Die romantischen Strohfeuer löschen?! Mit dem coolen Öl der Cancel-Culture?!

Die fortwährende Klage, dass es eine „Cancel-Culture“ gäbe, ist hauptsächlich ein polemisches Diskursvehikel, welches von der kulturellen (und auch der politischen) Rechten in Umlauf gebracht wurde, um sich als Opfer zu gerieren und so für Kritik unzugänglich zu machen. Indem man den Tatbestand konstruiert, dass eine machtbesitzende – konformistische – Linke einer ohnmächtigen Rechten, die sich für nonkonformistisch hält oder sich als nonkonformistisch ausgibt, um vom guten Ruf des Nonkonformismus bei Linken zu zehren, das Leben schwer macht, ja sogar zuweilen die öffentliche Existenz vernichtet, nur weil die Betreffenden mal einen rassistischen Politiker unterstützt oder vor langer Zeit mal ein minderjähriges Groupie missbraucht haben.

Der Begriff der „Cancel Culture“ ist damit ein Nachfolger des ab ca. 1990 kursierenden Terms „Political Correctness“, der ebenfalls niemals von denen in Anspruch genommen wurde, die angeblich in seinen Namen handelten (Feminist_innen, Linke, Bürgerrechtler_innen, Antirassist_innen, Leute, die sich mit Ableismus, Antisemitismus oder Trans- und Homophobie nicht abfinden wollen). Und wie schon bei der „Political Correctness“ vor über 25 Jahren, lohnt es sich bei der „Cancel Culture“ heute nachzuschauen, was wohl wäre, wenn es das beschriebene Phänomen tatsächlich gäbe. Was könnte es sein oder welches reale Problem könnten diejenigen, die diese Polemik betreiben eigentlich meinen? Hätte es am Ende sogar einen guten Sinn, sich die Schmähvokabel als Geschmähte_r anzueignen?

Dass man eine Person, meist nicht eine real persönlich bekannte, sondern eine funktional mediale Person „cancelt“, also innerhalb eines kulturell sozialen Rahmens für nicht mehr relevant oder satisfaktionsfähig erklärt, ist in der Kultur, in der Personen für Positionen und Haltungen stehen, ein alltäglicher Bestandteil des in dieser Kultur anderweitig sehr geschätzten Prozesses namens Entwicklung. Seit ich 12 bin, lese ich keine Kinderbücher mehr, ich lese jetzt Narziß und Goldmund von Hermann Hesse; seit ich Jack Kerouac, James Baldwin und Allen Ginsberg entdeckt habe, kannst Du mich mit Hesse jagen; seit ich Joyce und Marx und Marcuse kenne, kannst Du mich mit dieser Beatnik-Scheiße jagen; seit ich Maggie Nelson und die anderen autofiktionalen Autor_innen wie McKenzie Wark und Paul B. Preciado kennengelernt habe, kannst Du mich mit diesen allwissenden weißen Cis-Meisterdenkermännern jagen – Et cetera. Auf diese Weise gerät der Impuls, etwas hinter sich zu lassen und dies als einen Moment der Befreiung zu erleben, eine Erkenntnis mit einer Ablösung zu verbinden, in unser biographisches Gefühlswerkzeug und von da aus auch ganz natürlich dahin, wo wir so etwas wie gesellschaftlichen Fortschritt erleben. Wir erleben gesellschaftlichen Fortschritt nämlich auch darüber, dass für eine bestimmte soziale Gruppe, der wir angehören oder die wir beobachten, bestimmte Ideen, Personen, Positionen, ja auch Verhaltensformen unmöglich werden: obsolet, obszön, unmoralisch, politisch falsch – oder wie auch immer begründet. Wir erleben, dass intellektuelle Erkenntnis Konsequenzen hat. Dieses Falschwerden, dieses Vergehen von etwas, das entweder normal oder sogar ideal war, gehört zur Molekularstruktur jeder politischen Mobilisierung, aber auch zur Dynamik von Verfeinerung und Entwicklung von Diskursniveau und Verständigungsdichte. Im Zuge solcher Entwicklungen passieren natürlich immer wieder und ganz zwangsläufig auch verheerende Irrtümer und Ungerechtigkeiten. Die Gruppendynamik politischer und politisch-kultureller sozialer Verbindungen ist als problematisch bekannt, aber ein Verlauf ohne auch beklagenswerte Effekte schwer vorstellbar. In einer Welt, in der leider auch ökonomisch und damit existenziell, Personen für Positionen einstehen, kommt man nicht umhin, sich von ihnen auch zu distanzieren – durchaus im angenehmen, nicht mit Drohungen arbeitenden Sinne des vollkommen richtigen Umstands, dass Ideen Konsequenzen haben, zuweilen negative. In the long run profitieren wir natürlich alle davon, dass wir auf den Schultern derjenigen stehen, die gecancelt haben (oder auch von der anderen Seite gecancelt worden sind).

Ein Problem entsteht allerdings dann, wenn dem durch Verabschiedung und Hintersichlassen von Positionen und ihren Vertreter_innen erzeugte Fortschritts- und Entwicklungsgefühl auf keine realen Fortschritte mehr außerhalb der diskursiven Welt, in der sie entstanden sind, trifft; wenn sich die – im weiteren Sinne – Linke auf Diskurserfolge zurückziehen muss. Was nicht ein Problem ist, weil es einen klaren ontologischen Gegensatz zwischen diskursiver Welt und realer Welt gibt, aber Öffentlichkeitsstrukturen, die mehr oder weniger an Konsequenz erzeugende Nachbarsysteme angeschlossen sind. Der rechte Kampf gegen Canceln und Correctness versucht ja diese Verbindungen zu kappen, manchmal mit Erfolg. Es kann vorkommen, dass Linke sich von diesen abgekoppelten Erfolgen blöd machen lassen und nun mit den so gewonnenen Fortschrittsempfindungen durch eine gesteigerte Heftigkeit der (häufig nur internen) Kommunikation über diese Erfolge (Empörung!) diese Weltverluste zu kompensieren versuchen. So kann man sich an Überreaktionen gewöhnen.

Dies wäre aber nur ein strategisches Problem linker Diskursdefensive (mit feinen moralischen und ästhetischen Noten im Abgang) gegen das Propagandadauergeballer von Welt und NZZ and the like, nicht ein prinzipielles Problem des Erstellens von Listen von Leuten, deren Namen man nicht mehr hören kann. Das andere, vielleicht ernstere Problem ist der hier angelegte Fortschrittsbegriff selbst. Wie kann ich davon reden, darauf hinarbeiten etc., dass etwas besser wird, wenn ich keine Form des Besserwerdens kenne oder benennen kann, in die ich diese Verbesserungen einordnen kann. Wenn Fortschritt durch die kapitalistische Ersetzung gesellschaftlichen durch technischen Fortschritt und durch die kolonialistische Zerstörung kolonisierter Welt (ja des ganzen Planeten) im Namen einer europäischen Idee von Fortschritt so kompromittiert wurde, dass er zumindest unter seinem althergebrachten Namen nicht mehr taugt und generell jede geschichtsphilosophische Perspektive kontaminiert scheint.

Schon seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der Shoah und der Atombombe, ist dies ein bekanntes und drängendes Problem. Einem Festhalten an undialektischen primitiven Fortschrittsvorstellungen (die man ja in verschiedenen Modernismen immer wieder antreffen konnte) ist in der Geschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts ein – meist nicht unqueerer – Surrealismus im weitesten Sinne entgegengetreten. Dieser Queer-Surrealismus im weitesten Sinne störte die einsinnige potenzielle Gewalt des Fortschrittsbegriffs, indem er zu einer erweiterten, über Ökonomie und Organisation hinausgehenden Vorstellung von Verbesserung beitrug, die sich nicht auf einen pragmatischen Nutzen leicht runterbrechen ließ, dazu beitrug, zu schnelle gewaltsame Verwirklichung zu verzögern und andere körperliche, seelische, ästhetische Bezirke zu eröffnen (oder auch zu rehabilitieren).

Dieser Surrealismus ist immer wieder ein anderer, wird immer wieder von anderen beigetragen und heftet sich, wenn er gut ist, störend solidarisch an eine zu simple politische Befreiung. Dieser „Surrealismus“ ist aber – so die Diagnose der Frankfurter Hauptschule – im Begriff, an eine nun nicht mehr mit historischen Entwicklungen verbundene Romantik zu fallen, die – in Deutschland und dem deutschsprachigen Raum ohnehin immer in regressiver Warte- und Lauerstellung – sich aktuell in Praktiken junger Künstler_innen neu und weiträumig realisiert, sich in Stellung bringt als ein Davonlaufen vor der eigenen Geschichtlichkeit – natürlich mit Volldampf in die Vergangenheit (die, vor allem im deutschsprachigen Raum, selten eine gute ist – aber auch das würde nicht helfen). Sie wird so zu einer, sich glücklicherweise noch im Embryonalstadium befindenden deutsch-künstlerischen Version der globalen Pest des Neotraditionalismus. Dieser begegnet die Frankfurter Hauptschule aber, und so viel Geduld muss man erstmal aufbringen, nicht mit Akten des Cancelling, sondern mit einer sarkastischen, liebevollen Mimesis an die bevorzugten Formen und Materialien ihrer jungen Kolleg_innen – um so vielleicht aus dieser Romantik, der man ja wie eigentlich allen romantischen Impulsen nachsagen kann, dass sie auf dem halben Weg zu einer politischen Vernunftkritik in ihren eskapistischen Grotten und Gewölben stehen geblieben und sich verschanzt hat, etwas zu entlocken, das man als neuen Surrealismus gebrauchen kann. Und so berechtigt (und erquickend) das fröhliche Canceln sein kann, man muss leider auch allen immer wieder alles von Neuem beibringen, sonst lernt man nie nachhaltig, wo man selbst die ganze Zeit falsch lag und ein Cancelling verdient hat.