Live! Screaming Blue Messiahs; Icicle Works; Billy Bragg; Turbo Hy Dramatics

Bill Carters Motor Boys Motor waren bereits, wenn auch zur Unzeit – man dachte 82 weniger direkt als er damals wie heute –, eine der wenigen, rechtmäßigen Erben des weißen Blues, von Captain Beefheart bis Led Zeppelin (übrigens eine wirklich unglaublich einfallsreiche Gruppe, die innovativste Gruppe, die je wirklich erfolgreich war; das nur am Rande). Bei Screaming Blue Messiahs, einem Trio, singt er zusätzlich und erweitert das Repertoire um das monoton-poetische „Rappen von Psychosen“, schafft es irgendwie, die goldene Brücke von den ganz besonders langen Versionen von „I’m a Man“ der Yardbirds zu den klassischen Fall zu schlagen, und rennt dabei, kahlköpfig, streng manisch, abwechselnd die Gitarre prügelnd und poetische Tiraden verbreitend, über die Bühne. Hot! Daß er Gitarre spielt wie ein junger Gott, nicht nötig zu erwähnen, aber daß man ihm nachsagt, er sei gefährlich, habe allein kraft seiner Blicke Horden gefährlicher Skinheads von Bühnenrändern einsam gelegener Clubs im Norden Londons vertrieben, das soll nicht verschwiegen werden. Er spielt verzerrt und hätte in einem anderen, prä-punkiger-versoffenen, weniger diszipliniert-geisteskranken Leben vielleicht bei Free und Bad Company ein Auskommen gefunden, aber die wilde Seele und die wilden Hunde, die frei herumlaufen, bellen und Schafe reißen …

Icicle Works sind das schlechte Gewissen von U2, The Smiths und ähnlichen: denn wo die sich noch das eine oder andere Sound-, Text- oder Idee-Mätzchen ausgedacht haben, ihr eigentliches Anliegen, nämlich die Fortsetzung der 70er Jahre mit anderen Mitteln, zu verschleiern, geben Icicle Works, eine Band pathetischer Langhaariger, alles offen zu. Daß sie Peter Hamill und Van Der Graaf Generator über alles lieben, ist im Prinzip eine gute Idee, was heißen soll, theoretisch richtig, also, die sind schon liebenswert, aber diese, mit Waterboys versetzt, in die Gegenwart übertragen?

Schwamm drüber, denn sie waren nur die Vorgruppe von Billy Bragg. Dieser hat fünf bis sechs auf nahezu identischen Akkordfolgen aufbauende, großartige, rührende Songs geschrieben, die auch live von der einst wie jetzt prima Idee profitieren, einsam zur verstärkten Klampfe zum besten gegeben zu werden. Darüber hinaus verschont er uns nicht mit seinen Empörungen über Dinge, über die einfach jeder – aber in seinem Publikum mehr als jeder – bereits empört ist. Was nicht schlimm wäre, wenn er nicht durch seine wenig pointierten Zwischenconferencen politischen Beifall der allerfiesesten Sorte auf sich ziehen würde und das auch noch genösse, etwa so wie Biermann ’76. Polit-Singer/Songwriter hatten wir in Deutschland schon gewieftere. Und zumindest der frühe Degenhardt war ja auch musikalisch durchaus zu allerlei Dummtüch aufgelegt. Dann macht Billy Bragg gerne schmutzige Witze, deren Klatscherfolg verdeutlicht, wie auch das politische Klatschen funktioniert: wie an einem Herrenabend nämlich. Billy Bragg ist ein ewig geiler Sex-Maniac. Wie alle Sozialdemokraten von Willy Brandt bis Günther Nenning. Sozis sind immer geil, Christdemokraten sind pervers, aber Kommunisten führen vorbildliche Ehen (Trotzki, Wehner, Thälmann). Ich bin Kommunist, weil …

Nun, die Turbo Hy Dramatics sehen sich also als die neuen Yardbirds. Was ihr pathetischer Schreihals von Sängergitarrist im fast leeren Club zu Köln darbot, reichte aber nicht einmal zu den neuen Savoy Brown, die hatten noch Charisma (nicht die Plattenfirma!). Obwohl hier und da netter Blues-Rock-Lärm zu Gehör gebracht wurde, machte doch gerade die noch frische Erinnerung an die Screaming Blue Messiahs schmerzhaft klar, daß mit einer derart bemüht herbeigepreßten Ekstase heuer kein Blumentopf zu gewinnen ist.