Missy Elliott, Janet Jackson, Erykah Badu haben den Song noch einmal neu entdeckt. Als Möglichkeit des individuell begründeten Einwands im Zeitalter von Selbsttechnologie und Elektronischer Einsamkeit.
Was haben Janet Jackson, Erykah Badu, Lil’ Kim, Mary J. Blige und Missy Elliott gemeinsam? Richtig: Alle sind dieses Jahr mit ihren Alben in diversen Jahrescharts vertreten, alle sind im weitesten Sinne dem Genre R&B zuzuordnen, alle sind schwarz, alle sind Amerikanerinnen, alle sind Frauen. Und alle Gemeinsamkeiten könnten bedeutsam werden, um zu erklären, warum diese Vokalistinnen plötzlich in die geschlossenen Geschmacksphalanxen der Spex-Welt einbrechen konnten. Das ist bekanntlich eine Welt, wo Instrumentalmusik, abstrakte Musik, elektronische Musik und „anonyme“ Musik-Compilations, KünstlerInnen ohne Gesicht und mit Pseudonym, Labelsounds – jeweils in verschiedenen Gattungen und aus unterschiedlichen Traditionen – zuletzt das Geschmacksbild bestimmten. Nun auf einmal Frauen mit expliziten Selbstdarstellungen, präsenten Persönlichkeiten, Profilen, Inhalten, Konkreta, Worten, Biographien.
Aus ihrer Geschichte kennen wir zwei politische Funktionen von Pop-Musik: Erstens die Unterstützung und Stiftung aller möglichen Arten von Gemeinschaften (verschworenen oder lockeren, strategischen oder essentialistischen; marodierende Männermobs oder Hippie-Revolutionäre; durch Nicht-Verbundenheit verbundene nietzscheanische Punks und durch nichts außer gemeinsamer Präsenz am gleichen Ort verbundene Raver – und Millionen Modelle mehr). Zweitens das Zur-Sprache-Bringen, Artikulieren, Formulieren, Repräsentieren neuer Subjektivitäten. Neu heißt: im Kontext der jeweiligen Artikulationsform bisher nicht zugelassen oder vertreten oder aus anderen Gründen abwesend. Nun entsprechen alle diese Modelle einer damals relativ neuen Subjektivitätsformel, die hier vor ein paar Jahren als Hoffnungsträger überwiegend positiv besetzt wurde. Sie sind mehrfach minoritär – selbstverständlich im Deleuzeschen Sinne, nach dem auch eine zahlenmäßige Mehrheit minoritär sein kann, zum Beispiel schwarz und weiblich. Ein erster Gedanke könnte so zu der Cultural-Studies-PC-Lieblingsidee führen, mit dem auch sonst zu beobachtenden Erfolg von R&B kämen nun endlich mehrfach minoritäre Subjektpositionen im großen Stil zu Wort. Nur weiß man heute auch zwei oder drei Dinge mehr über die oben genannten Pop-Politik-Mobilisierungen.
Erstens sind Gemeinschaftsbildungen über Pop zur Zeit fast alle blockiert. Vom deutschen Feuilleton, das zuletzt auch SS-Männer und niedersächsische SPD-Politiker zu Popstars erklären mußte, bis zur Weltsportsware-Marken-Dominanz sind fast alle strategischen Elemente, auf denen solche Gemeinschaften beruhten, durch institutionelle, ökonomische und kulturelle Powers-That-Be virtuos appropriiert worden. Das heißt zwar nicht, daß sich Aussageweisen und Positionen nicht gelegentlich über Umwidmung oder diverse Dekontextualisierungsmanöver vorübergehend erobern ließen – aber um den Preis, daß immer größere inhaltliche und künstlerische Anteile zugunsten von Strategie geopfert werden.
Zweitens ist mittlerweile sehr gut bekannt, daß sich neue Selbste und keck erfundene Sondersubjektivitäten mit kontrollgesellschaftlichen Konditionen bestens vertragen. Sie erlauben es den privilegierten Gliedern der Gesellschaft, sich qua Lifestyle, Verfeinerung und Technologien des Selbsts immer besser und effizienter zu kontrollieren. Der andere Teil, durch Stigmata erkennbar, die kulturelle Differenz anzeigen, wird je nach Bedarf abgeschoben oder von der Stimulanzindustrie ausgebeutet. Diese Grundüberzeugungen im kritischen Diskurs dieser Zeitschrift sind also einerseits darüber unterrichtet, daß Pop-Gemeinschaftsbildung im besten Falle unmöglich geworden ist. Im schlimmeren Falle gehört sie zum Baustein von Defensiv-Rassismen, mit denen sich die Insassen der „Festung Europa“ ihre Identität zimmern. Vor allem die individuellen Strategien tendieren immer nur dazu, dem exzessiven Lifestyle-Konsum eine weitere beliebige und folgenlos käufliche Nischenpraxis zu erschließen.
Was aber, wenn nun die Begeisterung für die erwähnten Künstlerinnen indiziert, daß sich erstens die optimistische PC-Idee von den mehrfach minoritären Subjektpositionen – so richtig sie in politischen Bereichen sein mag – nicht auf das kulturelle Feld übertragen läßt? Und zweitens aber die pessimistischen Diagnosen von den geschwundenen politischen Möglichkeiten der Pop-Musik auf ganz andere Art überholt worden sind?
Zum ersten Punkt: Es ist zwar richtig, daß die Repräsentation einer bislang unrepräsentierten Position nicht nur im institutionell politischen, sondern auch im kulturellen Feld Ermutigungen aussprechen, Ausgrenzungen sichtbar und verhandelbar, im besten Falle auch ihre institutionelle und gesellschaftliche Seite mitkommunizieren kann. So war der erste schwarze Schwergewichtsweltmeister Jack Johnson sicher Träger solcher Hoffnungen und Funktionen. Heute sind schwarze Boxer eher eine Trumpfkarte rassistischer Zuschreibungen, die Schwarze auf eine bestimmte Körperlichkeit festlegt. Mit anderen Worten: Jeder identitätspolitische und repräsentationspolitische Erfolg im kulturellen Bereich hat nur für kurze Zeit die erwünschte politische Bedeutung, bevor er sie verliert. Oft schlägt er sogar in das Gegenteil um und generiert einen neuen Stereotypen, wie an dem vorliegenden Fall besonders deutlich wird.
Nichts würde der Unterschiedlichkeit ihrer künstlerischen Entwürfe mehr Unrecht tun, als diese Frauen vor den Karren eines identitätspolitischen Anliegens zu spannen. Nach einer kurzen Überraschungsphase würde das über die üblichen Regeln in Zuschreibungsdispositive und Stigmata zurückübersetzt. Solche Gewinne auf repräsentationspolitischem Terrain sind im Grunde gar kein „Zu-Wort-Kommen“ im oben gemeinten Sinne, denn dies würde gerade voraussetzen, daß ein künstlerischer Überschuß über die Repräsentationsfunktion hinaus erzielt wird. Korrekt repräsentiert ist eine Gruppe nur dann, wenn die Verschiedenheit ihrer Angehörigen als nicht repräsentierbar repräsentiert ist. „There are eight million stories in this city.“ Darauf wies Aaliyah schon letztes Jahr hin, als sie ihre Platte One In A Million nannte.
So lassen sich die popkünstlerischen Entwürfe und ihre Neuartigkeit nur auf der Ebene lesen, wo sie entstanden sind. Man muß sie als hochindustrialisierte Produkte behandeln, die Elemente aus ausdifferenzierten kollektiven Musikstilen in individuelle Handschriften und individuelle Performances zurückübersetzen. Genau darin liegt, und damit zum zweiten Punkt, auch ihre politische Bedeutung. Die Individuen, die hier vorstellig werden, sind eben nicht die von Technologien des Selbsts zur Selbstkontrolle gelangten, neuen Querdenker-Manager-Typen, sondern eher Vertreterinnen kontingenter und unterschiedlicher persönlicher Bedürfnisse, Weltbilder und Körperpolitiken. Lediglich das durch Biographie und Individualität zusammengehaltene Chaos eines klassischen, verschlampt-ehrgeizigen künstlerischen Lebens prägt ihre Projekte.
Janet Jacksons hochcodierte und heterogene Symbolpolitik hat nicht viel mit Lil’ Kims bratziger Direktheit zu tun. Erykah Badus ebenso brillante wie verquaste Afrozentrismus-Adaption ist von Missy Elliotts virtuoser Hip-Hop-Soul-Version des Stax-Modells genauso weit entfernt wie einst Millie Jackson von Diana Ross. Die ungebrochene, pragmatisch urbane Eleganz einer Aaliyah hat trotz vieler formaler und musikalischer Ähnlichkeiten doch ziemlich wenig mit Mary J. Bliges Aufrufen von überwundener Tragik und Vergangenheit zu tun.
Was alle diese Frauen tatsächlich gemeinsam haben, ist ein Individualismus, der mehr einer alteuropäischen, bürgerlichen Tradition geschuldet ist als Selbsttechnologien, elektronischer Einsamkeit und Cybersubjektivität. Gerade weil diese alte, Rechte und Respekt einfordernde, aber gemeinschaftliche Zumutungen sich verbittende Form von Individualismus keine Rolle in den ideologischen Modellen Blairistischen oder Herzogistischen Zuschnitts mehr spielt, steht es hier plötzlich zur Verfügung.
Natürlich bedeutet dieses Modell in der Umgebung, wo diese Frauen arbeiten, etwas anderes als in den Umgebungen, wo Vorgängermodelle von starken, kontingenten und biographistischen Künstler-Individuen früher eine Rolle gespielt haben. Niemand kann oder will zurück zu Dylan, Ray Davies oder Jim Morrison, erst recht nicht zu Tina Turner oder Janis Joplin, aber auch nicht zu Madonna. Diese neue Umgebung ist von den Kollektivismen des Hip-Hop, einer neuen Geschmeidigkeit des Materials, das Sampling und Cyberkultur ermöglichen, aber auch von den Frontlinien der Identitäts- und Gender-Politik durchzogen.
Doch gegen die zumindest inhaltlich langsam in stumpfes Macho-Milleniums-Geheimgesellschafts-Gebrabbel versinkenden Hip-Hop-Community einerseits und die mit der Autorschaft auch alle Verantwortlichkeiten aufgebenden, hyperspezialisierten und anonymisierten Post-Techno-Kulturen andererseits führen die Jacksons, Bliges und Badus dieser Welt die Möglichkeit des individuell begründeten Einwands symbolisch wieder ein. So kann an einem Ort der Song und die Sängerin wieder leisten, was anderswo schon lange nicht mehr möglich war. Unnötig zu sagen, daß weißen Männern dieses Modell natürlich nicht so ohne weiteres zur Verfügung steht.