Dinge, die ich nicht ertragen kann, teilen sich in zwei Gruppen: 1. Abscheulichkeiten, mit denen ich nichts zu tun haben will, gerade weil ich sie gut kenne, verstehe oder sogar an sie „geglaubt“ habe, mich aber zum Glück abwenden konnte (oder eben selbst irrerweise glaube, dass man in der protestantischen Sprache der Selbst-Überwindung von seinen Irrtümern reden kann). 2. Absonderlichkeiten, die nie für mich infrage kamen: Liebe zu Hunden oder Autos, Christentum, Islam, amerikanische Mannschaftssportarten etc. Die erste Gruppe trifft meist ein härteres, unversöhnlicheres Urteil, der zweiten begegnet man oft mit Nachsicht, ja Faszination; vielleicht ist hier ja nur eine falsche Metapher für etwas Richtiges gewählt und gelebt worden. Oft sind es gläubige Musiker, die einen davon überzeugen, dass sie etwas Richtiges gesehen und verstanden haben, auch wenn sie davon in Zungen und Ideologemen reden, die einem übel aufstoßen.
Es gilt heute von Werken zu berichten, die nahe an Scheußlichkeiten der ersten Art gebaut sind: Selbst-, Psycho- und Drogentechniken, die wir aus den Subkulturen gut kennen und die uns seit den 70ern verblöden – und doch am Kraterrand bremsen. Was auf dem Weg zu einem Abgrund kurz vor diesem umgeleitet oder gestoppt wird, vermittelt natürlich dollere energetische Empfindungen als etwas, das die Schwerkraft gar nicht erst nutzt und sich auf irgendwelche Binnenseen des schon Okayen zurückzieht. Es gibt einige Genres, die wir seit über einem Jahrzehnt hören, die schon immer nahe dran waren, ohne dass dieses Problem je diskutiert worden wäre: Sind die geil antihumanistischen tiefen Metal-Drones nicht auch ziemlich ideologisch? Oder muss man flächige Musik von all diesen alteuropäischen Verdachtsmomenten erst einmal grundsätzlich freisprechen und dann den Einzelfall bewerten? Christian Fennesz ist einer meiner absoluten Lieblingsmusiker (Polwechsel!), aber er arbeitet eben genauso gerne – nehme ich an – mit Jim O’Rourke wie mit David Sylvian, die sich für mich unterscheiden wie richtig und falsch. In seinem Soundtrack zu AUN – The Beginning And The End Of All Things (Ash) gibt es minutenlang eine schwappende Hängemattenbewegung zwischen zwei mörderisch harmonischen New-Age-Zuständen oder auch „zärtlich“ gespieltes Piano. Aber dann kommt so ein unterirdischer Schwellton ohne jede Gnade daher wie der Planet Melancholia, dass es wieder gut wird. Trotzdem ist mir das Trio mit Fennesz, Martin Brandlmayr und Werner Daffeldecker lieber, das, ähnlich apokalyptisch angeturnt, sich auch auf das Danach des Weltendes richtet: Till The Old World’s Blown Up And A New One Is Created (m=minimal) ist ein Gespräch aus vier präzisen Registern: digitaler Noise, Modern-Jazz-Quartet-Sounds, einsame akustische Gitarre, Rock-Noise. Die überaus unanbiedernde Nicht-Verbindung dieser Komponenten bei vollkommen gleichberechtigten Gestaltrechten so unterschiedlicher Dinge wie Rauschen und hochcodierten Gitarrennoten kommt eindeutig schon aus der neuen Welt. Wie Vibrafontupfer hier kontrastiv gegen Noise-Erhabenheit gesetzt werden, das kommt dagegen aus dem Kompositionsdenken.
Auch Jim Coleman ist ein alter Noise-Indianer, den man von Zusammenarbeiten mit so ziemlich jedem kennen kann, der in New York nicht schnell genug auf die Wolkenkratzer kommt: von Lydia Lunch bis John Zorn und zurück zu Colemans eigener, leider weitgehend vergessener Band Cop Shoot Cop. Auf Trees (Wax & Wane) wabern auch die Schwell- und Yoga-Töne, wenn auch recht kunstvoll und klischeelos. Dennoch hätte ich es nicht ertragen, wenn nicht die wunderbare Ellen Fullman mit ihren superlangen Saiten dazwischengehen würde – um Gottes willen nicht um zu „stören“, „aufzubrechen“ und dergleichen, sondern um diesen Wunsch nach Fläche, Dehnung, aktiver Ruhe zu grundieren, zu stärken – und so umzufärben. Ausgeprägt ist dieser Wunsch auch bei Hildur Guðnadóttir. Aber Leyfðu Ljósinu (Touch) überzeugt dann ohne ein Zusammenspiel oder einen Kontrast aus Dingen, die gerade schiefgehen wollen, und anderen, die so richtig sind, dass die schiefgehenden noch richtiger werden, sondern es ist eine Sache der Ausdauer: Je länger ihr Cello ruhig und renitent wächst und sich weitet und schließlich den Erdball eingesponnen hat, desto weniger war es je „meditativ“ – eher „imperialistisch“, im guten Sinne.
Auf den ersten Blick ein anderer Fall ist der Regional Surrealism (Planet Mu) von Konx-Om-Pax: Man könnte da an eine Fortsetzung der Synthie-Kraut-Retro-Kultur mit etwas feineren Mitteln denken. Aber das Feine, die nur sehr kurz gesetzten Atmosphären, das offensichtliche Verbot an sich selbst, Sound-Fetischismen allzu sehr nachzugeben, ohne verbergen zu können, wie sehr man von ihnen durch dieses Universum getrieben wird, macht auch hier den Unterschied ums Ganze: Nur wenn man sichtbar am ironischen Retro-Abgrund entlang läuft, wird die eigene Silhouette schwarz und schön.