Natürlich wurden die Demonstrant/innen zu Kompars/innen. Was schon daran liegt, dass Demonstranten stets dazu neigen, Komparsen zu sein. In der Demonstration gibt es wenige Hauptrollen. Nur ist es die Idee der Demonstration, dass am komparsenhaften Einreihen in die Masse, die nur zahlenmäßig viele darstellen soll, nichts Schlimmes ist: Im Gegenteil, gerade in diesem Verzicht auf die eigene herausgestellte Stimme zeigt sich so etwas wie eine demokratische Souveränität. Auch das Herunterreißen des „Ausländer raus“-Schildes halte ich für völlig richtig und in Übereinstimmung mit der Logik der Demonstration wie der Aktion, ohne einer der beiden Gewalt anzutun. Ich hätte es auch runtergerissen. Schlingensief hatte es ja darauf angelegt, die Öffentlichkeit im weiteren Sinne als Resonanz- und Bühnenraum mit einzubeziehen, das Theater als Wirklichkeit auszugeben. Und ein solches Schild kann man sich natürlich nicht bieten lassen.
Ich halte es aber für einen Fehler, sich als Demonstrant/in dafür zu schämen oder verarscht zu fühlen. Der Hinweis darauf, dass auch linke Demonstrant/innen ein Bestandteil der Inszenierung „Öffentlichkeit“ sind, und darüber hinaus der Hinweis auf die Inszeniertheit oder Theatralität von Öffentlichkeit setzt ja nicht die Virulenz dieser Öffentlichkeit außer Kraft oder ihre Regeln. Sie erhebt lediglich einen Befund, dessen Konsequenz nicht sein kann, sich nunmehr von der Öffentlichkeit fernzuhalten – oder die unumgängliche Mitarbeit politischer Akteur/innen an der Inszenierung von Öffentlichkeit als einen grundsätzlichen Fehler zu erkennen. Die Inszeniertheit ist außerdem nur eine Seite und nicht alles an Öffentlichkeit. Von dieser etwas zu verstehen, mehr als nur technisch-analytisch, könnte eines der produktiven Ergebnisse dieser Arbeit sein. Jedenfalls zu folgern, es müsse hinter der inszenierten Öffentlichkeit eine eigentlichere, uninszenierte geben, wäre fatal. Die Inszenierung transparent zu machen kann nur heißen, sie nachzuspielen – als Stück. Wenn jemand darauf verweist, dass wir alle im Alltag „nur“ eine Rolle spielen, kann die Antwort nicht heißen, zu versuchen, damit aufzuhören. Das ist etwa so lustig wie all die Leute, die immer mal wieder auftauchen und nach der ersten Lacan-Lektüre „die symbolische Ordnung abschaffen“ wollen. (War neulich wieder eine Diskussion in „nettime“.) Nicht falsch und lächerlich hingegen ist es, sich Kenntnisse zu verschaffen, wie die Inszenierung verändert werden könnte. Solche standen hier durchaus zur Verfügung.
Schlingensiefs Aktion nutzte und bespielte alle möglichen Aspekte der österreichischen Verhältnisse (Zentralismus mit Wien und Opernplatz, hegemoniale Tageszeitung etc.) und nicht allein die rassistischen, auch wenn diese sicherlich die skandalösesten sind. Es ist aber kein abstrakter Rassismus, sondern ein konkreter, also einer mit einem spezifischen Kontext: Diesen Kontext, lokal und international (von Kronen Zeitung bis Big Brother), einzubeziehen und sozusagen zum Tanzen zu bringen, ist sicherlich die Leistung der Arbeit. Wenn ich mich frage, ob diese Arbeit im Sinne eines symbolpolitisch verstandenen Widerstands funktioniert, sind mehrere Antworten möglich. Richtet sich die Symbolpolitik an die Bevölkerung, in einer im weitesten Sinne erzieherischen Absicht? Will sie FPÖ-Wähler/innen zur Umkehr bewegen oder anderen latent rassistischen Vertreter/innen die Augen öffnen? Dann ist Schlingensiefs eher verwirrende Aktion sicherlich nicht sehr hilfreich. Will sie vor den Augen der Welt und der ihrerseits an und um Österreich-Repräsentation bemühten Regierung auf der Unmöglichkeit bestehen, die Regierungsbeteiligung der FPÖ und die sie hervorbringenden Verhältnisse zu ignorieren? Dann war die Arbeit äußerst produktiv. Sie legte die Nerven aller Beteiligten blank, machte routinierte Reaktionen seitens der Reaktionäre schwieriger und brachte Komplexität ins Spiel. Und vor der graust es den „Freiheitlichen“ nach eigenen Angaben bekanntlich am meisten.
Neue Einsichten zum Generalthema Rassismus in der ersten EU-Welt sind von dieser Arbeit nicht zu erwarten gewesen. Eher dass sie einen politisch-medialen Zustand, der diesen hat manifest werden lassen, etwas aufwirbelt. (Das müssen sich auch diejenigen gefallen lassen, deren – natürlich begrüßenswerte – Aktivität in der Opposition eine klare Rolle gefunden hat und die dennoch in gewissem Sinne auch ein Teil der Lage sind.) Das ist gelungen. Womöglich kamen da von Schlingensiefs Seite auch Routinen des Aufwirbelns zum Einsatz, die mehr auf den Skandal an sich als auf Rassismus eingingen und nicht auf dem aktuellen Stand der Diskussion sind. Nun. Für die potentiell rassistischen Kärntnerstraßenpassant/innen, Österreicher/innen und Tourist/innen war das Ganze nur unangenehm. Für alle anderen ein einigermaßen komplexer, turbulenter und bisweilen auch an die Nieren gehender Versuch, den Bezug zum Leid Anderer zu gestalten bis zu erzwingen. Dieses Leid (Abschiebung) ist ein politisch verursachtes und ideologisch legitimiertes, und es ist politisch zu verstehen und zu kritisieren. Wer sich aber nur für die Kritik der Politik und der Ideologie zuständig fühlt, wie unsereins, gerät oft in eine distanzierte Welt der reinen Abstraktion von einem solchen politisch verursachten Leid. Hier könnte Theater ganz traditionell helfen, das Mitleid freizusetzen oder zu mobilisieren, das jeder Politisierung vorangehen müsste; und das ist heutzutage – will ein solcher Versuch nicht kitschig oder banal ausfallen – natürlich selbst ein ziemlich vertrackter Job auf einem unklaren Weg, der an Zynismus, Resignation, Wahnsinn und Hybris, ja auch der Gefahr einer Depolitisierung ins Auge sehend, entlang- und vorbeigeführt werden muss. Ich denke, das ist trotz aller Schwierigkeiten gelungen, ohne in einen dieser Abgründe zu tappen. Die leichter zu dirigierende österreichische Öffentlichkeit hat dabei sicher geholfen.