Das Ende vom Anfang

Heute feiert Madonna ihren 50. Geburtstag – eine Erinnerung an eine Begegnung im Jahr 1982

Ich wollte im Sommer 1982 unbedingt nach New York und musste mir irgendeinen Anlass ausdenken, der die Reise finanzieren würde. Es war dann ein Konzert von PiL, der semisensationellen Band von Johnny Rotten, über das ich eine Titelgeschichte für das Musikmagazin Sounds schrieb. Das Konzert war im Roseland, einem riesigen altmodischen Tanzlokal im Theater District. Ich brauchte Minuten, um herauszufinden, wo vorne war, also die Bühne. Das Publikum: viele Krähennester in schwarz und weiß (die Urformen späterer Gothic-Hairstyles), dünne junge Männer auf Heroin-Diät. Bei uns in Hamburg war das alles schon ein bisschen vorbei, aber die New Yorker Musik, auf die wir standen – Kid Creole & The Coconuts, Coati Mundi, Lizzy Mercier Descloux und Cristina, die Hedonisten und Show-Acts des ZE-Labels – gab es an ihrem Ursprungsort keineswegs an jeder Straßenecke.

Im Sommer 1982 herrschte noch New-Wave-Stimmung in Downtown Manhattan. Dass mit Hip-Hop einerseits und der schwulen Latino- und afroamerikanischen Dance-Szene etwas Neues begonnen hatte, hatte sich kaum herumgesprochen. Im Sommer 1983, bei meinem längsten New-York-Aufenthalt, sprachen die Leute dann zwar nur noch von der Paradise Garage und DJ Larry Levan. Plötzlich schleppte jeder Remixe von Maxis der Peech Boys und der S.O.S. Band durch die Gegend, und auch die kleine Madonna hatte schon erste Achtungserfolge. Aber 1982 dominierte noch eine Formel aus New-Wave-Rock, weißen Frauen mit bunten Haaren, den Resten der unversöhnlichen No-Wave-Kultur (James White & The Blacks spielten jeden Abend irgendwo), umgeben von viel queerer Kleinkunst in East Village und Lower East Side. An „The Message“ von Grandmaster Flash & The Furious Five, der ersten alle Grenzen crossenden Hip-Hop-Single, wurde in diesem Sommer noch letzte Hand angelegt. Hip-Hop als inhaltliche Kraft der Erneuerung und neuer Realismus war beim Staunen über akrobatische Breakdance-Crews im „Negril“ noch nicht zu erahnen.

Ich musste vor allem sparen. Jeden Abend gingen große Mengen teuer eingetauschter Dollars für Eintrittsgelder drauf, trotz aufwändiger Gästelistentelefoniererei, mit der man wenigstens in die „danceteria“ reinkam, wenn dort James White am weißen Flügel Monk-Klassiker ausnahmsweise ohne Saxophon darbot oder Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet, eine Treppe über dem Dancefloor, Nouveau-Roman-Extravaganzen abhielten. Der Club, in den ich jeden Abend ging, bevor das richtige Ausgehen begann, war im ersten Stock am Stuyvesant Square, direkt neben dem Gebäude, wo heute die St. Marks Buchhandlung ist. Er hieß Lucky Strike, und hier hielt man sich so bis eins, halb zwei auf, bevor man dann gezielt an den Ort ging, wo es ein spezielles Programm nur für diesen Wochentag gab.

Wen kannte ich in New York? Den Gitarristen Dana Vlcek von den Lounge Lizards, der weit vorn genug war, um sich von Fake Jazz und No Wave loszusagen und eine Latin-Dance-Truppe namens Konk gründete und schon davon raunte, man müsse den DJ als Musiker der Zukunft ernst nehmen (stimmt wirklich – und er meinte nicht irgendwelche Scratch-Effekte: er lungerte tatsächlich damals schon als amtlicher Noise-Gitarrist in Clubs und starrte auf die Turntables). Aus Hamburg kannte ich auch das Filmemacher-Pärchen Scott und Beth B, die zum No-Wave-Super-8-Untergrund gehört hatten und nun gerade in den gehobenen Experimental-Underground wechseln wollten. Die beiden drückten mir irgendwann im Lucky eine dunkelblaue Platte von der Band in die Hand, die gerade für einen ihrer Filme schrammelige Musik gemacht hatte und stellten mir ein großes blondes Mädchen und ihren blonden Freund vor, die zur Band gehörten.

Ja, wir stehen also mit – der geneigte Leser hat es erraten – Sonic Youth vorm Lucky Strike, und der verkiffte Dreadlock-Träger mit dem surrealen Humor schlurft vorüber, den meine Begleiterin in unserem Hotel kennengelernt hatte und der sich im Nachhinein als Rammellzee herausstellen wird, visionärer Hip-Hop-Poet und afrofuturistischer Denker. Die holen dann später Jean-Michel Basquiat ab, und es geht in einen After-Hours-Keller in der Avenue B, wo dann wieder der deutsche Fotograf abhing, dessen Namen ich vergessen habe, aber der später durch seine Doku-Fotos bekannt wurde, wenn auch nicht so bekannt, wie man heute durch Doku-Fotos von devianter Großstadtsexualität werden kann. Aber heute gibt es ja auch keine deviante Sexualität mehr.

Wie gesagt: ich musste sparen. Im Lucky Strike arbeiteten zwei Kellnerinnen mit gemäßigten New-Wave-Nestern auf dem Kopf, die eine blond gefärbt, die andere schwarz. Das kannte ich, das war in Hamburg genauso. Junge Frauen in New-Wave-Kreisen pflegten strikt in Zweiergruppen aufzutreten, je eine geschwärzt, eine blondiert, manchmal intern tauschend. Man konnte sich das ja aussuchen, wie man sich färbte. Das nannte man Postmoderne. Die Schwarzgefärbte war sehr schnell und gezielt arrogant, die Blondgefärbte war auch schnell, auch arrogant, aber hin und wieder sagte sie etwas zu einem der zahlreichen Kunden. So zu mir, als ich ihr wieder mal meine abgezählten Dollarchen für ein gerade noch finanzierbares Getränk rüberschob. „Hier läuft das so. Du musst mir Tip geben. Und zwar das Doppelte von dem Preis oder ein bisschen mehr. Dann musst du nur jeden dritten Drink bezahlen, und uns ist beiden gedient.“ Das fand ich einen sehr netten Vorschlag, sie hatte Verständnis für meine provinzielle Bescheuertheit (und Armut) und hatte natürlich auch ihrerseits was davon, diesen Gast zu erziehen. Denn der kam ja jeden Abend.

Das war Madonna.

Jedenfalls hat es sich später herausgestellt: Ein heute sehr bekannter New Yorker Galerist, den ich in den späten 80ern kannte, als wir uns alle noch besser an die frühen 80er erinnern konnten, ging mal mit mir im Gespräch systematisch die New Yorker Lokale der frühen 80er durch: wo was los war, wer Booker war, wer Türsteher und wer bedient hat. Dabei ließ er fallen, dass die Blonde im Lucky Strike natürlich Madonna war, die, wie viele Leute, die weit vorn waren, damals gerade von No-Wave-Schlagzeugerin auf Latin-Disco-Queen umsattelte. Das nötige Kleingeld, um diesen Orientierungswechsel zu finanzieren, verdiente sie sich unter anderem mit Erziehungsmaßnahmen an vom hohen Dollarkurs gebeutelten Eurotrash.

Nicht nur der Dollarkurs hat sich seitdem stark verändert. Damals nervte mich den Rest des Sommers, wie viele New Yorker Rockbands nordenglischen Melancholie-Darstellern der Sorte Echo & The Bunnymen nacheiferten. Ich lernte Coati Mundi kennen, Kid Creoles kreglen Sidekick. Ich entdeckte die Nitecaps, die ich etwas euphemistisch als New Yorks Antwort auf Dexys Midnight Runners auszugeben versuchte. Oder die Fleshtones, die uns ja auch in Deutschland während des damals weitgehend noch ausstehenden Jahrzehnts manch heiteren Abend bereiten sollten: Showmenschen mit Enthusiasmus, die auf die Yardbirds standen und mit zwei Sängern ins Publikum stürmten. Die Frage, was aus denen eigentlich wurde, beantwortete neulich eine Episode der Sopranos, wo sie die Einweihung von Adrianas Club bestreiten. Ja, dieser Club war der Anfang von Adrianas Ende. Das war mit Madonna und dem Lucky Strike genau andersrum. Das war das Ende von ihrem Anfang.