Liner Notes zum Album Puls Plus Puls von Sven-Åke Johansson & Jan Jelinek (Ni Vu Ni Connu) und grau-grün-welk-satt von Sven-Åke Johansson (Ni Vu Ni Connu)

Man kann Beats so schlagen, dass sie eine Intention verraten – durch einen Akzent, eine Betonung. Und man kann sie so schlagen, dass sie maschinell wirken, intentionslos, als reiner Puls wie in manch minimalistischer Musik. Beide Möglichkeiten bevölkern verschiedene Genres. Es gibt aber auch ein Drittes, und um das ist es Sven Åke Johansson immer mal wieder gegangen: So schlagen, dass es einen Akzent oder mehrere, jedenfalls Intentionsspuren gibt, aber dies dann wiederum durch Wiederholungen und Regelmäßigkeiten so rahmen, dass die Intention als solche verblasst und als regelmäßiger, eingeplanter Teil eines dann wieder quasi-mechanischen Ablaufs erscheint. Etwas in dieser Richtung findet man schon auf dem in der Hochzeit einer allgemeinen Liebe zum freien Ausdruck entstandenen Solo-Album Schlingerland (1972). Beim Schlingern wie auch beim Versinken im Moor oder im Treibsand hören die intendierten, zielgerichteten Bewegungen der humanen Akteure nicht auf, aber sie haben keinen Erfolg und keinen Sinn. Sie erweisen sich als Automatismus. Ein höheres Bewegungsgesetz stellt andere physikalische Rahmenbedingungen, unter denen das Strampeln nicht hilft. Johansson schlägt Beats in eine Richtung und tut gewissermaßen so, als würde er nicht wissen, dass sie im Verlaufe des Stückes eine Rahmung, Deutung erfahren, die ihrer vitalen Rolle, ihrer Lebendigkeit, absichtsvollen, menschlichen Natur widerspricht – oder sie doch in Anführungszeichen setzt.

Hier sind zwei Projekte miteinander verbunden, eine weitere Solo-Platte und ein Duett von Johansson und Jan Jelinek, in beiden Fällen geht es um die Anthropologie des Schlagwerkens und in beiden Fällen steht im Raum, ob die Annäherung an die Maschine ein Ziel oder eine Falle darstellt – zumal ja in der Geschichte der Rhythmusmaschinen diese ursprünglich in dem Bemühen entwickelt wurden, das Menschliche zu imitieren. Ob Mimesis der Drummer an die Maschinen oder der Maschinen an die Schlagzeuger ist heute keine kulturkritische oder entfremdungstheoretische Frage mehr: Die rhythmisierte Montage am Fließband prägt nur noch einen geringen Teil der Arbeitswelt. Eher geht es um die animistische Kernfrage: steckt das Subjekt (Drummer) im Beat oder verliert es sich an den Beat? Oder folgt es einer Versuchsanordnung, die wie eine Komposition oder eine konzeptualistische Versuchsanordnung funktioniert, die beides zulässt, erwägt.

Nun ist es sinnvoll, dass Jan Jelinek den zweiten Part dieser Forschungen übernimmt. Seit mindestens zwei Jahrzehnten arbeitet dieser an der Spannung zwischen maschinell generierter Wiederholung (Loops) und der Differenz, die, wie wir entweder von Gilles Deleuze oder vom Tanzengehen wissen, von jeder externen Wiederholung in unserem Inneren hervorgebracht wird, indem sie markiert wird: wo etwas gleich bleibt, wird alles drum herum, wenn auch oft nur minimal, anders. Diesem – oft nur mikroskopisch kleinen – Anderswerden von allem anderen gibt er Raum neben, über und gegen den Loops, die er verwendet. Deswegen stimmt es auch nicht ganz, wenn man sagt, er macht hier die Maschine zu Johanssons Menschlichkeit: Die Spannung des Projekts besteht darin, dass es nicht nur nicht mit öden Dichotomien spielt (Mensch/Maschine), sondern diese auch nicht einfach dialektisch auflöst (Maschine ist eigentlich Mensch, Mensch eigentlich maschinell), vielmehr überschreitet es dieses Problem hin zu der anderen Frage, der Frage nach der Anwesenheit.

Anwesenheit mehrfach. Schläge in der Zeit, zählbare Schläge sind das Urmaterial jeder symbolischen Ordnung: fort/da. Anwesenheit/Abwesenheit. Es gibt Stellen, in denen das Spiel Johanssons sich in Pulspulspuls von seinem Solo gar nicht so sehr unterscheidet, doch die Frage nach der Anwesenheit im Spiel beantwortet sich ganz anders. Hat man im Solo den Eindruck, er spiele sich aus dem Spielen heraus, hat man beim Duett das Gefühl, er sei massiv anwesend. Nicht aber im Kontrast zu den elektronischen Klängen und Beats, sondern weil diese ihrerseits so massiv belebt wirken. Was diesen Eindruck bei beiden Beiträgen so stark werden lässt, ist nur die Differenz zwischen beiden – nicht die Differenz in Bezug auf eine bestimmte Eigenschaft der Klangerzeugung oder der beteiligten Personen. Trommeln dienen gerne dem rituellen Verlust des Selbst, sie scheinen Wege des Verschwindens zu kennen. Aber wenn sie im Unterschied zu etwas existieren, werden sie von Subjekten okkupiert. Hier schlingert nichts mehr, selbst wenn es dies objektiv täte, überall sind tätige, Entscheidungen treffende Subjektivität. Wie sagt man? Das geht ab.

Aber die Nähe des Abgehenden, des ein Publikum aufpeitschenden Drummings und Programmings zum Selbstverlust, des Aufgehens in einer archaischen Grammatik des Fort und Da hat noch eine andere als nur die soziale Seite (erkennbare Anwesenheit zweier unterschiedlicher Grammatiken bringt den Eindruck von zwei lebendigen Menschen hervor, nur die können qualifiziert verschieden sein). Diese andere Seite ist die taktile. Wenn das Gefühl des Selbstverlusts, der Trance-Eindruck den Hörer von engagierten in kontemplativen Modus umschalten lässt, geht es sehr bald nicht mehr um die Zeitwerte des Schlagens und ihre Genauigkeit, sondern es geht um die Materialität des Geschlagenen, mithin um das, was zur Resonanz gebracht wird. Die Frage lautet nun nicht mehr: Höre ich das Drummer-Subjekt im Schlag oder dessen Verlust in der Genauigkeit? Sie lautet nun: Höre ich den berührenden Stock oder das berührte Becken.

Nach dem Selbstverlust, nach dem Aufgehen in der Versuchsanordnung (oder dem Schlingern), kommt also der Gewinn der Berührung. Das heißt, dass sich auf die Mikroebene verlagert, was wir im Duett auf der Makroebene hatten: Belebung entsteht durch Duett, durch die erkennbare Unterschiedenheit zwischen zwei Klangerzeugungen oder durch die erkennbare Unterschiedenheit der aktiven und passiven Seite des Schlagens und Berührens. Indem diese zwei Tonträger gemeinsam veröffentlicht werden, wird die Gemeinsamkeit zweier Differenzen als Differenz betont. Es sind zwei großartige Platten, man kann sie jede für sich hören und die Erfahrungen machen, von denen hier die Rede war. Oder ganz andere. Aber man kann ihren Zusammenhang erschließen und dann auf beiden Grundsätzliches finden, das hier en passant mit dem Drumstick gestreift wird.