„They say that art killed Pollock / as if that could be / in fact he missed a bend / and drove his Ford into a tree.“
The Red Crayola With Art & Language
„When I heard this car barrel-assing down the road, I said: ‚That fool isn’t going to make the curve.‘“
Unfallzeuge, Lastwagenfahrer
„Jackson was very important, but – how do I say it? He did a lot, but he didn’t do enough; he didn’t live long enough, Jackson.“
Willem de Kooning, Maler, über 80
Auf den Tag 30 Jahre bevor ich dies schreibe, vollendete sich die amerikanische Nachkriegskunstlegende, Jackson Pollock, der erste modern-massenmedial-durchmythisierte Künstler, „Jack the Dripper“, der James Dean der Kunst, ganz im Sinne der Erfinder solcher Legenden von „selbst-destruktiven Künstlern“, mit einem, den behaupteten notwendigen individualistischen Wahnsinn der Kunst angeblich beweisenden, auf die härteste denkbare Weise als Kunstdetail ins Leben eingreifenden, nämlich es beendenden Unfalltod.
Mit Pollock beginnt die Geschichte der Kunst, wie wir sie kennen. Der erfolgreichste Maler ist der, der stumpf, versoffen und viehisch genug ist, sich den Sinnstiftern willenlos (heutzutage: verschmitzt und pfiffig) auszuliefern. Pollock, einst ein mittlerer Picasso-Epigone, ist im Prinzip eine Erfindung des Theoretikers Clement Greenberg und der notorischen Peggy (Guggenheim) und der Selbstfindung des amerikanischen Kunstmarktes als Messe selbsternannter, sogenannter eruptiver, sogenannter selbstdestruktiver Gewalt (wie sie nunmal das Herz des Bourgeois erfreut, wenn er die Gelegenheit bekommt, sich so viel mehr und dazu noch ritualisiert Bedrohliches kaufen zu können als ein einfaches Bild). „Jackson Pollock was the artist of the Marshall plan / He began to break ice for artists when the cold war began“ (Red Crayola / Art & Language) Pollocks so gut verwertbare Erfindung war die überaus offensichtliche Umsetzung seines viehisch-rauflustigen-versoffenen Charakters in eine künstlerische Methode, das sogenannte Action Painting. Das Gute (mithin Schöne) daran war, daß man es sehen konnte als – mal wieder (damals noch nicht so oft vorgekommen) – einen Versuch, der Kunst ein Ende zu bereiten (woran Pollock schön exemplarisch gescheitert ist: die Kunst überlebte, sogar seine, als ganz besonders fiese Erbauungsscheiße, er nicht, auch seine Absichten kaum). Was man auch sehen konnte, und was als Lerneffekt bleibt, gerade in der Pop-Musik täglich aufs neue beweisbar, ist, daß ein stumpfes, seine Frau verprügelndes Arschloch, das eine Masche gefunden hat (meinetwegen: gute Idee gehabt), aus so einer Masche, hartnäckig und versoffen, mehr macht als ein fauler Intellektueller. Man kann Pollock-Bilder noch immer mit Gewinn betrachten, man kann sie hören, wie den Jazz, den der Künstler, glaubt man seinem Mythos, bei der Arbeit gehört hat. In Wahrheit war es nur Dixieland. Pollock glaubte allen Ernstes an C.G. Jung (wie alle schlechten amerikanischen Künstler und Rock-Musiker), aber eine gewisse stumpfsinnige, renitente Hartnäckigkeit kann aus den schwächsten Gedanken unter Umständen gute Kunst machen.
Man kann alles über den in Wirklichkeit Elvis der Kunst auf die unterhaltsamste Art studieren in Jeffrey Potters Buch To A Violent Grave. Ein Werk aus dem neuerdings in Amerika sehr populären Genre „Oral Biography“, das also, wie z. B. auch das Buch über Edie Sedgwick von George Plimpton und Jean Stein, ausschließlich aus Äußerungen und Statements von Zeitgenossen besteht (so daß man sehr viel mehr erfährt über die Epoche, oft aus den Worten ihrer Größten, als über den armen Teufel, den allerdings der Verfasser in seinen Vorreden und verbindenden Texten rückhaltlos verehrt). Ich habe DM 56,80 dafür bezahlt, und immer, wenn ich das für ein Buch ausgebe (Obergrenze), habe ich auch was davon: Pollock trat in mein Leben, als für das Cover von Ornette Colemans legendäre Free Jazz-LP sein Gemälde „White Light“ verwendet wurde. Tatsächlich war er in der Malerei der Free Jazz (nur ohne dessen Feinheiten wie bei Coleman), aber er blieb auch bis heute der gräßliche Mythos (von Unterbewußtsein, Tiefe, Wahnsinn und Intensität), gegen den es sich lohnte, Warhol zu werden, aber dann wiederum wird er, so wie andere eher schwache US-Schriftsteller der 50er Jahre, noch heute junge Leute dazu bringen, das Elternhaus zu verlassen, noch lange ein schönes Beispiel für Abschaffungs- und Vernichtungstechniken bleiben (wovon es heute zu wenige gibt).
Jeffrey Potter: To A Violent Grave, Putnam, New York 1985