Whirlpool – Wassermusik (aus Schaum geboren!)

„If you close the door, the night will last forever.“ – Lou Reed

VIELLEICHT …

Dieser Text hat vielleicht nicht so viel mit einer „Band“ (in diesem Falle Whirlpool) zu tun wie andere Spex-Texte mit ihren Bands. Vielleicht ist das nur meine Produktionsweise; oder vielleicht kommt man sich doch zu komisch vor, Leute zu porträtieren, die hier, in Spex, mehr oder weniger jahrelang sich in Texten geäußert haben: Eric D. Clark und Justus Köhnke eher selten, aber doch hin und wieder, Hans Nieswandt rund um die Uhr; vielleicht hat es aber auch was zu tun mit dem, was man denkt, wenn man hört, was eigentlich nur zum Tanzen gedacht war – oder so angefangen hat – und jetzt Alben gebiert. Vielleicht ist dies einfach ein Text nicht über, sondern apropos …

WHIRLPOOL

Apropos Whirlpool scheinen sich viele Fragen zuzuspitzen und manche Probleme zu lösen. Im Gegensatz zu Sebastian Zabel, der in seiner Plattenkritik ehrenwerterweise seine mangelnde Objektivität als Freund der Band zu Protokoll gibt, muß ich, bei aller menschlichen Sympathie für die Band-Members, meine Einschätzung nicht relativieren. Das Werden dieser Band aus einem DJ-Projekt habe ich kaum verfolgt, die Tanzabende mit dem Whirlpool-DJ-Team schienen mir Tanzabende wie andere auch, bei denen man ja seit ein paar Jahren Qualität, spezialisierte und kompetente DJs erwarten kann, deren Service in Sachen Sound und Atmosphäre ich gerne entgegennahm und deren etwas antizyklische anfängliche Spezialisierung auf New-Jersey- oder soulige oder jazzige House-Nächte in den frühen Neunzigern gerade in Köln eine angenehme Abwechslung darstellten. Doch habe ich darin nie etwas Besonderes gesehen, mit dem ich Hoffnungen für die Zukunft der bemannten Musikproduktion verknüpft hätte. Statt dessen haben mich Hans’ Beiträge zur Spex gerade inhaltlich in allerletzter Zeit eher irritiert.

PROBLEM

Alles ist anders und alles ist dasselbe. Die Welt vor elektronischer Tanzmusik und die Welt danach unterscheiden sich so massiv wie die Welt vor und nach den Beatles (und doch hört sich ein Bericht über Clubs in London formal so an wie 1983: Dienstags geht man ins X, das ist im Y, wo sonntags das Z stattfindet). Ein fassungsloser Autor einer seinerzeit hippen medienkritischen Zeitschrift, der Filmkritik, dibberte damals mit einem schnell gefaßten anderen Autor darüber, ob Ornette Colemans Drummer Billy Higgins oder Ringo Starr von den Beatles besser ist. Sowas hat es tatsächlich gegeben. Es ist nicht ganz derselbe Konflikt wie der zwischen Tanzmusik und Zimmermusik, zwischen physisch-manueller und digitaler Produktion, aber manche dieser Debatten, die heute geführt werden, meist unterschwellig, werden uns bald so absurd erscheinen wie der Versuch, diese beiden Menschen über das unpassende tertium comparationis Drummer zu vergleichen. Die massiven Untergründe, Hauptströme, Minder- und Mehrheiten ergreifenden Umwälzungen seit den Triumphen der elektronischen Tanzmusik, also knapp der letzten zehn Jahre, haben auch die Verteilung des kulturellen Kapitals in der Welt der Interpreten und Händler erfaßt und Machtkämpfe entfesselt, die je verbissener geführt werden, desto kleiner die Kuchenstücke sind, um die es geht. Die Panik des Jazz-Fans angesichts der Beatles wiederholt sich bei Hippies angesichts von Punk, bei Alternativ-Kultur wg. Popism, bei Independent-Rock gegenüber Dance, unterscheidet sich aber auch nicht von der Kryptizitäts-Verschärfung, die an Universitäten immer dann zu beobachten war, wenn neue Massen oder neue Sorten Studenten auftauchten. Dem gegenüber stehen Leute, die ihre Investitionen über einige Zeit und einige Umwertungen hinweg stabil halten und im richtigen Moment reinvestieren können.

POPISM UND DANCEISM IN IHREN EPOCHEN

Popism war eine wortlastige, narrative, mythenverliebte Bewegung, Danceism ist eher sprachlos und physisch orientiert, teilt aber mit Popism einige Gegner (Rock, Machos, Authentizismus, Heterosexismus, „Altlinke“), Werte (Party, Style, Hipness, Eleganz, Leichtlebigkeit) und Szenen („visuell orientierte“ Leute, apolitische Typen, andererseits Style-Ideologen, mehr Frauen – zumindest im Publikum, weniger bei den Machern –, schwule Männer, Großstädter, jeunesse dorée). Es war also möglich, die Aktien rüberzuschieben. In dem Maße, in dem Tanzmusiken sich auch mit klassischen politischen Subjekten oder politverdächtigen Szenen und Themen einließen, war es auch für Indie- und HC-Typen leichter, Kapital und Kompetenz zu konvertieren (besonders immer dann, wenn Reggae- oder Hip-Hop-Formen im Spiel waren). Dann kamen Raves, Massenkultur, Maydays, Techno, großes Geld und Charts und das Versprechen/die Drohung einer Inklusion, die alle Wechselkurse und Aktien crashen lassen würde. In dieser Situation haben alle ein Problem, die weder „ausverkaufen“ wollen, noch – popistisch geschult – in die alte Underground-Arroganz progressiver Popmusiken verfallen wollen.

LÖSUNGEN

bietet die erste Whirlpool-Platte gerade für zum Beispiel Hans Nieswandts Problem, sich ständig gegen den Mißbrauch „seiner“ Musik (bis zum Erfinden neuer Namen) abgrenzen zu müssen, deren Botschaft doch andererseits ein total geiles, inklusives Club-Universum sei, das keine Türsteher brauchen müßte. Das führt nicht nur regelmäßig zur Überschätzung der Bedrohung oder des Bedrohten, sondern auch zu einem begrenzten Verlust an politischer Urteilskraft und der Aufgabe des eigenen argumentativen Vorteils gegenüber einer elitistischen Rock-Kritik, bis hin zu unangenehmen Bissigkeiten wie dem borniert-spießigen Anti-Intellektualismus seines Workshop-Artikels (Spex 12/95), der ja auch auf clubbistisch legitimierten Ausschließungsphantasien beruhte: Die verkopften Intellektuellen, die sich nicht amüsieren können, lassen wir ätschbätsch gar nicht erst rein. Dabei beginnt das Whirlpool-Album tatsächlich mit einer engen, leicht spröde-abweisenden, leicht edel-elitären, sehr schönen Streichmusik (zwischen Michael Nyman und Moonshake), die sich plötzlich wie eine Tür öffnet, um durch ein fulminantes, schätzungsweise Barry-White- oder Gamble/Huff-Sample einen weiten, sofortige Befriedigung versprechenden Innenraum zu zeigen, das Paradies der Club-Ideologie, der aber nicht nur weit genug erscheint, um allen Platz zu bieten. Sie zelebriert ein offen-leeres, nur mit physischen Reizen gefülltes Anderssein, das sich eben nicht durch irgendwas Externes (Sprache, Haltung, Ränge, Beziehungen) rechtfertigen muß. Neutral geil: wie das Metall, aus dem der Schmuck gemacht ist, keine Präferenzen für bestimmte Körper(-stellen) kennt. Alle Körper sind eingeladen.

INTIMSCHMUCK?

Doch die Lösung dieses hier noch gar nicht fertig beschriebenen Problems der Ein- und Ausschlüsse führt die Musik nicht einfach über ein paar attraktive Analogien zu ein paar mysteriösen Metaphern herbei. Ich habe nach erstmaligem Brian De Palma-Hören The Big Shorty Rogers Express von Shorty Rogers And His Giants aufgelegt: aus einer anderen Zeit (Fünfziger) und einem anderen Ort (L.A.) genau derselbe universelle, mitreißende Baß, der ungeduldig eine träge Zeit durchquert und eine Tür aufstoßen will. Wir haben es mit Grundsubstanzen von Musik, die wir lieben, zu tun, und wir sollten uns nicht schämen, sie nicht nur aus strategischen Gründen nicht benennen zu wollen, nicht im Stande zu sein, dem Moment einen Namen zu geben, wo jeder willkommen ist, und gerade dadurch die unversöhnlichste Trennung von einer falschen Welt zur Sprache gebracht wird. Letztlich ist schon ein Versprechen exzessiver Körperlichkeit mehr als das, was übliche westliche kapitalistische Wesen ertragen können (ohne Rituale). Selbstverständlich folgt auf Versprechen und Genuß ein Rückzieher, natürlich klappt das alles nicht, aber egal.

WIR, DIE WIR …

Immerzu spürt man zu Recht das Gefühl, die allzu flagranten Fehler und die Folter der Fälschungen beenden oder ausschließen zu wollen. Die Träger dieser Verfälschungen sind Menschen, die einem auf den Sack gehen. Wenn man sich über das eigene Problem nicht im klaren ist, will man nicht nur die falschen Leute ausschließen, sondern macht den generellen Fehler, die Leute, und nicht die in ihren Reden und Körpern zum Ausdruck gebrachten Verhältnisse, zu negieren. Ein einziger Ton Ornette Colemans reicht, um ihn, den Ornette, weißt du, zu erkennen, und er drückt eine Freundlichkeit aus, die so viele, die freundlich sein wollten, nicht aufbringen konnten. Whirlpool haben viele winzige (und einige größere) Elemente in ihre aus lauter rhythmischen Perioden bestehenden Nummern hinein gesampelt, die fast alle in dieser enormen Integrität eines Coleman-Altsaxophon-Tons aufrichtig von sich erzählen, vollkommen in ihrem Glanz und ihrer Würde erhalten bleiben, ohne zum Ornament oder zur Hip-Legitimation abzusacken. Überaus erquickend ist der stete Wechsel zwischen oder die Koexistenz von humanoid (soulful, jazzy, blue notes) und technoid codierten Mustern.

… KONNTEN SELBER …

Der merkwürdig verwirrt-gestörte Narzißmus in so vielen Texten zu geliebter Musik hat mit der Verwechslung der allerdings leicht zu verwechselnden Territorien des Gefühls und des Rechts zu tun. Ein geiles Gefühl bewegt sich immer auf einer grenzenlosen Rechtmäßigkeit. Es wird noch größer, wenn es noch an den Moment erinnert, als man sich dieses Recht zum ersten Mal nahm, against all odds. Das Gefühl erstirbt, wenn es sich verteidigen will oder muß.

HIPNESS UND DIFFERENZ

Es wär vielleicht mal wieder an der Zeit, was für Differenz zu sagen, gerade weil ich hier der Inklusion das Wort rede. Ich rede der Inklusion das Wort, weil es ein Irrtum ist, auf das Problem, vereinnahmt werden zu können (durch Warenästhetik, Plattenfirmen, die eichne Bleedheid, anderer Leute Blödheit, egal), zu reagieren, indem man die gewendete Gegengeste anwendet. Eine falsche Tür geht auf und ich mache die richtige Tür zu: so nicht. Differenz war ein Kampfbegriff derjenigen, die auch als historische Subjekte ihren Teil vom großen Brotlaib der Spielfilm-Inszenierung „Geschichte“ sich schneiden wollten. Das war utopisch, und geschenkt gab es dafür nur ein paar Brosamen aktueller Verhältnisse, wo man als Differenz ein nützlicher Idiot in Segregierungsplänen sein durfte. Du bist also anders, prima, du darfst. Ich denke aber, daß diese Diskreditierung der Differenz nur vorübergehend bleiben wird. Daß sie in die Pläne rechter (Ethnopluralismus) und konservativer (Fortbestehen lassen und Naturalisieren aller möglicher vorhandener Segregationen) Feinde paßte, lag auch daran, daß niemand gesagt hatte, von was denn diese Differenz unterscheidet. Jeweils von dem jeweils Nächstbesten? Von allem? Vom Ganzen? Vom Selben oder vom Anderen? Differenz müßte (und war wahrscheinlich in den 70ern) doch der Name einer Strategie (sein), sich vom immer schon zweiteiligen System aus Zwangstrennung und Zwangsidentifikation zu unterscheiden. Hier haben mir immer Kunstformen gefallen, die aus unversöhnlichen Teilen bestanden, zum Beispiel Text und Musik. Aus diesen beiden entstand Haltung, die hieß Hipness und ist im Laufe der Zeit blind geworden (unter anderem für sich selbst). Leeres Andershandeln (ohne Hipness) ist immer noch das zweitbeste gegen global-einheitlich-falsche Verhältnisse. Gold wird gerade nicht vergeben. Viele bauen sich heute ihre Differenzmaschinen nur noch aus anderer Musik und anderem Text.

„BRIAN DE PALMA“

Es geht aber auch noch anders: Der Name der Whirlpool-Platte Brian De Palma könnte auf Räumlichkeit und Vielschichtigkeit verweisen, die beiden Domänen des gleichnamigen Meisters. Von beidem hat die Platte im strengen Sinne nicht viel. Eher hat sie ein Paradigma, das wie der Song oder die räumliche Darstellung oder der Groove irre viel aufnehmen kann, ohne daß dessen Eigenlogik Schaden nimmt. (Justus Köhnke nennt dieses Paradigma „die Leinwand“, Hans ergänzt, es sei „House, aber nicht als Jugendbewegung, sondern als ein Tempo, auf das man sich einigen kann und das irre viel aufnehmen kann.“) Dieses musikalische Paradigma besteht aus einerseits den üblichen, leicht erweiterten Tanzbeats (ist insofern noch nichts neues, zeigt aber neue Wege, das schon Vorhandene zu nutzen), andererseits aus einer Kohärenz der Freundlichkeit: Die Bereitschaft, „auf den Hörer zuzugehen“ (Schleswig-Holstein-Musikfestival), erscheint verläßlich über die Platte verteilt und von innerer Logik bestimmt. Die gelegentlich auftauchenden, fast dummen Witze (Außenweltzitate) bleiben undumm, indem sie einfach nur nett sind. Die rasant-progressistischen Tracks (die Sebi an Neu nicht zu Unrecht haben denken lassen) laden aber auch zu einer anderen, organischen Deutung ein. Durch sie bleibt noch ein anderer Außenbezug der Platte klar, eine Art bedrohliche Kälte der Geschichte. Das bringt uns noch enger zusammen. Aber wir wissen jetzt auch warum.

ERLEBNISSE, DIE SICH NICHT ALS KRIEGE ERINNERN LASSEN

Von Hans und Justus weiß man, eher als von Eric, daß sie in Hipness und Popism investiert hatten. Ich hatte immer Probleme mit dem popistischen Anteil an Dance, weil er mir nicht aus der Geschichte des Popism gelernt zu haben scheint. Umgekehrt könnte man mir vorwerfen, aus diesem Scheitern nur die Konsequenz gezogen zu haben, mich an den verglimmenden Feuern vorangegangener Modelle (Song, Punk, Jazz, Politik) zu wärmen. So sehr ich dies bestreiten würde, so sehr kann man doch beiden Positionen vorwerfen, sie seien in ihrer Strategizität locker an einigen zeitgenössischen Phänomenen vorbeigerauscht. Ich hatte zwar noch nie Spaß daran, vom allerersten Moment an bei einer Bewegung dabeizusein (weil ich meine literarische Absicherung in Form von eigenen oder fremden Regie-Anweisungen brauche, bevor ich eine Szene genießen kann), aber dieses Dabeiseinkönnen als Fähigkeit, die mir zum Beispiel fehlt, trägt natürlich die ganze Utopiefähigkeit. Diese Fähigkeit ist auch der Rohstoff von Hipness in ihrer alten, klassisch-schönen Funktion als noch unkorrumpierte, unschuldige Differenzmaschine. Sie stellt eine Differenz dar, auf die man stolz sein durfte, weil sie die Fähigkeit zur vollständigen Negation in einem utopischen Moment als menschliches Potential darstellt. Der Stolz, bei etwas dabeigewesen zu sein, ist gleichzeitig aber schon der Kern des Untergangs jeden politischen Denkens: Wer etwas erlebt hat, glaubt in der Regel, das Erlebnis sei aussagekräftiger als intellektuell erschließbare Zusammenhänge. Hipness war also eine gefährliche, gleichzeitig potentiell funktionstüchtige, wunderbar formschöne Differenzmaschine. Untergegangen ist sie heute gerade als solche. Hipness produziert immerzu dieselbe Struktur: Clubs, ihre Parteilokale, die immergleiche Sozialität. Dabei wäre eine Differenzmaschine – so wie sie heute gebraucht wird, welche die gigantischen Inklusionsbewegungen mitbedenkt, die Techno und Rave verursacht haben – unbedingt nötig. Weder der Zigarettenindustrie klein beigeben noch diese gigantischen Energieströme auf der anderen Seite der Differenz die Teppichböden der Trübtassigkeit durchfeuchten lassen! Von der Whirlpool-Platte geht einerseits das Signal aus, daß jetzt auch Collectionen von Dance-Stücken in Alben ausgegeben werden (es ist ja nicht das erste Beispiel), andererseits sophisticatede, albumorientierte Tanzmusik immer noch ihre Kicks von inklusionistischen Ideen bezieht. Wenn die Differenz zum alles regulierenden segregationistischen Prinzip die totale Inklusion wäre, dann wäre Differenz endlich da angekommen und aufgehoben, wo wir sie haben wollten, in einer Bewegung gegen das Bestehende, die sich nicht mit erträglichen Distanzen zu unerträglichen Menschen und Fakten im Vorläufigen zufriedengibt. Und dann könnte sogar das Kleinbürgerkind, das seinen ganzen Stolz auf sein natürlich unmögliches Anderssein begründet, für eine Weile sein Bedürfnis befriedigen, indem es alle von Abschiebung Verfolgten in seinen Plüschclubs unterbringt. Sisters and Brothers. Ich halte Whirlpool zugute, daß sie, obwohl sie alle einseitig dem Uplifting-Aspekt von Musik zuneigen (der ja auch dringend Stärkung benötigt), keine Hymnen geschrieben haben. Ihre Platte klingt eher angemessen befreiend und angemessen frei: Nur so kommt man wirklich dahin, wo nicht wieder nur Erlebnisse entstehen, die eines Tages wieder nur als Ersatz für Kriegserinnerungen erzählt werden.

ARCHIV UND KÖRPER

„I don’t want no retrospective“ (Ed Ruscha). Dieses Heft steht im Zeichen von Retrospektivität. Das endgültige und für alle erkennbare Ende von Hipness scheint mir die Easy-Listening-Pest zu signalisieren. Und als ich hörte, daß Pizzicato Five aufs Cover sollten, wollte ich schon meinen Gesellschafteranteil an diesem Laden an Heiner Geißler und Günther Jacob verteilen. Hipness, die Easy-Listening-Retros hervorbringt, ist diese rein formale Wiederholung einer Struktur, ein sinnentleertes Schauspiel, das ein immer größeres und immer zugänglicheres Archiv (eine an sich ganz besonders feine Sache!) in nächster Zeit immer häufiger und immer leerer neu hervorbringen wird, so wie sich ein voller Darm auch dann noch gelegentlich entleert, wenn die anderen Körperfunktionen erloschen sind (jedenfalls bei der dem Konsumisten unserer Tage ja eh besonders ähnlichen Seegurke). Diese Hipness reißt keine Mauern ein und baut andere auf, schafft weder Distanzen und Annäherungen noch Liebe und Haß, sondern verschafft nur den ohnehin stattfindenden klassenspezifischen Ausdifferenzierungen in bestimmten Lebensphasen leicht begehbare Trampelpfade. Was, Sie haben immer noch keinen Geschmack? Hier wäre etwas „Stil“ und auch das andere, das Sie so gerne haben: „Attitude“. Was kann man sonst mit dem riesigen Archiv machen, wenn nicht retrospektieren? Das Gegenmodell wäre ja ein Zurück zu dem, was wir uns nicht aussuchen können: Was wäre das? Unser Körper? Irgendwann landen bekanntlich alle Identitätspolitiken an diesem Punkt, das heißt dann Geschlecht, sexuelle Identität, Ethnie, „Rasse“ oder sonstwas. Vergiß es! (So verständlich und begrenzt richtig das hier und dort gewesen sein mag.) Um unsere Differenzmaschine zu bauen, die weder leer-warenförmig und unpolitisch-clubbistisch, noch borniert-arrogant-bildungsbürgerlich sein soll, brauchen wir nicht irgendeinen gegebenen Körper, sondern das Potential, sich gerade per endloses Archiv einen neuen zu bauen. Musik, wie Whirlpool sie machen, war in diesen Breiten bis vor kurzer Zeit total unglaubwürdig. Selbst die Beteiligung von Amerikanern, wie hier Eric D. Clark, hätte normalerweise nicht davor geschützt, daß jede Tanzmusik aus Deutschland niemals amtlich, sondern immer nur zickig, anders, deutsch, eckig war. Das höchste der Gefühle war es, diese Manki positiv zu wenden, wie die Linie Kraftwerk-DAF-Brettertechno es versuchte. Was jetzt möglich ist, klingt wie der Traum jedes Plattensammlers und Punkrockers: Das Beherrschen des Archivs macht dich zum amtlichen Benutzer deines Körpers. Du swingst wegen auswendig gelernter Recording Dates. Und ich sage euch, Brian De Palma swingt. Keine natürliche Grazie und keine Fitnessstudios, weder Sex- noch Dribbelkünste entscheiden über deinen Groove, sondern wie Archiv-wise du bist.

WARUM ICH SO GUTE PLATTEN HÖRE

Tja schön wär’s. Beziehungsweise grauenvoll. Es geht aber vielmehr darum, die wichtigen und wichtig bleibenden Platten des Archivs (also Ornette Coleman) und die unwichtig-kuriosen, kontingenten Sounds (Easy Listening) zu mischen, einen Sinn zu haben für die Koexistenz von Hierarchie und Antihierarchie. Nicht abschaffen, was als Gott der Geschichte Plätze verteilt hat, die auch zukünftige Bedeutungen von Sounds und Samples regeln. Und doch etwas dagegen tun. Wichtig und Unwichtig genauso gleich behandeln wie entgegengesetzte Bedeutungen von historisch codierten Sounds, aber nicht nivellieren. Hans sagt auch, sie wollten im Grunde Leute darauf hinweisen, was für tolle Musik sie noch nicht kennen. Die Platte ist trotz aller Neuartigkeit wieder so eine DJ-Platte im allerältesten Sinne von Plattenplauderern.

WIE MAN MIT DEM HAMMER SAMPELT

Das heißt, nicht wer das meiste kennt und wer am abgedrehtesten zusammensucht, sondern wer (als erster) endlich aufhört, Retrospektiven zu inszenieren und Bilder und Dramen und andere Totalitäten rüberretten zu wollen, sondern stattdessen anfängt, die Daten in ihrer Mischung aus reiner Kontingenz und irrer (und irre wichtiger) Historizität würdig zu behandeln, hat gewonnen. Nach Ordnungen, die nicht einfach nur verweisend, hierarchisch etc. sind. Das Archiv gehört zum Körper. Der weiß das, der kennt seine Geschichte, der braucht die Rationalisierungen irgendwelcher Epochen und anderer hierarchischer Periodisierungen nicht. Dem reicht’s schon lange. Und das heißt nicht, daß er jetzt nur noch nächtelang zur Erschöpfung getrieben werden möchte. Whirlpool reden viel von Disco, das sie Disko schreiben. Warum das, das gibt’s doch gar nicht mehr? Doch, als Erinnerung, als Ort der Unschuld und als Krypta großer gestorbener Produzenten wie Larry Levan oder Dan Hartman. Disco also als das Folk von House.

SPASS PERFECT 6.0

Einem Gerücht zufolge soll Hans Nieswandt neulich in der Spex-Redaktion in einem Nebensatz geäußert haben, er habe mit seinen Leuten da eine Platte gemacht, die sei besser als die von Blumfeld. Die Blumfeld-Fans und -ExegetInnen in der Spex-Redaktion haben natürlich nur still mit dem Kopf geschüttelt und gewartet, daß der Verrückte von was anderem redet. Ich meinerseits habe die Geschichte nur kolportiert, weil in diesem Jahr alles, was in Spex debattiert wird, an der letzten Blumfeld aufgehängt wird, und ich da nicht ausscheren will. Interessant ist an dieser Geschichte, ob sie denn nun stimmt oder nicht, nicht der unmittelbare Vergleich zwischen diesen beiden Platten, eine Nessel, für die ich nicht das Fetttöpfchen spielen werde. Interessant sind eher zwei historische Momente: Das Auftauchen dieser Whirlpool-Platte ist komplementär zum Auftauchen der ersten Blumfeld-Lebenszeichen vor ein paar Jahren zu sehen. Damals, auf der ersten Blumfeld-Platte, war die Erfindung des Begriffs „Spaßtyrann“ und die entschlossene Bereitschaft zum Widerstand gegen sein Regime für mich das zentrale Ereignis. Wahrlich, dieser Kerl in uns allen hatte lange genug ein bodenlos-unpolitisch bedenkenloses Gefasel gefördert und belohnt. Heute läßt sich die Situation zwar nicht einfach umdrehen und analog der Kopf des Reflexionstyrannen fordern (das wäre dann zu nahe an genau jenem Anti-Intellektualismus, den ich ebenso unerträglich finde, wie es mir ein Rätsel ist, was ausgerechnet an der neuen Dorau so doll oder besser als alles andere sein soll, wie Whirlpool-Spokespeople nicht müde werden zu wiederholen und für den sie Opening Act waren): Dafür ist auch die Whirlpool-Platte viel zu sehr Diskurs-Disco. Aber daß einer gewissen ebenso bodenlosen, endlosen, um sich selbst kreisenden Reflexion ohne Publikum, ohne Anliegen, ja eben auch trotz aller gegenteiligen Bekundungen: ohne Politik, wieder etwas gegenübergestellt, ergänzt, hinzugefügt werden muß, ist tatsächlich ein Gebot der Stunde. Wenigstens, oh, in Spex, kleiner Mittelpunkt der Welt!

JACUZZI

Whirlpool bestehen aus – Hans Nieswandt. Ihr kennt ihn. Er hat vor ein paar Jahren seine Rickenbacker in einer Kleinanzeige zum Tausch gegen zwei Technics angeboten. Das zeigt, wie es ihm gefällt, die Regelung seiner alltäglichen Angelegenheiten als eine Aneinanderreihung von Zeichen der Zeit zu organisieren. – Justus Köhnke hat die Ahnung von Computern und ist als DJ eher der narrative, Platten vorführende als Atmosphäre schaffende Typ. Neulich war er im i-D (auf einem Wolfgang-Tillmans-Foto) verknotet mit seinem Freund auf einem Kölner Platz abgebildet. – Eric D. Clark kommt aus San Francisco und ist einer der wenigen Menschen auf diesem Planeten, den wirklich jeder mag, der ihn getroffen hat. Er hat in Paris gewohnt und kannte Leute, die haitianische Restaurants besitzen. Wenn man ein Leben, in dem Paris und karibische Küche vorkommen, gegen Köln eintauscht, muß die musikalische Seite dieses Lebens schon ganz schön zufriedenstellend sein. – Fred Heimermann, den ich nicht näher kenne. Dann haben sie eine Thanks-Liste, die befreundete Menschheit hierarchisch in „Disco“, „Superdisco“ etc. einsortiert. Und widmen die Platte allen alten und neuen Kindern. Nichts gegen die neuen, die nichts dafür können, aber Kinder im Manne? Lieber nicht. Ich widme diesen Artikel den Freunden und Nachbarn. Aber was sage ich? Dieser Artikel hat absolut keinen Wert, wenn man ihn mit dem Booklet von Felix Reidenbach vergleicht. Dieses ist wirklich eine präzise, visuelle Darstellung von allem, was diese Platte enthalten und auslösen könnte. Ja, diese Hülle enthält sogar, würde ich sagen, Lob und Kritik. Was kann man da noch schreiben?

SCHWIMMBAD

Ich finde, der Whirlpool ist ein einsamer, luxuriöser Ort schnafter Verschwendung, aber keine gute Metapher für gute, neue soziale Orte. Eher halte ich das normale Hallenbad für eine geeignete Metapher: Hier schwimmen alle Schichten und Klassen, aber doch durchaus immer ihre, aus welchen Gründen auch immer etwas extremeren, tätowierteren, Tanga tragenderen VertreterInnen. Sie schaffen sich ohne viel äußere Anleitung Gesetze, weil sie miteinander umgehen. Und das in Momenten größter körperlicher Verausgabung und allfälliger ozeanischer Gefühle! Dig it? Sie kommen sich in die Quere, ins Gehege und ins Gemächt, stellen einander Beine in Momenten höchster Lust und Konzentration und Kraftanstrengung. Nur selten rammen sich zwei frontal. Erstaunt sieht man sich an, ein bißchen wutentbrannt, aber vor allem entsetzt, daß das selbstverständliche Aneinandervorbeischwimmen einmal nicht geklappt hat. Die Hierarchien der Kraft, der Körpergröße, des Selbstbewußtseins, der Übersicht, des Alters, der Geschlechter etc. sind durchaus auch hier noch vorhanden, aber sie regeln nicht (allein) das Miteinander. Das Wasser spielt eine Rolle und der je unterschiedliche Umgang mit der eigenen Verausgabung. Neue Harmonien werden ausprobiert. Kinder verstehen das nicht (wollen immer nur Arschbombe). Für die Musik (speziell die von Whirlpool) aber finde ich Whirlpool ein schönes Bild. Das Verwirbeln von kleinen, erkennbaren Einheiten, Tropfen und Abertropfen, in eine bei aller Mannigfaltigkeit sehr eindeutige, lineare Bewegung, ist genau das, was auf Brian De Palma passiert. Dann erhebt sich eine Welle, die Bewegungsrichtung geht verloren, etwas wird aus Schaum geboren. Das haben sie vermutlich so gewollt.

GEWINNCHANCE

Wem die 16 versteckten strukturellen Ähnlichkeiten dieses Artikels zu dem Goldene-Zitronen-Artikel vom August auffallen, gewinnt ein 1.000-Meter-Brust-Wettschwimmen mit dem Verfasser.