24-7 Spyz – Die Muhammed-Christ-Selassie Experience

Willkommen bei einer weiteren Folge von ‚Im Reich der wilden Funk-Mosh-Spastiker‘. Die 24-7 Spyz gehören zu jener seltenen Gattung von Lebewesen, die sich in der Welt der merkwürdigen Sept-Akkorde ebenso wohl fühlen, wie in harschen Hardcore-Habitaten. Setzt man sie allerdings an Orten mit hoher Juweliersdichte und intakter Bausubstanz aus, sprühen die Widersprüche Funken und verschmelzen schließlich, wobei sie Tattoos und klaffende Wunden hinterlassen. Von Diedrich Diederichsen erlebt beim Transmusica Festival in Rennes, Bretagne.

Im Gegensatz zu den Ausmaßen unserer normalen Clubbühnen ist das hier Circus Maximus. Die Sicherheitsabsperrungen vor der Bühne erinnern mich an meinen einzigen Besuch einer TV-Großveranstaltung in der Dortmunder Westfalenhalle im Dezember 1980. Kein Zweifel, würde Lubitsch sagen, wir befinden uns auf einem Rock-Festival. Die nächste Band kann nur Guns’n’Pistols heißen.

Schon kurz nachdem die 24-7 Spyz in die erste Mosh-Spastik-Phase des Abends verfallen, also nach einer knappen halben Minute, verlassen die ersten hundert Zuschauer den großzügig dimensionierten Saal. Dies hier ist die Bretagne, Mann, weder Miami noch South Bronx noch DC – um nur ein paar der Orte zu nennen, an denen sich die Spyz sonst orientieren – dies ist Rennes, eine Stadt mit Juweliersdichte von Weltniveau, bewundernswert intakter Bausubstanz mit diversen und fürtrefflichen Gelegenheiten, den bretonischen Fachwerkstil und noch besser die Geschichte seiner Instandhaltung zu studieren. Kein Zweifel, diese Stadt ist reich. Hier genießt man straight und aus einer uralten, unbeschädigten Tradition des Genußes. Nirgendwo käme einem die These, daß zeitgemäße Schönheit immer die Spuren der zeitgenössisch relevantesten Kämpfe trage (tragen müsse), abwegiger vor als hier. Schön ist schön und Reichtum plus Tradition suspendieren – im Gegensatz zur BRD, wo es keine Kultur und Tradition des Genußes gibt – die Wahrnehmung von Unordnung vollständig und gelungen. Die Schönheit der Widersprüche zwischen Funk und Mosh, wie sie hier auf die Spitze getrieben und schließlich bei enormer Hitzeentwicklung verschmolzen werden, die Schönheit, die durch die Erhebung über wahrnehmbar vollständig als Furchen, Spuren, klaffende Wunden, Narben und Tattoos aufgenommene und imprägnierte Widersprüche – und die verzweifeltste Negativität vor Augen – entsteht, hat nichts verloren auf den ehern harmonischen Plätzen und in den mit der halben Weltproduktion Zuckerguß restaurierten Fachwerkhäusern dieser Stadt. Bring Beirut nach Basel.

Und wenn uns nicht mittags wie abends der kleine Nußsalat, der hier immer zum Käse gereicht wird, an die kulinarischen Besonderheiten Frankreichs erinnern würde, hätten wir keinen Zweifel, uns in der Schweiz aufzuhalten.

Stattdessen sind wir in Rennes, dem von Winden des nahen Ozeans gepeitschten Montreux des Nordens, Veranstaltungsort eines Avantgarde/ Rock/Underground-Festivals, das hier seit zehn Jahren auf internationale Beachtung und interessierte Ignoranz unter den Einheimischen stößt und sich „Transmusical“ nennt, dieses Jahr zum ersten Mal zusammengelegt mit der französischen Indie-Messe „Rock Affaires“, der französischen Entsprechung zur BID. Das Programm von „Transmusical“ ist die erwartungsgemäß imposante Mischung aus klangvollen internationalen Namen – Einstürzende Neubauten – mit unaussprechlichen aus Ghana (in Wirklichkeit sang der freundliche Mann dann Soul-Klassiker zum nicht synchronen Ethno-Instrument) und „Land Of 1000 Dances“: diesen bewährten Fun-Soul-Klassiker sang nämlich nicht nur der Blinde aus Ghana, die von ihm verbreitete Na-Nananana-Stimmung prägte nicht nur die Auftritte von Barrence Whitfield & The Savages und Bo Diddley, sondern hätte sich auch als Motto der 24-7 Spyz gut gemacht (Mosh / Funk / Diving / Pogo / auf Knien über die Bühne rutschen / FlicFlac / Handstand-Überschlag). Dazu kommt in einem vorbildlichen, kostenlosen Kneipenprogramm, das am Nachmittag vor den eigentlichen Großveranstaltungen läuft und wo Lokalgrößen und schwierige Acts zu sehen sind, in dufter, schweißiger Kennenlern-Stimmung, von den bretonischen Pogues Les Naufragés zu der Hardcore-Industrial-Crossover-Band Treponem Pal, die wirklich so gut und zukunftsweisend sind wie Brinkmann und ich euch schon an anderer Stelle versprochen haben. Zwischen den Konzerten blieb kaum Zeit zum Essen, und dafür war ich doch eigentlich hergekommen.

„Wir haben die Erfahrung gemacht, daß die Leute als Einzelne fast immer okay sind, wenn man sie aus dem Zusammenhang herauslöst, in dem sie auftreten. Skinheads, die zu uns kommen, können ja den ganzen rassistischen Müll gar nicht aufrechterhalten, wenn sie sich bei uns wohlfühlen … Das Perverse am KuKluxKlan finde ich, daß er doch einen amerikanischen Nationalismus will, aber sich immer an den deutschen Nazis orientiert. Das Hakenkreuz ist doch kein amerikanisches Symbol.“

Die 24-7 Spyz stammen aus der berühmten South Bronx, die als Geburtsort von legendären Hip-Hoppern in letzter Zeit etwas unfruchtbar geworden ist – eigentlich ist nur noch KRS-One übrig –, in der es keine Labels mehr gibt und die auch sonst ihren Rang als Home des Hop an andere Gegenden abgeben mußte, von Queens bis Long Island, Florida bis Philadelphia, Compton bis Amsterdam. Dies stinkt der lokalpatriotischen Homeboy-Gesinnung von P. Fluid, Jimmy Hazel, Anthony Johnson und Rick Skatore derart, daß sie sich entschlossen – im Glauben an die natürliche Überlegenheit des gebürtigen Bronxler – einen Schritt weiterzugehen.

„Hip-Hop wurde uns zu kommerziell und zu vereinnahmt, wir langweilten uns damit. Wir kennen das alles seit 1972, Mann. Mir kann kein verdammter Rapper was erzählen. Leute wie KRS-One einmal ausgenommen. Public Enemy haben sich doch alles nur aus zweiter Hand angeeignet, sowas interessiert uns nicht mehr. Also fingen wir irgendwann an, downtown in Hardcore-Clubs rumzuhängen. Das hat uns beeinflußt. Das – und die Bad Brains.“ Ihre Special Thanks gehen außerdem an Murphy’s Law, Sick Of It All, Prong, Funkadelic. Gitarrist Jimmy Hazel, „AND Jimi Hendrix for inspiration and insight at age 7!!“

Hier wäre nichts weiter weg als die Frage, die ich kurz andenke, für die Länge eines Schlückchen Biers aus dem Plastikeimer von der Journalistenbar, ob der Schritt, nach zwanzig Jahren Hip-Hop, auf konventionelle Instrumente zurückzugreifen und mit ihnen etwas zu tun, was sich aus der Hip-Hop-Erfahrung ergibt, ästhetisch fortschrittlich ist (das tun, was zu tun ist) oder rückschrittlich, weil es aus der Geradlinigkeit der technologischen Fortschrittlichkeit ausbricht (die eine entscheidende Bedeutung für die Stellung marginaler, peripherer und neuer, ungekaufter Musiken immer hatte). Aber das Publikum des Festivals hier in Rennes kann das Andere nur goutieren, wenn es sich als ganz anders, unverwandt und exotisch gibt, Weltmusik. Kompatibel als total inkompatibel. Die Breaks und Überschläge, die Soli und die Tempi der Spyz verbreiten daher eindeutig Unmut unter diesem Publikum. Sie zeigen nebeneinander bekannte Metal-Aggro und fremde Funk-Finesse, Hip-Hop-Mode und Hendrix-Soli, übertragen andere, anders motivierte und erprobte Entschlossenheiten und ästhetische Kampftechniken in, für sich genommen, prinzipiell bekannte musikalische Abläufe, und das Ganze dann in diese Chabrol-Idylle mit TGV-Anschluß, in der die Fantome der Hutmacher und Fachwerkrestauratoren einem alle Augenblicke aus den kunstvoll erhaltenen Dachrinnen auf die herbstlaubübersäten, idyllischen Altstadtgäßchen rieseln. Ich will hier nicht einer Romantik von sicheren und unsicheren Gegenden das Wort reden und der zu einfachen Vorstellung, erstere produzierten nur Saturiertheit, letztere (ästhetische) Fortschrittlichkeit, aber die 24-7 Spyz waren an diesem Abend so unpassend wie Bo Diddleys größte Hits passend (lustigerweise waren die Neubauten dann auch genau das Richtige, während Richard Barone, mit einer rasanten Kammermusikaufführung nervenkitzelnd an der Grenze zur Betulichkeit vorbeischrammend, ebenfalls vor allem Höflichkeitsapplaus erntete).

„Natürlich haben uns alle als Verräter beschimpft, als wir immer in Hardcore-Clubs abhingen und schließlich auch dort spielten, für eine überwiegend weiße Audience, aber das ist alles so eng, so ein Käse: man hat uns auch immer erzählt, bloß nie was mit weißen Frauen anzufangen, das sei von Übel. Völliger Quatsch, das sind auch nur Menschen. Inzwischen wissen wir sowas. All diese Vorstellungen sind so beengend. Ich respektiere jeden, der irgendetwas predigt, ich habe nichts gegen Black Muslim, das ist alles sehr hilfreich, es darf mir nur nichts vorschreiben. Deswegen war auch Bambaataa so wichtig, weil er das wußte.“

Auf ihrer Special-Thanks-Liste nennen nur Bassist Rick Skatore und Sänger P. Fluid religiöse Namen: my Lord Jesus Christ (Rick) und Lord Jah Rastafari The Everliving (P.); in ihrer Hymne für Wahlen auf Haiti stellen sie ihre Heritage fast ökumenisch aus „Marcus Garvey I / Haile Selassie I / Malcolm X I / Elijah Muhammed I / Jah Rastafari“ zusammen. Doch nur wenige Nummern weiter bedienen sie explizit eine ganz bestimmte, weiße Audience im „Tango Skin Polka“, der sich an Skin-Mosh-Rituale in New York wendet (auch wenn er sich eher wie eine Mischung aus Ska und Kasatschok anhört).

„Heute ist es nicht mehr Punk, sondern Hardcore. Punk war immer sehr rassistisch und es gab wenig Bezüge, bei Hardcore ist das anders. Dann gibt es andrerseits die Skinheads, aber auch bei denen ändert sich vieles. Neulich in Florida bei einem Gig gab es wieder einen dieser idiotischen Kämpfe zwischen Langhaarigen und Skins. Also hielten wir die Musik an und griffen uns die Typen: Ihr Arschlöcher hört doch dieselbe Musik, ihr bewegt eure beschissenen Körper zur selben Musik, also hört gefälligst auf, euch wie die Kinder zu benehmen. Sie waren verblüfft und gehorchten sofort. Das ist oft so: es verblüfft die Leute einfach, daß wir möglich sind, daß wir das tun, was wir tun.“

Hardcore hat gegenüber Punk Rock den Vorteil, auch rein musikalisch goutierbar zu sein. Dennoch ist die Versöhnung des Unversöhnbaren, die Überwindung gewisser unüberwindbarer Schranken natürlich auch ein gut verkäufliches Kitschmotiv unserer Tage mit enormer Konjunktur, auch als Subkultur-Kitsch (Weltmusik – Band Aid – Tracy Chapman), dessen reine Deklaration wichtiger ist als sein Vollzug, und natürlich auch alles enthält, was zu einem Kitschmotiv an Spuren objektiver Richtigkeit und Fälligkeit gehört, um überhaupt eines zu werden. Nur, wir kennen die Ergebnisse: bis jetzt konnten weder die Beatnigs noch die Kollaboration Ice-T / Jello Biafra oder Afrika Bambaataa / John Lydon sich als tragfähige Modelle erweisen, weil nicht musikalische oder gesellschaftliche Notwendigkeiten zu ihren Treffen führten, sondern gute / gutgemeinte / clevere Ideen. Doch wie auch bei Sherwoods Crossover-Versuchen immer mal wieder spürbar, hat in diesen Bereichen der Welt und der Musik die gute Idee kein Rederecht, hier findet nur wirklich statt, was auch wirklich anliegt.

Ich kenne eigentlich nur zwei akzeptable und durch ihre Seltenheit und Unerhörtheit auch alle ästhetischen Mauern ausnahmsweise zu Recht einreißenden und neu definierenden Vermischungen schwarzer und weißer Straßen- und Undergroundmusik seit der Erfindung des Rock’n’Roll: Jimi Hendrix und die Bad Brains. Alles andere war Aneignung für eigene Zwecke, nicht weil es einen musikalisch-gesellschaftlichen Grund gab, etwas zu verbinden, was nicht zusammengehörte (meistens drückt ja eine Fusion den Sieg einer Fraktion über die andere aus), oder es hielt das Wesentliche der Verbindung nicht in der Schwebe, sondern war nur von Ferne an einzelnen Elementen fasziniert, was zu den schönsten Ergebnissen in der Geschichte des P-Funk, zu den trübsten in der des weißen Blues geführt hatte. Nur bei Hendrix und den Bad Brains ging es jeweils darum, auf einen der wenigen objektiv und relativ isoliert errungenen, weißen Pop-Musik-Fortschritte zu reagieren, die mehr waren als nur ein Gitarrensound, wie er dann auch einen Sly Stone als Producer von Autumn-Singles fasziniert haben mag oder das generelle Interesse an sogenannter progressiver weißer Popmusik, wie es die Geschichte schwarzer Musik von Funkadelic bis Fishbone und Marshall Jefferson durchzieht. Auch diesen Aspekt gibt es bei den mit Bone befreundeten Spyz, es gilt aber zu zeigen, daß der Hendrix-Aspekt (Synthese statt Emulsion) überwiegt; sie mindestens bald in derselben Liga spielen werden. Wenn H.R. sich auf Joe Strummer beruft (und analog dazu Hendrix auf Dylan), dann reden sie ja nicht gerade von so über die Maßen begabten Musikern, wie z. B. sie selber. Was ihnen an diesen beiden Charakteren und Aussageweisen gefiel, war die spezifische Errungenschaft (im ersten Falle des Folk Rock, im zweiten des reggaeverschnittenen britischen Punk), auf der Bühne der Pop-Musik verbindlich und inhaltlich zu sprechen. Das, was die wichtigste Eigenschaft des Blues war und immer wieder als das höchste Lob an Jazz-Instrumentalisten vergeben wird, daß sie wirklich von etwas Wirklichem, allen Zuhörern Bekanntem und Nachvollziehbarem sprechen, ist immer wieder, auch im Zuge großer kommerzieller Erfolge (Ausbeutungen) schwarzer Formen, verloren gegangen oder eingetauscht worden gegen eher rituelle Formen, Gospel, Dance & Gemeinschaftsgefühl, Liebesfloskeln, und tauchte plötzlich als Errungenschaft weißer Jugend (und deren ganz anderer Probleme) wieder auf. Auf dem Höhepunkt des Jazzrock als Formalismus und der Discokultur als abstrakte Ritual-Musik entdeckt H.R. bei Strummer den Inhalt wie Hendrix beim Hören von „Like A Rolling Stone“.

Dem entspricht heute bei den Spyz eine andere Lage. Hip-Hop hat mehr als alles andere diese Blues-Eigenschaften des individuellen Talk ohne Gemeinde an die weltlichen Brüder und Nachbarn, den heutigen Umständen entsprechend, restauriert und zu einer nie geahnten Blüte geführt, an deren Ende immer das Ritual und der Manierismus lauern (gegen die nichts prinzipiell einzuwenden ist, aber sie erfüllen ganz andere Funktionen). Was die Spyz heute beim Hip-Hop jenseits ihres Bronx-Homeboy-Lokalpatriotismus wirklich vermissen könnten, ist zum einen eine gewisse stumpfe persönliche Primitivität neben der Sophistication. Wie auch früher Jazz, bleibt Hip-Hop heute entweder auf dem Boden der Tatsachen oder verliert in der Sophistication auch die einfache und alltägliche Aggressivität. Was der Mosh-Einfluß bei den Spyz erreicht – und generell bei vielen Metal/HC/Crossover-Bands möglich macht – ist das Nebeneinander von Sophistication/Verfeinerung und Aggressivität, einer individuellen Schnauzevoll-Aggressivität, die weder mit dem gerechten Zorn von etwa Public Enemy, noch mit den petit bourgeoisen Exzessen von Noise-Bands zu tun haben. Klar, daß erst in diesem Nebeneinander jeweils das Andere verständlich wird, Konturen annimmt. Zum anderen fliehen sie auf der Umlaufbahn der aus Soul, Reggae, Jazz, Hendrix entnommenen schönen Melodie einerseits der ideologischen Enge, andrerseits dem kommerziellen Druck, wie sie gegenwärtig die Hip-Hop-Welt in die Zange nehmen (ohne bis jetzt durch etwas anderes als immer mehr gute Platten für den Außenstehenden spürbar geworden zu sein): „Wir brauchen eine offenere Atmosphäre, ohne Zwang in jeder Beziehung. Wir sind deswegen auch ganz bewußt z. B. auf einem Indie-Label, wir brauchen im Moment diese Freiheit. Die ist im Moment vor allem in dieser Hardcore-Szene zu finden.“

Das Beste aber ist, daß unter Führung des brillanten, freigespielten Hendrix-Schülers Jimmy Hazel und des H.R.-Fans P. Fluid eine zusammenhängende Musik entstanden ist, die an den verschiedensten Orten verankert ist und über merkwürdige Sept-Akkorde ebenso viel weiß wie über Stage-Diving. Rick Skatore, der jüngere Bassist, schreibt außerdem zwar nur eineinhalb Stücke, darunter aber das jazzigste und zeitpolitischste „Social Plague“: „I can’t wait for the changes / You can’t understand my rage / That’s going too long / I can’t stand it / Social plague now!“

Und wie auch bei den Brains und der Experience könnte man den Laden trotz allem einsargen oder auf die Kunstschule schicken, ohne einen Drummer wie Anthony Johnson. Der kam überhaupt erst dazu, weil der Original-Drummer einer Bronx-Schießerei zum Opfer fiel. Auf dem Cover geben die vier ihre Original-Berufe an, und es ist kein Wunder, daß sie alle Handwerker sind, Klempner, Elektriker, Tischler und Fernsehreparierer (was natürlich auch heißt, daß jeder was Vernünftiges lernen soll, auch wenn das wunderbare „Grandma Dynamite“ die wahre Ghetto-Kitschgeschichte von der prima Omi erzählt, die dem von Eltern alleingelassenen P. Fluid rät, sich bei Schießereien zu ducken und fleißig Gitarre zu lernen, um endlich aus dem Ghetto rauszukommen – auch so eine Art persönliche Story, die man beim Awareness-Hip-Hop heutzutage oft vermißt, einerseits zu Recht im Interesse der permanenten, drängenden Politisierung, andrerseits ist echtes Leben eben auch wirklich oft so wie komische, kleine kitschige Geschichten, die man dann feiern und aufschreiben und singen können dürfen muß, und ein Speedmetal-Fazit wie: „My Grandma is dynamite / Taught me everything / I need to know / About life“ bleibt natürlich unbezahlbar und unschlagbar).

– Ihr konfrontiert euer vorwiegend weißes Hardcore- und Skinhead-Publikum mit schwarzer Musik, aber nicht gerade mit deren neuesten Errungenschaften. Euer Reggae stammt von Black Uhuru („Sponji Reggae“ – eine Single von 82, wenn ich mich recht entsinne auf Pre/Charisma) und euer Funk von recht frühen Kool & The Gang, kurz nachdem die ihre Jazz-Phase hinter sich gebracht hatten („Jungle Boogie“)?

– „Oh Mann, unser Funk ist alt. Wirklich alt und schwer, unser Funk kommt noch von Mandrill und aus deren Zeit.“ (alle Antworten in overlapping talk von Jimmy Hazel, dem dicken gemütlichen Gitarrero, der wie ein De-La-Soul-Zugang aussieht und von P. Fluid, der wie der zu Soul II Soul konvertierte Jungle-Brother wirkt – also stylemäßig sind beide voll in den zeitgenössischen Hip-Hop-Moden verwurzelt)

– Wie alt seid ihr denn?

– Jahrgänge 60 (Fluid) und 62 (Hazel). Ich sage dir doch, wir waren von Anfang an dabei, wir haben die ganzen frühen 70er an den frühesten Hip-Hop-Veranstaltungen teilgenommen, wir waren von Anfang an dabei und wissen, wovon wir reden, mir kann ein Rapper nichts mehr erzählen. Die Welt ist für uns einfach größer geworden. Rick ist allerdings viel jünger, 68 geboren … Und was den Reggae betrifft: ich mag nichts, was hoch und quietschig klingt, mir ist der zeitgenössische Reggae zu hell und dünn, ich stehe auf schwere heavy beats, und daher so was wie ‚Sponji Reggae‘.“

Übrigens das schwächste Stück der Platte, eindeutig; die in andere, viel weniger eindeutige Stücke eingebauten Reggae-Vocals und Harmonien überzeugen viel mehr als diese, relativ nahe am Original angelegte Version. Zum „Jungle Boogie“ hat Fluid dagegen noch einen Rap hinzugedichtet, der gute alte, anarchistische Wirtschaftstheorien von Silvio Gesell bis Ezra Pound – aktueller denn je – aufgreift: „And now Dow Jones owns all the peoples homes / And all the surrounding land / Buying and selling their humble dwelling / In the name of the master plan / ’Cause paper money is like a bee without honey / With no stinger to back it up / And those who stole the people’s gold / Are definitely corrupted.“ Tja Geld, das nicht gedeckt ist, Staatsverschuldung und Kapitalverzinsungszwang, Wucher als Wurzel des Wachstumszwang und damit der Anfang allen kapitalistischen Übels, von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen bis zur Zerstörung und Ausplünderung des Planeten. Usura.

In Rennes sind die Bankautomaten, die Tag und Nacht gegen Plastik Paper Money ausspucken, dichter gesät, und es ist keine sieben Uhr früh, als ich durch die dunklen Avenuen auf den TGV-Anschluß zustrebe, um endlich einmal einen neuen persönlichen Land Speed Record aufzustellen. (Der „TGV Atlantique“, der hier verkehrt, hat wenige Tage vor meiner Fahrt dem deutschen ICE den Rad-Schiene-Weltrekord [406 km/h] mit 480 km/h abgenommen und fährt außerdem die höchste Reisegeschwindigkeit auf dem Planeten, 300 km/h.) Der sich dann aber anfühlte wie Blasenentzündung, man sitzt, in dem Gefühl, daß das Flugzeug jeden Moment abheben müsse, in seinem Reisebussitz, und das Flugzeug bleibt auf der Erde, auch nachdem der Point Of No Return von 250 km/h überschritten ist. Und das von Le Mans bis Paris. Es ist ein anderer Speed, den ich nicht loswerde, ein anderer Rhythmus als das Ambient-House-Sirren des TGV, das so leise und entfernt ist, daß der Clochard, der das schläfrige Publikum im Großraumwagen mit Zoten unterhält, mit seinem Rock’n’Roll die Überhand behält: es ist der wirklich stattfindende, die Einzelteile wirklich verschmelzende Mix aus Funk und Mosh, den die 24-7 Spyz aus der Taufe gehoben haben, der meinen Metabolismus massiert und meine Neuronen nudelt. Weil er einfach zwingend die Aufgabe, die aggressive Musik heute hat, erfüllt: den neuen eigenständigen, weißen Groove, der bei allem Impact doch so oft noch stakst wie ein junger Gänserich, an alle schwarzen Deep-Funks und Synkopen anzuschließen, sich dafür aus der „weißen“ Musik die ultimative Versatility und den Punk/Mosh-Stumpfsinn ausborgen.

„Viele Metal- und Punkbands können ihre eigene Musik gar nicht richtig spielen, wir hören zwar eine Menge Hardcore und Metal, aber vieles ist noch gar nicht auf den Punkt gekommen, man kann noch so viel mehr damit machen. Dahin geht es bei uns ab.“

Wenn man sie live gesehen hat, vergißt man diesen Groove nicht. Ein Freund sprach von einer „Mischung aus SWA und Red Hot Chili Peppers“, aber der Deepness und harmonischen Tiefe von SWA’s Zeitlos-Metal wird der Reggae-Soul eines Ras-Michael-Verehrers hinzugefügt, der sprunghaft-pubertär-genialischen Bindungslosigkeit der Peppers die Motiviertheit und das Selbstbewußtsein der Jungle Brothers, der Humor von De La Soul. Sie sind die fällige schwarze Antwort auf das, was seit Minutemen über Tar Babies bis zu Victims Family auf der Rock-Seite seit einigen Jahren eingekreist wird.

In einem Punkt weicht ihre attitude deutlich von der Stimmung, dem Stil ab, den Hip-Hop zur Zeit verbreitet, sie stellen ihre Inhalte nicht in den Vordergrund, sie durchwirken ihre Musik mit den Selbstverständlichkeiten von Awareness-Kultur – sie verwenden diesen Begriff ständig auf ihre Texte bezogen –, ohne dies in den Mittelpunkt ihres Auftretens zu stellen, die Worte werden wieder gesungen, und das wirkt hier wie eine komplett neue, errungene Erfahrung, als wäre noch vor zwei Minuten Rap die einzig denkbare Beziehung von Worten zu Rhythmen.

Daß einige Brothers ihnen das als Opportunismus ankreiden, hat genauso einen wahren Kern – in jeder Klasse und Ghetto verlassenden, auch der richtigsten, Tat ist so ein Opportunismus enthalten – wie es derselbe Vorwurf in den 60ern von Panther-Seite gegen Hendrix oder Otis Redding oder Sly Stone für ihre Auftritte bei weißen Pop-Festivals hatte. Aber dieser Schritt ist notwendig und zwingend, und die LP Harder Than You skizziert erst, was beim Live-Auftritt harte Konturen annimmt und für die Zukunft einen Aufbruch verspricht, der kommen muß. Das gilt auch für die instinktive Befürchtung, daß in dem Moment, wo Worte zu Rhythmen wieder Melodien folgen, das Lügen neu beginnt. Doch sich so ein Lügen zu erarbeiten ist Entfaltung und Freiheit (Wahrheit rules, aber nur dem Lügner macht das Leben Spaß, nur von der Position des Spaß aber ist der vollständige Blick auf den Planet Wahrheit möglich – Anm. Hammer Hammersen). Die Weltlage (der Musik) erlaubt nicht mehr, in Kulten und Ghettos zu leben. Der Gare de Montparnasse, auf dem in einer unübersichtlichen Riesenbaustelle genau diese Zukunft von institutioneller Seite bereits in Angriff genommen wird, wird mir zum todesfallenartigen Labyrinth, mein Körper sperrt sich gegen das Treppengewirr über einem zwanzig Meter tiefen Schacht, auf dessen Boden Afrikaner unterbezahlt im Zementschlamm zum Lobe der Innovation wühlen. Stage-Diving starts here … ere … r …