Werke XXIV: Willkürlich und anlassfrei zusammengestellt

Als ich Elektro Guzzi das letzte Mal live sah, waren sie ein Trio. Womöglich sind sie das immer noch. Es ist nicht unwichtig, so etwas zu wissen, denn für diejenigen, die von diesen Österreichern noch nie gehört haben: Elektro Guzzi spielen Techno-Tracks mit mehr oder weniger konventionellen Instrumenten ein (Keyboard, Bass, Schlagzeug). Und wenn man das nicht weiß, hört man kaum einen Unterschied zu regulären, von bestimmten Programmen und auf bestimmten Rechnern generierten Techno-Tracks. Da man das aber weiß, hört man anders.

Für mich geht der Weg zu einer Gabelung, da muss ich mich entscheiden. Später kann ich aber auch wieder zurückspringen, was erhöhten Genuss bedeutet; schließlich smooth hin und her wechseln. Die eine Abzweigung versetzt einen in die Eigendynamik repetitiven Spielens und erinnert an das Hören bestimmter Minimal Music, vor allem Terry Rileys – der große Unterschied sind natürlich die Betonungen, die es bei Techno, nicht aber bei Minimal gibt. Dennoch will dieses Hören sich im asubjektiven Gewebe verlieren, wohlgemerkt in beidem: asubjektiv und Gewebe, weil Stimmen (und damit gerichtete Urheber) zu unterscheiden sind (auch wenn man sie nicht mehr so leicht Menschenkörpern zuschreiben kann). Und so kommt ein Gewebe-Gefühl zustande, das einem begrenzt gestattet, sich zu verlieren. Der andere Weg ist ein Hören, das sich fragt, wie sich die maschinelle Akkuratesse für die Musiker von Innen anfühlt. Dieses Hören ist oft bei der „Eins“, beim Tanzen, da, wo das Tanzen sich auf die maschinelle Präzision verlässt. Nun hört man aber doch nach, kriegt Seiltanzgefühle.

Im Prinzip könnte man so ein Hören mit jeder Technoplatte veranstalten, wenn man sich einredet, dass hier ein Instrumentaltrio spielt. Bei Elektro Guzzi hilft es, sie schon mal spielen gesehen zu haben – das geht einem dann auch nicht aus dem Kopf, und es verknüpft auch bei Circling Above (Macro, ursprünglich auf Tape bei The Tapeworm veröffentlicht) die beiden Hörpfade beziehungsweise das wilde Wechseln zwischen ihnen.

Bleiben wir in Österreich, lassen aber die geraden Beats ganz weg, wenn auch nicht das Repetitive: Susanna Gartmayer spielt das geilste Instrument der Jazzgeschichte, die Bassklarinette, und manchmal gerät sie dabei in elegante Schleifen oder bizarre Muster. In einer normalen Hörbiografie hat man nur bei Eric Dolphy die Chance, mit dieser Großklarinette in Berührung zu kommen – tatsächlich in Berührung, denn die Bassklarinette ist ein übergriffiges Instrument, zuständig für weite Distanzen zwischen den Tönen und den Körpern, anstrengend und sehr vielfältig. Gartmayer stellt es mal als aggressiv, dann wieder als lyrisch, als Percussioninstrument, als zu beatmenden Schlauch und in tausend anderen Rollen vor. Dass man es bei AOUIE – Bass Clarinet Solos (Chmafu Nocords) mit einer Soloplatte zu tun hat, vergisst man schnell: Abwechslung, Kontraste, Drastik, luftige Soundsprünge sorgen dafür, dass kein Solipsismus-Elend auftaucht.

Auch Gartmayer ist davon beeinflusst, dass Instrumente heute normalerweise mit Maschinen verschaltet sind, sie setzt diesen länglichen Prügel (und einmal sogar die noch längere Kontrabassklarinette) gern als Darsteller tiefer Space-alien-Charakteristika ein, nicht unmetallen – allerdings hört man dann immer wieder ihren Atem. Bei Baron Oufo, einem französischen Duo, das an der Grenze von Drone-Metal, Sound-Art und Überwältigungsschraffur arbeitet, wird in der ganzen wüstengroßen Erhabenheits-darkness wieder mal ziemlich ruppig mit den religiösen Gefühlen von uns Atheisten umgegangen. Aber was soll’s: Sie drehen auf Dar Al-Hikma (Quadrilab) einfach ziemlich auf und überbieten das meiste, was es in dieser Richtung gibt, und sie entflechten vor allem mit Hingabe den dichtmaschigen Grenzzaun, der zwischen böser Erhabenheit und der pantheistischen Terrence-Malick-Stimmung steht. Ob ich das so richtig gut finde, weiß ich nicht, aber es ist bemerkenswert und klingt erstmal schmuck. (Und Mathias Delplanque aus einer der vorangegangenen Kolumnen macht in einer Nebenrolle mit.)

Dennoch wollen wir zum Schluss noch für etwas einschränkungslos Großartiges werben. Trost Records – übrigens auch aus Österreich – haben den zweiten Teil eines Trio-Auftritts von Peter Brötzmann / Keiji Haino / Jim O’Rourke veröffentlicht, Two City Blues 2. Und niemand liegt falscher, als wer nun denkt: Berserker unter sich, oder: zwei Berserker und ein Künstler, oder: drei Mönche einer ziemlich harten Religion – obwohl es das noch am besten trifft. Das Großartigste ist, wie das Wort Blues im Titel des 49-minütigen Stücks „Two City Blues 2“ zutrifft. Nämlich nacheinander auf jeder denkbaren Ebene, am Anfang noch über Klangcharakteristika richtigen Country-Blues, und dann wird es immer irrer. Eine zartere, abwechslungsreichere, zutiefst romanhaft erzählende und dann wieder doch ganz abstrakte und menschenfreie Musik hat man lange nicht gehört. Man taucht nicht ein, man macht was mit! Keine Sound-Art: Musik!