Wenn es im Unterholz brennt

Deutscher Wald, deutsche Beats: Techno-DJ Wolfgang Voigt bringt seine GAS-Serie neu heraus

GAS ist kein alltäglicher Tonträger, keine banale Silberscheibe mit ein paar digitalen Daten, die ich mir überall umsonst besorgen kann. GAS ist ein würdiges, massives Objekt. GAS ist eine Box mit 4 CDs und einer Beigabe von Kunstdrucken. GAS ist eine Doppel-LP, die wiederum einen Teil der CD-Box auf fettes, würdiges Vinyl bannt, in einem knorken Klappcover mit magisch-abstrakten Nahaufnahmen von Unterholz. GAS ist aber auch ein großformatiges Buch, nur mit Varianten dieser magischen Unterholz-Bilder bedruckt, die die Ästhetik der ganzen Reihe prägen. GAS ist ein Projekt, verschiedene Produkte, GAS ist Wolfgang Voigt, der DJ- und Produzenten-Veteran des Kölner Minimal-Techno. GAS ist demnächst auch eine Bühnenperformance. Und GAS ist eine Medien-Kampagne, die vor allem im Ausland auf empfängliche Ohren trifft, im Zuge derer Voigt die Worte „Deutschland“, „Wagner“, „Wald“ und – GAS! – in verschiedenen Kombinationen so artikuliert, dass britische Musikschreiber sich um Kopf und Kragen assoziieren.

Als sich die digitale Pop-Musik nach der ersten Techno-Euphorie in den 90er Jahren ausdifferenzierte, hatte man eine Utopie. Die neue digitale Sound-Kultur wollte Abschied nehmen von den großen Expressiven, vom maskulinen Rock-Subjekt, das sich in Arenen und Kneipen ausbreitete, aber auch vom postmodernen Schlaumeiertum. Hier war eine Musik ohne große Subjekte. Die Zauberworte hießen Konnektivität und Funktionalität. So wie sich Techno-Tracks ohne Worte und Bekenntnisse mit den tanzenden Körpern Tausender synchronisierten, sollten die erweiterten elektronischen Tracks und Tapeten Anlässe und Zustände aller Art aufladen und boten sich zur Verknüpfung an, ohne individuellen und psychologischen Unrat, elegant, freundlich und erhaben leer.

Die Absender waren DJs und Musiker, die sich endlos viele Pseudonyme hielten, Wolfgang Voigt zum Beispiel brachte es auf gut ein halbes Dutzend, deren bekanntestes Mike Ink war. Der Fan kaufte sich CDs und Platten auch eher wegen der Labels als wegen der Künstler; wenn es um Urheberschaft ging, wurden Produktionszusammenhänge wichtiger als die üblichen banalen Lebensläufe irgendwelcher westlicher Mittzwanziger. Der digitale Datensatz galt dem avancierten Fan als prinzipiell unabgeschlossen, Remix und Rezeption sollten, der Utopie zufolge, ineinander übergehen. Der abendländische Künstler war auf dem besten Wege, bald ganz abgeschafft und durch eine digitale Schwarm-Kreativität ersetzt zu werden – wäre nicht irgendwann das Geschäftsmodell eingebrochen, das das ganze Projekt trug.

Diesen Zusammenbruch konnte man zwar auch als Vollendung digitalen Datentauschs verstehen. Man vergisst dann aber, dass digitale Unternehmer weiterhin daran verdienen, dass Künstler noch immer Content produzieren, während diese sich andere Überlebensmodelle suchen müssen. Das in Musikerkreisen meistverbreitete ist die Flucht in die Performance, das Zurück zur Tournee-Existenz, an der schon die Jazzmusiker der klassischen Epochen starben wie Fliegen auf Heroin. Diese Strategie kam für die digitale Musik nicht infrage: besondere Performance-Techniken und Attraktionen hatte die sich – jenseits des DJ-Pults – nie erarbeitet.

Die andere Strategie ist die Flucht ins Werkhafte, das Zurück zur Kunst; dafür hat sich etwa Wolfgang Voigt entschieden. Er musste keine Haken schlagen. Das GAS-Projekt ist schon ein gutes Jahrzehnt alt. Die dichten, eleganten Sound-Schraffuren erschienen seit Mitte der 90er unter den Einzeltiteln Gas, Zauberberg, Königsforst und Pop beim damals führenden Label für Intellektuellen-Techno, Mille Plateaux.

Doch Voigt will nicht nur die inzwischen nicht mehr verfügbaren Tracks der Welt erhalten. Er will sie über ein paar schwere Zeichen („Wald“, „Wagner“) an eine andere Rezeption, aber auch eine andere Ökonomie anschließen. Dafür muss er sich nicht verbiegen: Voigt hat schon immer zu Protokoll gegeben, dass es für ihn so was wie „deutsche Beats“ gibt. Dass er eigentlich ein Anhänger klassisch britischen Pop-Glamours ist, stellt für ihn keinen Widerspruch dar – das Wedeln mit Wagner-Samples ist ihm vielmehr dessen deutsches Äquivalent.

Dabei ist schon der Begriff Wagner-Sample der allergrößte Unsinn, denn die extrem kurzen und geloopten Samples, die in diesen Zauberwäldern erklingen, sind ja keine Samples von irgendwelchen Elementen Wagnerscher Tonsetzerei, sondern nichts als ein Fetzen Orchesterklang, eines Orchesters, das zufällig Wagner gespielt hat. Noch weniger stimmt die viel zitierte Voigt-Idee, mit der Bezugnahme auf kleinste Einheiten einer Klassik-Aufnahme habe er die Essenz der Komposition erfasst – es sind allenfalls die kleinsten Bausteine des Orchestersounds. Kompositionen – zumindest die, um die es geht – bestehen im Gegensatz zu postminimalistischer Techno-Musik eben nicht aus ineinander geschachtelten kleinen Einheiten, sondern aus syntaktisch organisierten, großen linearen Formen, deren Essenz, sollte es sowas geben, man kaum erfasst, wenn man sie zerhackt.

Dabei hätte weder die Musik noch die ebenfalls von Voigt verantwortete visuelle Offensive seiner Unterholz-Psychedelik diesen Überbau nötig. Man ist sofort so rundum angetan, aber auch wehmütig gestimmt angesichts des schon einmal erreichten Niveaus dieses tatsächlich nach-subjektiven Attraktions-Sogs, von dem man auch nach 4 CDs nicht lassen mag.

Die beiden Leitideen digitaler Ästhetik, Konnektivität und Immersion, bilden hier fast ein dialektisches Verhältnis: Wenn der warme elektronische Wirbel den Hörer schon ganz schwindlig gemacht hat, wenn man im Strudel aus kosmischem Dub und krautigen Loops in endlos tiefen Sound-Spelunken ganz verschwunden ist, treten wieder die oft sehr zarten, versteckten Beats in den Vordergrund, verknüpfen den Körper mit dieser alles durchdringenden Musik, bieten Handreichungen: Am Ende kann man sich getrost diesem Gewebe überlassen. Ich gehe verloren, aber der Groove hilft wieder nach Haus. (Das Haus allerdings ist unbewohnt, steht im Wald und in Flammen.)

Ausgedachter Überbau ist aber nötig, wenn man heute avancierte Pop-Musik, die von keiner Lobby, sondern nur von Fans und einer lichterloh brennenden Kulturindustrie unterstützt wird, an den Mann, sprich an die Hochkunst-Kundschaft verticken will. Der Autor der Titelgeschichte in der ansonsten bestinformierten britischen Musikzeitung The Wire fuhr so auf Voigts Stories ab, dass er seinen Lesern eine total ernst gemeinte Einführung in die deutsche Kultur gab, die seiner Meinung nach von den Brüdern Grimm bis zu Bruder Anselm Kiefer eine Kultur des Waldes geblieben ist. Dass er dabei die sogenannte Schlacht im Teutoburger Wald vom Jahre 9 ins 9. Jahrhundert verlegt, ist noch lustig; dass er diesen und andere deutschnationale Mythen zuweilen präfaschistischer Provenienz für bare historische Münze nimmt, nur weil der begabteste deutsche Elektroniker ein bisschen irre Imagepflege betreibt, ist, nun ja, ein weiteres Symptom der Krise der Popmusik.

GAS: Nah und Fern (4 CD-Box) (Kompakt Records/Rough Trade)