Nach zehn Jahren mit den Kastrierten Philosophen und einem längeren Exil in Paris hat Katrin Achinger vor kurzem ihre erste Solo-LP veröffentlicht: Icaré. Neben Reinhard Mey ist sie damit die zweite große deutsche Künstlerpersönlichkeit und erste „Frau“, die den Ikarus-Mythos von Höhenflug und Absturz auf ihre Art interpretiert. Einige Exil-Gedanken dazu von Marlene Dietrichsen, derzeit L.A.
Irgendwann in den späten Siebzigern entdeckt ein junges politisiertes Mädchen bei einer Veranstaltung, die ihr örtlicher Polit-Verein gegen eine Neo-Nazi-Zusammenrottung organisiert, mit einem Mal den Zweifel: Ist es eigentlich mein Verdienst oder reiner Zufall, daß ich hier stehe und nicht da drüben bei den Nazis? Haben nicht die Anführer von uns, hier auf der richtigen Seite, nicht verdammt viel gemeinsam mit den Führern da drüben? Ist der Inhalt, den sie artikulieren, in irgendeiner Weise in ihrer Rhetorik, ihrer Lebensform, ihrer Existenz wiederzuerkennen? Was mache ich hier eigentlich?
„Und dann war plötzlich Patti Smith, Jim Morrison und Velvet Underground viel, viel wichtiger als alles andere“, sagt Katrin Achinger. Eine der wenigen Figuren in Deutschland, die über die letzten zehn, fünfzehn Jahre in einer Form Auskunft geben kann, die nicht von der gewöhnlichen autobiographischen Vernunft abgedeckt wird. Was sie von allen anderen Songwritern in Deutschland unterscheidet, ist, daß sie sich vorstellen kann, in zwei entgegengesetzte Richtungen ziemlich weit zu gehen, ohne sich anschließend eine höhere Vernunft zurechtlegen zu müssen, einen Big Sinn, der immer schon Recht hatte. Statt dessen heißt es bei ihr, deren Musik als schwierig und hermetisch gilt, immer wieder: „Eigentlich ist das eine ganz einfache Geschichte …“
Auf der anderen Seite steht im Mittelpunkt ihrer ersten Solo-Platte nach zehn Jahren Kastrierte Philosophen ein Mythos (also ein ganz besonders bigger Sinn), der aber umgeschrieben wird (also genau das, was man in den sechziger Jahren auch im Theater machte und genau jetzt nicht mehr macht). Der gute Ikarus richtet sich auf der Erde ein, im „Fluß des Lebens“, entflieht den „Gefängnissen, die ich in meinem Kopf gebaut hatte“, atmet „sinnlich morbide Düfte“, erinnert sich bei „altem Wein“ und entdeckt im späten Sommer eine Ruhe vor den Herbststürmen und fragt sich: „Wer wird sie überleben?“ Etwas Besseres als die totale Ekstase samt Tod im „kalten Wasser“ des „Fluß des Lebens“.
Denn eines von Katrins Lieblingswörtern, Bodenhaftung, bezeichnet ja so ziemlich das Gegenteil von dem, was den Ikarus-Mythos ausmacht, und entspricht auch nicht gerade der Stimmung, die ihre CD Icaré über 62 Minuten verbreitet. Doch gerade das ist ja so ein gängiges Mißverständnis, gerade auch zwischen Männern und Frauen: nicht zu wissen, daß eine „poetische“ Ausdrucksweise von sehr handfesten Erfahrungen sprechen kann (und sollte) und eine „abstrakt“ geordnete sehr oft geradewegs in eine wolkige Weltferne führt, wo man mit seinen Begriffen alleine und im Reinen ist. Katrin Achinger fällt bei manchen ihrer (Musiker-)Kollegen auf, daß „sie um ihr Leben reden“. Daß ein panischer Ausstoß an Begriffen in keinem Verhältnis mehr steht zum damit Bezeichneten.
Katrin schreibt aber nicht nur Mythen um (also das per definitionem nicht Umschreibbare), sie verfolgt auch so interessante Vorhaben wie in Sackgassen verfangenes politisches Denken gerade mit solchen poetisch zu nennenden Mitteln „vom Kopf auf die Füße zu stellen“, also das zu leisten, was man in Deutschland traditionell der Politik und der politischen Philosophie vorbehalten will. Man kann sich von Ikarus gut vorstellen, daß er am Ende ihrer Geschichte einer Organisation beitritt (allerdings nur, um sie bald wieder zu verlassen).
„Ich war damals in Verden an der Aller im antifaschistischen Arbeitskreis“, fährt sie fort. „Und dann kam die NPD in die Stadt mitsamt Prominenz, Michael Kühnen und so, und ich mußte denken, daß ich doch verdammtes Glück habe, nicht da gelandet zu sein. Aber sowas wurde bei uns nicht diskutiert. Wir waren links, und so waren wir geboren. Ich hatte da richtige Stasi-Gefühle, jeder überwachte jeden, wie links und wie unspießig er war. Dann kamen zwei vom KBW, einer von der SDAJ und einer von den Jusos und diskutierten Richtlinien, und ich habe nichts verstanden und mich den praktischen Dingen zugewandt und Konzerte organisiert und so.“
Vor ein paar Jahren hatte sie von Hamburg und allem, was sie dort hielt, die Schnauze voll und ging nach Paris, „wo ich mich bei einer mexikanischen Filmemacherin eingemietet habe und meine ganzen Sachen, alles was ich seit ich 14 bin geschrieben habe, gesichtet habe, so eine Art Bestandsaufnahme …“ Dort entstand die Idee zu einem Buch, das jetzt auch zur CD erscheinen sollte, aber nicht rechtzeitig fertig geworden ist. „Und zufällig, am letzten Tag, als ich dachte, ich könnte mich langsam in Hamburg wieder sehen lassen, habe ich eine Postkarte gefunden und nur gekauft, weil sie mir gefallen hat. Das war der Ikarus von Henri Matisse.“ So entstand die Klammer um eine Textsammlung, die Resümee und Neubeginn sein sollte und „nicht zufällig kurz vor meinem dreißigsten Geburtstag erschienen ist“.
Nun steht der Ikarus-Mythos ja für ein ganz anderes Problem: für Beschleunigung, Nichtabwartenkönnen, Erlebnissteigerung – also das Gegenteil der Beharrlichkeit und Kontinuität von Katrins 16-jährigem Schreiben: „Ich habe mich ja auch immer gefragt: warum macht der Idiot das, warum fliegt der in die Sonne. Andererseits habe ich das immer sehr gut verstehen können.“ Ikarus ist natürlich die glänzende Figur der Jugendkultur, die von Namen wie Velvet, Patti Smith und Jim Morrison für eine ganz bestimmte Generation und Mentalität verkörpert wird. Jeder macht ja irgendwann die Entdeckung, daß die ganze Musik, die einen zunächst nur ganz unschuldig fasziniert, von Sex und – häufiger – von Drogen handelt. Also den nicht ungefährlichen Beschleunigungen und Steigerungen des anderweitig unerträglichen Lebens. Katrins Icaré hingegen hat ein Happy End, gipfelt in dem Vorschlag, nichts aufzugeben und trotzdem am Leben zu bleiben.
„Die Ikarus-Geschichte hat eben auch was mit einem spezifischen Zeitabschnitt zu tun, und sie ist nur ein Aspekt davon, auf den ich die Kamera sozusagen scharf gestellt habe: Ich hätte auch eine Liebesgeschichte daraus machen können oder – was für mich drei, vier Jahre sehr wichtig war – etwas über Emanzipation – das war mir aber zu speziell. Eigentlich ist die Geschichte ja ganz einfach: 1.) Die Flügel sind keine richtigen Flügel, sie sind aus Wachs. 2.) Er fliegt in die Sonne. Die Sonne steht für die Sehnsucht, sich aufzulösen, zu zerfließen, das ozeanische Gefühl, aber auch für den Tod. Die Flügel stehen für Freiheit, sind aber nicht echt, also funktionieren nicht richtig, wie andere Hilfsmittel.“ Die Flügel sind also z. B. Drogen. Oder die Effekte in heutiger Musik, die nicht mehr als Ergebnisse von Prozessen zustande kommen, sondern abgerufen werden können.
„Es geht aber nicht darum, irgendetwas zu verbieten, sondern nur, wie man damit umgeht. Samplen ist ja geil und E-Gitarren sowieso. Auch bei Drogen geht es darum, was man damit macht. Ich habe in Paris so eine Brion-Gysin-Ausstellung gesehen, und da waren diverse Leute aus der Beat-Generation, viel älter als ich, älter als mein Vater, und da war das ganz klar, daß die irgendwo hängen geblieben sind, stecken geblieben.“
„Ich bin ja eigentlich eher nur latent gefährdet. Aber um mich herum, in unserer Generation, war das ja allgemein akzeptiert. Ich fand immer, daß nach einer bestimmten Zeit der Beschleunigung und Intensivierung es wieder langsamer wurde und die Leute stecken blieben. Und als dann mein liebster Freund Sigurd Müller in die Sonne geflogen ist, war der Spaß vorbei. Das Thema beginnt aber schon früher: Mein Vater ist Trinker, und da war schon immer so eine Schranke. Als ich zwölf war und meine Altersgenossen auch anfingen zu trinken, hatte ich immer dieses Kindergefühl: Wo geht ihr alle hin? Wieso fliegt ihr alle in die Sonne? Wieso bist du nicht nüchtern, nicht ansprechbar? Wieso bist du nicht da? Obwohl ich das auf der anderen Seite auch gern mache und gemacht habe.“
Icaré könnte man als Stimmungsplatte bezeichnen, manche sprechen von Kammermusik. Man kann sich den Zugang zu ihr nicht erzwingen, man muß sie sich tatsächlich anhören. Die Anforderungen, die sie stellt, sind nicht so sehr ihre Komplexität oder die ungewohnte Besetzung (Cello, Kontrabaß, Bratsche oder Geige, Marimba und Schlagzeug), sondern die Tatsache, daß sie auch die gewöhnliche Melancholie nicht befriedigt: „Ich hätte so eine Platte machen können und bestimmte Stimmungen intensivieren, aber es war mir wichtig, daß man sich dazu nicht eine Flasche Rotwein aufmachen kann und sich einer bequemen Melancholie hingeben.“ Statt dessen ist man mit einer spröden Schönheit konfrontiert, die sich auch nicht „nach und nach erschließt“ wie bourgeois verschlüsselte „Kunst“, sondern als normal angenommen zu werden verlangt. Dann geht alles ganz leicht. Vieles, was heutzutage ungewöhnlich klingt (kein Beat, keine Dramaturgie, wenig Architektur), kommt ziemlich selbstverständlich daher. Ob ein Urkommunismus in blumigen Bildern beschrieben, der klassische junge Mann als Vatermörder porträtiert wird oder Ikarus sich den Bauch mit seinem Ejakulat wärmt, die Musik erklärt einem nicht, ob gerade etwas Abstraktes oder Konkretes, etwas Angenehmes oder etwas Unangenehmes verhandelt wird. Sie hält sich zurück wie ein Folksong.
„Das ist auch wie ein Zustand. So wie morgens um vier besoffen in der Kneipe oder alleine zuhause. Oder bei ‚Cold Waters‘ – das habe ich in Lissabon nachts bei offenem Fenster geschrieben, als ich sehnsüchtig auf den Anruf eines jungen Mannes wartete, in den ich furchtbar verliebt war. Oder der Zustand von Leuten, die wirklich immer weiter ’rausschwimmen auf die Sonne zu und auch nicht sterben wollen, aber trotzdem lieber weiter im Wasser bleiben.“
Dieses tragische Lebensgefühl nicht zu verklären, sondern ihm eine praktikabele Lösung abzuringen, eine Utopie oder eine Praxis, einen Ikarus, der am Schluß zu Fuß geht, ist aber eben gerade eine Leistung, die nur erbringen kann, wer sich weder in die Abstraktion noch in die anomische Stimmung verliebt. Ein Lebensgefühl, das sich nicht hysterisch auf Leiden aufbaut, die man nur erleiden könnte (wenn man denn leben würde), wie das beim gewöhnlichen Singer/Songwriter der Fall ist, der vielleicht auch in Lissabon das Fenster öffnen würde, aber niemanden hätte, der ihn anrufen würde: dann fantasiert man in die Nacht hinein. Katrin Achinger sieht da draußen aber konkrete Drogenhändler, die Geschichte Portugals samt Kolonialismus und Niedergang und schließlich die Erkenntnis, daß einen die Hotelzimmer dieser Welt nicht vor derselben dauerhaft schützen. Wirklichkeit essen Romantik auf.
Vieles, was Katrin englisch singt, funktioniert nicht in der deutschen Übersetzung (aus der ich hier die ganze Zeit zitiere), auch wenn es englisch voll überzeugt. Der Text über das urkommunistische Paradies wirkt aber auch auf englisch etwas kitschig, wenn man auch auf der anderen Seite froh ist, daß die Idee der Utopie, die zur Zeit so eine schlechte Presse hat (und in gewissem Sinne nicht ganz zu Unrecht), hier in so einem persönlichen, biographischen Kontext zurückkommt. „Ich hatte in der Zeitung von einer 20.000 Jahre alten Stadt gelesen, die sie ausgegraben haben und die keine Verteidigungsmauern hatte. Ich fand das bemerkenswert und dachte, daß man also auch andere Versionen des Menschen beschreiben kann, als die hier vorherrschende, die ja eben eine kulturelle Konstruktion ist und so tut, als wäre sie die allein gültige.“
Für Katrin sind Mythen eben gerade nicht überzeitliche Aussagen von übergeschichtlicher Gültigkeit, sondern Ideen wie andere auch, die man einander gegenüberstellen kann. Auch ein Mythos kann ein Vorschlag zur Veränderung von Verhältnissen sein und umgekehrt verändert werden: „Ich glaube ja eben nicht an das Schicksal wie die alten Griechen und Christen.“ Ihrer CD stellt sie als Motto den Meret-Oppenheim-Satz voran, daß einem die Freiheit nicht geschenkt werde, daß man sie sich nehmen müsse. (Ein sich hinzusetzender Mark Terkessidis weist daraufhin, daß das Konzept der Willensfreiheit auf Paulus zurückgehe.)
„Es ist doch so, daß Utopien in den letzten zehn Jahren ziemlich verschwunden sind, nicht modern sind. Jetzt ändert sich das wieder, und ich bin ziemlich besorgt, daß die Leute wieder da weitermachen, wo sie vor zehn Jahren aufgehört haben oder meinen, aufgehört zu haben.“ Ohne sich darüber klar zu werden, warum sie sich in den Achtzigern depolitisiert haben. „Bei uns im Studio haben wir diese Hip-Hop-Gruppe aufgenommen – Absolute Beginners. Und die haben so einen Text, ‚Wir wollen keine Bullenschweine‘. Ich meine, die sind 17, das ist okay, die suchen sich die Sachen genauso wahllos zusammen, wie ich das gemacht habe, als ich so alt war. Aber daß Leute meines Alters das jetzt ganz toll finden, daß die genau dieselbe Sprache verwenden wie vor 15 Jahren, das finde ich bedenklich. Gewisse Diskussionsformen kommen zurück, die mich schon vor zehn Jahren genervt haben.“
Wir sprechen über die Wohlfahrtsausschüsse, die in Hamburg (diverse Musiker wie Schorsch Kamerun, Jochen Distelmeyer, dazu Günther Jacob, Roberto Ohrt), Frankfurt (Leute aus dem diskus-Umfeld) und Köln (Spex, Texte zur Kunst, Stadtrevue) entstanden sind. Wo also Leute aus dem für die jeweilige Stadt entscheidenden kulturellen Umfeld (Hamburg, Musik; Köln, Kunst; Frankfurt, Uni) sich die Frage der Praxis stellen. Teilweise Protagonisten oder Teilnehmer der De-Politisierung Re-Politisierung betreiben.
Katrin ist nicht zu der Hamburger WA-Veranstaltung gegangen, sondern hat im Studio gearbeitet und dann nachts von der Veranstaltung geträumt und wichtige Beiträge zur Korrektur der Diskussionen im Schlaf geäußert. Das paßt zu ihrer Arbeit, die den Ruf des Ätherischen hat und doch bei näherem Hinsehen ganz normale menschliche Lebensbedingungen, zum Beispiel eine wahrnehmbare eigene Biographie einklagt. Sie weiß eben, daß man so etwas Normales wie eine individuelle Entwicklung, Kreuzung von Geschichte in ihrer Integrität nur noch mit Mitteln integer darstellen kann, die der zeitgenössischen Riß- und Schnitt-Ästhetik ätherisch vorkommen müssen. Also formuliert sie ihren Einspruch im Schlaf.
„Ich habe mich in letzter Zeit viel mit Produktion beschäftigt. Wie nimmt man Gongs auf? Oder jetzt mit Kunstkopfmikrophonen in Naturhallräumen, solche praktischen Sachen brauche ich nach all dem Output. Und ich würde mich gerne im Studio verkriechen, aber ich weiß auch, daß das nicht geht.“ Die Alternative zu unbefriedigender Praxis kann nicht sein, weiter nur Kultur zu machen. „Nein, es ist ja auch gar nicht so falsch, was die diversen Kollegen so denken und machen, auch die, die die ganze Zeit dabei geblieben sind, sie müssen nur wieder auf den Boden zurückkommen, vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Im Moment weiß keiner so recht, keiner kann Fahnen raushängen lassen. Es ist der Zustand davor, und Slogans können dabei eigentlich nicht wieder entstehen. Hinter all der hektischen Beredtheit bei den Herren steckt ja auch viel Sprachlosigkeit.“
Eine neue Sprache finden. Das letzte Mal hatte man erst angefangen, dieses Ziel zu verfolgen, als man sich politisch schon besiegt fühlte, delegiert an die Kultur, an die man dann auch die eigene Biographie delegierte. Daß und wie etwas scheinbar so Kulturelles und Eskapistisches wie dieser Entwicklungsroman von einer Schallplatte dabei helfen kann, die richtigen Fragen zur Zeit zu stellen (ohne eine davon auszusprechen), ist etwas, was man diesmal von Anfang an beherzigen sollte.