Ich bin eigentlich kein großer Freund der Ordnung. Kleidung, Post und Zeitungen fliegen bei mir durcheinander: Einladungskarten, fremde Währungen und Reiseunterlagen stapeln sich zu unguten Haufen äußerst heterogener Gestalt auf Tischen, Sideboards und Fußböden. Sobald aber die Dinge die Horizontale verlassen, ändert sich meine Einstellung. Regale, deren Inhalt nicht einem ausgeklügelten Ordnungssystem gehorcht, kann ich nicht ertragen. Hier darf nun gerade nichts abgelegt oder abgestellt werden. Ein Autor, der nicht an der richtigen Stelle im Alphabet des Bücherregals steht, ist verloren. Falsch eingeordnet zu sein ist schlimmer als tot. Man bleibt für immer verschollen, niemand wird je das Schicksal eines Buches rekonstruieren können, das falsch platziert wurde. Jeder Gletscher gibt seine Beute früher preis als ein Bücherregal den oft nur geringfügig falsch einsortierten Folianten.
In meinem Falle handelt es sich aber nicht nur um Bücher, sondern um Bücher, CDs und Schallplatten. Dreierlei Objekte, die aber eines gemeinsam haben (Sonderfälle wie CD-Box-Sets eingerechnet): Sie erheben sich selten über eine Höhe von 35 cm. Unter zehntausend Tonträgern und ebenso vielen Büchern, inklusive Kunst-Katalogen und Coffee-Table-Wälzern, besitze ich exakt fünf, die dieses Maß brechen: ein Atlas, den ich von meinem Großvater geerbt habe, ein Time-Life-Bildband, den meine Tante in den 1950er-Jahren erworben und mir in den 60ern geschenkt hat, die gesammelten Reprints von Andy Warhols Interview, eine Architektur-Angeberei und eine exzentrische Katalogbox eines profilneurotischen bayerischen Kunstvereins. Insofern ist mit diesem Standard schon eine Menge gewonnen, zumal Schallplatten mit ihren 30 cm gut Platz finden – bei CDs muss man sich was einfallen lassen.
Schwieriger wird es mit den Sachgebieten. Bei Büchern scheint es eine Unterscheidung zu geben, die zumindest in den englischsprachigen Ländern die gesamte Welt in zwei säuberlich geschiedene Hälften teilt: Fiction / Non-Fiction. Man könnte sich einfach ihrer bedienen und zwei große Alphabete bilden, das eine für die schöne Literatur, das andere für die Sachbücher. Doch sehr weit kommen wir damit nicht. Zum einen, weil der Geist, vor allem der französische, frei ist und sich an die englische Unterscheidung nicht hält. Georges Bataille, Michel Leiris, Jean-Paul Sartre, Pierre Klossowski haben Romane und Abhandlungen, wissenschaftliche und poetische Bücher geschrieben – und auch außerhalb des französischen Sprachraums haben Hubert Fichte, James Baldwin, Rafael Sánchez Ferlosio, David Foster Wallace oder Octavio Paz – neben vielen anderen – die Grenze zwischen Fiction und Non-Fiction nicht nur in ihrem Werkganzen, sondern oft schon in einzelnen Texten nicht respektiert.
Doch zum anderen gibt es ein noch größeres Problem als die Aufteilung eines Autors und seines Werks auf zwei Regale. Ein Autorname hilft mir nicht viel, wenn ich eine Sachinformation suche; denn in der Regel geht es mir dann um ein bestimmtes Gebiet des Wissens, eine Disziplin, nicht um eine Person. Man müsste also einen Weg finden, die Wissensgebiete als solche so zu sortieren, dass sie aus kleinen übersichtlichen Sacheinheiten bestehen, die in sich überschaubar bleiben, so dass man sich innerhalb eines solchen Gebietes mit bloßem Auge zurechtfindet. Und ungefähr so machen es ja auch allgemeine und öffentliche Bücherhallen und Bibliotheken. Aber natürlich habe ich keine allgemeine Bibliothek, sondern eine, die meinen Interessen und Forschungsgebieten entspricht – und in diesen kenne ich mich auch ein bisschen aus. Ich brauche nicht allgemein nach Gegenständen zu suchen, die meisten Wissenseinheiten sind für mich durchaus mit Namen verbunden. Hinzu kommt, dass gerade in den Geisteswissenschaften, in der Philosophie, der zeitgenössischen Gesellschaftstheorie Namen und die dazugehörigen Personen das zentrale Orientierungsmerkmal sind. Ich schaue auf der Suche nach Texten von Stuart Hall, Jacques Derrida oder Theodor Adorno nicht bei theoretischer Soziologie, klassischer Philosophie, Komparatistik, Ethnografie und Musikwissenschaft nach, obwohl die Betreffenden in diesen und anderen Feldern unterwegs waren, sondern orientiere mich an ihren Namen: Ich weiß, bei wem etwas stand, nicht in welchem Gebiet ich etwas Bestimmtes gelesen habe.
Was folgt daraus? Ich habe ein nach Personen geordnetes Fiction– und ein nach Personen geordnetes Non-Fiction-Regal. Bon. Aber bei bestimmten Spezialgebieten wie afroamerikanische Literaturwissenschaft, spanische Literatur und Kultur, Feminismus und technische Medien, Performance-Theorie, Jazz-Theorie etc. schaue ich nicht nach Namen. Die Autoren, die ich hierzu lese, sind so spezialisiert, wie ihre Gebiete oft isoliert sind. Sie arbeiten nicht am Ruhm und der Karriere eines öffentlichen Intellektuellen, sondern daran, einem von ihnen präzis erkannten und begrenzten Problemgebiet eine entscheidende neue Erkenntnis zu schenken. Ihre Namen vergessen wir schnell, wir hören sie zu selten. Aber ihre Bücher brauchen wir auch und müssen sie finden. Also gibt es neben den beiden großen Hauptströmen von nach Namen geordneter, alphabetisch sortierter Fiction und Non-Fiction circa 30 kleinere Regal-Teile oder Mini-Regale, die einem solchen Sachgebiet gewidmet sind.
Elegant ist das nicht, mehr als ein Kriterium zu verwenden. Man begibt sich zwangsläufig in ein Gebiet, wo man Äpfel, Obst, kugelförmige essbare Objekte und grüne Bälle in unterschiedliche Körbe einordnet. Das wird bei der Musik aber noch viel schlimmer. Was für gemütliche Tage waren es, als es bei mir zu Hause ein Rock- und ein Jazz-Regal gab und ein kleineres für Klassik? Von Rock’n’Roll über Beat und Pop der 60er, Progressive, Blues-Rock, Punk und Hardcore, Indie- und Alternative-Rock, auch Soul, Funk – alles passte ins Rock-Regal; New Orleans, Swing, Bop, Third Stream, Free Jazz, Improv, Fusion ging alles zu Jazz, jeweils alphabetisch nach dem Nachnamen oder Bandnamen. Doch schon Reggae, später Hip-Hop und Techno, mit ihrer völlig anderen Idee von Autorschaft, sprengten diese Ordnung: Es gab Hip-Hop-Platten, die wegen ihres Autors wichtig waren, andere kaufte man, weil sie für eine Stadt oder ein Recording Studio standen; letzteres war vor allem bei Reggae wichtig. Techno sortierte ich fast immer nach Label oder Stadt. New Jersey House hatte eine andere Ecke als Chicago House, Ambient und Illbient strebten auseinander, Intelligent Techno wollte anders behandelt werden als Electronic Body Music. Keine Frage, dass jedes dieser Sub-Genres im nächsten Jahrzehnt weitere Sub-Genres gebar. Obwohl diese sich oft wieder an irgendetwas Früheres annäherten, sorgte das notorisch schlechte Gedächtnis der Subkulturen dafür, dass sich alles neu anfühlte und einsortiert werden wollte.
Manchmal keimte die Hoffnung auf, es gäbe so etwas wie abgeschlossene Sammelgebiete. Irgendwann wollte ich mal Rock und Hip-Hop schließen, interessierte mich nicht mehr. Doch ich hatte meine Rechnung ohne die Erneuerungskräfte, nicht zuletzt der aus Retro-Bewegungen entstandenen, gemacht. Hinzu kam, dass schon Ende der 1990er immer mehr Einzelakteure aus dem Zusammenhang von Techno und digitaler elektronischer Musik hervorgegangen waren, die sich nun immer mehr an experimenteller Musik orientierten und plötzlich in der E-Musik der 1950er- und 1960er-Jahre ihre Vorbilder fanden. Da schwoll der experimentelle Sektor des Klassikfaches derart an, dass man irgendwann auch diese Kategorie nicht mehr halten konnte und sie auseinanderbrach. Zumal in jeder Kategorie andere Verständnisse von Autorschaft gelten: Viele Klassiksammler sortieren ja auch nach Interpreten, ich bisher nur nach Komponisten, das meiste war eh 20. Jahrhundert und oft unter Beteiligung der Komponisten eingespielt. Die Konvergenz von Ensemble-basierten, ja improvisierenden oder programmierenden Verfahren im E-Musik-Bereich macht es schwer, dieses Prinzip aufrechtzuerhalten.
An allen Fronten: Die lebendige Wirklichkeit kultureller Praxis kämpft gegen meine Ordnungssysteme. Irgendeine große Reform der Kategorienbildung steht unmittelbar bevor. Doch die Erfahrung lehrt eines: Jede neue Kategorie ist instabiler als die jeweils ältere. Die neuen Kategorien, weil sie so fein und historisch präzise entwickelt worden sind, altern schnell und bringen wieder neue hervor: eine Inflation. Die alten Kategorien – Rock, Jazz, Klassik – nehmen immer noch gut 75 Prozent der Bestände auf, sowie Fiction und Non-Fiction. Was tun?