Artistic research: Håkon Stene ist Perkussionsforscher. Er interessiert sich für Formen der Begegnung von zwei Sorten Körpern, bleibenden und vorübergehenden, punktuell auftretenden. Wobei die vorübergehend auf die bleibenden Körper treffenden meist auch wiederkommen, mehr oder weniger regelmäßig. Als dritte Komponente tritt dann unser alter Freund, die Intention hinzu: Hat irgendeine mit Intention begabte Entität irgendein Zusammenkommen beabsichtigt? Hat die Entität dafür Muskelkraft, militärische Ordnung, Privilegien, Zufallsgeneratoren, Versuchsanordnungen oder Algorithmen verwendet? Und so weiter: Bei „Ricefall (1)“, einer Komposition von Michael Pisaro, die Stene auf seinem neuen Album Etude Begone Badum (Ahornfelder) aufführt, fällt Reis auf … ja, was? Etwas, das verdammt hart im Nehmen ist, jedenfalls. Irgendwann schüttet es – und es fällt auf, dass, wenn es zu viele kleine Klangursachen werden, nicht mehr feststellbar ist, ob irgendjemand überhaupt etwas gewollt hat, etwa, wie viele Körner in welcher Geschwindigkeit fallen, und dass alles, was man dann nur hört, die Entscheidung ist, das Mikrofon hierhin und nicht dorthin auszurichten. Daher sagt die Menschheit eben auch „es“ regnet. Theodizee, anyone?
Eine tolle Platte mit sehr unterschiedlichen Fragen und drei lakonischen Zwischenspielen von Lars Petter Hagen. Noch mehr artistic research: Der abstrakten Physik der Perkussion kann man das konkrete Forschungsinteresse von Matana Roberts gegenüberstellen, die den zweiten Teil ihrer Coin-Coin-Serie vorlegt: Coin Coin Chapter Two: Mississippi Moonchile (Constellation). Roberts geht es um die große verzweigte Erzählung ihrer afroamerikanisch/indianischen Familie durch die Jahrhunderte und entlang der überlieferten Musik von Jazz, Blues, Gospel. Anstelle eines großen Ensembles, das sich durch ihre Vorgaben auch improvisierend durcharbeitet, arbeitet sie diesmal mit einer kleinen Gruppe, und was beim letzten Mal überbordend war, ist diesmal beeindruckend durchgearbeitet: Angesichts eines derart nahtlos wirkenden Zusammenhangs von traditionell-musikalischer Überfülle müsste Wynton Marsalis vor Wut sein Mundstück aufessen. Aber es geht nicht um Archäologie: Die Aneignung der neuen und alten Weisen und Wutausbrüche verläuft stark über die Stimme; alle Musiker singen auch, dazu wurde ein Operntenorist angeheuert, als eine besondere Art Anführungszeichen zu setzen, ohne mit der Intensität runtergehen zu müssen.
Eigentlich geht das gar nicht, was Roberts macht: traditionelles und von der Tradition inspiriertes Material aufbereiten, aus der Distanz den Entscheidungen von Stimmigkeit, Komposition und Dynamik aussetzen und dennoch diese Stimmung von Feier und Festlichkeit verbreiten. Auch in unserem anderen Projekt kommt etwas vor, das nicht geht. Håkon Stene hat zeitgleich mit seinem Album eine Single veröffentlicht, auf der er die notorisch ultra-schwierige Komposition „Bone Alphabet“ von Brian Ferneyhough spielt. Nicht nur, dass man die – wie alle Kompositionen Ferneyhoughs – nicht nur eigentlich nicht spielen kann, man kann sie auch gar nicht angemessen hören; denn der Komponist sagt, dass man seine Kompositionen nur im Zustand allerhöchster Aufmerksamkeit verfolgen dürfe, verlasse man diesen Zustand auch nur momentweise, könne man gar nichts mehr mit ihnen anfangen. (Natürlich ist das Unsinn, aber anregender Unsinn.) Was man nun wirklich gar nicht machen kann, ist Ferneyhough zu remixen – was aber Stene hier von Sir Duperman machen lässt, einem Veteran aller möglichen norwegischen Jazz/Elektronik-Szenen. Und natürlich vermag ich nicht zu entscheiden, ob das angemessen ist, was der Sir gemacht hat, im Sinne wenigstens meines Ferneyhough-Verständnisses. Aber es wäre auch zu langweilig, das Ganze nur als ödipale Pisserei zu deuten (und so klingt es auch nicht), sondern sich tatsächlich endlose Algorithmenwochen lang die Frage zu stellen, ob diese Elektronik irgendwie GERECHT ist zu jener Percussion und erst zu der Partitur da hinten.
Noch etwas geht nicht: mit dem Publikum so zu kommunizieren, dass es live und in Echtzeit in den Kompositionsprozess eingreift und auch seinen Eingriff als solchen hört. Jahrzehnte interaktiver Interaktionsmissverständnisse haben da zwar interessante Spielplätze gebaut, aber da ging es dann immer um das Testen eines Prinzips, nie darum, dieses Prinzip anhand von Dingen auszuprobieren, die einem etwas bedeuten. Das war anders, als im Jahre 1997 bei einem Abend von Alex Chilton in der Knitting Factory der Strom ausfiel und Chilton allein bei Kerzenschein, von seinem Publikum umgeben und in stetem, hörbarem Austausch mit demselben, alles Mögliche von Brian Wilson, Joni Mitchell und dem Great American Songbook zum Besten gab. Man hat Chilton schon oft unperfekt aufgenommen gehört und auch, dass ihm dies gut steht, aber das ständige über die Bande der Bemerkungen der Umstehenden sich Schlängeln und Aufpeitschen auf dem nun erschienenen Dokument Electricity By Candlelight / NYC 2/13/97 (Bar None) ist dann doch mehr als virtuos. Da kommen Natur- und Geisteswissenschaften zusammen: Kybernetik, Performance Art, Rock.