Autor: admin

  • 11. August 1956

    „They say that art killed Pollock / as if that could be / in fact he missed a bend / and drove his Ford into a tree.“

    The Red Crayola With Art & Language

    „When I heard this car barrel-assing down the road, I said: ‚That fool isn’t going to make the curve.‘“

    Unfallzeuge, Lastwagenfahrer

    „Jackson was very important, but – how do I say it? He did a lot, but he didn’t do enough; he didn’t live long enough, Jackson.“

    Willem de Kooning, Maler, über 80

    Auf den Tag 30 Jahre bevor ich dies schreibe, vollendete sich die amerikanische Nachkriegskunstlegende, Jackson Pollock, der erste modern-massenmedial-durchmythisierte Künstler, „Jack the Dripper“, der James Dean der Kunst, ganz im Sinne der Erfinder solcher Legenden von „selbst-destruktiven Künstlern“, mit einem, den behaupteten notwendigen individualistischen Wahnsinn der Kunst angeblich beweisenden, auf die härteste denkbare Weise als Kunstdetail ins Leben eingreifenden, nämlich es beendenden Unfalltod.

    Mit Pollock beginnt die Geschichte der Kunst, wie wir sie kennen. Der erfolgreichste Maler ist der, der stumpf, versoffen und viehisch genug ist, sich den Sinnstiftern willenlos (heutzutage: verschmitzt und pfiffig) auszuliefern. Pollock, einst ein mittlerer Picasso-Epigone, ist im Prinzip eine Erfindung des Theoretikers Clement Greenberg und der notorischen Peggy (Guggenheim) und der Selbstfindung des amerikanischen Kunstmarktes als Messe selbsternannter, sogenannter eruptiver, sogenannter selbstdestruktiver Gewalt (wie sie nunmal das Herz des Bourgeois erfreut, wenn er die Gelegenheit bekommt, sich so viel mehr und dazu noch ritualisiert Bedrohliches kaufen zu können als ein einfaches Bild). „Jackson Pollock was the artist of the Marshall plan / He began to break ice for artists when the cold war began“ (Red Crayola / Art & Language) Pollocks so gut verwertbare Erfindung war die überaus offensichtliche Umsetzung seines viehisch-rauflustigen-versoffenen Charakters in eine künstlerische Methode, das sogenannte Action Painting. Das Gute (mithin Schöne) daran war, daß man es sehen konnte als – mal wieder (damals noch nicht so oft vorgekommen) – einen Versuch, der Kunst ein Ende zu bereiten (woran Pollock schön exemplarisch gescheitert ist: die Kunst überlebte, sogar seine, als ganz besonders fiese Erbauungsscheiße, er nicht, auch seine Absichten kaum). Was man auch sehen konnte, und was als Lerneffekt bleibt, gerade in der Pop-Musik täglich aufs neue beweisbar, ist, daß ein stumpfes, seine Frau verprügelndes Arschloch, das eine Masche gefunden hat (meinetwegen: gute Idee gehabt), aus so einer Masche, hartnäckig und versoffen, mehr macht als ein fauler Intellektueller. Man kann Pollock-Bilder noch immer mit Gewinn betrachten, man kann sie hören, wie den Jazz, den der Künstler, glaubt man seinem Mythos, bei der Arbeit gehört hat. In Wahrheit war es nur Dixieland. Pollock glaubte allen Ernstes an C.G. Jung (wie alle schlechten amerikanischen Künstler und Rock-Musiker), aber eine gewisse stumpfsinnige, renitente Hartnäckigkeit kann aus den schwächsten Gedanken unter Umständen gute Kunst machen.

    Man kann alles über den in Wirklichkeit Elvis der Kunst auf die unterhaltsamste Art studieren in Jeffrey Potters Buch To A Violent Grave. Ein Werk aus dem neuerdings in Amerika sehr populären Genre „Oral Biography“, das also, wie z. B. auch das Buch über Edie Sedgwick von George Plimpton und Jean Stein, ausschließlich aus Äußerungen und Statements von Zeitgenossen besteht (so daß man sehr viel mehr erfährt über die Epoche, oft aus den Worten ihrer Größten, als über den armen Teufel, den allerdings der Verfasser in seinen Vorreden und verbindenden Texten rückhaltlos verehrt). Ich habe DM 56,80 dafür bezahlt, und immer, wenn ich das für ein Buch ausgebe (Obergrenze), habe ich auch was davon: Pollock trat in mein Leben, als für das Cover von Ornette Colemans legendäre Free Jazz-LP sein Gemälde „White Light“ verwendet wurde. Tatsächlich war er in der Malerei der Free Jazz (nur ohne dessen Feinheiten wie bei Coleman), aber er blieb auch bis heute der gräßliche Mythos (von Unterbewußtsein, Tiefe, Wahnsinn und Intensität), gegen den es sich lohnte, Warhol zu werden, aber dann wiederum wird er, so wie andere eher schwache US-Schriftsteller der 50er Jahre, noch heute junge Leute dazu bringen, das Elternhaus zu verlassen, noch lange ein schönes Beispiel für Abschaffungs- und Vernichtungstechniken bleiben (wovon es heute zu wenige gibt).

    Jeffrey Potter: To A Violent Grave, Putnam, New York 1985

  • Das Leben, ein Paradies

    Oh, die überaus eigenartige Welt des Alan Rudolphi! Was vielleicht früher seinem sogenannten Lehrer Altman ähnlich sah, hatte, wie man heute weiß, nie mit diesem zu tun: was bei Altman poetisch um des Poetischen willen aussah (und so nichts sagte), ist bei ihm notwendig poetisch (weil bestimmte Wahrheiten, so extrem formuliert, daß sie unanpinkelbar bleiben, notwendig poetische Gestalt annehmen). Was bei Altman kritisch-aufklärend um des Zeitgeschmacks willen war, um einer gewissen, politisch-moralischen Aufgescheuchtheit der besseren Kreise unter US-amerikanischen Kinogängern zu schmeicheln – wie sie in den frühen 70ern virulent war –, wird bei Rudolph kritisch-aufklärend, weil sein komischer fassbinderesker Blick eben genau solche Erkenntnisse aus der Welt herausbaggert.

    Nun habe ich es ja gesagt: fassbinderesk, obwohl ich von dem Film Trouble In Mind rede, seit ein paar Wochen in den Kinos, und mit Keith Carradine, Kris Kristofferson und Divine besetzt, natürlich auch, wie alle Rudolph-Filme mit Geneviève Bujold, hier als eine Art Marthe Schwerdtlein, wenn es stimmt, was sich mir aufdrängt, daß der Film eine Faust-Verfilmung ist, mit Kris Kristofferson als Goethe, Divine als Mephisto und Carradine als Faust. Die blonde Lori Singer wäre Gretchen, aber Schluß jetzt. Jedenfalls ist dies Thema nur frei, wenn auch nicht zügellos bearbeitet worden.

    Am Anfang sagt Keith Carradine zu seiner unschuldig-verliebten, aber nörgelnden blonden Frau Lori, die in die Stadt will, weil es im Umfeld des Wohnwagen-Camps, wo sie hausen, keine Arbeit gibt, die Stadt (DIE STADT) sei Scheiße, nur Schwierigkeiten. Dann gehen sie in die Stadt, Carradine rasiert sich zack und zong und völlig unmotiviert den Bart ab, schließt sich mit einem intellektuellen Schwarzen (Sartre-Zitate, Nickelbrille, Typ: Junior) zu einer Gangsterbande zusammen und läßt sich zu Aladdin Sane umstylen (um, wie der Zuschauer ganz zurecht denkt, seine anfängliche Einlassung über die Stadt ruhig etwas zu drastisch zu untermauern). Die Stadt heißt übrigens „Rain City“ wird von ominösen Hafenanlagen, ominösen Demonstranten (ganz Fassbinder in Lola) und ominösen grauen post-industriell-verwitterten, sogenannten menschenfeindlichen, aber natürlich romantischen Mauern geprägt. Kris Kristofferson, ein ungerechtfertigterweise ehemals langjährig einsitzender Ex-Bulle, baut in seinem Zimmer die Stadt als Modellstadt nach, was wie eine dumme symbolisch-psychologische Idee von Wenders klingt, hier aber nicht von Wenders, sondern von Rudolph ist und somit wieder so eine drastisch untermauernde Idee ist (und darum gut). Mafioso Divine (ohne Fummel) sammelt Kunst, wie schon immer in allen Rudolph-Filmen bilden bunteste Sammelsuria schlechtester Kunstwerke, sozusagen Kunst-Parodien, den Hintergrund der Sinnstifterwohnungen (Mafiosi eben, Radio-Moderatoren, Radio-Stationen).

    Aber auch die als real behauptete Welt seiner Studio-Städte ist ja eine Welt-Parodie von bittersüßer Brisanz, lädt zu vielschichtigen Interpretationen und Gefühlen ein, und meint, auf drastische Art, immer nur das Einfachste bzw. das Naheliegendste.

    Sicher ist an diesem Film alles auf das Fieseste OVER THE TOP und auf das Fiestes HILARIOUS. Jedenfalls fast. Wer im Kino immer noch die Lakonie sucht, die das große alte amerikanische Kino ausmachte, wird kreischen (weil ihm diese Filme Hämorrhoiden machen werden), aber wer will sich die rekonstruierte Post-Lakonie der Wenderse noch bieten lassen. Walter Hill ist gut, und die sympathischen Lakoniker überleben zwar in seinen Filmen, gehen aber regelmäßig vor die Hunde. Alan Rudolph ist gut, weil bei ihm die Lakoniker als einzige nicht erschossen werden, beim überdrehten Massengeschieße in der Divine-Wohnung. Carradine schlendert stoisch zwischen den pfeifenden Kugeln. Denn die Lakoniker leisten sich den Trotz, nicht an die Realität der Studio-Sozialkitsch-Rain-City-Welt zu glauben, was sie wiederum überleben läßt, aber verlieren, untergehen.

    Dieser Stilstil als Mittel, ausgerechnet, für Thesenfilme, scheint mir, mein voller Ernst, die einzige vernünftige Perspektive des US-Films (siehe auch Die Zeit nach Mitternacht und die Tatsache, daß die alten Männer alle schon gestorben sind, außer Clint Eastwood). Das Tolle ist nämlich, was die wenigsten wissen: Theater und Kulissen sind wieder erlaubt im Kino, ja geradezu gefordert (gegen den Terror der schönen Bilder und der ausgezeichnet-epigonalen Kameraleute) und außerdem ist dieser Film Calderón de la Barcas Antwort auf Lubitschs Superfilm (Trouble In Paradise), der keinen echten Trouble, aber dafür echtes Paradies zeigt. Dies ist echter Trouble, aber nicht im Geist, sondern im Traum, halluziniert: Der Trouble ein Traum (ein Plädoyer für die Realität des klaren Gedankens).

  • Swoon – Mein liebstes Fanzine

    Bin ja normalerweise für Fanzines nicht zuständig, aber dies war echt klasse. Es kommt aus dem Koblenzer Raum – wo offensichtlich privatissime eine Menge los ist, so darf offensichtlich jeder bei einem gewissen Alex rumhängen und South-Dakota-Cowpunk-Sampler hören – und hat den Vorteil, daß man der von journalistischer Brillanz perlenden „Feten-Reviews“-Rubrik, die sich wohl recht vollständig der größten Sausen zwischen Marienfels, St. Goarshausen, Ehrenbreitstein und Koblenz annimmt, immer entnehmen kann, wie der Autor der seriösen Kurzgeschichte, des einfühlsamen Konzertreviews oder der besorgten pop-theoretischen Grundsatzfragen, letztes Wochenende beim Pfänderspiel oder bei der Leninismus-Diskussion in „Christophs Mini-50ies-shrink-to-fit-Wohnung“ ausgesehen hat („alkoholisiert“). Adresse: swoon, c/o O.P. Eith, Dolkstr. 21, 5422 St. Goarshausen. Gelegentlich wird es wieder eine Fanzine-Kolumne geben, obwohl im Moment vorwiegend höhere Nummern bereits eingeführter Titel eingehen (Glitterhouse u. ä.).

  • Weather Prophets – Typen aus Samt und Seide

    Ich erinnere mich. Ja, ich muß mich wieder erinnern. Es war Anfang der 70er, als ein Zeit-Autor von den ernsthaften, klugen, jungen Ex-LedZep-Fans erzählte, die heute (damals) nur noch ganz frühen Folk-Blues hören würden: Robert Johnson, Son House oder Lightnin’ Hopkins. Ich erinnere mich an diese Typen, es gab sie wirklich und ich war kurz einer von ihnen: schwarze Samtjacken, weißes Oberhemd, Breitcord-Hose. Bürgerlich-schöne Seelen, unentschieden bei der existenzphilosophischen Wahl zwischen Glam-Rock und Free Jazz.

    Peter Astor ist einer von ihnen, seine Band, The Weather Prophets, eine kühle, saubere, britische Blues-Band, elegant, manchmal entfernt an Peter Green in der ganz frühen Fleetwood Mac erinnernd, wenn auch nie so exzessiv begabt wie dieser etwa bei seinem „The Supernatural“ als Mitglied von John Mayalls Bluesbreakers. Astor lacht amüsiert, als ich ihm sage, daß mich sein Gesang bei seinem Robert-Johnson-Cover „Stones In My Passway“ an Al Wilson von Canned Heat erinnert, und wendet ein, kein dicker Mann zu sein. Nein, nicht der dicke, das war Bob Hite, Al Wilson, „Blind Owl“, der Schüchterne, der Selbstmord begangen hat. Ach so ja, er kenne sowieso nur „Goin’ Up The Country“. Er bevorzugt eben den originalen Stoff, auch wenn er jeden Purismus von sich weist, als ehemaliger Rockjournalist natürlich auf die obligatorische „large variety“ von Musik verweist, die er hört. Ja und natürlich ist da noch die andere Musik, die eine schöne, schnöselige (aber nicht eingebildet-schnöselig, eher aus Mißtrauen gegen das Unreine schnöselig) Seele lieben muß: NY ’76. Television ist ihm das Schönste, und Richard Hells wirklich sehr schönes „Time“ hat er mit seiner letzten Band The Loft – die waren noch etwas wilder, unsauberer, durcheinanderer und verwechselbarer – gecovert, Lenny Kaye produziert die nächste Single: Alles wunderbar klar und ungefährlich.

    Die aktuelle Single „Almost Prayed“ – hier läuft die Band zur wildesten Form ihres Lebens auf, fast schon schnell – ist hundertpro auf Cales Steife-Finger-Piano-Begleitung von „I’m Waiting For The Man“ aufgebaut. Ich habe nichts gegen diese Samttypen, nur eines Tages wird es an ihrer Tür klingeln und ein Sack „Comin’ Your Way“-Singles von Fleetwood Mac wird sie angrinsen und sie auffordern, sich nicht weiter so unverschämt wohlzufühlen in anderer Leute Elend (wo sie doch ein eigenes haben). Man kann es übertreiben mit der Eleganz: Blues als Idealismus? So war das nicht gedacht. Nun, Astor ist eine Persönlichkeit im Aufbau. Er sieht gut aus, eher nach Oxford-Drop-Out als nach on-the-dole, wo er sich einordnet. In ein paar Jahren könnte er gut die Musik für Wim-Wenders-Revival-Filme (finanziert vom British Film Institute, gedreht in ausgestorbenen Industrielandschaften in Manchester) schreiben und in Nebenrollen die Zuneigung intelligenter, aber zweifelnder 19-Jähriger einfahren. Vorausgesetzt er bleibt sauber.