Bernard Edwards 1953–1996

„Good Times“. Der bekannteste Baßlauf aller Zeiten. Möglicherweise ein Baßlauf, der nicht nur bekannt ist, sondern Beginn und Ende aller möglichen Produktionsweisen von Musik markiert. Wie dem auch immer sei: Sein Urheber – auch wenn Autorschaft im Nachhinein gerade durch die Verwender und Erben dieses Baßlaufs ein Problem wurde – ist tot. Bernard Edwards starb völlig überraschend 43-jährig in einem Hotelzimmer in Tokyo.

Gerne wird auch heute noch in meinen Kreisen das Schelling-Bonmot kolportiert, demzufolge es sich bei Musik um verflüssigte Architektur, bei Architektur um gefrorene Musik handele. Wenn Chic, deren eine Hälfte Edwards war, daran etwas geändert haben, dann indem sie die verflüssigte Form wie Architektur, wie etwas Bewohnbares, Benutzbares, Statisches behandelten. Damit haben sie die heute natürlich weitaus radikaler vorgehende Dancefloor- und Ambient-Ästhetik gegen Narrativität, Sprachähnlichkeit und Inhaltlichkeit in die avancierte Pop-Musik eingeführt.

Übelmeinende Zeitgenossen hielten Chic-Platten seinerzeit für angepaßte und Lifestyle-Musik; wohlwollendere Menschen verstanden sie als transgressive Hedonisten und Auflöser von macho-subjektivistischer Sinn-Musik. Heute muß man wohl vor allem betonen, daß es ihnen gelungen ist, Musik über Repetition, Klangfarben, „Sound-Design“ funktionsfähig, als transsubjektiv und struktural zu etablieren.

Dabei gibt es konkrete Wirkungen und Zeugen an ihrem Wegesrand natürlich auch: Als sie die ersten beiden Chic-Alben sowie Sister Sledges „We Are Family“ mit der bis dato erhabensten, offensten, Himmel und Horizonte aufreißenden Tanzmusik vorstellten (Chic die eigene Band, Sister Sledge die „fremde“ Gruppe, die mit Kompositionen und Produktion versorgt wurde), war das gleichzeitig die Geburtsstunde des Markenbewußtseins: Zu „He’s The Greatest Dancer“ schrien Popper, aber auch Transen, Proto-Voguer aus einer Kehle: „Fiorucci!“

Mit der dritten LP Good Times und ihrem Titelsong kam der bekannteste Baßlauf aller Zeiten auf die Welt. Überhaupt – ein Baßlauf, der als solcher Prominenz erreicht! Es brauchte ein weiteres Jahrzehnt, bis das in der fragmentierten Sample-Welt von heute, wo Millionen gelernt haben, in Takten, Figuren, Morphemen und anderen kleineren und oft auch nichtsprachähnlichen Einheiten zu denken, gang und gäbe wurde.

Der Baßlauf am Grunde von „Good Times“ fand zunächst Verwendung im ersten Rap-Hit aller Zeiten, „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang, im ersten auf Schallplatte festgehaltenen „Megamix“, in Grandmaster Flashs „The Adventures Of Grandmaster Flash On The Wheels Of Steel“ und wurde schließlich auch von Queen für „Another One Bites The Dust“ leicht abgewandelt geklaut.

Zehn Jahre später saß ich mal mit einigen Leuten für ein Kunstprojekt in einem Studio. Wir sampelten, spaßeshalber, dieses Vorbild aller Samples und bauten ein Stück drumherum, wobei wir den freistehenden Baßlauf natürlich aus dem Intro entnommen hatten. Dann ging das Sample verloren, und wir holten uns denselben Baßlauf aus einem freistehenden Teil im hinteren Teil des Stücks (aus lässiger Rückspul-Faulheit), schon davon ausgehend, daß der unmöglich in unser schon fertiges Arrangement passen würde. Jedoch: Der Lauf war auf die Nanosekunde gleich lang. Das muß man sich vorstellen – acht Minuten später spiele ich einen komplexen Baßlauf auf die Nanosekunde gleich schnell.

Das widersprach jedem Unzulänglichkeitsideal von Musikern, obwohl es doch eigentlich nur bewies, daß ein Mensch eben präziser wird als eine Maschine, wenn ein Mensch die innere und äußere Freiheit besitzt, besonders abstrakt und relaxt zu grooven. Tatsächlich sah Edwards immer ziemlich glücklich aus, bei der Ausführung seiner sehr perfekten Musik. Ein Höhepunkt war wohl die Produktion und Komposition der Diana-Ross-LP Diana mit dem Hit „Upside Down“ und den Zeilen „upside down you turnin me, you’re doing that distinctively“. Wohl wahr. Very distinctively.

Projekte seines Kumpels Nile Rodgers nahmen während der Achtziger zu, von ihm hörte man weniger, obwohl er solo nach meinem Dafürhalten besser war. Beide erreichten den Standard der ersten vier Chic, der Sister Sledge und der Diana nie wieder. Auch nicht mit Bowie, Debbie Harry, diversen Reunions und anderen Projekten. Sie verloren nicht ihre Entspanntheit und ihre Eleganz, aber sie hatten irgendwann aufgehört die „Chic Organization“ zu sein, sowas wie das Bauhaus, die Ulmer Gestaltung oder Bang & Olufsen, ein wider alle Logik und wider besseres Wissen funktionierender Funktionalismus, eine nichtrepressive Subjektüberwindung, eine Plattenbausiedlung oder Trabantenstadt von Gucci und Fiorucci. These were the Good Times.