Vom Nutzen und Nachteil spekulativen Arbeitens

„IT’S ALL IN THE GAME!“

Früher wurden die Leute über das Prinzip der Identifikation sozialisiert. Sie glaubten an etwas und hielten sich selbst für einen Bestandteil des Glaubens: ein Anhänger, eine Rebellin, ein Soldat, eine Arbeiterin, ein HSV-Fan, ein Tierversuchsgegner. Heute läuft die Sozialisierung über das Prinzip des Spiels. Da sind zwar die Emotionen nicht weniger heiß, der Anlass nicht weniger existenziell: Aber zwischen mir und meinem Einsatz besteht ein Unterschied. Ich kann mich ansehen, wie mir mein Einsatz entgleitet, und versuchen, im Angesicht des Untergangs schnell noch einen Teaching Job zu ergattern (wie etwa im Wolf Of Wall Street). Oder ich kann mich nach einem formidablen Sieg bei einem Lebensmittel erholen, das nach Prinzipien hergestellt wird, die aus ethischen Gründen abzulehnen gerade zu diesem Sieg beigetragen hat. Das ist nicht die kognitive Dissonanz oder Ironie der Postmoderne, die sich ja noch eine erklärende, legitimierende Identität für die Nichtidentität basteln musste, sondern das ist ganz normal. Die Tätigkeit, die dieser Normalität zugrunde liegt, nenne ich Spekulieren; sie ist an die Stelle dessen getreten, was früher Handeln hieß und sich als seelisch problemlose, logisch widerspruchsfreie Anwendung der mit Identifikationen versehenen Subjektivität dachte.

Bevor dieses Prinzip sich durchsetzte, herrschte eine Weile der Stau. Es ging nicht weiter. Es gab keine Alternative. Ausstellungstitel, die ein ums andere Mal das Wort Utopie deklinierten, sprachen von dieser Verzweiflung. Bürger wurden wütend und schrien nach Reformen, die Schlauen spekulierten. Die Macht hatte sich längst kybernetisch gameifiziert. Systemtheoretisch inspirierte Texte stellten ihre Erkenntnis dieses Zustands immer mit der Geste der Gratulation zum eigenen Erwachsensein aus: Endlich glauben wir nicht mehr, dass unser Glauben etwas mit der Welt und ihrer Einrichtung zu tun hat. Aber die Funktion des Spekulierens ist das Gegenteil: Alle, die es betreiben, tun es, um wieder einen emotionalen Draht zur Welt zu bekommen. So geil heiß wie identifiziertes Glauben, nur nicht so naiv. Das Spiel hat so gesehen einen neuen Ernst ermöglicht.

Das Spekulieren in den neuen Philosophie- und Theoriemoden hat viel mit solchen Neuanfangswünschen zu tun.1 Endlich wieder philo-sophieren, endlich wieder von vorn anfangen, bei den Grundfragen: Wie weiß ich, dass etwas existiert? Und ist dieses Wissen wichtig für die Existenz dessen, das existiert oder nicht existiert oder egal existiert? Es ist bezeichnend, dass aufgeregte, wortreiche und oft brillante Männer die neuen Philosophie-Blogs vollschreiben. Es ist eine Mischung aus Big Bang Theory und Übertragung unseres Wirtschaftshandelns auf Begriffe. Das geht scheinbar rein spielerisch, ist aber zugleich ernst.2 Es geht um was, aber nur (endlich wieder!) um das eigene Können, Einschätzen, Denken – nicht mehr um die Person, die eigene Peinlichkeit, Männlichkeit, Sexualität.

Die Geschwindigkeit und Eifrigkeit, mit der man sich dabei vor allem von dem verhassten Zustand der Postmoderne und seinen ewigen selbstreflexiven Windungen, seinem permanenten verkehrsstauartigen Durchkauen der eigenen korrelationalen Impliziertheit verabschiedet, erinnert, zunächst einmal böse gesprochen, ein bisschen an diejenigen Deutschen, die immer mal wieder finden, dass jetzt mal langsam Schluss sein sollte mit der ewigen Vergangenheitsbewältigung. Es war furchtbar, ja; wir wissen das langsam. Ja, ich bin ein weißer, heterosexueller Mann – nun ist aber gut, ich spiele gerade mit der Anzestralitätsanlage.

In der Zeit der Selbstreflexivität gab es ein Mittel gegen den Stau oder das Hamsterrad oder die Möbiusschleife der fortgesetzten Berücksichtigung der eigenen Implikation: Stil. Durch Stil konnte man die normative Implikationsberücksichtigung in den Bereich des Unausgesprochenen und dennoch Mitgesagten schieben und trotzdem das Tempo und das Energieniveau halten. Die Spekulierenden wollen aber nicht den Stil, sondern das Abenteuer: da weit draußen vor vier Milliarden Jahren in einem präterhumanen Raum. Da war was los. Da wollen wir hin. Wo kein Bewusstsein je war. Leicht reden: Sie sind ja nicht impliziert. Da wird ihnen beim unaussprechlichen Abenteuer nicht kalt, sondern aufgeregt warm wie schon Generationen vor ihnen bei der Lovecraft-Lektüre.

Überflüssig, darauf hinzuweisen, dass beide – die Identifikation wie die Spekulation – ideologische Rahmenbedingungen sind, auf die man ebenso wenig ganz verzichten kann, wie man aufhören darf, sie durchschauen und kritisieren zu wollen. Sie merken: Hier spricht ein Postmoderner. Die Befreiungsschläge des Spekulativen Realismus3 erinnern, jetzt freundlich gesprochen, an die verschiedenen Aufstände der letzten Zeit von Kairo bis Kiew: Die interessieren sich auch nicht für bekannte politische Positionen und Kräfteverhältnisse, sondern wollen mit Politik ganz neu anfangen, die Spielregeln ganz neu setzen. Ich nutze die Erfolge solcher Befreiungsschläge gerne aus, aber ich wünsche mir diesen Nutzen als salonbolschewistischen Stil, als Fortschritt in einer historischen Lage, nicht als Verherrlichung des männlichen Abenteuers der Entdeckung unbekannter Welten.

  1. Dass ich von einer Mode spreche, ist nicht bös gemeint. Moden sind ein legitimer, stilisierter Ausdruck kollektiver Lagen. ↩︎
  2. „Serious Games“ heißt die Verquickung von Krieg und Spiel bei Harun Farocki. ↩︎
  3. Diese Befreiungsschläge verdanken wir einigen anregenden Autoren unter den Vertretern des sogenannten Spekulativen Realismus; ihren jeweiligen Argumenten kann ich hier natürlich nicht im Einzelfall gerecht werden – durchaus aber der Wirkung ihres Tons und ihrer Wahl von Gegenständen auf eine recht üppige Rezeption zumal im Kunstbereich; vor allem aber der Kongruenz des Prinzips der Spekulation mit dessen Karriere in anderen Bereichen. ↩︎