Townes Van Zandt und Michael Hurley: Beide sind seit den 60er Jahren dabei, beide werden immer wieder dafür gelobt, daß sie zwar dabei, aber eigentlich nicht dabei waren, kleine Fluchten unternahmen, in beiden Fällen „verschollen“ (was immer das heißen mag: Faxrechnung nicht bezahlt?) gewesen sein sollen, angeblich sogar in Wäldern (das gefällt dem deutschen Gemütsmenschen), nicht bei der Kulturindustrie mittun und so fürchterlich authentisch und aus echter, blutiger Lebenssubstanz geschnitzt sind, daß – für Künstler ohne Major-Vertrag äußerst selten – Zeit, Spiegel und SZ ihre Spalten für diese archaischen Wundertiere ganz weit öffneten und ihre Knut-Hamsun-Segen der Erde-Prosa für feierliche Gelegenheiten anwarfen.
Das bürgerliche Subjekt ist bekanntlich ein gespaltenes Tierchen: Es will grenzenlos erkennen und doch selber (an-)erkannt werden, was seine ursprüngliche Freiheit außer Kraft setzen würde. Es ist unbestimmt, bestimmt den ganzen Tag und will auch noch selber bestimmt (geliebt etc.) werden, was seine herrliche Unbestimmtheit, die es zum Bestimmen braucht, außer Kraft setzen würde.
Für dieses Problem, das immer in Momenten großer Aufbruchsstimmung besonders deutlich wird, erfand man in den späten 60ern den Begriff des Singer/Songwriters: Er sollte qua Aufhebung einer bestimmten kulturindustriellen Arbeitsteilung (die Bands längst aufgehoben hatten) die Zerrissenheit des bürgerlichen Subjekts nach seinem Scheitern als Hippie heilen. Der Singer ist der, der das Erzählte verkörpert, aber er spielt nur, stellt dar, rettet sich so. Dadurch, daß er aber auch der Songwriter ist, haben wir die Gewißheit, daß das bestimmende, freie Subjekt (Songwriter) und das anerkannte, bestimmte, geliebte, unfreie (Singer) identisch sind.
Oder moderner: Beobachter erster und zweiter Ordnung fallen zusammen, wenn Townes Van Zandt, wie auf einem alten Plattencover zu sehen war (Delta Momma Blues), ein Liebespaar, das neben ihm steht, gerade noch beobachtet hat (durch seinen mitwisserischen Gesichtsausdruck klargestellt) und dennoch in die Kamera sieht. Der „Slash“ (/) zwischen Singer und Songwriter war der Moment vor dem Auslösen der Kamera.
Doch die Idee Singer/Songwriter scheiterte daran, daß die Protagonisten nicht heilten, sondern in der Wunde bohrten. Bewerber für den neuen Job waren durch die Bank von narzißtisch gestörter Selbstwahrnehmung gekennzeichnet. Und wenn auch einige von ihnen aus ihrem Symptom Erstaunliches machten, perpetuierten doch die meisten ein Problem, das es schon gab und das daher wenigstens neu benannt werden mußte: „Me-Generation“. Das allgemeine Problem des bürgerlichen Subjekts durchlief nur noch schmerzhafte Wiederholungen einer Aufführung, bei der immer wieder die Aufführenden glaubten, es gehöre ihnen ganz allein.
Die neue Liebe zu den alten Männern nun will das Problem umgehen. Die hier haben ihr Leben schon hinter sich, alle Verletzungen und Zerrissenheiten atmen den versöhnlichen Ton des Imperfekts. Das war alles schon: Im Alter gewinnen sie Ganzheit, werden komplette authentische Charaktere ohne trennenden Slash, denen alles melancholisch verloren, aber doch reif und süß schmeckt. Die Zeit spricht von Orpheus. Diese Ichs tragen schwer an ihrer Substanz, aber sie gehört fraglos ihnen ganz grenzenlos allein und ist ihnen dennoch von außen aus der Welt, als sie einst in ihr noch wandelten (vorzugsweise verschollen in Wäldern), mitgegeben worden.
Die Begeisterung für diese ganzen, authentischen, reifen, alten Individuen bei Leuten, die jünger sind, entspringt dem Wunsch, selber das Leben doch bitte bald hinter sich haben zu wollen. Die Angst vor Verletzungen und Verunsicherungen wiegt schwerer als jede Lust; der Rückblick auf schon erlebte Leiden – ach, wie sie sich an den gehabten Katastrophen Townes Van Zandts laben – scheint attraktiver, als noch etwas erleben zu wollen. Psychologen sprechen da, glaube ich, von Hysterie.
Das Großartige an Michael Hurley und Townes Van Zandt ist, daß sie mich begeistern konnten, obwohl ich 1.) die oben ausgeführten Bedenken hatte, bevor ich ihre Auftritte bei der Popkomm sah, und 2.) normalerweise keine Künstler ertragen kann, die mir, wie zum Beispiel Orpheus, erzählen wollen, wie es in einer Unterwelt aussieht, in der sie gar nicht gewesen sein können.
Hier waren zwei Männer, die nicht einfach das Gegenteil von Kulturindustrie waren (der eine, Townes Van Zandt, total besoffen, traurig, tief und schüchtern; der andere, Michael Hurley, heiter, Zen-weise und bekifft rührend), sondern durchaus ein recht erfahrener Bestandteil von allerlei Verwertungszusammenhängen und Kreativitätsindustrien. Sie waren bloß weder stolz auf ihr relatives Scheitern, benahmen sich wie Outlaws, lehnten geniekünstlermäßig die Kommunikation ab, noch arme Zauseln, die nur darauf warteten, daß ihnen endlich jemand was zusteckt. Sie erzählten – und weit mehr als von Wäldern – von der verstreut-anarchistischen, durchgeknallten, mit Freiräumen genau wie mit Sweatshops durchmarmorierten Landkarte US-amerikanischer Freiheits-, Identitäts- und Bewußtseinsfabriken (Multis und Klitschen und alles dazwischen), um die herum Leben und Lieben anfielen.
Was Townes Van Zandt erzählt, verhält sich dazu, wie sich Franz Jungs Weg nach unten und Georg K. Glasers Geheimnis und Gewalt zu Europas 20. Jahrhundert verhalten. Das Fazit von Jung, am Ende, unten, gleicht dem von Townes Van Zandt am Ende des ersten Song der neuen Platte, „A Song For“: Es sei zu spät noch zu bedauern, daß er nicht stärker gewesen sei. Damit verabschiedet er sich vom Wandern, vom Wege machen, vom „Ramblin’“. Und damit schließt er mit einer Jahrhunderthoffnung der US-Populärkultur so ab, wie Jung mit seiner Vorstellung von verwirklichtem Kommunismus: der Hoffnung, durch „Wandering“ oder „Rambling“ immer wieder weggehen zu können.
Seine total unkorrupte, sanfte Art sollte verhindern, daß Zuhörer anders darauf reagieren, als sein Scheitern als versuchtes, kunstvolles Handeln von höchster Menschlichkeit zu lesen, nicht als die übliche, eitel-hysterische Liste von hippen Heimsuchungen. Daß seine Figuren scheitern, liegt einfach daran, daß überall da, wo man sich nicht verwerten läßt, die geliebten Menschen einfach und einfach so sterben, vor Hunger, Auszehrung, Müdigkeit: „roll over and die …“ („Marie“). Townes Van Zandt vergißt die Primärdaten des Lebens nicht, und möglicherweise macht ihn gerade das wirklich verläßlich uneinnehmbar, resistent gegen Mythisierungen. Sicher nicht glücklicher (das könnte helfen).
Bei Hurley sterben weniger Menschen als bei Townes Van Zandt. Er ist genauso arm, haust in Nichtorten und schlägt sich durch. Aber als Zen-Meister ist er weise genug, nicht irgendwohin zu wollen, sondern halt nur da zu sein, wenn irgendein Zeitgeist ruft. Er schreibt Haiku-Lyrics, braut Bier, ist gesamtkünstlerisch in anderen Medien wie Comics-Zeichnen tätig und schreibt wunderschöne Songs wie „Eyes, Eyes“, die er mit seiner hohen, alten Stimme singt wie ein Geist aus einer Chinese Ghost Story. Sein Folk hat immer die spacige Dimension aller Beatnik-Hervorbringungen, wo Stories wie sein Oldie vom „Werewolf“, dessen Wiederaufführung dieser Platte wohl den Namen gab, immer auch Witze sind.
Ich will keinen von beiden zu Modellen verkürzen, auch wenn dieser denkwürdige Abend das nahelegte (Hurley wäre das gesündere, lebensfähigere Modell irgendeiner, mir auch nicht ganz klaren Altbeatnik-Weisheit), mag sie nicht auf Methoden reduzieren, Ehrlichkeit und/oder Humor als seltsam resistentes Material durch alles Mögliche durchzubringen. Wie auch immer: Beiden ist dies nicht dadurch gelungen, daß sie sich vom Leben fern gehalten hätten. (Männer, die sich nicht vom Leben fernhalten, sind natürlich eine ganz grauenhafte mythologische Erscheinung, aber es gibt sie auch wirklich. Was ist das Leben? Ein Zen-Meister aus Amerika? Grusel, ich kann Zen-Meister nicht ausstehen.)
Es verbietet sich einfach, das Symptom der Beschädigung zu fetischisieren. Wenn aber eine(r) tatsächlich was gerettet hat und dabei beschädigt oder strategisch wurde, muß man das stützen, was gerettet wurde und nicht anbeten (allenfalls bzw. selbstverständlich je nach dem, wo und wer man ist: verbinden), was dabei an Wunden anfiel.