Werke XXVII

Der als Krautrock-Experte auch hierzulande bekannte britische Autor David Stubbs hat vor einiger Zeit ein Buch mit dem Untertitel Why People Get Rothko But Don’t Get Stockhausen veröffentlicht (Fear Of Music, Zero Books). Ich fand das Beispiel für die Behauptung, dass die Ohren der meisten weniger avanciert sind als ihre Augen, immer unglücklich gewählt. Über Mark Rothkos gemütlich monochromen Farbverläufen steht doch ganz groß das Wort IMMERSION als Einladung, Karlheinz Stockhausen ist dagegen ein Komponist, auf dessen Musik man sich konzentrieren muss – das Gegenteil von Abschalten, Meditieren und Hirnwellness. Vielleicht müsste man heute eher erklären: Why people get Post-Internet Art, but don’t get Sound Art. Das musikalische Äquivalent von Rothko ist jedenfalls eher der allgemein ultrabeliebte estnische Spiritualist Arvo Pärt, den die Leute sowas von getten.

In Manchester hatte gerade jemand die Idee, Pärt eine Komposition für Chor zu Gerhard-Richter-Gemälden aufführen zu lassen – den Leuten hat es sowas von gefallen. Statisch-immersive Versenkung funktioniert zu jedem Bild. Bildersehen ist ja ihr strukturelles Vorbild. Interessanter ist dagegen, was das norwegisch-australische Improv-Trio Mural auf einer Dreifach-CD namens Tempo (Sofa) in der Rothko Chapel in Houston, Texas aufgenommen hat: Ausschnitte aus einer vierstündigen Improvisation nämlich und ausdrücklich keine Einladung zur Versenkung, vielmehr ein ziemlich offenes, mit Überraschungen vollgepacktes, aber ungehetztes, endlos schimmerndes, langgezogenes Narrativ. Die Freiheit scheint unbegrenzt, wird aber doch nur zu genau so weiten Exkursionen genutzt, dass das Gefühl eines ganz eigentümlichen, schwer begründbaren Zusammenhangs nicht verloren geht. Liegt das an diesem komischen religiösen space, in dem die drei schon zum zweiten Mal nach 2011 einen Nachmittag lang aufgenommen haben? Vielleicht insofern, dass er An-einem-Ort-Bleiben, Nicht-Abhauen als eine den ganzen Körper ergreifende Form von Konzentration bedeutet, nicht aber zwingend etwas mit den künstlerischen Ideen des Malers Rothko zu tun hat.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich mir die Acts, von denen hier die Rede ist, selbst ausgedacht hätte, so obskur seien sie. I wo! Noch die obskursten von ihnen haben selbstverständlich eine solide Gemeinde von Kennern und Fans um sich herum. Darum seien diesmal drei Werke erwähnt, in denen sich etwas fortsetzt, das hier schon vorgekommen ist. Auf ihrer neuen CD Inside The Spectrum (Alrealon) treiben jedenfalls Pas Musique ihre Nichtmusik doch noch klarer in bestimmte Traditionen hinein, eine Art Post-Internet-Krautrock: erhabenes elektronisch/instrumentales Genudel, das aber immer von einer Terry-Riley-inspirierten Phrasierungseleganz zusammengehalten wird.

Auch Oliver Barretts Projekt Petrels habe ich schon in Folge IX dieser Serie erwähnt. Auf Flailing Tomb (Denovali) beschäftigt er sich in der zweiten Hälfte mit Godards Alphaville. In „Orpheus“, einer bizarren und sehr verführerischen Synthie-Pop-Oper wird ein Dialog vertont, dann folgt eine dreiteilige „Lemmy Caution“ gewidmete Suite: ein düsterer, postapokalyptischer Regentag, dessen Schwärze aber immer wieder blitzartig Funkelndes reflektiert und sich durch bassige Schübe im Hintergrund buchstäblich langsam aufpumpt. Sensationellerweise wird dann irgendwann Rock daraus: ein fast metallener, zuweilen an die Kollaboration von Faust und Tony Conrad erinnernder, sehr geiler, wenn auch ganz schön bombastischer ROCK. Und schließlich ist auch die Bassklarinettistin Susanna Gartmayer wieder da, diesmal mit ihrem Trio Möström (mit Tamara Wilhelm und Elise Mory). We Speak Whale (Unrecords) widmet sich nicht nur vielleicht auch dem Inter-Spezies-Dialog – Wale waren ja die ersten Tiere, deren Musik auch Menschen gefiel –, sondern verfolgt einen ganz eigenen Weg zwischen höchstwertiger Klangforschung und dem ganz unbourgeoisen Charme eines aggressiv bis schrottösen Concrète-Sounds. Neben der nach wie vor genialen und auch ziemlich dominanten Bassklarinette gibt es Klaviergehacke und brachiale Elektronik, musikalischen Humor und Gegenwartsdiagnose („Emoticon“).