Autor: admin

  • Der Anhang (6/91)

    1. Boogie Down Productions: Live Hardcore Worldwide (BMG/Jive/Ariola)

    Im strengen Sinne nicht, wie behauptet, die erste Live-Hip-Hop-Platte, dafür aber der einzige Hip-Hop-Act der Welt, der abend- bis nächtefüllende Bühnenaktion bieten kann. KRS-Ones kleiner Bruder Kenny Parker als Raggamuffin-DJ und diverse Stargäste (Gang Starr, Shabba Ranks, Nice’n’ Smooth, Sister Card), die gesamte BDP-Posse mit KRS-One und Jamalski wirft sich für jeweils zwei, drei Rhymes die Mikros zu, während Kenny Parker wie ein jamaikanischer Selector die immer gleichen drei vier Instrumentaltracks rewindet und wieder rewindet – so sah ich sie Anfang des Jahres in Amerika. Bei dieser Show, die neben Aufnahmen aus London und Paris auch auf dieser Platte verwendet wurde, fielen auch diese unsterblichen Worte: „We got to stop the violence! And start the revolution! Stop the violence by any means necessary. By any means necessary. Any means necessary! Some people wanna stop the violence with a flower. We’re not living like this. Some people wanna stop the violence with a banner. We’re not living like this either. If negativity comes with a 22, positivity comes with a 45!“

    2. Sozialdemokraten are down

    Björn Engholm im Spiegel TV. Nach getaner Arbeit sitzt der Politiker mit dem Sinn für die schönen Dinge des Lebens in seinem Eigenheim. Brüllend laut plärrt Dr. Alban aus seinen Speakers. Der Boden bebt. Stefan Aust is in the house. „Was hören Sie da eigentlich, Herr Engholm?“ Engholm nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. Pause. Dann ganz knapp, ganz street: „Rap!“ Zur selben Zeit in Paris. Jacques Lang sitzt bei einer Talk-Show den Pariser Homeboys von N.T.M. (= Nique ta Mere = Fick Deine Mutter) gegenüber. Ob er die Texte, die Gewaltverherrlichung, die monotone Musik – ob er das nicht abstoßend, irritierend finde? „Nein“, Jacques Lang räkelt sich: „Für mich ist das wie Commedia dell’arte.“

    3. Die Laclau/Mouffe-Geras-Debatte

    Vor zwei Jahren erschien bei dem wichtigsten linken Theorie-Verlag der anglo-amerikanischen Welt, bei Verso, Hegemony And Socialist Strategy von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Ein seinerzeit aufsehenerregender und hier immer noch unübersetzter Versuch einer diskursanalytischen bis psychoanalytischen Lektüre einiger marxistischer „Klassiker“ (Rosa Luxemburg, Kautsky, Plechanov), die schließlich in einem Vorschlag an die Linke gipfelt, sich „towards radical democratic politics“ umzuorientieren, die liberale Ideologie nicht länger zu kritisieren, sondern beim Wort zu nehmen. Darin konnte Norman Geras nur Revisionismus und andere moralische Schlappheiten entdecken. In Discourse Of Extremities, ebenfalls bei Verso, rechnet er furios auf fast hundert Seiten mit Laclau/Mouffe ab. Die antworten ihm, nicht minder persönlich beleidigt und intelligent, unter „Post-Marxism without Apologies“ in Laclaus neuem Buch New Reflections On The Revolution Of Our Time (bei Verso!). Doch seine Antwort auf die Antwort hat Geras auch noch in Discourse Of Extremities unterbringen können, so daß er für den Moment das letzte Wort hat. Die Mischung aus dem, was man in England „Scholarship“ nennt, und dem angesichts der Erhitztheit aller in diesem Streit gefallenen Argumente auch verständlichen Einklagen von allen möglichen Höflichkeitsformen erinnert uns daran, daß in Deutschland Linke lange nicht mehr gleichzeitig auf so einem Niveau auch so erhitzt diskutiert haben.

    4. Macka B: Peace Cup (Ariwa)

    Darin vor allem dieser Satz: „Jah is the computer / I am the programmer“.

    5. Hubert Fichte: Die Schwarze Stadt (Fischer)

    Ein neuer Band der Geschichte der Empfindlichkeit – Interviews, Berichte, Essays, die zwischen ’78 und ’80 in New York – den Jahren der Graffiti und des frühen Hip-Hop – entstanden sind und auf die eine oder andere Art auch davon handeln. Darin besonders die drei Interviews mit dem schwarzen Kunstprofessor, Gefängnislehrer, Künstler und Aktivisten Michael Chisholm, der weder Graffiti noch Paul Wunderlich leiden kann, und der Essay-Exkurs „Die Beschreibung afrikanischer und afroamerikanischer Riten bei Herodot“, darin: „Herodots Landsleute, die Karer und Ionier, die als Söldner des Pharao um 591 Sgraffiti in die Kolosse von Abu Simbel ritzen, sind dem Kundigen entgangen. Er scheint also nicht bis Abu Simbel vorgedrungen zu sein; die sprachtheoretische Bedeutung dieser Sgraffiti war vergessen oder sie war noch so etwas Selbstverständliches, daß man sie nicht der Erwähnung für würdig hielt:

    ἔγραψε δ’ ἔμε Ἄρχον – uns aber schrieb Archon.

    Τήλεφος μ’ ἔγραψε – mich hat Telephos geschrieben.

    καὶ Κρίθις ἔγραψαν ἐμέ – … und Krithis haben mich geschrieben.

    Verwörterung der Welt: Das Wort sagt ich zu sich selbst.“

    6. Brian & Tony Gold: Sound Ting

    Typischer, aber sehr langsamer One-riddim-Dancehall-Reggae-Sampler. Cocoa Teas Version des Ting-Riddim heißt „Oil Ting“, darin vor allem: „Oil Ting / It’s a serious someting / Cause dem arab men / dem a no joking“.

    7. Material: The Third Power (Ariola/BMG)

    Neue von Bill Laswell zusammengestellte, Workshop-artige LP unter seinem alten Bandnamen Material, mit allem, was in New York Rang und Namen hat, von den Jungle Brothers bis zu Shabba Ranks. Darin vor allem die neue Version des alten Last-Poets-Poem, „E Pluribus Unum“, vorgetragen von Last Poet Jalal Nuriddin, eine dekonstruktivistische Lektüre eines US-Geldscheins mit den bislang besten Metaphern für Hyperkapitalismus oder Geld als die bare Münze des apriori, die aber für diese kürzere Fassung weggelassen wurden und nachzulesen sind in Last Poets: Vibes From The Scribes (Pluto Press, London 1985): „Cause paper money is like a bee without honey / with no stinger to back him up / and those who stole the people’s gold / are definitely corrupt / Credit cards, master charge, legacies of wills / real estate, stocks and bonds on coupon paper bills / Now the US mints, on paper prints, millions every day / and use the eagle for their symbol, cause it’s a bird of prey / The laurels of peace and the arrows of wars / are clutched very tightly in the eagle’s claws / filled with greed and lust, / and on the back of the dollar bill, / is the words In God We Trust / But the Dollar bill is their only God / and they don’t even trust each other / for a few Dollars more they’d start a war / to exploit some brother’s mother …“

    8. Frank Zappa & The Mothers Of Invention: Weasels Ripped My Flesh (Barking Pumpkin/Intercord)

    Bei der CD-Reissue-Reihe von Zappas Werk ist dann schließlich diese aus unveröffentlichtem Material nach dem Ende der ersten Mothers-Besetzung 1969 zum ersten Mal veröffentlichte Platte als vielleicht beste Zappa-Platte überhaupt hervorgegangen. Darin besonders, wie Zappa in „Toads Of The Short Forest“ live die erklärenden Untertitel zur Polyrhythmik seiner Band einspricht: „Right now on stage we have drummer a playing in 7/6 time, drummer b playing 3/4, the bass 3/4, the organ 5/8, the tambourine 3/4 and the alto sax just blows what it knows.“

    9. „Express“, Köln, 7.5.1991

    Darin besonders Seite 2: „Auch Kohl hätte zwei Kopfschüsse gekriegt“: „Wirr spricht er von dem Fernseher in seinem Kopf: ‚Das ist der Staatsterrorfunk‘ (…) Doch Ernst Baljer, Leiter der Wieslocher Klinikabteilung für psychisch kranke Rechtsbrecher (…): ‚Es gibt durchaus eine Zukunftsperspektive für Herrn Kaufmann. Er muß in langen Gesprächen erkennen, daß wir recht haben und nicht er. Aber wir haben schon schwierigere Patienten als geheilt entlassen.‘“ So sehr alles wesentliche zum Fall Kaufmann von Pohrt schon gesagt worden ist, so lustig ist es nicht nur, wenn die, die sich um die Verrückten kümmern sollen, wie im Witz genauso verrückt sind wie die Verrückten, sondern vor allem, daß jedem, der auf einen Staatsterror im Fernsehen, Kopf, Radio oder sonstwo sich spezialisiert hat, vom derart geschmeichelten Staat auch genau die Antwort auf der Spezialistenebene bekommt, auf der er sich beworben hat. Der Krankheitsgewinn ist auf beiden Seiten enorm.

    10. Brett Easton Ellis: American Psycho (Picador oder Vintage/Random) und Jonathan Demme: Das Schweigen der Lämmer

    Ob man das Buch widerlich findet und den Film für ein Meisterwerk hält, spielt nicht die entscheidende Rolle, wenn man ihre sozialpsychologischen Behauptungen extrahiert: So wie das Buch einen Zusammenhang zwischen extremem Warenfetischismus und extremer sexueller Folter behauptet, stellt der Film einen Zusammenhang zwischen Behaviorismus und Serienmorden her. Jodie Foster tut nichts, was sie nicht sichtbar gelernt hat, und Hannibal Lecter denkt sich nur aus, was die ihn beobachtenden Behavioristen nicht lesen oder berechnen können. Beim American Psycho entspricht jedem sorgfältig plazierten Produktnamen eine weitere Steigerung der Quälereien, die er seinen Opfern zumutet. Beiden scheint es um die Unsichtbarkeit, tendenziell schrumpfende Wahrnehmbarkeit des Verbrechens (des „Bösen“) im Zeitalter seiner Weltausdehnung einerseits und relativistischen Erklärbarkeit und Verwaltbarkeit andrerseits zu gehen. Daß bei Ellis der Yuppie an Frauen stellvertretend krass exekutiert, was seinesgleichen im Weltausbeutungszusammenhang unsichtbar oder abstrakt, verschanzt hinter einem Produktnamen-Lebensstil-Code anrichten, entspricht als fast schon rührend platte, möglicherweise nur nachgereichte „Entlarvungs“-Moral Demmes Vorschlag, nur den intellektuellen Verbrecher und den sich von seinem vorgesehenen Lebenslauf als Opfer befreienden Aufsteiger (Frau) als „Menschen“, „Individuen“ aus dem administrativ-deterministischen Netz von Behaviorismus und Staatsrationalität hervorgehen zu lassen. Als Diskussionsbeiträge zu einer Geistesgeschichte des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten und der immer neuen, diese Möglichkeiten verwaltbar machenden gedanklichen und technischen Determinismen, wo „Freiheit“ und „Homelessness“ konvergieren und „Abenteuer“ (als Vollzug der Freiheit) das Recht zu töten miteinschließt, unbedingt zulässig. Vgl. dazu besonders P.J. O’Rourke: „HOO * AAH! – The Last Dispatch From The Gulf War“ (Rolling Stone, 5/91), z. B.: „When the Iraquis tried to leave Kuwait City, early on the second day of the ground war, they headed en masse up the road to Basra, using both sides of the six-lane highway. About thirty miles north of the city (…) this bug-out was spotted by US Navy A.-6 attack planes. These navy pilots must fly New York City traffic helicopters in civilian life, because they knew exactly what to do. They went right to the spot on the crest of the ridge where the road narrows from six lanes to four and plugged that bottleneck with cluster bombs: ‚We’ve got a real tie-up outbound on the Basra Road this morning due to explosion, incineration, mutilation and death …‘ (…) Allied burial details were moving through the wreckage, but some bodies were still lying there, crispy and twisted in agony. I felt sorry for the poor bastards, but it was a reasonable, detached kind of sympathy that came from the went-to-college part of the brain (…) but after seeing what they had done in Kuwait City, I had more of an Old Testament feeling in my heart: ‚Then did I beat them as small as the dust of the earth, I did stamp them as the mire of the street, and did spread them abroad‘ (2 Samuel 22:43).“ Im Gegensatz zu Hannibal Lecter oder dem American Psycho ist weder O’Rourke eine literarische Figur noch ist das von ihm Beobachtete Fiktion und „not intended to refer to any living persons“, wie es auf dem Schmutztitel bei Ellis heißt. Das „Alte Testament“, wahrlich, der literarische Skandal, mal wieder, des Jahres.

  • Jazz – Die instinktiven Reisen der Leute und die Pfade des Rhythmus

    Gab es im Jahr des Tribe einen neuen Jazz called Hip-Hop? Oder war Hip-Hop immer schon Jazz? Scheißt Spike Lee in den Wald?

    4.4.42

    versuche hardt an einer neuen rezitationsweise zu interessieren. er bewundert WEDEKIND, jedoch nimmt er ihn als unikum, alles, was er technisch machte, wenn er spielte und rezitierte, als persönlichen stil. seine rezitationsweise sei aber nicht nur intransportabel, sondern auch primitiv. ich weise ihm nach, daß sie übernehmbar, entwickelbar ist, zugleich äußerst raffiniert und variationenreich. hardt hörte nur synkopen in der rhythmisierung, hörte sie immer wieder und beachtete einfach nicht, wie kunstvoll sie gesetzt waren. in der tat nahm wedekind jazzelemente voraus, und seiner rezitation selbst einfachster gedichte und lieder (ich war ein kind von 15 jahren) lagen komplizierte steprhythmen zugrund. ich empfehle ihm, goethegedichte auf „wedekindisch“ zu probieren und bei beibehaltung der rhythmisierung (…) dann den vortrag von allem wirklich privaten in tonfall und gestus zu befreien.

    aus Bert Brechts Arbeitsjournal

    So hat also Brecht nicht nur Rap geahnt und auch die Verbindung zwischen Wedekinds Rap und Jazz gehört, sondern vor allem, wie funky Rhythmen zu einer überpersönlichen, nicht mehr „privaten“ Community-Kunst führen. Der Groove gehört allen. Der dieses Jahr wieder mal die Runde machende Spruch, Hip-Hop sei der Jazz von heute, klingt mir zunächst mal nur nach einem bildungsbürgerlichen Legitimationsproblem. Warum sollte Hip-Hop Jazz sein, wo Hip-Hop doch Hip-Hop ist und Jazz Jazz? Um als echte Kunst geadelt zu werden? You have to dig Blue Note to dig Def Jam? Erzähl das Schoolly D! Was soll eine neue zeitgenössische Gegenkultur wert sein, die Bildungsvoraussetzungen errichtet?

    Man kann den Satz natürlich auch anders lesen: wenn du auf Def Jam stehst, wird es dir ein Gefühl größerer historischer Zusammenhänge geben, deinen Horizont erweitern und dir zeigen, wie es weitergehen könnte, wenn du dir Blue-Note-Platten anhörst. (Wenn’s nach mir ginge: Impulse-Platten, ESP-Platten, und das beste Jazz-Label der Gegenwart ist das italienische Black Saint.) In diesem Sinne ist es der gute klassische 20-Jährigen-Ermunterungssatz. Man weiß ja auch, daß Jazz-Hopper wie Gang Starr oder A Tribe Called Quest exakt die Worte beherzigten, die mein Lateinlehrer Dr. Stahlenbrecher uns mit auf den Weg gab: „Eines Tages muß sich ein junger Mann hinsetzen und den väterlichen Bücherschrank durchlesen, von vorne bis hinten.“ Und da stand statt Goethe eben Coltrane.

    Nun gibt es zwei Möglichkeiten, Verbindungen zwischen Jazz und Hip-Hop zu denken: Rappen zu swingenden Samples alter Platten, hier ein Saxophon, da den Namen eines verdienten Klassikers des Jazz gedropt, und hier noch ein gewagter Akkord Marke mein Bruder aus einer alten Steely-Dan-Platte gesamplet und fertig ist die Platte, die jedermann als Fortschritt und neue Musik bejubelt. In Wirklichkeit ist damit nur ein weiteres Gebiet nach James Brown, Funk, Metal, Pop etc. in die prinzipiell für alles zugängliche Musikmaschine Hip-Hop-Sampling eingespeist worden: das Gute an Hip-Hop war und ist ja, daß es eine technologisch avancierte Methode darstellt, alles aufzunehmen und neu zu bewerten/codieren etc. Ein qualitativer Unterschied, ein wirklich anderer Hip-Hop ist dadurch nicht entstanden, nur ein feinerer, reicherer, differenzierterer. Aber solche Differenzierungen laufen eh an allen Fronten, man muß keine alten Jazz-Platten kennen, um sie zu diggen.

    Die andere Möglichkeit ist zu denken, Rap sei schon immer Jazz gewesen, im ursprünglichen Sinne: die zeitgemäße Fortsetzung schwarzer weißer Musikmaschinen zum überpersönlichen schwarzen Groove, vorgetragen von jeweils einem Einzelnen/Solisten, der jederzeit wechseln kann, und von seinem Weg vor dem Hintergrund des gemeinsamen Schicksals berichtet. Daß Texte/Sprache an die Stelle der Melodielinien der Saxophonisten getreten seien, die eh bekanntlich immer davon geträumt haben, daß sie mit ihrem Horn sprechen, daß die Linien, die ihr Instrument zeichnet, von der Gemeinde so verstanden werden wie eine Sprache, kann man auch verstehen als ein Zusichgekommensein des Jazz im Rap, als sozusagen die über Reduktion entstandene Freilegung des Kernmodells von Jazz: Rhythm’n’Solo, kollektiver Groove / individuelle Story. Die europäische Lügenscheiße der Melodie auch noch über Bord werfen, und am Schluß bleibt Kommunikation und Beats. African Culture mit der neusten Technologie der Unterdrücker (wenn man davon ausgeht, daß europäische Marschkapellen zur Geburtsstunde des Jazz nicht ein musikalischer Einfluß, sondern eine Technologie waren wie jetzt der Sample-Computer).

    Das Essential jeder Jazz-Definition ist die Improvisation. Hip-Hop ist wenig improvisiert, Raps sind es zwar ursprünglich und in seltenen Live-Situationen, auf normalen Touren nie; die Hip-Hop-Produktionsweise ist von der des Jazz mehr unterschieden als die meiste Rock-Musik, die Kollektivität, Improvisation, Dialog durchaus kennt. Vielleicht beschreibt man aber die Rolle der Improvisation von Melodie (einer, oder mehrerer im Free Jazz) besser als eine Technik, die die fundamentale Fremdheit der afro-amerikanischen Kultur gegenüber dem europäischen System der Funktionsharmonik aufhebt. Deren Ergebnis ja auch von der europäischen Seite aus immer wieder derselbe Vorwurf gemacht worden ist (Adorno, Punk-Rocker u. a.): Spannungslosigkeit, mangelnde melodische Dramatik, uninteressanter Aufbau, Geniedel, Genudel, Gedaddel, Barmusik. Diese Fremdheit gegenüber der geplanten und architektonisch-hierarchisch gebauten europäischen Staatsmelodie ließ sich nur in der relativen Respektlosigkeit oder Lässigkeit aufheben, die improvisiertes Spielen von Melodien verkörpert (wichtig ist vor allem der Rhythmus). Daß dabei so etwas wie „wunderschöne Melodien“, gerade von einer Jazz-spezifischen Schönheit, immer wieder entstanden sind, ist kein Widerspruch, wohl aber ein Punkt, von dem noch zu reden sein wird.

    Hip-Hop vollzöge nach diesem Modell nur die technologische (Computer, Sampling und ihre Tendenz, das Diskontinuierliche zu unterstützen) und kunstgeschichtliche (Destruktion des europäischen Systems in der totalen Kommunikation / Improvisation im Free Jazz) Überflüssigkeit der Melodie, indem er auf sie verzichtet, beharre aber auf den nach dieser Definition entscheidenden Essentials von Jazz: respektlose Aneignung europäischer Maschinen, Rhythmus, verbindliche, auf vom Publikum gemachte Erfahrung bezogene Aussagen/Attitudes. In dem Moment, wo die melodische Dimension als erzeugte Musik wegfällt und allenfalls im Patchwork der Samples überlebt, erübrigt sich das Problem der Improvisation, und Hip-Hop wird Jazz. Schwarze Beats waren schon immer im gleichen Maße improvisiert / nicht improvisiert.

    Natürlich gab es im letzten Jahr nicht nur Jazz-Adaptionen auf Platten von A Tribe Called Quest, Biz Markie, Young MC (der Southern Comfort Remix), Urban Dance Squad, Intelligent Hoodlum – um nur einige von denen zu nennen, die ich auf entsprechenden Jazz/Hip-Hop-Veranstaltungen aufgelegt habe –, nicht nur den radikalen, immer noch besten zeitgenössischen Jazz, im Sinne der zweiten Definition, von Public Enemy: es gab die wunderschöne CD-Edition von Cecil Taylor auf FMP (die Doppel-CD mit großem Orchester und die Einzel-CDs mit Louis Moholo und Derek Bailey gehören zu meinem täglichen Brot), es boomte europäische Improvisationsmusik zwischen Stephan Wittwer (World Of Strings, Intakt-CD) und Sven-Åke Johansson, es gab John Zorns diverse Versuche, über das Medium Radikalität New Yorker Hardcore-Improvisation mit UK-Grindcore kurzzuschließen, und es gibt die ersten populären Jazz-Aktivitäten mit zeitgenössischem Jazz seit Jahren von A&M, die unter anderem die ersten Major-Releases seit Dekaden von Sun Ra, Cecil Taylor, Don Cherry und unlängst die letzte Platte von Art Blakey herausbrachten.

    Vor diesem Hintergrund fällt auf, daß die Hip-Hop-Community, wenn sie sich mit „richtigem“ Jazz beschäftigt, einem äußerst traditionellen Verständnis anhängt. Verständlich ist das noch, wenn Spike Lee sich vornimmt, gegen alle verklärenden weißen Selbstzerstörungsmythen den Jazzer als netten Familienvater und ungenialen Typ von nebenan einzuführen, weniger verständlich, daß die konservative Brooklyn-School, die Welt zwischen Greg Osby und Steve Coleman, der ganzen Bewegung näher zu stehen scheint als Alt-Radikale wie Anthony Braxton, Joseph Jarman oder eben Taylor, die alle seit Jahren und dezidiert Theorien zu Blackness, amerikanisch-afrikanische Kultur entwickeln und versuchen in ihrem E-Musik-mäßigen Kontext „umzusetzen“. Die Antwort darauf geben Leute wie Archie Shepp oder Branford Marsalis, wenn sie darauf verweisen, daß die Idee musikalischen Fortschritts und Abstraktion eben auch eine weiße modernistische ist, die in den Free-Jazz-Jahren eine vorübergehende und zufällige Synchronität mit der Entwicklung schwarzen Zornes hatte, seitdem aber vom weißen Jazz-Publikum, Typen wie mir, als fetischisierte Radikalität als Forderung an Schwarze überlebt hätte, die mit meinen Problemen nichts am Hut haben. Obwohl Branford Marsalis den extrem traditionalistischen Ansatz seines Bruders Wynton (gegen Hip-Hop und gegen Free Jazz) ablehnt und sowohl Ornette Coleman covert als auch mit Gang Starr und Public Enemy spielt, gilt für ihn, wenn auch mehr noch für die Brooklyn School, daß seine Musik die Grenze von Kitsch streift, einfach langweilig wird, wenn sie bewahren will, verständlicherweise, als klassisch festschreiben, was längst weitergegangen ist. Den Hip-Hoppern gefällt andrerseits diese neue Klassizität, weil sie eine direkte Auseinandersetzung mit freien Jazz-Formen, die – siehe Taylor und Moholo – oft zu verblüffend ähnlichen Ergebnissen über Riddims kommen, wenn auch in einem in diesem Sinne traditionellen Kunstrahmen, vor der Tagesordnung ihrer/ihres ganz anderen Probleme/Publikums streicht. Die Begeisterung der Hip-Hopper für klassischen Jazz ist vergleichbar mit der Begeisterung avantgardistischer Filmer der 60er für klassisches Hollywood-Kino bei gleichzeitiger Ausblendung vorangegangenen Experimental-Kinos. Und so können sie etwas von der schiefen Schönheit der eigentlich der Melodie gegenüber fremden Melodik des 40er und 50er Jazz als gerade, nämlich klassisch, genießen. Und daß sich die neue Generation jeweils ihrer Großeltern vergewissern muß, statt an der Seite der Väter weiterzukämpfen, gerade um weiterzukämpfen, ist strukturell schon fast wieder klassischmoderne Logik der Avantgarden: die noch die Spuren des Kampfes tragende, erkämpfte, ins Fremde und Neue hineinragende Schönheit muß gefahrlos genossen werden können, von den Spuren des Kampfes befreit, damit es weitergehen kann. Free-Jazz-Nostalgie, Sommer 96.

    Eine andere Erklärung bietet Stuart Hall, der generell über schwarze Kultur und weiße Postmoderne anmerkte, daß die weiß-postmoderne Erfahrung der Auflösung, Dezentrierung und Widersprüchlichkeit der normalen, immerschon erlebten schwarzen Erfahrung entspreche, und weiter: „Now that, in the postmodern age, you all feel so dispersed, I become centered. What I’ve thought of as dispersed and fragmented comes, paradoxically, to be the representative modern experience!“ Es gibt ja genügend (Kultur-, Mittelschichts-)Bereiche, wo sich weiße Werte, Formen, Übereinkünfte auflösen (Geschlechterrollen, Autor, Mensch, Geschichte), die in der schwarzen Kultur gerade erst konstituiert werden. Andererseits weiß Musik – wie die von Taylor oder Jarman – das Wichtigste aus beiden Kulturen. Sie setzt Töne in einer Weise, die die Moderne vollendet, und ist gleichzeitig mitten im Beat der schwarzen (immer schon neben- oder nachmodernen) Kultur. Niemandem läge es ferner als mir, hier Hierarchien unter den Projekten (Hip-Hop, Free Jazz) aufzustellen, die neo-traditionalistische Musik – auf die sich, in einer, auch musikalisch, uneinsichtigen Weise, namedroppend, die überschätzte Gang-Starr-Single „Jazz Thing“ bezieht – erlaube ich mir langweilig zu finden. Gang Starr hatten ja schon selber vorher gezeigt, wie es geht, etwa bei „Jazz Music“ oder „DJ Premier In Deep Concentration“.

    Der (zuviel) gelobte „Talking Loud“-Sampler und die ewige, nun schon ein paar Jahre laufende britische Obsession, Jazz und Hip-Hop zu verbinden, zeitigen auch nur zufällig brisante Resultate, wie den Ace-Of-Clubs-Track „Tribal Knight“. Im besten Falle – und das ist der Unterschied zu den bisherigen Acid-Jazz- / Urban- / Gilles-Peterson-Bemühungen – haben wir es mit gelungenen Hip-Hop-Stücken zu tun, die im oben genannten Sinne funktionieren. Wobei eine spezifisch britische, in der Eleganz des unterschätzten alten britischen R’n’Bs der 60er wurzelnde Leichtigkeit, die man jazzig nennen kann, sich auf einige Tracks überträgt. Die verhält sich halt zum amerikanischen Jazz/Hip-Hop wie sich Reggae-Bässe und Derbeatschonwieder zu harten Dopebeats und Funk verhalten.

    Dem weißen „progressive“ Post-HC-Jazz/Rock hat SST, nach der Veröffentlichung der bisher besten Alternatives-LP, an das New Yorker Enemy-Label abgeben müssen, wo nicht nur die Label-Hausband Universal Congress Of ihre zweitbeste LP ablieferte. Revolutionäre wie Elliott Sharp und sein Ensemble Carbon sind dort ebenso gelandet wie Blind Idiot God und die diversen Session-Bemühungen ihrer Member, wie sie auf den ebenfalls von Enemy herausgebrachten Knitting-Factory-Samplern dieses Jahr zu hören waren. Den besten SST-Jazz gab es auf dem New-Alliance-Radio-Outtake-Sampler Brain Cookies – Taste Test #1, u. a. von Always August und diversen Session-Gruppen. Die Jazz-beeinflußten Post-HC-Bands wie Victims Family, NoMeansNo, Poopshovel, Th’Inbred etc. bilden ein zu eigenständiges Genre, um sie hier noch mitreinzunehmen, nur eines: die keineswegs erledigte Idee der „Total Communi(cati)on“ ist bei ihnen, neben den Alt-Free-Jazzern, am besten aufgehoben.

    Der Trend, daß die Kinder die besten Fortsetzer sind, riß auch dieses Jahr nicht ab. Nach Neneh Cherry, Josh Haden (Treacherous Jaywalkers, Sohn von Charlie Haden), Ornette Denardo Coleman, den Kindern von Ed Blackwell und Annette Peacock, nach schließlich Caspar Brötzmann, der dieses Jahr einige Auftritte mit seinem Vater Peter hatte, nahm Karen Mantler, Tochter von Carla Bley und Michael Mantler, eine von ihren Eltern produzierte Solo-LP mit dem lecker-laszivsten, zwischen früher Lizzy Mercier Descloux und Annette Peacock (die ja lustigerweise Jahrzehnte mit Carla Bleys erstem Mann Paul Bley zusammengelebt und gearbeitet hat: interessante Familienromane) angesiedelten Mädchenzimmerjazz auf, der intim-private Zustände zelebriert. Ob der zweite Sänger auf dieser Platte, Eric Mingus, auch …, war bei Redaktionsschluß nicht herauszubekommen.

  • Todesblei – Get Out of Germany

    Paris Bar

    Ich war kürzlich in Berlin. Routinemäßig warf ich auch einen Blick in die „Paris Bar“, jenen illustren Treffpunkt etablierter Boheme, wo normalerweise die tonangebenden Mainstream-Stars, von Lüpertz bis Heiner Müller Hof halten. Wer beschreibt mein Entsetzen, als ich schon von draußen sehen mußte, daß diesmal Hype-Neonazi Syberberg samt der ätherischen Edith Clever die Plätze mit Blick auf die Kantstraße besetzt hielten. Das Jahr der neuen Rechtsintellektuellen – von dem ich zuvor nur gehört hatte, vor allem durch zwei abendfüllende Vorträge des stets am besten informierten Hubert Winkels, erst bei der Buchmesse, dann in einem italienischen Restaurant zu Köln, bei denen er große Verbindungslinien und geheime Verknüpfungen kühn knüpfte, die in seinem Tempo-Artikel irgendwie arg gekappt und zusammenredigiert wirkten – hatte nun auch für mich ganz alleine eine kleine Show inszeniert: Syberberg und Clever abwechselnd stumm seufzend (über die verjüdelte, dekadente Kunst, die es an den Wänden der Paris Bar in dichter Salon-Hängung gibt?), sich durch die Haare fahrend, an die germanische Junker-Stirn fassend. Als sie schließlich zahlten, fragte ich mich, welches Zahlungsmittel der international geschätzte Pamphletist wählen würde: schnödes Bargeld oder die vom internationalen Judentum lancierte Kreditkarte?

    Er wählte den unverfänglichen, trüben Mittelweg und füllte mit unendlicher, von diesen hektischen Zeiten ungehetzter, tiefer Geduld mit einem Füller einen Eurocheque aus, stieg in sein albernes Herrenmensch-Cape und verschwand. Kurz danach rief Heiner Müller an und bestellte einen Tisch, man schien ihm den von Syberberg eben noch benutzten freizuhalten.

    Rechte und Linke in derselben Kneipe, vom selben Tisch essend und trinkend. Als letzter Unterschied scheint nur zu bleiben, daß Linke später ins Bett müssen und Rechte früher speisen.

    Die Subversion der Subversion

    Syberbergs fieses Pamphlet und die daran geknüpfte Auseinandersetzung, die noch einmal 1a-Neo-Nationalisten in FAZ– und anderen Redaktionen in das Gewand fortschrittlicher Liberaler schlüpfen ließ, hatte mit einem Mal grell beleuchtet und auf den Punkt gebracht, was von genau diesem Punkt aus, rückblickend betrachtet, schon seit Ende des letzten Jahrzehnts läuft: die langsame, rechte Unterwanderung (sic!) der Linksintelligenz im Namen eines aus den eigenen Reihen hervorgebrachten Begriffs: Subversion1.

    Ende der 70er kamen sie endlich auch in Deutschland an: die Diskurse der „Deterritorialisierung“ (Deleuze/Guattari), der „Subversion des Wissens“ (Foucault) oder des „Geschlechts, das nicht eins ist“ (Irigaray), kurz all jene postmarxistischen, aber an der Option der Dissidenz festhaltenden, gegen die „Macht“ gerichteten Diskurse derer, denen schon 68 oder 56 der institutionalisierte und erstarrte Marxismus, wie ihn die damals noch starken europäischen KPs (in Italien und Frankreich) vertraten, zu flach, zu eng oder zu böse geworden war, um die ins Kraut schießende Philosophie des Zeichens, des Begehrens, der „Différe(a)nce“, der Minderheiten- und der Mikropolitik noch aufnehmen zu können.

    Während aber in Frankreich die Benennung des Gegners als „Macht“ immer auch die orthodoxen Kommunisten schon 68 miteinschloß, war 68 hier erst der Anlaß, um Parteien zu gründen und in rasenden, hysterischen Schnellkursen alle Elemente von KP-Geschichte durchzuexerzieren (Fraktionismen, richtige Wege, Ausschlüsse, Durchbrennen mit der Parteikasse). Erst danach konnten die neuen „anarchistischen“, „mikropolitischen“ „Subversions“-Diskurse hierzulande rezipiert werden. Und natürlich zuerst dort, wo vorher der avantgardistischste (Post-)Marxismus soeben in Sponti- und Autonomie-Theorie übergegangen war.

    Schillern (statt Goethen?)

    1978 erschien in Berlin bei dem, während der Kern-70er der „internationalen marxistischen Diskussion“ verpflichteten Merve-Verlag direkt hintereinander Kollektiv A/traverso – Alice ist der Teufel, Sendemanuskripte eines autonomen und Sponti-Senders aus Italien, und der Reader Das Schillern der Revolte. Das war nunmehr das neue Wort: Revolte löste Revolution ab. Wie beide jeweils für etwas ganz anderes standen als ihr Name im Zusammenhang seiner französischen Geschichte versprach, und dann nochmal etwas ganz anderes erreichten, wird einmal in einer Geschichte der verständlichen Anmaßungen deutscher Intellektueller analysiert werden müssen: es erinnert verdammt an Marxens Diagnose aus dem 19ten Jahrhundert. Die deutsche Philosophie ist immer viel weiter als die deutschen Verhältnisse, wird aber frigide und selbstbezogen, weil sie nicht mit der Wirklichkeit, sondern immer nur mit anderen Philosophien korrespondieren kann. Damals blieb einer von Vernunft und Fortschritt, Frankfurter Schule und Mao-Tse-Tung enttäuschten, begrifflich entwickelten, aber gesellschaftlich einsamen deutschen Theorie nichts übrig, als eine Lektüre von Franzosen, die ganz andere Erfahrungen mit ganz anderen Zuständen gemacht hatten. Einige Autoren des Schillerns der Revolte wie Frank Böckelmann, ein brillanter alter SDS- und „Subversive Aktion“-Aktivist, heute „Katastrophen-Theoretiker“, haben das gewußt und auch reflektiert, andere wie Walter Seitter, Foucault- und Lacan-Übersetzer, Kunsthistoriker, der sich heute vor allem mit dem Nibelungenlied beschäftigt, und Dietmar Kamper, der zuletzt Theorien über die Zeit erdachte und unlängst die Post-Apokalypse ausrief, waren bereits völlig angefixt von diesen höchst diffusen und verschiedenen Diskursen, die damals euphorisch als ein neues Denken empfunden wurden. Zu den Zitierten im „Schillern“ gehören neben den großen Franzosen (also Barthes, Foucault, Lacan etc.) Félix Guattari, heute einer der letzten antistaatlichen Linken Frankreichs, und eben jener Gerd Bergfleth, der nicht erst dieses Jahr alles tat, um hier als Rechtsradikaler bekannt zu werden (vgl. „Spalten“, Spex 5/90). Die Revolte, so wie sie 78 der Merve-Verlag verstand, schillerte nämlich damals noch in allen Farben: von individualistischen, feministischen, minoritären bis zu anti-psychiatrischen Ideen, sie hatte noch keine Tradition; war neu und sah sehr schön aus. Klang wie Punk-Rock2.

    Hysterie und Revolte

    Wir finden das Wort „Revolte“ z. B. 1985 bei einer Publikation eben jenes Matthes-&-Seitz-Verlages wieder, wo dieses Jahr Syberberg erschien: nicht als erster rechtsradikaler M&S-Text. Anfang der 80er hatte sich das Münchner Haus einen Namen gemacht durch die Veröffentlichung von Klassikern französischer Dissidenz3 wie Bataille und Artaud, aber auch von Roland Barthes’ Memoiren. Niemand (außer einigen Altlinken, auf die keiner hörte und deren Denunziationsinteresse gegenüber dem „Neuen“ ja auf der Hand lag) las damals das Büchlein Kritik der palavernden Aufklärung, Bergfleths erstes rechtsradikales und antisemitisches Pamphlet, niemand nahm zur Kenntnis, daß der Bataille-„Thanatograph“ (eine Biographie ist schon ein vulgäres Ranschmeißen an unfeine Lebenstatsachen in diesen Kreisen) Bernd Mattheus – der dieses Jahr an Syberbergs Schweinkram in einer Rezension des Rheinischen Merkurs nur ein paar sprachliche Unfeinheiten zu bemängeln hatte und ansonsten die Nähe zu „großen“ skeptizistischen und neo-reaktionären Denkern wie etwa Botho Strauß’ (noch so ein Früchtchen, das in diesen Zusammenhang gehört) Liebling Gómez Dávila erfreut notierte – schon damals eher ein Reaktionär hinter der Maske des „Skeptizisten“ als ein Radikaler oder subversiver war. Aber niemand las auch das vor galligem, unbefriedigtem, trübem und aggressivem Kulturpessimismus nur so dampfende Nachwort zu dem Band, von dem ich hier rede (Mattheus/Matthes [Hrsg.]: Ich gestatte mir die Revolte), in dessen Verlauf Verleger Matthes sich eine neue Definiton von „radikal“ zusammenschreibt, die seine neo-reaktionären Freunde und ein paar bittere alte Männer mit Van Gogh und Artaud zusammenschmeißt, im Kampf gegen einen Kulturbetrieb, zu dem er Godard, Achternbusch, Beuys und Rainald Goetz atemlos, unbestimmt gekränkt und offensichtlich zukurzgekommen, ressentimenterhitzt zusammenhechelt.4 Nein, man war ja schon hocherfreut, wenn ein rarer Text von Carl Einstein veröffentlicht wurde. Niemand sonst tat sowas. Die Linke, falls es sie damals noch gab, versäumte nicht zum ersten Mal den Versuch, radikale ästhetische Positionen zu verstehen. Nun gut, außer Heiner Müller.5

    Auch das Besoffensein bestimmt das Bewußtsein

    Denn die Linke, die in Deutschland verpaßt hatte, eine Linke zu werden, und in ihrer Absage an ihre Tradition schließlich auch wieder nur ihre maoistische Hysterie, durch eilige Selbst-Bezichtigung von Taten, die sie nur auf dem Papier begangen hatte, durch eine neue Hysterie ersetzte, hatte in all ihren Ablenkungen und Irrwegen wieder mal verpaßt, das Potential übergreifenderer und fundamentalerer Aspekte von Dissidenz in ihren Erfahrungshorizont zu integrieren. (Was in einem Frankreich der Kojèves, Sartres, Althussers nie ein Problem war: Maoisten stritten für Drogenlegalisierung und weltferne Phänomenologen besetzten Gefängnisse.) Die, die in Deutschland mehr wollten, gerieten in den Sog einer bitteren, lebensfeindlichen Altmännerszene, die sich hinter Begriffen wie „radikal“, „subversiv“ und „Revolte“ zwar immer noch ziemlich gut zu verschanzen wußte, geschützt von den Namen einiger spielerischer, integrer und unabhängiger französischer Geister, deren Spiel dann in ihrer Lektüre zum martialischen Ernst eines deutschen Theoriegebäudes verkam. Auch wenn sich damals schon der gespreizte „hohe“ Ton, die nicht endenwollenden Ergebenheitsadressen an Ernst Jünger, die Feier von Urgründen, Heldentum und/oder einsamen Eliten, und auch schon der Krieg und die Krieger durch die Verlautbarungen des M&S-Verlages zogen: wir hatten schließlich jahrelang vertreten, daß verdächtigendes Lesen denen ihr Spiel ist und daß der Faschismusverdacht eine Technik des BRD-Establishments – von Lehrern bis Feuilletonisten bis zu den Lummers dieser Welt, die sich von Hausbesetzern immer an die SA erinnert gefühlt haben wollten – sei, um von der Verkommenheit der eigenen, liberalen Machtausübung abzulenken. Wir lasen diesen Stoff gegen den Betrug, den wir erlebt haben: uns hatte nicht eine kommunistische Partei betrogen, sondern sozialdemokratische Herrschaft war die einzige, die wir richtig gut kannten. Horst Herold und Helmut Schmidt. Gegen sie hätte die gute alte Dialektik der Aufklärung womöglich ausgereicht, wenn nicht alles Sprechen im Namen der Vernunft und des Humanismus vergiftet gewesen wäre, von der Praxis „vernünftiger“ und „humanistischer“ Kanzler und Polizeipräsidenten. Wir hatten keinen präzisen Feind, eine KP, die den Kommunismus versaut hatte bis zur Rechtfertigung von Gulags (mithin ein theoretisches, moralisches und philosophisches Problem: die KPF hatte ja keine echten Gulags gebaut), sondern wir halluzinierten uns in die Feindschaft zur Vernunft – denn als irgendwie institutionalisierte Vernunft empfanden wir den Regierungs- und Kulturtyp, gegen den sich Punk aufgelehnt zu haben glaubte.

    „Martin Bormann is innocent“

    Eine ziemlich vage Analyse, die für die Musikwelt taugte, für Punk, New Wave, Pop 82, für Flirts mit Dandysmen, Bejahung der Künstlichkeit etc., für anti-sozialdemokratische Deterritorialisierungen, die helfen sollten, nicht denen ihr Spiel zu spielen. Der Fehler dieser Bewegung, die manche Öffnungen und Wege für freiere und neue Lebenstechniken gegen Staat und Macht jenseits von „Authentizität“ und Verbesserungsvorschlag tatsächlich hervorbrachte, die jenseits dessen, was der 78 begonnene Diskurs in Deutschland so trieb, realisierte, wovon Deterritorialisierer in ihren Uni-Seminaren nur träumten, war, daß sie auf der Ebene der im Diskurs angelegten politischen Fallstricke nicht auf der Höhe der Zeit war, die realen Machtverhältnisse in Deutschland ignorierte oder mißverstand. Wie sollte das, was aus einer Praxis mit und gegen die große, aber nicht regierende, wenn auch an der Macht partizipierende KP an Begriffen und theoretischen Werkzeugen hervorgegangen war, hier von einer Phantomlinken aufgenommen werden, die die eigenen, nie begangenen Phantomverbrechen zu sühnen und die dabei entstandene Mentalität zu dekonstruieren bemüht war, eine von Anfang an halluzinierte politische Bewegung, die sich noch einmal selbst mit großem Getöse symbolisch abschaffte, irgendetwas mit dem neuen Leben in den Städten zu tun haben? Und was mit einer neuen reaktionären, aber bleiern friedlichen Politik, die dieses nicht mehr bekämpfte, sondern nur dessen Gedeihen nutzte, um anderswo und auf anderer Ebene zuzuschlagen und durchzusetzen. Doch in dieser Abschaffungs- und Selbstkritikgeste, die die Anwendung der französischen Denkweisen auf deutsche Verhältnisse war, verband sie sich mit durchaus präzisen und mächtigen Strukturen in der vorübergehend kalt gestellten Zombie-Fraktion des deutschen Geistesleben, war – ohne zu wissen, welchen Weg sie ging – genarrt von der bindungslosen Immaterialität des Diskurses, auf dem Wege der Radikalität bei den grauesten, aber sehr regen Konservativen und Reaktionären angelangt.

    Death Metal

    Von Jünger erzählt man sich, daß er alles überwacht und/oder interessiert verfolgt, was Matthes und seine Leutchen treiben („Da sagt dann der 95-jährige Jünger zu dem Endsiebziger Mohler: ‚Junger Mann, machen Sie mal.‘ Mohler ruft dann seine Mittfünfziger zusammen, die jungen Leute, und die besprechen sich mit ihren jungen Leuten“, so ein Kenner der Szene). Die deutschen Elitären, Carl-Schmitt-Fans, Soldatischen und Antisemitischen haben zwar nie viel Lärm gemacht – die „Öffentlichkeit“ ist ihnen zuwider –, aber sie haben weitergemacht. Die Franzosen halfen – aus ihrer grundsätzlich anderen, verspielteren Perspektive – bei Rückgriffen auf die steinharten Primärtexte: Carl Schmitt, Martin Heidegger – wenn keiner die Namen nannte, war mindestens Jacques Derrida zur Stelle (seine letzte Veröffentlichung: ein Text zur „Europäischen Identität“, in der von der FAZ mitherausgegebenen „europäischen Kulturzeitschrift“ Liber). Doch selbst in Ich gestatte mir die Revolte gab es noch genügend Texte aus einer linken, subversiven Tradition der Revolte. Die rechten Inhalte, die Texte des Militärhistorikers Langendorff, der nebenbei einen „Karolinger“-Verlag betreibt, wo Schmitt-Exegese betrieben und der Hitler-Komplex erscheint, der den Komplex der Deutschen mit ihrer Vergangenheit zum größeren Übel als die Vergangenheit selbst erklärt, waren im Verlagsprogramm damals noch gut flankiert, nicht nur von Carl Einstein, sondern sogar von Lou Reed und Warhol (etwa in dem, in mancher Hinsicht empfehlenswerten, sich noch Dingen wie Punk und Feminismus verpflichtet fühlenden Dandysmus-Reader Riten der Selbstauflösung). Selbst die namentlich nicht gezeichneten Verlagsmitteilungen bei Matthes & Seitz, die schon in den frühen 80ern oft ins mittlerweile typische Geraune abkippten, waren immer wieder durchsetzt von „Subversions-Talk“ eindeutig linker Provenienz. Und selbst nach dem Baudrillard-Skandal (gegen den Willen des Autors hatte der Verlag sein Hauptwerk Der symbolische Tausch und der Tod mit einem Essay des rechtsradikalen Bergfleth, das nächste, Die göttliche Linke, mit Texten der Rechtsradikalen Maschke und Sander gewürzt) zitierte der Verlag auf der Rückseite der Göttlichen Linken den Pflasterstrand (damals noch kein „Weißwein“-Blatt, heute ganz aufgefressen) so: „Ein aufklärendes Buch gegen die Aufteilung der Welt in Gut und Böse. ‚Die Bereitschaft zur rigiden Grenzziehung entspringt selbst dem Denken der Rechten.‘“ Darin ist zwar der ganze Unsinn (auch von Baudrillard) auf den Punkt gebracht (hinter der bösen Aufklärung wohnt die gute Aufklärung – warum war dann die Aufklärung nicht gleich gut bzw. einer Dialektik unterworfen, von der man schon vor Baudrillard wußte, aber der argumentiert ja tatsächlich so), aber immerhin auch noch ausgesagt, daß am „Denken der Rechten“ was Falsches ist.

    Politische Theologie

    Vor drei Jahren schickte man mir eine Ausgabe der Zeitschrift Etappe zu. Ohne je von dieser Zeitschrift gehört zu haben, war ich einigermaßen überrascht, dort zwischen übel-schnodderigen rechts-kulturpessimistischen, als Aphorismen ausgegebenen Kalauern und Carl-Schmitt-Exegese ohne Ende, eine lobende Rezension von Walter Seitters erstem, bei Merve erschienenen, Nibelungen-Buch zu lesen, darin eine ebenfalls lobende Erwähnung von Foucaults Vom Licht des Krieges. Dies war ein anderes Kaliber als Matthes & Seitz, nicht die vage ästhetisierende, selbstgemachte „Revolte“-Definition und die Anbiederung an greise Nihilisten spielte die Hintergrund-Musik, sondern die Kriegs- und Souveränitäts-Theorie der Politischen Theologie Carl Schmitts. Hierhin hatte sich eine andere, die etatistische, ex-maoistische Radikalität als Element ehemaliger „Radikaler Linker“ der 70er verirrt. Mit Foucaults tatsächlich faszinierendem und nur im Kontext dieses Denkers zu würdigendem Kriegsbüchlein (historischer „Rassismus“ „von unten“ als erster Diskurs gegen den Souverän, der erst im 19ten bzw. 20sten Jahrhundert von Staaten adaptiert wird und erst dann zur Stütze der Macht wird – verkürzt), gemischt mit altem Klassenkampf-Feeling und den Ideen Schmitts, der einerseits das Ermächtigungsgesetz rechtfertigte, andererseits immer auch fasziniert von der anderen Seite aus mit Gewinn gelesen wurde (Benjamin, Kojève etc. – geistig gefestigten Personen sind seine Texte als die ultimativ-unverlogene Selbstdarstellung des Staates durchaus zu empfehlen), wird hier eine eigenständige, selbstgemachte Brühe angerührt, die, mehr noch als die Münchner Matthes-Szene, Zeugnis ablegte, wie aktiv und teilweise anregend, meistens nur abstoßend, es bei den neuen rechten Intellektuellen inzwischen zugeht.

    Und Ausfälle gegen „pluralistische Nivellierung“ haben wir schließlich auch schon verfaßt. Erst 86 oder 87 schrieb ich in einer Leserbriefantwort klarstellend, daß wir damit einen „falschen“, eben „nivellierenden“ statt Unterschiede zulassenden Pluralismus meinten. Das Modell Pluralismus soll die eine Wahrheit verschleiern stammte zwar aus dem, heute nur noch Stalinismus geheißenen Leninismus, wurde deswegen aber nicht falscher, weil man in den 80ern herausbekam, daß der Pluralismus auch verschiedene Wahrheiten verschleiern kann; nur daß wir uns nie ganz klar machten, ob sein verheerendes Wirken im Dienste der Macht ein politisches oder kulturelles Problem, ein ästhetisches oder ein philosophisches war. Es war und ist all das, aber auf der politischen Ebene muß man sich natürlich vorstellen können, was man stattdessen will. Rock’n’Roll? Was ist Rock’n’Roll, Kunst oder Politik? Beides?

    Wartime

    Eben das ist das Problem. Wie man nicht nur an Bildern von Jörg Immendorff ablesen kann, war der Maoismus der 70er vor allem auch eine künstlerische Bewegung. Das machte er sich vor allem dadurch klar, daß viele seiner hervorragendsten Vertreter Künstler wurden. Andere dagegen blieben in einer finsteren Halbbewußtheit über diesen Zusammenhang und landeten folgerichtig bei denen, die immer schon Politik ästhetisiert hatten, der Jüngeristischen Rechte, der National-Boheme, den Putschisten, Malapartianern und Schmittianern. Den Genießern der Militär- und Kriegshistorie, den Theoretikern der Bestie Mensch, die nur Autoritäten, starke Staaten und geniale, Künstler-artige Chefs im Zaume halten könnten. So wie Lüpertz die Farbe und Rollins seinen Body. Alles Naturgewalten, Material für die Ästhetik und ihre eisenernste, härteste Disziplin. Mittlerweile redet ja auch Henry Rollins, als hätte er nach Nietzsche nun auch Schmitt entdeckt: „Wartime ist jetzt – immer. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag. Ob es eine Hochzeit, eine Liebesaffäre, die Golf-Krise oder der Dritte Weltkrieg ist …“

    Anamnese der Genese

    Dabei ist die Lage, inclusive der neuen deutschen Lage, die all die Figuren, von denen hier eben die Rede war, Morgenluft wittern läßt, ja eben gerade gekennzeichnet von einem schwülen, unheimlichen Frieden, von enorm friedlichen Territorialgewinnen draußen in der Welt und Reterritorialisierungen in den Minds der Menschen. Was in der Welt der Texte passiert, ist nicht deswegen dazu angetan, das Verschwinden des Menschen, des Subjekts, die allseits simulierte Welt zu denken, weil dem tatsächlich so wäre. Die Textproduzenten haben nicht nur im Laufe der letzten Zeit ihre Hysterie, deren Geburt um 68 als verdrängte Erkenntnis der Unfähigkeit, dissidente Politik zu verwirklichen, stattgefunden haben muß, nicht beseitigen können, sondern stattdessen in die siebte Potenz gesteigert, wo sie nun überhaupt nicht mehr weiß, warum sie denkt, was sie denkt. Dieses Jahr starb auch der große deutsche Marxist Alfred Sohn-Rethel und hinterließ als „sein Motto“ im FAZ-Fragebogen, den er kurz vor seinem Tod ausgefüllt hatte, die „Anamnese der Genese“. Wenn noch was zu retten ist, vom Denken in Deutschland, muß genau damit begonnen werden: wie kam es, daß wir, die ohne Kunst auf der Höhe der Zeit und mit dem antihumanistischen Erbe schlechthin aus dem Krieg kamen, nur von einigen Emigranten richtig eingeschätzt, die wir nie richtig auf unsere bundesrepublikanische Wirklichkeit anwenden konnten, unsere phantomlinke, anti-phantomlinke-phantomsubversive und schließlich neo-reaktionäre Hysterie entwickelten. Nicht weil es keine Wirklichkeit mehr gab. Nicht weil es den Menschen, das Subjekt, die Geschichte nicht mehr gibt, nur noch eine simulierte Welt, sondern weil es dieses Land und seine Kultur nicht mehr gibt und geben darf, weil es keine deutschen Menschen mehr gibt (und auch nicht wieder gibt, sondern als Deutsche nur deutsche Anti-Menschen). Der Vorteil dieser Lage war, eher zu erkennen als andere Völker, daß es überhaupt keine Nationen geben darf, erst recht keine Weltordnung, die an ihre Stelle tritt, um die fortgesetzten Verbrechen in ihrem Namen zu rechtfertigen. Das heimatlose Denken von Emigranten aus Deutschland war demzufolge das einzige Denken auf der Höhe der Zeit, es enthielt die Negation der Nation ebenso wie die Negation der an ihre Stelle tretenden Zusammenhänge.6

    Immer, wenn eine Fraktion der Bourgeoisie im Konkurrenzkampf überholt wird, behaupten ihre Intellektuellen, das Ende der Welt sei nah.

    Mit der Konsolidierung einerseits der bleiern-friedlichen Bundesrepublik und andererseits ihrer forcierten Rolle im Weltausbeutungszusammenhang, trat an die Stelle der Emigranten eine hysterisch-selbstbewußte Schicht, die eine eigene Kultur brauchte und immer wieder verzweifelt Theorien erfand, die Metaphern für Eingriff und Zugänge zum Wirklichen bieten würden, das doch schließlich so offensichtlich mit deutscher Beteiligung gestaltet und bewirtschaftet wurde. Oder sie verfielen in Pessimismen und Nihilismen. Sie stehen jetzt zur Debatte, als abendländisch-deutsche Kulturmenschen, deren letzter Akt die Identifizierung mit Herrenmenschen, Kriegern, Junkern, Nihilisten und anderen vermeintlichen Adligen des Geistes produziert. Die Revolte ist dabei ebenso als Begriff den Bach runtergegangen wie vorher die Revolution. Nicht die Welt ist simuliert, ihre ist es, nicht der Mensch verschwindet (und wenn, dann aus ganz anderen Gründen), sondern dieser Typ. Der darüber zur Verbitterung gewordenen verallgemeinernden Theorie kümmert die heißen Zonen der Welt, wo tatsächlich die Entscheidungen gefällt werden, ob Menschen eine Chance haben, ziemlich wenig. Ein einzelnes Scratch-Geräusch erzählt mehr davon als das Gesamtwerk von Baudrillard. Doch die rasend fortschreitende Wirklichkeit der in sich völlig unkriegerischen ersten Welt bietet plötzlich eine neue, noch uncodierte Lage, die so etwas wie die Erdung der reaktionären Hysterie werden könnte. So wie die seinerzeit völlig neuen Krisen der 20er die völkische Hysterie ehemaliger Wagnerianer erdeten. Im blutigsten Sinne. Das haben die Syberbergs begriffen (bzw.: natürlich nicht begriffen, vielleicht: gewittert). Und viele, darunter wunderschöne Matthes-&-Seitz-Bücher, werden in dieses Fundament einer finsteren deutschen Scheiße eingehen. Sie werden nicht mehr verbrannt, heutzutage, die schönen Bücher, sie gehen ein in eine rasend sich selbst unklare, in ihrer undialektischen Verfeinerung stumpfe Kultur, die nicht weiß, wovon sie redet, welche Begriffe warum durch ihre Texte spuken, nicht ahnt, wer das alles zahlt (nicht mit der Kreditkarte). Aber ihre Feinheit wird sich selbst vernichten in der Wirklichkeit, mit deren Politik sie sich nun wirklich verbindet: Deutschland, und seine neuen friedlichen Kriege.

    Irren ist historisch, Mythen sind mörderisch

    Denn eines hat immer noch auch die heruntergekommenste oder verirrteste Linke gekonnt. Dadurch, daß sie auf die Wirkung ihres Denkens schaut, entfaltet sie immer eine moralische Dimension. Sie überprüft immer ihre Ergebnisse, ob sie sie nun verdrängt, in den Gulag sperrt oder als RAF verläßt. Nach einem bestimmten Zeitraum landet sie bei der Selbstkritik, arbeitet an der Anamnese der Genese. Diese Moral ist keine Moral, die man hat, als guter Mensch, wie die christliche, sie ergibt sich aus der Auseinandersetzung des Denkens mit seinen Wirkungen, entfaltet sich aus der Wirklichkeitszugewandtheit linken Denkens. Diese Dimension fehlt jedem rechten Denken, egal ob es etatistisch oder nihilistisch daherkommt, es bleibt kontemplativ, sich selbst unklar, weil nur sich selbst verantwortlich: es herrscht oder wendet sich ab. In einem Aphorismus ordnet Bernd Mattheus dem aufklärerischen, kritischen Denken die Sätze zu: „das gibt es nicht mehr … das sollte es geben“; dem – von ihm vertretenen – skeptizistischen Denken: „das gab es nie … das wird es nie geben“. Darin beschreibt er exakt zwei falsche Positionen, erst den sozialdemokratischen, regressiven Kulturpessimismus der Toskana-Fahrer, dann den reaktionären, lebensfeindlich-eisigen Pessimismus der Kulturrechten. Eine revolutionäre Position sagt immer: das gibt es (Wirklichkeit, Geschichte, Veränderung). Es ist nachvollziehbar, wie in Opposition zum Das-gibt-es-nicht-mehr-das-sollte-es-geben der rechte bittere Nihilismus sich formierte, auch aus linksradikaler Asche, aber da er unfähig ist zur Anamnese seiner Genese, ist er dazu verurteilt, in seiner fatalen Position für immer zu verharren. Linke Fehler, wie tragisch auch immer ihre Konsequenzen waren, sind korrigierbar, denn sie finden in der Geschichte statt; der rechte Fehler ist ein zeitloser, kalter Mythos. Seine Spur trägt sogenannte „Mentalität“.

    Die Feinde unserer Feinde sind auch unsere Feinde

    Inwieweit unser eigener anti-liberaler, anti-sozialdemokratischer Diskurs aus den frühen 80ern und dessen immer noch spürbare Wirkung für allerhand Subkultur-Realität mit diesen Vorgängen über das Gesagte hinaus etwas zu tun hat, ist schwer zu sagen. Das Privileg jeder subkulturellen Praxis ist, durch Ankoppelung an den Weltgroove und Unterworfensein unter Wirkungs- und Differenzierungslogik immer ein Bewußtsein von der Dialektik von Verfeinerung und feinem Stumpfsinn zu haben. Die Geräusche, die uns von universellen Maschinen abgeleitete Gerätschaften in unsere Discotheken und Raves übertragen, erzählen von beidem: vom völligen Zerstörtwerden des Menschen, Marke Peripheriebewohner und Marke philosophisches Konzept, und den Chancen für ganz neue Menschen, ebendort im Umgang mit diesen Maschinen. (Wenn es neue Menschen gibt, wird Coltrane für sie wichtiger sein als Plato.) Die besondere Chance der Subkultur und der wenigen deutschen Denker und Dichter, die diese Chance genutzt haben, wie Hubert Fichte und der frühe Brinkmann, war die Möglichkeit, Deutschland zu entkommen. Deutschland als dem Platz, wo man Kunst und Politik nicht unterscheiden kann. Wo man Wagner-Opern – wie vom jungen Thomas Mann erlebt und erzählt – für ein nationalpolitisches Ereignis hält. In so einem Lande hält man auch Rock’n’Roll für Politik, ich zum Beispiel, aber es ist eine Politik, hier, die mit dem globalen Groove kurzschließt, der dieses hysterische Mißverständnis schließlich aufhebt und in besten Fällen sogar austrägt, statt es zu erden. Das Land, das schon 1871 auf einer Hysterie aufgebaut wurde, die ihren Musikgeschmack mit Bajonetten durchsetzt, hat nach all den friedlichen, fremdbestimmten Fußgängerzonenjahren wieder angefangen, an seinen Wahnsinn zu glauben.

    1. Wenn im folgenden von „Subversion“ oder von „Revolte“ die Rede ist, dann weil diese Begriffe ein Aufbegehren gegen den Staat und seine Institutionen, gegen Macht oder Herrschaft meinen, die ohne die traditionellen Massenbewegungen auskommen (müssen) und daher für linke und rechte Unternehmungen taugen und – vor allem der Begriff „Revolte“ – auch für ganz und gar unpolitische Unternehmungen, jene „unabhängigen Linken“, Vertreter post-marxistischer Dissidenz-Position, sich aber – ohne diese Ambivalenz, auch in der Geistesgeschichte dieser Begriffe, sich klar zu machen – vertrauensvoll mit der totemistischen Funktion dieser Begriffe zufrieden gaben. Grundsätzlich: die Revolte, zu der sich mehrere – als Minderheit – zusammenfinden, darf links genannt werden (merve, 78); diejenige, die per definitionem ausschließlich die Sache Einzelner ist, nenne ich reaktionär (Matthes, 85). ↩︎
    2. Lester Bangs’ Analyse von Richard Hells politischem Denken und Wollen brachte allerdings schon damals auf den Punkt, daß und wie die „Blank Generation“ uneingestandene Wurzeln bei alter Dekadenz und altem Nihilismus hatte. Nichts wogegen irgendjemand oder Bangs zunächst was hätte; nur vor dem Weißen Haus aufmarschiert und von Jimmy Carter gefragt, was sie denn wollten, würden sie, so Bangs, nachdem sie der Nationalgarde Sicherheitsnadeln in die Gewehrläufe gesteckt hätten, nur antworten können, nach einigem Zögern: Freibier und TV für alle. – Das Extra-Problem so vieler kultureller Dissidenz-Bewegungen (vgl. Situationismus) ohne politische Verwurzelung oder Koppelung an globale Erschütterungen: Mikropolitische Rebellion gegen Langeweile produziert am Ende wieder nur Langeweile. ↩︎
    3. Zurecht könnte man fragen, welcher Begriff von Dissidenz Bataille und Artaud mit einschließt, ohne gleich jeden individualanarchistischen Ansatz mitzurechnen. Aus dieser Schlinge rette ich mich, indem ich auf relevante linke (in einem Sinne, der Adorno, Deleuze und Foucault zur Linken rechnet) Rezeption gerade dieser Autoren verweise. Das Problem geht sicher zurück bis zu Benjamins Baudelaire-Lektüre bzw. zur 200 Jahre alten Boheme-internen Frage, ob die Chartreuse-Trinker an den Bier-Tisch dürfen und umgekehrt. Für mich gehören alle Trinker zusammen. ↩︎
    4. Das klingt dann z. B. so: „Es erweckt Zweifel, wenn jemand einer Mode angeblicher Radikalität frönt. Zutage kommt Erbaulichkeit oder die hohle Geste (exakt sein Problem, D.D). – Wie die Erbaulichkeit des Trauermienen-Existentialisten der 50er Jahre in seinem dufflecoat, sich selber und seinen Sonderstatus genießend, sich in seiner Angst und Freude. Oder ‚Radical chic‘: Prestige, klischiert und medioker wie das Insein eines heterosexuellen Friseurs und einer lesbischen Mutter. – Godards Filme haschen nach Radikalität wie Achternbuschs Hervorbringungen und die von einer Intellektuellenschickeria hochgeputschten pubertären Phantasien à la Rainald Goetz, ähnlich sehe ich den apokalyptischen Dandysmus des späten Beuys. Der Verschönerungspunker sehnt sich nach Ordnung und eindeutigen Verhältnissen wie der Schablonenmensch. Und ist der Computerfreak bei seinen Verrichtungen so anders?“ Ich weiß nicht, wie diese Krankheit heißt. ↩︎
    5. Notabene: Ich rede nicht von der gewinnbringenden Lektüre brillanter Reaktionärer, die ich als alter Fan von Benn, Hamsun, Celine, Pound und – teilweise – Jünger mehr als nur zu schätzen weiß, nicht von der Schärfung des Vokabulars durch eine Lektüre rigoroser Geister, mit denen man manch gemeinsame Feinde hat und deren Nicht-in-unsere-Band-Integriertsein ebensooft die Schuld der Band war. Nein, ich rede hier davon, wie man in den frühen und dann gar nicht mehr so frühen 80ern Reaktionäre als Subversive las und in nicht so eindeutigen Fällen nicht nur in reaktionären Texten womöglich vorgekommene, in irgendeinem Sinne subversive, sondern eben auch gerade rein reaktionäre Ideen als subversiv las. ↩︎
    6. Denn diese Emigranten hatten ja kulturelle Wurzeln in einer spezifischen, der deutsch-jüdischen Hochkultur des 19. Jahrhunderts. Deswegen waren die Chefs der Frankfurter Schule auch ab 68 doch nicht mehr anschlußfähig: ihre Negation der Weltverhältnisse vom Standort eines bürgerlichen Kulturerlebnis des 19. Jahrhundert aus hatte auch jede Beschäftigung mit / Zurkenntnisnahme / Verständnis der Nachkriegspopkultur/-gegenkultur verhindert, die sie nun nicht mehr dialektisch als das neu potentiell Richtige des neuen Falschen wahrzunehmen vermochten. In der undialektischen Lektüre der Kulturindustrie, der Sub- und Gegenkulturen, der Mode, begegnen sie dann am ehesten wieder Typen Marke Matthes, in diesem Zusammenhang sind die „Aber-ich-komme-doch-eigentlich-von-Adorno“-Sprüche auch Syberbergs zu verstehen. ↩︎
  • Drei Dramen vom Grill

    Dramatis personae

    Walter Seitter, Kunsthistoriker, Philosoph, Übersetzer, veröffentlicht u. a. bei Merve, Berlin

    Diedrich Diederichsen, Autor dieses Textes, geboren in Hamburg, lebt in Köln

    Franz Bieberkopf, Ex-Skinhead, vorbestraft

    Hildegard Knef, verlebt, hat Koffer in Frankfurt/Oder

    Emil, Junge mit Skateboard

    Partnervermittlerin, da inner Elisabeth Berger y’all

    Gaby, hat noch nicht den Richtigen gefunden

    Rosa von Praunheim, steht auf starke, schräge, schrille Frauen

    Martin Kippenberger, ehemaliger Geschäftsführer des SO36 und von Kippenbergers Büro, hat seine Kunstsammlung in der Paris Bar ausgestellt

    Lydia Lunch, typische New Yorkerin, „extrem“ und „intensiv“, steht auf Berlin

    Sylvère Lotringer, New Yorker Intellektueller, steht auf Berlin, veröffentlicht bei Merve, Berlin

    *

    Kommissar Lohmann, raucht Stinkadores, seine Verhörmethoden sind besonders menschlich und daher besonders brutal, kennt seine Pappenheimer

    Ali Bieberköpf, trägt schwere Taschen, schaut durch Mauern und Menschen hindurch

    Nina Hagen, Berlinerin

    Heiner Müller, raucht Stinkadores

    Blixa Bargeld, Berliner, Sänger, veröffentlicht bei Merve, Berlin

    Diepgen, Politikaster

    Brecht, raucht Stinkadores, typischer zugereister Wessi

    Rudolf Fernau, Bretter bedeuteten ihm die Welt

    Harald Juhnke, postmoderner Berliner

    *

    Karl Marx, schrieb über 1848 in Paris, liegt in London, steht in Ostberlin

    Schwanz, Bordellier

    Fifi Kronsbein, verstorbener Fußball-Trainer

    Michael Rutschky, Essayist, fühlt sich in Berlin wohler als in München

    Zwei Mädchen, reden angeregt über Oswald Wiener

    Oswald Wiener, legendärer Berliner Gastwirt, heute österreichischer Schriftsteller in Kanada, veröffentlicht bei Merve, Berlin; raucht Stinkadores

    Elvira Bach und Salomé, schicke Berliner MalerInnen aus den frühen 80ern

    Syberberg, antisemitischer Pamphletist, von Susan Sontag bewundert

    Leo Lukoschek, raucht Stinkadores

    Ex-Kellner, kennt sich aus

    David Bowie, Londoner, begeisterte sich in Los Angeles für den deutschen Faschismus, zog nach Berlin, lernte Kinder echter SS-Männer kennen und revidierte seine Ansichten. Schrieb trotzdem „Helden/Heroes“.

    Michel Foucault, Philosoph, Paris, soll sich im „Dschungel“ prächtig amüsiert haben; veröffentlichte bei Merve, Berlin

    *

    Türken, Koksgräfinnen, Huren, Ausbesserungsarbeiter

    I. Helden, für einen Tag

    1. Akt, 1. Szene

    Berlin ist kalt und abweisend. Der Golfstrom hatte sich lange vor der Stadtgründung aus dem Staub gemacht und es vorgezogen, die Gestade der Nordsee zu umspülen. Ehemals tropischen Verhältnissen im Spreewald hat nicht erst der pränukleare Fallout der Trabbi-Auspuffrohre mit seinen liebenswerten Vorkriegsschadstoffen den Garaus gemacht. Aber das ist okay mit mir. Ich mag kalte abweisende Städte, ich habe schon als Kind an Auspuffrohren und Benzinleitungen von Käfern mit geteilten Heckscheiben geschnüffelt. In Heidelberg hätte ich mir oder anderen längst das Leben genommen.

    1. Akt, 2. Szene

    Von einem anderen Ort reden. Also: von einem Ort so reden, daß man nicht von diesem Ort wie von allen anderen Orten redet, sondern von einem anderen Ort redet. Die Probleme von Ethnologie und Orientalismus. Neulich habe ich dafür, an einem anderen Ort, nämlich in Wien, von Walter Seitter einen guten Begriff gehört, den dieser aus dem Denken von Foucault (Paris) entnimmt: Heterotopologie, die Lehre des von einem (anderen) Ort Redens. Ich denke, daß ein solches Reden nur herzustellen ist, wenn man berücksichtigt, warum man sich an einem bestimmten Ort für einen bestimmten anderen Ort interessiert. Warum welche Touristen an welche anderen Orte reisen, warum Intellektuelle frankophil sind, Jugendliche schwarze Musik hören und von Berlin in unserem Westdeutschland ein Bild existiert, eine Funktion übernommen wird, die dieses wirkliche Berlin da draußen weder einst noch jetzt unter Kontrolle hat, ja dessen Opfer es längst geworden ist. Das westliche und das östliche in gleicher Weise, und ganz besonders Franz Bieberkopf, der da wohnen muß.

    1. Akt, 3. Szene

    Bieberkopf: „Haben Sie nicht einen Job für mich?“ Würstchenverkäufer: „Was ham Se denn bis jetzt gemacht?“ Bieberkopf: „War in Tegel. Im Knast, wegen Totschlag, hab nen Vietnamesen plattgemacht.“ Würstchenverkäufer: „Na, du kannst ja mal die Currywurstzerkleinermaschine anwerfen.“

    2. Akt, 1. Szene

    Es ist gerade 6 Uhr morgens vorbei, und die liebenswerten Schadstoffe ziehen, zu Schleimfädchen verdichtet, durch die aus fahlem Morgenlicht und von kriegsstromknappen, dunkelgelben Straßenlaternen illuminierte Berliner Innenstadt. „Hier ist Berlin, Heterotopologischer Garten! Eingefahrener Schnellzug aus Aachen fährt weiter nach Warschau, mit Kurswagen nach Moskau.“ Im Gegensatz zu allen früheren Berlin-Besuchen bleibe ich, um bis Berlin Hbf, früher Ostbahnhof, weiterzufahren, auf meinem Platz sitzen und begrüße die einsteigenden Polen- und Frankfurt/Oder-Fahrer. Eine verlebte Hildegard Knef und ein freundlicher Pole beklagen das Tempo, mit dem der Zug durch Gesamtberlin schaukelt: „Det is zu langsam, det is immer noch sozialistisches Tempo!“ Die Fahrt über die Berliner Stationen (Wannsee – Zoologischer Garten – Friedrichstraße – Hbf) dauert indes auch nicht länger als die Route Harburg – Hauptbahnhof – Dammtor – Altona im ungeteilten Hamburg. Dafür sind es in Berlin Namen, die man aus Emil und die Detektive kennt.

    2. Akt, 2. Szene

    Zur selben Zeit (7 Uhr) begann noch bis vor kurzem im Rest Deutschlands die Berlin-Propaganda. RIAS-TV, das erste öffentlich-rechtliche Frühstücksfernsehen, läßt keinen Zweifel daran, von welchem neuen Mittelpunkt Deutschlands aus es sendet, Groß-Berlin bekommt sogar einen eigenen Wetterbericht. Menschen, denen geographisch und kulturell Paris oder Brüssel, Kopenhagen oder Wien näherliegt, erfahren, daß heute zu 80 % mit Sprühregen zu rechnen ist. Und was aus der Schweinezucht im neuen Bundesland Brandenburg werden soll. Diese inzwischen vermutlich wegen Ungeschicklichkeit gegenüber der zahlenden Westbevölkerung aus dem Programm genommene, viel zu frühe, zu aufgeregte Hauptstadt-Präpotenz hat mich – traditioneller Berlin-Gegner der 80er – bewogen, gestern abend um 23 Uhr in Köln in diesen Schlafwagen zu steigen.

    2. Akt, 3. Szene

    Nur für Berliner bietet das Kabelfernsehen allerdings den weltweiten Nachrichtenkanal CNN an, den notorischen Hauptnutznießer des Golfkrieges und anderer brandneuer Verhältnisse. Er paßt gut ins Bild. Daneben liegen lustige türkische Kanäle, AFN und vor allem diverse Sonder- und offene Kanäle, auf denen rund um die Uhr Partnervermittlung zu sehen ist. Die patientengeschulte Frauenstimme fragt aus dem Off die sich auf dem Pfauenthron anbietende Gaby: „Wie würdest du deinen Wunschpartner charakterisieren?“ – „Ja, treu soll er sein.“ – „Und?“ – „Ehrlich.“ – „Und wie würdest du dich selbst beschreiben?“ – „Ja, zuallererst treu.“ — „Und?“ – „Ehrlich.“

    3. Akt, 1. Szene

    „Das Wichtigste ist, daß du ihn nicht überlastest, bloß nicht überlasten, nie zuviel einschütten.“ Am Ostbahnhof hat die Schicht der Ausbesserungsarbeiter begonnen. Die 20er Jahre, auf die Berlin angeblich so stolz ist und die es nicht müde wird, in unzähligen Hommages an ehemalige, im Dienst am Schrillen ergraute Nackttänzerinnen von Rosa von Praunheim nostalgisch wiederbeleben zu lassen, sollen gnadenlos vernichtet werden. Zum Glück darf man die Zementmischer aber nicht überlasten, also wird es damit noch eine Weile dauern.

    3. Akt, 2. Szene

    „Marxisten für Rätedemokratie!“ Ein beeindruckender, schiefer Zettel, der da unbeachtet an einem Konsum-Laden klebt. Er erinnert an ein vergessenes, circa 1972 endgültig aus jeder Diskussion verschwundenes Programm: Die Menschen sollen sich selbst vertreten, nichts anderes darf sie vertreten. Nur im Osten ist also die Befreiung des Menschen von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen noch denkbar, nein mehr: Sie verträgt sogar noch den Namen einer fast pragmatischen, organisatorischen Forderung, die dem Pragmatismus und Eingeschüchtertsein der westdeutschen Linken schon so entfallen ist, daß sie sich nicht mal mehr daran erinnern, sie vergessen oder abgeschrieben zu haben. „Die Rolle des Genossen Trotzki bei der Oktoberrevolution“ heißt eine andere Veranstaltung, die direkt an den armen, bräunlichen Außenmauern des Berliner Hauptbahnhofs angekündigt wird.

    3. Akt, 3. Szene

    Ferenczi verglich die Unzulänglichkeiten des Orgasmus mit denen der parlamentarischen Demokratie. Ein Vertreter vertritt den ganzen Körper, sich mit einem Vertreter des Gegenübers austauschend, auf Gesandtenebene. (In Berlin-Romanen heißen Diplomaten immer Gesandte, bei „Tim und Struppi“, deren Welt der Balkankönige und Bananenrepubliken wiederherzustellen die gegenwärtige Restauration besonders auffällig bemüht ist, sowieso.)

    Kippenberger, der, von Berlin aus, mit der Ausstellung „Elend“ 1979 die seinerzeit neue deutsche Kunst der 80er losgetreten hat und zur selben Zeit als erster Lydia Lunch in seinen Club „SO36“ in Kreuzberg geladen hat und damit den New Yorker Berlin-Fanatismus anzündete, der sich wenig später in „The German Issue“ der von Sylvère Lotringer herausgegebenen Zeitschrift Semiotext(e) austoben sollte, während im wirklichen Westdeutschland weitaus interessantere Dinge zu beobachten waren, dieser heute bekannte Künstler Kippenberger sagte neulich, er fühle sich nicht als Künstler, sondern als Vertreter. Berlin soll Deutschland vertreten, aber kann es sich selbst vertreten, außer mal eben die Beine? Soll es vielleicht gerade deswegen den großen Anderen (Deutschland) vertreten und darf sich selbst nicht vertreten?

    II. Helden, für immer und immer

    1. Akt, 1. Szene

    Eigentlich gibt es zwischen Ost- und West-Berlin keine Unterschiede. In beiden Stadthälften wohnt der Berliner, beide sind von und für Berliner erbaut worden. In beiden Städten sind die Straßen so breit, daß der einzelne Erwachsene sich mehr als dreimal langlegen müßte, um das Trottoir in seiner Breite zu bedecken, wird Sorge getragen, daß man sich nicht anrempelt oder gar begegnet. In beiden Städten steht autoritäre Architektur rum. In beiden Städten sind kühne Kahlschläge von Verkehrsadern durch das einstige Dickicht der Städte geschlagen worden. In beiden Städten spukt das Gespenst der Autorität und des Autoritären. In beiden Städten leben autoritäre Persönlichkeiten, regelt reale, lebendige Autorität das wirkliche Leben. In beiden Städten hat man sich in jahrhundertelanger Preußenzeit dagegen eine sogenannte Aufmüpfigkeit ausgedacht, einen rührenden, regredierten kleinen Humor, der es erlaubt, kleine, als Souveränität empfundene Reservate im Bieberkopf auszubilden, sogenanntes Über-sich-lachen-Können und eine „kesse“ Frechdachsigkeit, damit die „Würde“, von der die überall sich ausbreitende, entfaltende, sich reckende und streckende Autorität spricht, nicht zuviel Schaden nehme. Betonung auf „Müpf“: „Sie ham mer ja nüscht zu sagen, Sie!“ – „Wat soll ick denn machen?“

    1. Akt, 2. Szene

    Die Aufmüpfigkeit ist redselig, macht immer zu viele Worte, damit nicht eines ernst oder verbindlich klinge, daß Kommunikation gar nicht erst aufkommt (bei der ein souveräner Mensch einem anderen furchtlos Einblicke gewährt, wo man „Schwäche zeigen kann, ohne Stärke zu provozieren“, ähem!). Der Berliner quatscht sich von Anekdote zu Anekdote durchs Leben, frei von der Leber weg, mit Kartoffelpüree und Apfelmus. Er ist der ewige verdächtige Kleinkriminelle, der sich mit seiner Schnauze aus der Scheiße schwadroniert. Verhört von dem ewigen Kommissar Lohmann. Und reitet sich dabei natürlich immer weiter in die Scheiße.

    1. Akt, 3. Szene

    Ich dagegen genieße es natürlich, über 10 Meter breite Trottoirs durch die Nacht zu stiefeln. 20 Minuten zu brauchen, um in einer normalen Wohnstraße von Nummer 1 bis Nummer 72 zu kommen. Genieße es, daß mir anderswo bemäntelte oder und durch subtilere Macht-Verhältnisse ersetzte alte Autorität überall furchterregende Schatten ins Blickfeld wirft, mich mit schneidender Kälte und brutalen Blockwart- und Skinhead-Visagen dazu drängt, mich nach Verbündeten, meinesgleichen, umzusehen. (Die Voraussetzung für die berühmte Berliner Subkultur, all die Jahre: Ohne Berlin wäre die Studentenrevolte niemals eine antiautoritäre geworden, so dafür Sorge tragend, daß auch die längst viel versteckteren, sublimierteren Herrschaftsformen im Westen als autoritäre demaskiert werden konnten.) Ich finde es abenteuerlich, ich bin ja auch Tourist und nehme das wahr, was West-Touristen, Provinz-Jugendliche und New Yorker seit Jahren in atemloses Staunen versetzt: Die South Bronx und das Bukarest der Preußen. Die Nacht ist jung und vielversprechend, die Räume, die ich frierend abschreite, sind immens, die abweisenden Urstromtäler von Straßen genialer als jede Trümmerzone der ebenso viel und falsch rezipierten South Bronx. Alle 7 Minuten begegnet mir der frierende Türke mit seiner Plastiktüte, Ali Bieberköpf, alle 10 Minuten eine Würstchenbude, hinter deren Tresen ein anderer Türke sitzt und an mir vorbei in die riesige Nacht starrt. Absolut keine Ahnung, an was er denken könnte. Absolut keine Ahnung, was diese Berliner empfinden, die sich immer durch diese Straßen schleppen und in deren Kopf ihre „Schnauze“ sitzt und müpfige pointenreiche Beschwerden und Anekdoten komponiert. Denn keen Mensch hat sie je vertreten. Nicht einmal Hertha BSC.

    2. Akt, 1. Szene

    Seit Jahren vertritt Berlin stattdessen eine nostalgische, jene nur zu gern von noch jedem Establishment eingeräumte und vom Ministerium fürs Pittoreske finanzierte Nische des Schrillen besetzende Klein-Kunst-, Freak- und Außenseiter-Folklore. Ihr Berlin hat so wenig mit dem wirklichen, nicht bearbeiteten, nicht ausgesprochenen Berlin und seinen großen Nächten zu tun, nichts mit dem wirklichen Abenteuer seiner zugigen, leeren und dennoch von ungelesenen Spuren übersäten Aufgeräumtheit, so wenig wie „Lambada“ mit Favelas oder „Bandolero“ mit Gitano-Siedlungen um Madrid. Aber die innere, vor allem aber die äußere offizielle wie inoffizielle Berlin-Repräsentation, Berlin-Werbung, Berlin-Selbstdarstellung hat immer wieder dafür gesorgt, daß bei dem ersten kalten, fahlen Gefühl in der großen Berliner Nacht diese Verniedlichungen sich als Namen für das Gefühl im Gemüt des Touristen einstellen. Wie der Müpf im Kopf des verzweifelten Bieberkopf.

    2. Akt, 2. Szene

    Warum aber will jeder Tourist genau das von Berlin, warum will er Weimarland, Borussiapark, Off-Off-Schrillshow, warum kämpft er nicht – wie auch ich jetzt wieder mit zuwenig Engagement – um die ernste, andere, kalte Wahrheit und das mit ihr beginnende Abenteuer, das hier ungeschützt auf der Straße liegt? denke ich, während ich irgendwo im Osten im „Egon-Erwin-Kisch-Café“ („Kommunistischer Journalist – ‚der rasende Reporter‘“, informiert eine Tafel) sitze und ein belegtes Brötchen mit Käse und Salat frühstücke. Ich war gerade der Spur eines rechtsradikalen Parolenschreibers mit violettem Edding gefolgt. Erst hatte er über einen Marx geschrieben: „Rasier dich erst mal, rote Sau!“, ein paar Straßen weiter auf „Wolf Biermann soll deutscher Präsident werden“, inzwischen zusehends besoffener und krakelig „Wolf Biermann“ durchgestrichen und „Franz Schönhuber“ eingesetzt, schließlich, kurz vorm Abwinken, auf das Plakat einer antifaschistischen Theateraufführung: „Hört doch endlich mit der Hitler-Scheiße auf!“

    2. Akt, 3. Szene

    Und natürlich hat „Lambada“ mit Favelas zu tun, sonst könnten wir gar nicht wissen, daß es so wenig damit zu tun hat. In dem Maße, in dem wir einen Rest „Favela“ in „Lambada“, mit unseren anderen (musikalischen) Informationen über „Favela“ abgleichend, vorfinden, können wir entscheiden, daß der andere Teil „Nichtfavela“ ist. Wir haben aber keine anderen musikalisch, sprachlich oder sonstwie notierten Infos über Berlin. Die können wir hier nur heute morgen sehen und riechen. Hören nicht, hören können wir ja nur das aufmüpfige, ängstliche Geschwätz.

    3. Akt, 1. Szene

    Der Drang zur Bühne beherrscht Berlin. An unsichtbaren Fäden zieht der Schnürboden der Vergangenheit noch immer auch die besten Berliner, Heiner Müller und Blixa Bargeld etwa, auf die Bühne. Die schlimmsten machen derweil unermüdlich und seit Jahrzehnten ihre Off-Off-Off-Modenschau, wo seit 10 Jahren Bundespost-Säcke mit ausgeschnittenen Löchern als Abendgarderobe dem treulich berichtenden Aspekte-Mann freudiger Anlaß sind, einmal mehr das Loblied auf „Unangepaßtheit und Kreativität“ zu singen. (In der dunklen Nacht da draußen räumten zur selben Zeit vom rot-grünen Senat beauftragte Beamte drei besetzte Häuser. Wahlkampf. Auch die Alternativen wollen Sitze im preußischen Landtag. Und wie immer, wenn man den Alternativen anschließend die Quittung präsentieren will, übernimmt Diepgen.) Natürlich liegen auf alten Bühnenbrettern alle Probleme Berlins schon gelöst und beschrieben irgendwo herum. Verständlich, daß alle noch immer diese Bretter suchen. Aber währenddessen ist da draußen auch in Berlin ein wirkliches, anderes 1990, um das sich keiner kümmert. Und jetzt ist 1991.

    3. Akt, 2. Szene

    31. 10.1924. Ich entdecke Brecht lesend in der U-Bahn, die zum Zoo fährt. Von dort begleite ich ihn in seine Atelierwohnung und erwähnte, während er sich mit einer seiner Stinkadores einqualmte, die Fehlingsche Auffassung des Kent in (Brechts) „Eduard“. Währenddessen fixierten seine dunklen, punktförmigen Vogelaugen eine Bleistiftspitze und ironisch abschließend sagte er: „Grundfalsch. Das emotionelle Theater ist tot. Nur die drüben am Gendarmmarkt (wo sich das preußische Staatstheater befand – Anm. d. Verf.) wissen es anscheinend noch nicht. Außerdem: warum peitscht man sie ständig in eine krankhafte Ekstase, der Expressionismus ist doch passé.“ Er reichte mir über den Tisch eine angebrochene Schrippe, wie die Berliner sagen. „Sprechen Sie nochmals den Text und essen Sie dabei, das entkrampft. Trocken wie ein Heeresbericht muß dieser Verrat konstatiert werden.“ „Aber es soll doch tragisch wirken“, wagte ich, einzuwerfen. „Ich pfeif auf Tragik“, replizierte Brecht: „Tragisch ist allein der Vorgang. Und über den sollen sich die Leute Gedanken machen.“ Als er nun mit bannend krächzender Stimme diese Verratsszene vorspielte, ging mir eine Art neuer Seifensieder auf und riß mich zu erregt beipflichtenden Jajajas hin. „Emotionen sind Gefühlsdampf und vernebeln das Denken“, sagte Brecht. Und während er mir an der Tür Abschied nehmend die Hand gab, mahnte er: „Bleiben Sie ja bei der Stange. Und denken Sie an das Sprichwort: Tue Brecht und scheue niemand.“

    aus: Rudolf Fernau: Als Lied begann’s – Lebenstagebuch eines Schauspielers, erweiterte Taschenbuchausgabe, München 1975

    3. Akt, 3. Szene

    Die Schrill- und Müpf-Folklore aber hat ungehinderten Zugang zu allen Distributionskanälen deutscher Propaganda, das ist so und war so, im Westen wie im Osten, Front- oder Hauptstadt. Letztere brachte, als sie begann, „eigenständige“ (post-Brecht, post-Becher) Kultur zu entwickeln, dieselben Mythen hervor: Solo Sunny, Unsere Leichen leben noch, Nina Hagen, Harald Juhnke – alles dasselbe (Juhnke ist natürlich am besten: denn er lacht über das Lachen-über-sich-selbst): ewiges Preußen und ewiges Untertanentum, Lächeln mit bitterem Zug um die Mundwinkel, Uns geht’s ja noch gold, zwischen Staatsarchitektur, Staatskultur, Staatsstraßen und staatlich geförderter Kleinstrebellion öffnet sich die „Schnauze“ und gibt den architektonischen Besonderheiten freche Namen. Schmunzel, schmunzel. Wie nennen die Berliner nochmal die neue Philharmonie? Picklige Placenta? Neckische Nebenniere? Pissige Petunie?

    III. Schüsse peitschen die Nacht

    1. Akt, 1. Szene

    In den Buchhandlungen des Ostens, an der Humboldt-Uni, im Café am Rosa-Luxemburg-Platz, überall diese ernsten, in die Arbeit versunkenen Mädchen, die eifrigen, nach Innen gekehrten Jungs. Prachtvolle Deutsche. Sie entwickeln die anachronistischen Innenwelten, in denen noch staubige Liedermacher, evangelische Gedichte und vielleicht sogar Rätedemokratie Platz haben könnten. Ich bilde mir ein, daß sie sich von dem schlimmsten Trick, sich mit dem Unerträglichen abzufinden, befreit haben: dem Berliner Humor. Später sehe ich diesen Gesichtsausdruck auch im Westen. Auch hier gibt sich wohl niemand der vom Ministerium fürs Pittoreske lancierten Idee noch hin, unordentliches Herumstehen in unordentlichen Klammotten reize irgendeine Autorität bis aufs Blut. Andererseits wollen eben mittlerweile auch die westlichen – oft selbsternannten – Underdogs, die sprichwörtlichen, aus deutschen Kleinstädten entsprungenen, hungrigen Kleinbürgerkids, noch irgendwas mit echtem Straßenschmutz zu tun haben, wo es jetzt plötzlich zu viele echte Underdogs gibt: völlig unromantische Polen, Schadstoff-Zonis, arme Säue, deren Schmutz kein antibürgerlicher, bürgerlicher Putz ist.

    1. Akt, 2. Szene

    „Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden“, heißt es in Marxens 18ten Brumaire des Louis Napoleon Bonaparte. Wenn man dieses fundamentale Problem des ganzen Untertanentums erkennt, kann man auch „Rätedemokratie“ denken. Wie in Berlin nicht einmal die einfachsten Repräsentationen einer Stadtkultur funktionieren, kann man an den Katastrophen der Berliner Nachkriegsfußballgeschichte ebenso klar ablesen wie an der Unfähigkeit der Politiker, die eigene Korruptheit wenigstens noch über für Laien unverfängliche Eigennamen zu tarnen. In Bordell- und Bauskandale verwickelte Dunkelmänner heißen hier wirklich Schwanz mit Nachnamen. Man kann das für Ehrlichkeit halten. Ein Trainer, der Hertha trainierte, zur Zeit als man in diesem Verein den Bundesliga-Skandal erfand, und der später in den Verdacht geriet, seine Frau ermordet zu haben, hieß wirklich „Fifi“. Tasmania Berlin hält den Minus-Rekord aller Bundesliga-Mannschaften aller Spielzeiten. Hertha schließt diese Saison als zweitschlechteste Mannschaft aller Zeiten ab und ist so oft auf legale und illegale Weise unter aller Anstrengung aller Finstermänner und Axel-Springer-Verlage in die Bundesliga gehievt worden, aber steigt doch immer wieder ab. Der Weltgeist will keine Berliner in der Bundesliga.

    1. Akt, 3. Szene

    Als er an der U-Bahn „Potsdamer Platz“ anfing, völkische Zeitungen zu verkaufen, ging Bieberkopfs Niedergang los. 62 Jahre später gibt es unter diesem Platz wieder einen U-Bahnhof. Der Platz ist noch ein riesiger, leerer Sandhaufen und Todesstreifenspielplatz für finnische oder niedersächsische Schulklassen. Ein paar Meter weiter ist das Gelände des „Sportvereins für Gebrauchshunde“. Hier üben die alten Frontstadt-Blockwarte mit den Schäferhunden, die sie sonntagsmorgens, wie entsicherte Schießeisen am Gurt, an langer Leine über breite Bürgersteige Gassi führen.

    2. Akt, 1. Szene

    Diese Nacht ist ein Trip. Niemand hat mehr Humor, niemand biedert sich an, niemand scheint mehr an dem alten Problem zu leiden, den Berliner machen zu müssen. Und niemand erzählt einem mehr, daß das Leben in Berlin ein Tanz auf dem Vulkan sei. Wie könnte man auch, die Geschichte hat sich ja nun Verunsicherungen ausgedacht, die keine romantische Gefahrenmetapher in ihrer Schulweisheit sich je hätte träumen lassen. Von einem beeindruckenden Spaziergang durch, um und ins Gleisdreieck – Sandhaufen, Kipplaster, ein frierender Punk, ein Mädchen mit Theorie aus dem Merve-Verlag unterm Arm – lasse ich mich Richtung Kreuzberg treiben. In einem Café sitzt Michael Rutschky und redigiert ein Manuskript. Über Berlin, wie ich annehme. Vielleicht schreiben ja die Schriftsteller nun etwas, was den Einwohnern aus der Verhedderung in ihr eigenes Spiegelbild heraushilft. Obwohl ich bezweifle, daß die Schrift dafür stark genug ist.

    2. Akt, 2. Szene

    An meinem Nebentisch essen zwei Mädchen Joghurt und unterhalten sich über die beiden neuen Bücher des Oswald Wiener. Der hatte in den 70er Jahren, als die Berliner Kunstszene noch funktionierte – wie ich mal als Zuspätgeborener aus ihren Dokumenten schließend zu ihren Gunsten annehme und von trivialen Wilden, mit ihrer nur zu gut ins Berlin-Symptom passenden Nostalgie-Malerei der Elvira Bachs und Salomés noch nicht viel zu spüren war, als der Merve-Verlag ein neues Denken erstmals ins Deutsche übersetzte, Foucault im „Dschungel“ tanzte und Bowie sich den Satz „Schüsse peitschen die Nacht“ übersetzen ließ, mit dem „Exil“ und der „Paris Bar“ für einen legendären, mondänen Boheme-Treffpunkt gesorgt, die auch nach Wieners Umzug nach Kanada noch prima als Seismograph wenigstens des etablierten Berliner Kulturlebens funktionieren.

    Zwischenspiel

    Fahre ich also in die Kantstraße, um das Paris-Bar-Orakel zu befragen. Doch schon der flüchtige Blick von außen, auf den besten Platz im Lokal, den Fensterplatz, rechts von der Tür, gewahrte Fürchterliches. Der leibhaftige Syberberg fährt sich herrenmenschlich durchs Haupthaar, die weniger leibhaftige Edith Clever sitzt ihm gegenüber. Sollte dieser Geist jetzt Einzug gehalten haben in Berlin? Was macht ausgerechnet der Antisemit und Neo-Reaktionär Syberberg inmitten der entarteten jüdischen Unkultur, die in Gestalt von von Kippenberger gesammelten Bildern – kein Kiefer ist darunter – von der Wand der „Paris Bar“ in dichtester Salon-Hängung sein visionäres Blickfeld verstellt. Während ich so denke, wächst Leo Lukoschek neben mir, fast bis in Schulterhöhe, aus dem Boden und verlangt vom Oberkellner jovial nach einer Zigarre, fast so lang und kompakt wie er selbst. Syberberg und Clever sind inzwischen mit dem Verzehr fertig geworden. Daß solche Typen in der „Paris Bar“ überhaupt bedient werden, ein Ort, der mir für das Bessere in Berlin, neben Free Music Production, SO36, Kumpelnest, Risiko all die Jahre ein Name war. „Ach, der Syberberg“, meint einer, der hier früher gekellnert hat, „der sitzt doch immer nur am Katzentisch.“

    3. Akt

    Zurück zum nächtlichen Würstchengrill. Ein paar Türken schaffen ein paar Spielautomaten in einen Lastwagen. Reiche Deutsche entfalten Stadtpläne. Traurige Huren fixieren voller Verachtung ihre deutschnationalen Freier. Bieberkopf wirft die zuckende Zerkleinerungsmaschine an. Koksgräfinnen tippeln nervös vorbei, und in der Ferne kreischt die Elektrische. Bild und Wirklichkeit von Berlin halten – parasitär aneinandergebunden – Atavismen am Leben. Namenloses neues Leben darunter, darüber, dahinter. Auf dem Papier verhält sich Berlin zur Zukunft Europas wie Bagdad zur Zukunft der Welt. Spezialisiert für Wiege und Totenbett diverser Zivilisationen. Aber auf Papier stehen immer nur tote Buchstaben, ihre große Zahl in Bezug auf Berlin blockiert den Zugang zu der unermeßlichen Leere, wo die wirklichen Berliner wirklich leben und durch die hindurchgeht der Wind.

    Nachspiel in Bonn

    Wir „fanden uns selbst“ in der Differenz, die sich auftat, wenn wir versuchten, Engländer oder Amerikaner zu sein: unser „Eigenes“ war nie deutsch, sondern unvollkommen amerikanisch (oder englisch, französisch, spanisch). Wir wissen mehr über amerikanische als über deutsche Geschichte – und mehr über schwarze Amerikaner als über deutsche Juden. Der nicht-ganz-amerikanische Bundesrepublikaner ist der einzige uns akzeptable Landsmann; der Fußgänger-Zonen-Freizeit-Trottel uns trotz aller Flirts mit seiner (gewaltsamen) Vernichtung immer noch und unendlich viel näher (und lieber) als jeder DEUTSCHE. Aber der ist eh schon lange tot, seine Rekonstruktion und seine Hauptstadt werden künstlicher sein als es die BRD je war: ungeschminkt sozialstaatgewordene Durchgangsstation internationaler Geldströme und Technologie-Konkurrenz, die sich (wenigstens symbolisch) noch bekämpfen ließ. Der rekonstruierte Deutsche wird von seiner Konstruiertheit nichts wissen, keine Differenz mehr wahrnehmen. In Berlin ist jetzt schwer was los: Tekkno – einst als Techno eine schwarze Musik, aus der alles Schwarze entfernt wurde – ist die erste, junge, neue, postmodern deutsche, „eigenständige“ Popmusik. Sehr underground, sehr hart, sehr eigen-ständig.