunkle Hautfarbe. Samuel L. Jackson nobilitiert ja auch jeden Rollenschrott. In gewissen Grenzen.

    Der Rest ist Autoklauen. Und da wurden weder Kosten noch Mühen gescheut. Robert Duvall als eine Art Guru der Bewegung stellt seine Museumsgarage als Räuberhöhle zur Verfügung – ein paar Winke an kalifornische Car-Culture-Klassiker sind zu erkennen: die tiefer gelegten Low-Rider der Chicano-Kultur und die kunstvollen Besprühungen à la Big Daddy Roth. Doch wird das nie zu speziell. Im Wesentlichen geht es um deutsche und italienische Sportwagen, von denen jeder Autofahrer und Hundehalter träumt. Maseratis, falsch ausgesprochene Lamborghinis und die üblichen bayerischen und schwäbischen Unansehnlichkeiten. Trotzdem ist es dann richtig toll, wie all diese Blech- und Chrom-Ladys aufgedonnert und zum Glänzen gebracht werden, gewienert und geschrubbt unter Einsatz sämtlicher Waschanlagen von L.A. County, um dann in den nun wirklich schön geschnittenen und rasant sich zu orientierungsverlorener Rammdösigkeit auftürmenden Verfolgungs- und Kollisionsszenen zerdeppert und zerseidelt zu werden. Ein komischer Timecode, der dabei eingeblendet wird, soll Spannung erzeugen.

    Irrerweise ist in Dominic Senas Film jede Topographie und urbane Kohärenz völlig außer Kraft gesetzt worden. Auch wer noch nie in Los Angeles war, wird nicht glauben können, dass eine Brücke, die eben noch an Ölanlagen und Industriegebieten vorbeiführte, direkt und ohne Zeitverlust auf dem eingeblendeten Countdown mitten ins belebte Herz von Downtown führt.

    Das Schönste an dem Film ist der Versuch, die Autofrisiererei und Klauerei, die ganze retardierte Männlichkeit ganz ironiefrei zu einer noblen Sache zu erklären. Dazu bedarf es klarer Zuordnungen in der Form eines Chiasmus: Der böse Italiener ist erkennbar böse. Die guten Autodiebe sollen lieb und gut sein. Um das zu erhärten, wird nun der böse Italiener zum Liebhaber von Holz erklärt, zum Connaisseur delikater Drechslerarbeiten und ingeniöser Intarsien. Die darf Cage am Ende dem verdienten Ende allen Holzspielzeugs zuführen und gnadenlos kaputtmachen. Und wenn Holz zu den Bösen gehört, wird der Blechfreund auf der anderen Seite automatisch gut. Und unter dieser, nur unter dieser Bedingung ist auch dieser Rezensent bereit, sich auf die Seite des Blechs zu schlagen: in der Liebe und im Kampf gegen die Ideologie des Holzes ist ihm jede Verkehrsübertretung erlaubt.

    Nur noch 60 Sekunden. Regie: Dominic Sena. Mit Nicolas Cage, Angelina Jolie, Samuel L. Jackson u. a. USA 2000, 118 Min.

  • Die Hölle, das sind die Albernen

    Wie die Popsängerin Sinead O’Connor mal wieder die Religion entdeckt

    Musizieren macht religiös. Musiker finden sehr schnell zu Gott. Es gibt zu wenige Entsprechungen zu dem, was sie tun im allgemeinen Alltagsleben. Anders als Schriftsteller, die mit der Sprache arbeiten, die wir anderen auch benutzen, oder Bildende Künstler, die mit der uns auch in der Alltagsorientierung vertrauten Praxis der Verbildlichung umgehen, verfügen die Musiker über ein Vokabular, das auf nichts von dieser Welt zu verweisen scheint. Himmlisch erhebt sich die Musik aus dem anderen akustischen Gekläffe und wird zur „heilenden Kraft des Universums“ (Albert Ayler).

    Oft fallen etwa ganz atheistisch aufgewachsene Musiker als Erwachsene einem Guru zum Opfer. Sie entwickeln dann das Gefühl, dass Gott sie als Instrument benutze. So etwa wurde der britische Wundergitarrist John McLaughlin in den siebziger Jahren zu „Mahavishnu“, sein Freund Carlos Santana hieß „Devadip“. Gott war vor allem ziemlich schnell auf dem Griffbrett in jenen Jahren. Auch wenn sie ihre Tantiemen nicht mehr zu dem immer noch aktiven Sri Chinmoy schleppen, sind nicht nur die zwei nach wie vor schwer spirituell orientiert. Ihr großes Vorbild war der Geist „Onedaruth“, der sich auf Erden bis ins Jahr 1967 in einem Körper mit dem Namen John Coltrane versteckt hielt. Noch nach dem Verlassen dieser Hülle kommunizierte er musikalisch mit seiner Witwe Alice Coltrane, über deren diverse Hindu-Namen man sich nur mühselig durch die gegenwärtigen Wiederveröffentlichungen ihres unterbewerteten Werkes einen Überblick verschaffen kann. Heute verehrt sie Allah.

    Der Groove Gottes

    Gospel-sozialisierte Soul- und R&B-Sänger sind auch heute immer noch dem christlichen Gott, meist in seiner baptistischen Version, verpflichtet, während die Hip-Hop-Szene fast geschlossen zu Allah betet, freilich in der unorthodoxen Version der afroamerikanischen Nation of Islam. Kool & The Gang waren originellerweise Buddhisten wie John Cage. Funk-Größen wie Hamilton Bohannon und Larry Graham betrieben zeitweilig eigene Kirchen. Free-Jazzer neigten oft wie auch der Komponist La Monte Young zum mystischen Islam der Sufis. Der Neigung der Saxophonisten und Gitarristen des Jazz zu Yogis und Hindu-Gurus, steht die besonders unchristliche Neigung der Pianisten zur Scientology-Kirche gegenüber (Chick Corea, Nicky Hopkins). An was Keith Jarrett glaubt, möchte ich lieber gar nicht erst wissen. Es muss etwas Großes, Weiches sein. Für all die Dinge hingegen, die Karlheinz Stockhausen glaubt, dürfte der Begriff des Glaubens selbst zu eng sein.

    Man muss allerdings zwischen all den Fällen (Jazz, E-Musik, Soul) unterscheiden, bei denen die Spiritualität nur nach Formulierungen für das Signifikat der Musik an sich sucht: das große Unaussprechliche, das wir spielen. Wo der Glaube das Problem lösen soll, dass man ja die ganze Zeit etwas Unbenanntes und Unbenennbares ausspricht. Und den anderen Fällen, bei denen es um eine – womöglich politische – außermusikalische Identifikation mit den Inhalten geht: rappende Moslems, mit Jah gegen Babylon ziehende Reggae-Künstler oder vorübergehend christlich wiedergeborene Pop-Stars wie Bob Dylan, Johnny Cash und Al Green, die im Evangelium vor allem einen Nachfolger für ihre früheren massenwirksamen Botschaften suchten.

    In der Postmoderne schien es damit vorbei zu sein. Ihre Antwort an die Religion, die organisierte wie die freispirituelle, war Madonna, die umgeben von Zeichen und Namen der Katholizität die Befreiung von jeder religiösen Doktrin zelebrierte. Man musste keine Angst mehr vor Kreuzen und Rosenkränzen haben und konnte in deren Angesicht eine freie und selbstbestimmte Sexualität leben, die spätestens mit dem Song „Frozen“ in den säkularen Pantheismus einer süß-eleganten Ambient-Innendekoration überging. Kirche einer einzigen großen Offenheit der zarten Elektronik – die man nicht mit den allen möglichen Quatsch tatsächlich für wahr haltenden New-Age-Orientierungen verwechseln darf und sich eher als eine Art spirituelles Bauhaus vorstellen sollte: ein aufgeklärter Funktionalismus des Seelischen.

    Doch war dies nur das eine, das eben tatsächlich sozusagen aufgeklärte Gesicht der Postmoderne. Das andere kehrt dieser Tage wieder zurück und gehört Sinead O’Connor, jener von der Katholizität zwanghaft verfolgten Irin, die in ihrer nun auch schon fast 20-jährigen Karriere zwischen militantestem Antipapismus und den Freuden des Lebens im Nonnen-Konvent pendelte. Auf ihrer neuen Platte, Faith And Courage, präsentiert sie sich einmal mehr als Jeanne-d’Arc-ige Waverin, der es wie immer ernst wie Hölle ist mit der Religion.

    So feiert sie ambivalent ihre sündige Jugend in Londons New-Wave-Szene als Befreiung aber auch unzulässigen Abfall vom Vater. Für heute hat sie beschlossen, keinem Mann mehr gehören zu wollen. War der – viel publizierte und vorübergehend unterbrochene – Entschluss zum zölibatären Leben aber vor einiger Zeit noch mit einer bedingungslosen Rückkehr zur irisch-römisch-katholischen Tradition und einem Leben im Kloster verbunden, so bekennt sie sich auf ihrer neuen Platte zum Glauben der Rastafarier.

    Deren synkretistische Mischung aus altem Testament, dem Panafrikanismus des Marcus Garvey – der Mussolini-Version eines afroamerikanischen Bürgerrechtlers – und dem bizarren Glauben an die Gottgestalt des äthiopischen Kaisers Haile Selassie ist nun aber eine typisch politische Befreiungsreligion, von deren Inhalten – Sturz des babylonischen Kapitalismus, Rückkehr von Jah People ins gelobte Äthiopien – Sinead gar nicht so viel wissen will. Ihr neuer Versuch, ihre verschiedenen religiösen Obsessionen mit ihren weniger ungewöhnlichen musikalischen Vorlieben zu harmonisieren, folgt eher der ziemlich verbreiteten Gewohnheit europäischer Fans afroamerikanischer Musik, als zusätzliche Validierung ihres legitimen Umgangs mit dieser Musik auch die damit verbundenen Lehren und Irrlehren zu übernehmen.

    Und an Validität war Sinead immer viel gelegen. Nach demselben Muster vergoss sie schon 1987 echte Tränen zu den von Prince übernommenen Zeilen von „Nothing Compares 2 U“ und rührte damit noch die abgebrühtesten Vertreter der seinerzeit noch starken Zeitgeistpresse zu sauer schwitzenden Hommagen. Und den Eindruck zu erwecken, dass es ihr so wunderbar antipostmodern mit allem so ernst ist wie sonst nur dem Papst, gelingt ihr auch mit ihrer neuen Platte. Als Hörer fühlt man sich abwechselnd als Beichtvater oder Analytiker, wenn nicht als Vater einer schwer gestörten Tochter, an deren Störungen man allerdings selber Schuld hat. Es muss viele Leute geben, denen diese Rollen einen Kick geben. Hier glaubt jemand ganz massiv an etwas. Ein Vater! Das könnte ja ich sein.

    Die Soul-Wanderung

    Wer von diesen perversen Neigungen frei ist, hat nicht soviel von dieser Platte. Weder hat sie Soul, noch spürt man trotz einiger amtlicher Reggae-Musiker die Vibrationen des Jah Rastafari. Die Voraussetzung zum religiösen und religiös ergreifenden Song, dass nämlich jemand seine Not als allgemein-menschliche Not mitzuteilen vermag, erfüllt Sinead nicht. Sie redet von sich selbst, und nur das ist ihr auch wirklich ernst. Wenn man aber aus rein individuellen Zuständen religiöse Milch melken will, kommt leider nur Herrmann Hesse heraus, nicht Soul.

    Trotzdem ist O’Connors Drang zur Dramatisierung der eigenen Person natürlich immer noch sympathischer als die heutzutage verbreitetere Selbststillegung im Modus von New Age. An ein paar guten Momenten dieser überwiegend schwachen Platte hat man nämlich doch wieder den Eindruck, es könnte funktionieren mit der Umdrehung der Musik-Religionsformel. Dass man nämlich, wenn man nur fanatisch und durchgeknallt genug an irgendetwas glaubt, auch eine ganz gute Musik dabei entsteht. Die Satanisten in der Death-Metal-Kultur arbeiten schon seit Jahren nach diesem Prinzip, zuweilen mit schönen Erfolgen.

  • Die License zur Nullposition

    Deutsche Schriftsteller produzieren wieder eine Ironie, die auf einer Normalität ruht, für die sich keiner mehr schämt

    Um nicht über zu viele verschiedene Fragen zu reden, nur eine Sorte Pop-Literatur: von Kracht bis Naters, von von Lange bis zu von Stuckrad-Barre, von www.ampool.de bis zur Tristesse Royale. Die Bewohner dieser Welt bilden das kompakteste neue Phänomen. Ihre Texte sind leicht konsumierbar, aber dennoch distinktiv genug, um ein spezifisches, stilistisch hellhöriges und empfindliches, nämlich jungerwachsenes Publikum anzusprechen, das falsche Töne leichter erkennt als falsche Positionen. Dieses Publikum wird weniger zur gemeinsamen Reflexion gewonnen als für fast euphorische Zustimmung mobilisiert, erneut nicht unbedingt zu den Positionen, wie sie sich aus den ranzigen Feindbildern bei Kracht und Stuckrad-Barre ex negativo ableiten lassen, sondern zum Ton. Was man den zahlreichen Leserrezensionen etwa bei Amazon entnehmen kann.

    Es ist eine in hohem Maße konventionelle und gleichzeitig technisch sehr gut gemachte Literatur. Sie verlässt die Welt der Kenntnisse und Vorstellungen ihrer Leser nie, sie blendet keine Fremdheiten und fremdartigen Perspektiven ein. Sie erzählt und verlässt die Wege der Erzählung nur insofern, als aus anderen Medien gewohnte Formen dies ästhetisch genügend vorbereitet haben. Gleichzeitig ist sie bemüht, Zeitgenossenschaft vor allem durch Benennung der zeitgenössischen Phänomene zu belegen, nicht durch ihre Beschreibung. Beschrieben werden eher das innere und äußere Leben der Protagonisten, und auch diese sind meist konventionell: heterosexuell, weiß, deutsch und auch sonst ganz normal. Aber sehr zeitgenössisch.

    Die Schönheit des Aktuellen

    Aus dem Konventionellen und Standardisierten steigt durch Überschreiten einer historischen Schwelle etwas Neues empor. Die biografisch neuen, die jungen Leute, verständigen sich im Modus ihres subjektiven Neuheitserlebnisses über das objektiv Neue, den historischen Moment. Leider vergessen so geprägte Künstler zu oft das historische Gewordensein solcher Momente und blicken dauerhaft verliebt auf nur die geschichtsabgewandte Seite der Phänomene. Jedenfalls bringt solche Neuigkeit, wenn sie auf ein großes neues Publikum trifft, einen bestimmten Wahrheitseffekt hervor. Die Schönheit des Aktuellen. Wenn viele junge Menschen etwas im gleichen Moment für enorm treffend und evident halten, wird dies wirklich irgendwie wahr. Dieser Effekt ähnelt in der Tat dem des Pop-Songs in seinem goldenen Zeitalter: in den Jahren 57 bis 69. Ein Wahrheitseffekt entsteht durch die Gleichzeitigkeit neuer Stimmen und eines neuen Publikums in einem ansonsten konventionellen Rahmen. Ein Ton erhebt sich und summt. Dagegen hilft auch keine Schnöselkritik. Es sei denn eine, die den Schnöseln Langweiligkeit nachweist – nicht mangelnde Kritikfähigkeit.

    Deswegen ist es aber noch lange nicht so, wie es Georg M. Oswald sieht, der Kritik für nicht mehr möglich hält, weil auch der Vorstandsvorsitzende Adorno zitiert. Erstens spreche das ja von seinem konformistischen Weltbild aus für die Produktivität von Kritik, zweitens weiß auch die Kritik schon einige Jahrzehnte, dass sie nicht von einem absoluten Außen kommen kann, wie Oswald unterstellt, dass sie es glaubt: Sie ist aber so lange möglich und nötig, wie es ein Außen der stickig-zugeschnürten Oswald-Welt von zum Erfolg verdammten E-Börsianern noch gibt. Affirmation, Oswalds brandneue Alternative zu alternativem Losertum, ist dann ja wiederum nur so lange interessant, wie man auch nicht affirmieren, nämlich kritisieren könnte. Da, wo – seiner Logik folgend – nur noch Affirmation möglich wäre, wäre sie auch das Ödeste. Ist sie aufgrund ihrer allgemeinen Dominanz sowieso.

    Gerrit Bartels spitzt das Pop-mäßige an den von ihm verteidigten Literaten definitorisch auf die zentrale These zu, Pop sei das Setzen von Unterschieden. Rainald Goetz würde ihm da wahrscheinlich ins Gesicht springen. Er meint ja immer, die Unterschiede seien doch schon da, jeder sei doch schon so vielfach geschieden von seinen Mitmenschen, dass es um das Setzen von Gemeinsamkeiten gehe. Mein dialektischer Vorschlag zur Güte wäre der, dass das Setzen von Differenzen für eine Gruppe gegen alle anderen, die Ermöglichung eines nicht zu aufdringlichen Wir genau mit dem Wahrheitseffekt von Pop zusammenhängt. Es gibt ja logischerweise keine Gemeinschaft und keine Gemeinsamkeit, die nicht von einem Unterschied zu etwas oder jemand anderem geprägt ist.

    Diese Unterschiede sind schon seit langem in der Krise. Mark Terkessidis hat wiederholt darauf verwiesen, dass sie die Konstitution der alten politischen Gemeinschaften der Arbeiterorganisationen, der Parteien und der Bewegungen ersetzen mussten, die bodenlos geworden waren. Ihr Ersatzprogramm im kulturellen Bereich hatte immer schon die Wahl, entweder die alten, politischen Unterscheidungen auf neue, kulturelle abzubilden und dazwischen Verbindungen zu schaffen oder zu kappen – und nur den moralisch-politischen Beigeschmack in der Form des Setzens von Differenzen aufrechtzuerhalten und als Legitimitätsressource auszubeuten.

    Zeitgenössische Differenzen können zwar immer noch dem Entrinnen aus einem (kulturellen) Zwangsverhältnis dienen. Sie können, statt politische Bündnisse zu ersetzen, die nächsten zu setzenden entwerfen. Meist erschöpfen sie sich in kraftvollen, aber zunehmend leeren Geschmacksunterschieden, die sich darauf berufen können, dass in der jüngeren Vergangenheit der bürgerlichen Distinktion, in den goldenen Zeiten des Pop, das Prinzip des kraftvollen Setzens für die Politizität von Geschmacksdifferenzen einstand. Die von Bartels geschilderte Aktion von Stuckrad-Barre und Kracht gegen Stefan Raab ist so ein Fall, der sozusagen auf der Höhe des Problems spielt.

    Natürlich gibt es kaum einen schweren, benennbaren weltanschaulichen, politischen Dissens dieser Autoren mit Raab. Dennoch muss, um die Währung der Coolness, mit der sie spekulieren, nicht ins Bodenlose stürzen zu lassen, eine dramatische Differenz zu Raab inszeniert werden. Solche dramatischen und dann wieder ins Selbstironische kippenden Differenzen um nichts sind das Material, aus dem sich Individualität, zumal neue, junge Individualität heute generiert. Im gut Gemachten, in der enormen Professionalität, ist man sich sehr ähnlich, nur mit einer großen Geste kann man sich wenigstens symbolisch noch ein bisschen unterscheiden. Ähnlich ist das Bekenntnis zu bewerten, Ironie sei vorbei. Der Verdacht nämlich, nichts als Ironie zu produzieren, war zu massiv geworden. Aber es ist keine andere Haltung an ihre Stelle getreten.

    Solch Setzen von starken stilistischen Unterschieden hat immer weniger Korrelate und Bezugspunkte außerhalb des Stils. Damit überantwortet es sich der ohnehin obwaltenden gesellschaftlichen Gravitation. Unterschiede ohne näher markierte Inhalte erweisen sich letzten Endes als bloße Funktionen nackter Statusunterschiede. Zu dem Programm einiger Autoren, wie etwa Kracht, gehört es, dies auch herauszustellen. Dabei kann man zu seinen Gunsten annehmen, dass die klebrig-bittere Verzweiflung, die man in seinen Texten findet, sich auch der so geschilderten Ausweglosigkeit verdankt, dass am Ende nichts bleibt außer Status und Privileg.

    Jedenfalls ist dieser Eindruck – wie auch immer des Autors manchmal fast ins Dummreaktionäre kippende Statements wirklich gemeint sind – produktiver als Matthias Polityckis gegen die neue Pop-Literatur gerichtetes Aufwärmen der Kategorie des intelligent gemachten gegen den dummen Pop; in seinen Worten „Beck“ gegen „Heintje“. Du meine Güte! Wer sich mit dem Bekenntnis zu Pop-Stars, die ganz doll schlau samplen können, gegen das prinzipielle Risiko der Peinlichkeitsnähe zu anderen, nichtnurintellektuellen, allerdings mit anderen Erkenntnismöglichkeiten begabten Zugangsweisen zu Pop absichern will, soll doch auf einer nassen Sting-CD ausrutschen. Nichts gegen lange Sätze, wenn sie gepflegt sind. So einiges, dachte ich, hatten wir doch in den 80ern schon geklärt.

    Das, was mir hingegen von dem in mancher Hinsicht irren und ganz anderen Konzept einer Literatur im Popmusik-Umfeld aus den 80ern heute noch verteidigenswert erscheint, ist nicht unbedingt das, was es mit Popmusik gemeinsam hatte: nämlich die Idee einer größenwahnsinnig-gesamtkunstwerkigen, universellen Verfügung über alle künstlerischen Mittel und Traditionen. Es ist eher die gezielte Mischung aus Wissenstypen: Naturwissenschaft, Journalismus, Privatsprachen, Politik, Sex, Dritte Welt – und Pop. Dies als genuine Chance der Literatur als Erkenntnisform, die verschiedene Denk- und Diskursformen integrieren und konfrontieren kann: gegen den schon damals anschwellenden Chor des Wieder-erzählen-Dürfens, der verschiedenen Rückrufe zur Ordnung.

    Denn genau von einer solchen Konzeption der Literatur ist die aktuelle Pop-Literatur am allerweitesten entfernt – und daher unfähig, über bestenfalls bittersüße, aber schlaue Melancholie hinauszutreten. Über das Zelebrieren kleiner und großer, aber stets leerer Differenzen und um dieser kleinen konformistischen Freuden willen, hat sie den gesamten Reichtum jener expansiven, einen Außenstandpunkt suchenden Literatur – für die in Deutschland niemand so sehr stand wie Hubert Fichte – vergessen. Zu Fichtes Zeiten hieß, als junger Autor für junge Leser zu erzählen, eben gerade nicht, von dem zu sprechen, was man schon kennt, ein Repertoire aus Vereinbarungen darüber zu etablieren, was man an Marken und Fernsehserien prägend hinter sich hat, sondern von dem, was man tun könnte, was man wissen und erfahren könnte. Folgerichtig interessierte er sich für andere Ausgangs- und Aussichtspunkte: Afrika, Postkolonialismus, synkretistische Religionen. Ein deutscher Schriftsteller musste weg aus Deutschland. Auch in diesem Punkt hat sich alles gewendet.

    Deutsche Schriftsteller produzieren wieder eine Ironie, die auf einem Normalfall aufruht, einer deutschen Mittelklasse-Normalität, für die sich keiner mehr schämt. Alexander von Schönburg schrieb neulich in den Berliner Seiten: „Das Kaiser’s-Geschäft kann man, Richtung Bergmannstraße gehend, nicht passieren, ohne von dort herumlungernden Gestalten angesprochen zu werden. Meistens wollen die jungen Leute, die wahrscheinlich durch Rauschgiftabhängigkeit ins soziale Elend gerutscht sind …“ Die elende Verschmitztheit, mit der hier ein innerer Spazierstock stolz antiquierte Ausdrücke aufspießt, weiß, dass weder Ressentiment gegen die Penner noch Solidarität oder Mitleid irgendwie in Frage kommen, ja auch nur noch vor demselben Horizont stattfinden: Die elenden jungen Leute sind genauso weit weg wie die komische Sprache, derer man sich hier amüsiert befleißigt. Man hat mit allem nichts zu tun und kann es deswegen so schön beschreiben und benutzen. Billig, darauf zu hoffen, dafür das Kompliment dandyistisch einstreichen zu dürfen.

    Schutzraum vor Positionen

    Dagegen hilft aber auch nicht Maxim Billers zorniges altes Einklagen moralischer Kerle-Literatur. Literatur kann moralischen Imperativen nicht ohne Verlust genau des ihr spezifischen Erkenntnisvermögens gehorchen, sie kann nur in Verbindung stehen mit moralisch-politisch begründeten Entwürfen und Bewegungen. Und weil damit jeder neugierige junge Mensch automatisch in Verbindung stand und die Literatur die Wissenstypen mischte, passierte das früher von selbst. Gerade indem sie sich für die Literatur entscheiden, versuchen sich aber heute die meisten jungen Autoren von solchen selbstverständlich immer noch möglichen Bezugnahmen abzusetzen. Das alte Medium dient als License zur Nullposition. Aus der Chance zur Offenheit und Ambivalenz wird ein Schutzraum, wo ich keine Position zu haben brauche. Ob man das nun nur erbärmlich findet oder an Regentagen gut verstehen kann.

    An solchen lese ich am liebsten Marcel Beyer. Der weiß auch viel über Popmusik und schreibt darüber – aber an anderen Orten als in den vor allem ernsthaften Büchern von ihm, die von etwas ganz Anderem handeln. Sehr genau und eigenlogisch literarisch – und eben doch mit einer Verbindung zur Realität einer geschichtlichen Welt.

  • Moral und Kapital

    Viele Wirtschaftsunternehmen wollen nicht für ehemalige NS-Zwangsarbeiter zahlen. Auch die Empörung der Öffentlichkeit läuft ins Leere – denn die Industrie ist moralisch unzurechnungsfähig

    Mit der Industrie und dem Kapital kann man nicht reden. Sie wollen nicht hören. Egal ob ihre Vertreter in Stahl oder virtuelle Spekulationsgewinne machen. Sie hören nicht. Natürlich kann man sich immer wieder einen Einzelnen schnappen. Man kann die Adressen von rechtmäßigen Besitzern recherchieren. Aber – so wird man immer wieder von ihnen erfahren – als menschliche Subjekte sind sie menschliche Subjekte, jedoch: Wirtschaftssubjekte bleiben Wirtschaftssubjekte. Und das ist etwas ganz anderes. Der ökonomisch Handelnde ist ein Teil des Systems Ökonomie und nur diesem verpflichtet, und was man als Mensch sonst so ist, bleibt Sache des Arztes, des Psychologen und vor allem des persönlichen Geschmacks – auch die Moral. Die Sphären seien schließlich entkoppelt, das wisse man doch. Ganzheitliche Subjekte, so doch gerade die dekonstruktive Rede von links, seien schon lange als Mythos erkannt und daher nicht zur Verantwortung zu ziehen.

    Wie spricht man also mit Industriellen, die ihren selbst auferlegten Verpflichtungen nicht nachkommen? Die einfach nicht zahlen? Wie bewegt man gerade die, Entschädigungsgelder für die Zwangsarbeiter aufzubringen, an denen sich ihre Vorfahren und andere begünstigende Erblasser vor einem halben Jahrhundert bereichert haben, die sich nach mühseligen Verhandlungen bereit gefunden haben – und nun nichts? Wie lässt man sie genau von dem Gefühl wissen, das einen ergreift, wenn man sich diesen Vorgang klarmacht? Empörung nämlich. Oh je, Empörung? Ganz schlecht, ein ganz und gar vergebliches Gefühl, zu kaum einer eindrucksvollen Kommunikation noch tauglich.

    Zur Kommunikation von Empörung gehört nämlich zum einen ein seinerseits zu diesem Gefühl fähiges Gegenüber, zum anderen aber die Erwartbarkeit von Folgen dieser Empörung. Sanktionen, Image-Verluste, ruinierter Ruf. Mit beiden kann man im vorliegenden Fall nicht rechnen: Die Firmen und Wirtschaftssubjekte, die jetzt zahlen sollten und nicht in die Gänge kommen, sind keine Individuen. Sie können daher moralisch begründete Gefühle nicht empfinden, sie können gar nicht fühlen. Sie können nur rechnen und da droht ihnen nun zumindest von offizieller Seite gar nichts. Denn niemand, der heutzutage kraft seines politischen Amtes in der Lage wäre, irgendetwas für Unternehmen Unangenehmes durchzusetzen, denkt auch nur im Schlaf daran. Die Politik als Instrument einer die Willkür von Unternehmen zähmenden oder begrenzenden Macht hat abgedankt, sie hat die Moral und die paar Gutmenschen allein zurückgelassen, denen es immer noch nicht peinlich ist, wider jeden Wirklichkeitssinn empört zu sein.

    Aber sitzen denn keine Menschen in diesen Firmen, sind nicht alle Entscheidungen von Individuen getragen? Und wenn ich von Willkür rede, dann spreche ich doch von einem durchaus menschlichen Handeln, dann traue ich doch meinem Gegenüber zu, wenigstens über einen Willen zu verfügen? Ja, aber diese Subjekte haben eben auch gelernt, zuallererst im Interesse des Unternehmens zu handeln, oft profitieren sie als Entscheidungsträger unmittelbar selbst von dessen Wohlergehen. Und sie müssen sich nur wenige intellektuelle Zentimeter bewegen, um schon mit dem Rücken oder dem Arsch gegen die beruhigende Wand des Arbeitsplätze-Arguments zu stoßen. Verantwortung für die Firma lässt sich ja auch immer in die Verantwortung für die Arbeitsplätze übersetzen. Einen generellen Einspruch gegen die Logik von Wirtschaften um jeden Preis gibt es dann wieder nur in der vom Handeln abgetrennten privaten Subjektivität des „zynischen Untertans“, der zwar alles weiß, auch das Böse, vor allem aber, dass man eh nichts gegen die Systemlogik machen kann – außer sie abkoppeln von den angenehmeren Seiten des Ich-Systems.

    Tatsächlich wäre es vielmehr ein Akt der Willkür, der Berufung auf einen reinen, durch nichts als eine persönliche Moral legitimierten und ansonsten unvernünftigen Willen, sich für die Einwände der Empörten zu interessieren. Und mit genau dieser vermeintlichen Fähigkeit zu einsamen unökonomischen Entschlüssen operieren ja diejenigen heutigen Ideologen, die nicht müde werden, das Vertrauen auf das segensreiche Handeln privater Initiativen, sei es im Kulturbereich, sei es im Bildungsbereich, zu predigen. Sie trauen den „privaten“ eher als den öffentlich-rechtlichen und daher „bürokratischen“ Institutionen zu, verantwortlich zu handeln, weil sie als Einzelne, als Privatpersonen noch ganze Subjekte seien, die ungehindert von institutionellen Schranken einen Willen exekutieren können.

    Es stimmt zwar, dass Private schnell und unbürokratisch handeln, aber nicht, weil sie Menschen ähneln, sondern weil ihre Handlungsmaxime nur eine und eine einfache ist, der kurz- wie langfristige letztendlich ins Ökonomische transferierbare Nutzen für die Firma. Menschen hingegen zeichnet ein vielfältiges, widersprüchliches Kalkül aus. Und darin besteht ihre nicht ganzheitliche Fragmentiertheit im guten Sinne, dass sie aus einer Fülle von unterschiedlich stark verbundenen Instanzen zusammengesetzt sind – nicht aber aus abgekoppelten autonomen Inseln unterschiedlicher Logik, wie es der zynische Untertan anstrebt.

    So ging man im Glauben an den Segen der Privatinitiative auch der linken Rede vom bösen Kapitalisten auf den Leim. Denn wenn der Kapitalist böse sein kann, wenn er also über die Dimension verfügt, gegen eine Moral verstoßen zu können, dann kann er theoretisch auch gut sein. Er ist dann ansprechbar für Appelle an seine Moral, an seine Willenskraft, die ja nichts anderes ist als eine Vorstellung davon, wie die Welt sein sollte.

    Doch der „böse Kapitalist“ war schon zu Zeiten der alten Linken eine vulgärmarxistische Verknappung, ein linkspopulistisches Propagandamärchen – eines, das nicht zuletzt der Antisemitismus sich mit Erfolg einverleibt hat. In Wahrheit macht es den Kapitalisten eben gerade aus, dass es ihn als moralisches Subjekt genauso wenig gibt wie als Kollektivsingular. Der Kapitalist war nie böse, sondern schon immer moralisch unzurechnungsfähig, und er wird daher auch nie gut werden, bis man ihn dazu zwingt.

    Als dieser Zwang galt bisher die Politik. Sie dachten wir uns als die Umsetzung der von einer Mehrheit geteilten moralischen Vorstellungen nach den Maßgaben eines gewissen Realitätsprinzips. Dieses Realitätsprinzip tritt heute als die Verabschiedung von Politik selbst als Mittel der Aushandlung, Gestaltung und Durchsetzung auf. Politik sei an sich unrealistisch geworden, Wirtschaft die einzige Realität. In dem Maße, in dem dies gilt, ist die Moral auf sich allein gestellt. Sie tritt nur noch verloren und abgekoppelt von politischen Optionen als peinliche Figur auf.

    Zugänglich sind Firmen nur dann, wenn die Differenz zwischen der Moralverachtung des Firmenhandelns und dem unausgesprochenen Minimalkonsens der Mitarbeiter nicht nur zu groß wird, sondern dies öffentlich und intern sichtbar ist. Oder Firmen werden erreichbar, wenn sie von außen in einem Maße negativ oder positiv unter Druck gesetzt werden, das sich ökonomisch auswirken könnte, durch Image-Gewinne oder -Verluste.

    Das Verhältnis der individuellen moralischen Position der Mitarbeiter zum Handeln der Firma ist natürlich diffus und wird weitgehend von dem Mechanismus des zynischen Untertans abgefedert. Darüber hinaus halten sich große Konzerne Hausphilosophen und -gestalter, die eine Identity visuell und intellektuell so entwerfen, dass sie kohärent, verständlich und erträglich ist – so dass Mitarbeiter sich so weit wie nötig identifizieren können und dennoch die Chance bleibt, sich zu unterscheiden, sich eine private, abgekoppelte Sphäre zu erhalten.

    Was hingegen den Druck der öffentlichen Meinung angeht, kann man sich noch auf den leichten Vorteil beziehen, dass auch große Konzerne immer noch ungeübt mit organisierten Missfallenskundgebungen umgehen und daher – vom zynischen Standpunkt aus gesehen – überreagieren. Was symbolischen Aktionen gegen als Verursacher einzelner Übel ausgemachte Firmen noch gewisse Chancen beschert. Voraussetzung dazu ist aber, dass sie tatsächlich benannt und an den Pranger gestellt werden. Dazu reichen offensichtlich nicht irgendwelche klein gedruckten, langen Listen in der taz, dazu gehört das gezielte Herausgreifen einiger besonders übler und für Image-Beschmutzungskampagnen empfindlicher Vertreter.

    Dazu gehört aber auch ein Gespür für die eigentümliche „Persönlichkeit“ von Firmen, die sich transsubjektiv und supraintellektuell über Jahre und Traditionslinien herausgebildet und im Zusammenspiel aus Öffentlichkeitsarbeit, Werbung und Umgangsformen eingependelt hat. Zwar haben diese weder konkret einen Inhalt noch ist die dabei sich nach und nach herausschälende „Persönlichkeit“ tatsächlich für Kritik oder Appelle erreichbar. Die spezifische Verwundbarkeit wie auch Ansprechbarkeit von Firmen, die spezifischen Punkte, an denen die Kohärenz von Image und Reputation fragil ist, lassen sich aber darüber leichter ermitteln – und damit Punkte, an denen moralisches Handeln einklagbar wäre.

    Doch auch das Image der Sache, in deren Namen man etwas von den Firmen will, spielt eine erhebliche Rolle. Auch wenn dies längst zu den Akten verhandelt wurde, so bedeutet für manche Firmen-Reputations-Designer die Zahlung immer noch so etwa wie ein Schuldeingeständnis. Umgekehrt lässt sich mit dem Akt gezahlt zu haben nichts gewinnen. Das ist ja wohl auch das Mindeste, würde ja jeder zu Recht einer Firma entgegnen, die sich auf dies Selbstverständliche etwas einbildet. Hinzu kommt es, dass man hoffen kann, das Problem auszusitzen, und selbst wenn nicht, erscheint es nicht als eines der Zukunft, die schließlich das Einzige ist, was diejenigen im Auge haben, die von den höheren Stockwerken der Wolkenkratzer aus den Blick schweifen lassen. Auftragsgemäß schweifen lassen, versteht sich, nicht privat.

    Zwangsarbeiter haben kein glamouröses Image, auch nicht im Sinne glamouröser Opfer, denen zu helfen sich gut macht. Sie sind das permanente, lebende schlechte Gewissen deutscher Kapitalakkumulation. Sie nagen an den gesäuberten und entkoppelten und designten Selbstverständnissen, weil sie dementieren, das die großen deutschen Vermögen so sauber zusammengekommen sind, wie sich – scheinbar – heute Spekulationsgewinne machen lassen und die anderen Geschäfte, die Geld heute so ein poppiges Image verschaffen. Jede Zahlung und deren Organisation zieht weitere Berichterstattung nach sich. Jede Beleuchtung der Wege von Geld und der Biografien, auf deren Kosten es verdient wurde, betrifft die größten Tabus des aktuellen Zeitgeistes. Sie würden wieder verkoppeln, in Ursache-Wirkung-Beziehung bringen, was so hartnäckig ignoriert wird wie nur irgendwas: dass das Elend und die Armut der einen mit dem Reichtum der anderen etwas zu tun haben.