Noch heute klappt es, dass man einer beliebigen Person einen beliebigen Song von Don Covay vorspielt, und die Versuchsperson wird fragen, wann und wo die Stones das denn aufgenommen haben. Nun ja, „Mercy, Mercy“, einen frühen Hit von Covay, haben sie sogar gecovert, aber ansonsten hat Mick Jagger nur den Gesangsstil von Covay perfekt imitiert – und daraus auch nie einen Hehl gemacht („… the biggest influence in the early days of my career …“).
Diese Kolumne wird nun 25 und sollte sich vielleicht umbenennen in „Korrigierte Nachrufe“ oder „Ergänzte Nekrologe“ oder „Was wir wirklich verloren haben“. Don Covay ist schon am 31. Januar 2015 gestorben, am 6. Februar wurde sein Tod gemeldet. Ich finde je einen französischen, spanischen, diverse englische Nachrufe, einen niederländischen, der das oben Erzählte auf den Punkt bringt („de man die Mick Jagger leerde zingen“) nur auf Deutsch ist keine Todesmeldung erschienen. Die allseits zu beobachtende Rückkehr der Feuilletonberichterstattung zum Kanon des Classic Rock („Eric Clapton ist schon wieder 70 geworden!“) und die Zerfaserung in Spezialinteressen diesseits dieser Berichterstattung verhindern, dass ein nun wirklich massiv wichtiger alter Mann nicht einmal nach dem Tode gebührend gewürdigt wird.
Covay hat nicht nur in den Sechzigerjahren gefühlt jede Woche einen zupackenden Soul-Hit rausgehauen, er hat sie vor allem auch geschrieben. Sein Geheimnis war schon im Frühwerk die Engführung von tiefer Empfindung und brutaler Pointe: „You’re good for me / Like the sugar is good for the tea / You’re no good for nobody else / You’re not even good for yourself / But you’re so good for me.“ Später machte ihn diese Gabe zum ersten Mann im Genre des Erwachsenen-Soul. In den Siebzigern hat er unsterbliche Balladen über Ehegeschichten geschrieben, die sich nicht auf die üblichen Emo-Extreme Trennungsleid und Liebesglück reduzieren lassen, sondern in deftigen Siebenminütern die komplexe Gefühlslage eines Mannes ausleuchten, der nach einer erfüllten Liebesnacht im Motel („with my other woman“) auf dem Parkplatz seine Ehefrau („with her boyfriend“) erkennt („I Was Checkin’ Out She Was Checkin’ In“), oder die inneren Monologe beim Erschnüffeln fremder Aromen in der Ehewohnung aus der Perspektive eines melancholischen Ehemannes protokollieren („Somebody’s Been Enjoying My Home“). Wer gar nichts von Covay hat oder kennt, braucht minimum die LP Superdude I (1973). Das war er, ein Superdude, der sich noch vor ein paar Jahren von britischen Blues-Rock-Größen – allerdings war auch Lee Konitz dabei – auf einem Album hat hochleben lassen, das ich als einziges nicht von ganzem Herzen empfehlen kann (Adlib, 2000).
Speaking of uplifting rock & soul: Endlich die Musik zum Laufen gefunden. Normalerweise finde ich dabei ja nichts so störend wie Rhythmen, die fürs Tanzen gedacht sind, noch schlimmer sind nur die Treterbeats der Rockmusik. Ausgerechnet bei der Supergroup Uneven Eleven, bei der Charles Hayward von – unvergesslich – This Heat seine Powerhouse-Drums unter die Basshämmer des belgischen Prog-Veteranen Guy Segers (Univers Zero) und Acid Mother Kawabata Makotos geduldig-klebrige Psychedelic-Gitarrenfäden legt, wird mit Live At Cafe Oto (Sub Rosa) genau der federnde Laufbeat der einsamen Langstrecke getroffen. Von dieser Doppel-CD eines Power-Trios zur Triple-CD eines Power-Duos: Cognac- und Stofftierliebhaber Charlemagne Palestine, letzter der großen, exzessiven Minimalisten, trifft auf den Gitarrenmaximalisten (und Gelegenheitstrompeter) Rhys Chatham für einen zweieinhalbstündigen Angriff auf das vereiste Plateau eines gewaltigen Pianoplaneten, auf dem fliegende Kröten und gelb bemooste Fernschnellzüge leben (Youuu + Mee = Weee, Sub Rosa).
Von diesen beiden Meisterleistungen belgischer Post-Prog-Avantgarde-Kuration zu einer anderen Veteraneninstitution aus demselben Land und derselben kulturellen Herkunft. Crammed Discs hat seine Made-To-Measure-Serie seit damals in den Mittachtzigern fortgesetzt, als sie uns ehrgeizige Post-Tuxedomoon-Art-Rock-Projekte schenkten: Eines der letzten und dichtesten ist das superdichte schwarze Loch von einer Musique-concrète-Schraffur, das Bérangère Maximin aufgenommen hat (die sich ja zuletzt auch schon Rhys Chatham ausgeliehen hatte): Dangerous Orbits (Crammed Discs) ist nach circa 30 Jahren erst die Nummer 41 dieser Serie und – ohne alle zu kennen – nach meinem Geschmack in ihrer unbestechlich ledernen und doch funkelnden Zähigkeit die schönste.
Auch die Männer von Stepmother kann man aus dem aufgeklärten (niederländischen) Post-Punk der Achtziger kennen: von Bands wie Trespassers W oder The Ex. Das Material auf Calvary Greetings (Knock ’em Dead Records) ist großes, ausgefeiltes Songwriting in der Linie Eisler – Henry Cow – David Thomas, mit üppigem Einsatz von Klarinetten und heutzutage vergessen unglatten Electronics. Inhaltlicher Input: Lenin, Gainsbourg, „soziale Netzwerke“.