Werke XXIX

Wenn etwas nicht funktioniert, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Man macht etwas, das man für etwas ganz anderes hält, etwas Neues. Oder man gibt den Glauben an das Funktionieren auf und macht dasselbe, gern auch etwas feiner, aber nun ohne den Anspruch, dass es etwas jenseits seines ungestörten, autonomen Ablaufens erreicht. Das Erste ist die Strategie des Pop und seiner Rezipientenbiografien, das Zweite die der Kunst und ihrer Produzentenbiografien. Und dann gibt es noch etwas Drittes: aus der Geschichte lernen, also dasselbe weitermachen, aber anders.

Auf Trost Records sind zwei Platten erschienen, die auf unterschiedliche Weise da weitermachen, wo expressive Musik an ihrem Machismo und der gegen sie entwickelten Subjektkritik irre geworden ist. Das Quartett Made To Break spielt in Before The Code in drei einer Kinoregisseurin und zwei Regisseuren gewidmeten Nummern (Agnès Varda, Joshua Oppenheimer, Rainer Werner Fassbinder) einen Free Jazz, der sich der von der Expression automatisch vorgegebenen Richtung entzieht und sich in Schleifen und groß angelegten Unterbrechungen in sein eigenes Gegenteil wagt. Vor allem Ken Vandermark am Saxofon und Christof Kurzmann an allerlei Elektronik arbeiten mit toleranter Großzügigkeit am Paradies der Selbstabschaffung, die nichts anderes ist als das große Lernen, bei dem am Ende nichts von dem, was verworfen wurde, verschwinden darf.

Auch das Dikeman Noble Serries Trio scheint mit seinen Obscure Fluctuations zunächst weiterzumachen, bis es sich auf andere, vielleicht noch etwas klassischere Weise seine Abstürze und Verweigerungen gönnt, nicht länger sein will, was es gerade noch so prächtig war: ich und du und wir, sondern plötzlich Schleim, Spur, Dreck. Aber not for good.

Eddie Stevens ist schon lange dabei, und zwar hauptsächlich bei Dingen, die ich nicht so leiden kann – Acid Jazz, Trip-Hop, Downbeat mit Moloko und Róisín Murphy. Jetzt hat er ein Orchester, wo man noch all die musikalischen Geschmackswerte, an denen er in den letzten 20 Jahren hörbar gehangen hat, als kleine, dynamische Brennelemente erkennen kann, aber eingespeist in eine vielköpfige, ambitionierte Orchestermusik, die das ganze immer schon virtuose Zeug so übertreibt, dass es Big-Band-Prog-Rock wird – und das ist natürlich großartig. Die immer noch ästhetisch präsenten doofen Ideologeme (Acid Jazz: man darf ohne jede Geschichtsscham aus Jazz einfach so wieder eine Tanzmusik machen / Trip-Hop: die Welt entzieht sich neblig jeder Erkenntnis, und das ist auch gut so, weil romantisch) werden von Stevens’ neuer Band Post Office auf The Marylebone Greenwave (Minority) in ein üppiges, virtuoses Protzwerk überführt, in dem alles, was man an Prog, Trip und Brit-Jazz der Neunziger nicht mochte, sich in Gloria gegenseitig aufhebt und seiner eigenen Ungültigkeit glücklich öffnet. Ein großer, am Ende ganz unschuldiger und natürlich von der alten, abgefuckten Könnerschaft zehrender Kindergeburtstag.

Guy Peters hat für die Dikeman-Noble-Serries-Trio-CD Liner Notes verfasst, die auf die kulturell-politische Gesamtlage abheben: dass wir sofort wieder vergessen, was wir auf unseren digitalen Screens gesehen und wovon wir uns haben ablenken lassen. Also auch deswegen weitermachen mit etwas, von dem alle neuen Bestandteile sich als Revision von alten zu erkennen geben. Oder mit neuen Mischverhältnissen arbeiten: Ziemlich brillant und abgedreht macht das der kanadische Komponist, Musiker, Aktivist Gabriel Ledoux mit Le Vide Parfait (Acte), wo sich alles im Dienste der schwierigen Sache trifft: freie, aber funky Percussion, Musique concrète, Sound Art, Musiktheater und Ambitionen, die von der Verarbeitung gelungenen Hochschulaktivismus zu der Frage, was nach Auschwitz nicht mehr geht, über nichts Ruhe geben wollen. Unter den vielen Liner Notes von Freunden und Mitwirkenden bringt es dieser Satz eines Symon Henry auf den Punkt: „Simplification. Cancer of humanist utopias.“

Marc Hollanders beziehungsweise Aksak Mabouls großes, belgischen New Wave und Experimentalpop lostretendes Meisterwerk Onze Danses Pour Combattre La Migraine (Crammed Discs) von 1977 wurde wieder veröffentlicht, und es wundert den Autor, dass einige Tracks wie Detroit-Techno avant alles klingen. Ja, kann man hören: vor allem aber gequeerter Zappa aus der „King Kong“-Phase trifft Terry Riley – und das war unmittelbar vor Punk genau das, was getan werden musste. Muss immer noch.