Eine Wand dient dreierlei Funktionen: Bekanntmachen, Töten, Trennen. Man schlägt etwas an die Wand. Oder hängt es an dieselbe. Dies können kurzfristige Neuigkeiten aus aller Welt oder unmittelbarer Nachbarschaft sein, Werbung für irgendetwas oder auch inhaltliche Interventionen, die etwas über den Ort sagen wollen, an oder in dem die betreffende Wand sich befindet. Dies etwa tun ja auch viele Wandbemalungen, Murals, Graffiti etc.
Oder man stellt jemanden an die Wand und erschießt ihn oder sie. Auch wenn diese Hinrichtungsart im Laufe der Geschichte mit vielen anderen konkurrierte, ist sie auf eine sehr bezeichnende Weise in das Vokabular des Volksmunds eingegangen. „Den sollte man an die Wand stellen“, das kommt gleich nach der berüchtigten Redewendung vom „kurzen Prozess“. Die Hinrichtung an der Wand ist eine, die uns schnell, rechtlos, brutal, aber eben auch urban vorkommt. Wir verbinden sie mit Straßenschlachten, dem Krieg in den Städten, den paramilitärischen Gangs und Mafiosi und wir denken an Schnellgerichte oder die spontane Aggression von Offizieren. Die Wand, an die man bei einer solchen Hinrichtung sprichwörtlich gestellt wird, steht auch generell für Ausweglosigkeit und Sackgasse, für etwas, gegen das man auch laufen kann und das einem den Weg auch dann abschneidet, wenn gar kein Hinrichtungskommando in der Nähe ist. Mit der Wand wird die dreidimensionale Welt plötzlich flach, der Körper zerschellt, wird geplättet. Die Wand ist das todbringende Ende, aber eben auch das tote Ende der Sackgasse, der „dead-end street“. Deren Gegensatz ein lebendiges Ende wäre: wo dann etwas (eine Straße) aufhört und etwas anderes (eine andere Straße) beginnt. Die Erschießung an der Wand will symbolisch sicherstellen, dass es kein Leben danach gibt, sei es auf der anderen Seite (der Wand, des Lebens), sei es als Nachruhm.
Schließlich ist die Wand das Bauwerk, das unter verschiedenen anderen Namen („Mauer“, „Zaun“) an so verschiedenen Orten wie Berlin oder Texas, China oder Palästina Eingriffe in das Zusammenleben repräsentiert, aber zugleich auch als Mittel durchführt. Diese Wände wollen eine politische Grenze materiell repräsentieren. Das heißt zum einen, dass man diese ansehen kann, zum anderen, dass sie ihre Funktion nicht nur aufgrund ihrer Gesetzeskraft ausüben, sondern auch durch ihre eigene Materialität als unüberwindbares Hindernis.
Kommunizieren, Kommunikation von einer Seite beenden, Kommunikation von beiden Seiten beenden. Das ist die Linie der Wand. Im Deutschen schafft man sich vieles von dieser Verkettung vom Halse, indem man zumindest den dritten Fall an die Mauer delegiert. Schon lange bevor deren bekannteste Verkörperung fiel, hatte man die „Mauer im Kopf“ als Allzweck-Metapher für Kommunikationsverweigerung und Starrköpfigkeit erfunden. Der später hinzugekommene „Betonkopf“ stammt aus derselben Metaphernfabrik. Alle diese Bilder stammen aus einer geläufigen Vulgärkritik der Ideologie, die davon ausgeht, dass die Menschen sich nur öffnen und eifrig kommunizieren müssten und schon würden sie nicht mehr an verfestigte Vorstellungen glauben. Dass die Leute an das glauben, an was sie glauben, gerade weil sie so viel oder auf eine bestimmte Weise kommunizieren, wird dagegen seltener in Erwägung gezogen.
Martin Kippenberger hat einmal ein Bild „H.D.V.A.D.W.“ genannt, was Kenner mit „Hängt die Verräter an die Wand“ entschlüsselt haben. Er vermischt hier das „Aufhängen“ (als konkurrierende Hinrichtungsart für Verräter) mit dem An-die-Wand-Stellen und natürlich auch dem Aufhängen von Bildern an Wänden – Bilder wären dann Verräter, wofür vieles spricht. Auf dem erwähnten Bild von Kippenberger sieht man ein schwarzes Quadrat in einem sehr großen weißen Rahmen an einer sehr bunten Wand hängen. Das Entscheidende, wenn man Verräter an die Wand hängt, ist also, dass man die Wand irgendwie färbt oder bemalt. Oder sollte man vielleicht eine Wand nur darstellen, auf einem Bild, das man dann an eine solche hängt? Eine weiße oder eine bunte?
Man kann aber auch die Verräter (= Bilder) ganz weglassen. Lang/Baumann bemalen Wände unter dem Oberbegriff Flat, also flach (aber auch Wohnung). Sie lösen das Problem, indem sie es um 90 Grad kippen. Dann liegt die Wandbemalung neben einem bemalten Fußballfeld und alle beide sind zunächst mal flach. Niemand rennt gegen die Wand, dennoch enthält sie Bekanntmachung und Kommunikationsaufforderung, wie es ihrer klassischen Rolle entspricht.
Man kann auch niemanden an sie stellen, weil die Wände von L/B nun auch im Raum Haken schlagen. Noch kann man sich vor sie stellen und sie überblicken und dann mit dem passiven Teil der Kommunikation beginnen. Man muss den Kopf, am besten auch andere Körperteile bewegen, hat dann aber die einmal eingenommene Position aufgegeben. Die Wand ist kein Blickfeld, sie ist eben eine Wand, ein Ende. Sie schränkt ein, weil sie keine symbolische Suspension von Wirklichkeit darstellt, sondern das Symbolische in die Wirklichkeit zwingt.
Aber man kann ihr, im Gegensatz zum Bild, das man der Rezeption überlässt, auch etwas Konkretes und genau Bestimmtes hinzufügen. L/B setzen eine an einer flachen Wand begonnene Linie meist so fort, dass eine andere Wand, meist im 90-Grad-Winkel, auf die erste Wand trifft. Die Antwort auf die Wand geben die Wände: Wohnung oder Labyrinth. So scheinen die dynamischen linearen Kompositionen um die Mauern herumzugehen. Weder reißen sie etwas heroisch ein, noch bringen sie es zu Fall, sie gehen schlau darum herum. So kommt man aus der Wohnung oder dem Labyrinth – oder anderen klassischen Fallen – auch wieder heraus.