Werke XXVIII

Ich war noch nie in Australien. Es ist ganz gut, dass es ein paar Orte gibt, von denen man sich ein Bild allein aufgrund von kulturellen Dokumenten macht, die man ihnen zuordnet. Nachdem alle Projektionen auf die USA und Großbritannien sich im Nebel der Realität auflösten, hat diese Zeitschrift in den 1980er-Jahren sehr viel auf diesen letzten Kontinent projiziert. Neuseeland und Australien stellten irgendwann gut die Hälfte der Redaktionslieblingskünstler, eine heftige Migration von dort nach Großbritannien und Westberlin half natürlich.

Das ist heute bei den hier vorgestellten Künstlern nicht anders. Sie leben und arbeiten an Orten wie Berlin und London und haben nebenher Kollaborationen in Japan, aber eine Vorgeschichte in Australien, die ganz ähnlich wie damals als Kandidat für Erklärungen dienen kann, bestimmte Besonderheiten nicht wirklich zu verstehen, aber besser benennen zu können. Ist natürlich alles Attributionswillkür, aber das ist unser Job. Wenn man sowohl bei John Chantler als auch bei Simon James Phillips langen Atem, erdteilgroße Geduld, geothermale Musiziermodelle bewundert, liegt es nahe, das mit „weit weg“, „sehr große Distanzen“, „dünn besiedelt“ et cetera zu verbinden.

Viel wichtiger aber bleibt, dass, anders als bei den vielen Sound-Artisten und Ambient-Künstlern, mit denen man es dieser Tage zu tun hat, die Genannten offensichtlich nicht nur das ganz Andere der unbelebten, planetarischen Natur evozieren mögen – unter Einsatz von Techniken, die von alleine tun, was bei Subjekten immer nur Schwärmerei wäre. Nein, diese hier wollen es zur Abwechslung mal wieder mit musikalischen Mitteln hervorbringen: In der intentionslosen Welt geologischer Klänge sind überall Intentionsatome präsent. Klaviertöne zum Beispiel. Letzten Endes stehen sie wider alle ersten Eindrücke Debussy näher als Sunn O))).

Der Pianist Simon James Phillips, der mit Blage 3 (Mikroton) ein eindrucksvolles Ensemblewerk auf zwei CDs veröffentlicht hat, arbeitet mit Leuten aus dem Umfeld von The Necks ebenso zusammen wie hier mit Leuten aus dem härteren Improv-Umfeld, mit Leuten, die aus der experimentellen, in Berlin zeitweilig so genannten Echtzeitmusik kommen, ebenso wie mit Elektronikern verschiedener Lager. Der „Sound“ ist hier ein Ergebnis präzise einkalkulierter musikalischer Sensibilitäten und Traditionen. Der „lange Atem“ sorgt dafür, dass die Genre-Übergänge sich nicht collagenhaft, sondern erdzeitaltermäßig ergeben. Man beginnt in einer quasiminimalistischen Piano-Unterwelt, irgendwann einige zig Minuten später ist man in einer psychedelischen elektronisch-diskontinuierlich-unheimlichen Tropfsteinhöhle, platt gesagt von Hochkultur-Ambient zu Soft-Machine-Space-Sounds rübergezwitscht, ohne je den Hochseilakt bemerkt zu haben, der hier eindeutig stattgefunden haben muss.

Blage 3 ruft ein merkwürdiges, an eine schöne Krankheit erinnerndes Gefühl auf: Man glaubt die ganze Zeit, die Musik sei dabei, ihr eigenes Ende, ihr Enden zu inszenieren, in Schlüssen zu schwelgen – dieses Ende dauert aber ewig und ist das Gegenteil eines Endes, die Bedingung für Kontinuität. Gleichzeitig stellt sich der zweite Eindruck ein, dass hier eine ganz langsame Steigerung stattfinde – auch das passiert nicht wirklich, es ist eher eine Umwandlung, eine Kompostierung, die einen fasziniert. Mit dabei sind übrigens so unterschiedliche Leute wie Werner Dafeldecker am Brummbass und der allgegenwärtige Tony Buck an den spitzfingrigen Percussions.

Bei John Chantler und Still Light, Outside (1703 Skivbolaget) sind die sofort als „elektronisch“ und „musikantisch“ identifizierbaren Anteile größer, dafür spielt die Musik aber noch einige Etagen tiefer in einem viszeral ansprechenden Universum der unwillkürlich sich meldenden Organe und psychischen Zustände. Kratzen, Sirren, Ziehen, Pfeifen dürfen hier fast ganz konkret auftauchen, wenn auch nicht ohne zuvor dann doch in Richtung „Klang“ abgebogen zu werden.

So wie Phillips am Ende klar ein Pianist ist, ist Chantler eine Art Gitarrist. Beide leihen sich von den Instrumenten vor allem Metaphern für das Verhältnis von menschlichen Körpern zur spezifischen Vielfalt von Tönen aus, die wie philosophische Modelle funktionieren, nicht wie konkrete Methoden zur Hervorbringung. Die will ich eh nicht durchschauen, die Modelle aber höre ich gerne.