Vorwort zu Staccato

Ein Konzept hat dieses Buch nie gehabt. Was drinsteht, lag auf der Straße oder „mußte einfach mal gesagt werden“. Was sich mit der Zeit entwickelte, waren eine Anhäufung unterschlagener Wahrheiten und jede Menge Radikalität gegen sich und andere. Staccato handelt davon, wie „Musik verwirklicht“ (Jörg Burkhard) wird, was der Umgang mit der Schallplatte für Folgen hat. Diese Texte beleuchten eine Welt, in der Kultur tatsächlich (noch oder wieder oder vorübergehend) mit Leben zu tun hat, ohne dabei diese Lebendigkeit zu denunzieren an eine tötende Geschichtsschreibung.

Viele Texte konnte ich durch meine Tätigkeit als Redakteur bei der Hamburger Musikzeitschrift Sounds in die Hände bekommen. Dies sind vor allem Texte, die für den Abdruck in einem kommerziellen Periodikum aus formalen Gründen nicht geeignet sind.

Zu den Autoren: Ewald Braunsteiner ist 21 Jahre alt, lebt in Hamburg, ist regelmäßiger Mitarbeiter von Sounds, leistet Zivildienst und spielt unter einem Pseudonym in einer bekannten Hamburger Pop-Band. Jörg Burkhard, 38, ist Buchhändler in Heidelberg und Autor zweier Lyrikbände. Kerstin Eitner ist 25, lebt in Hamburg, ist, glaube ich, Diplom-Soziologin und verkehrt inzwischen nicht mehr in dem Lokal, wo ich sie früher des öfteren getroffen hatte. Über Harry weiß ich nichts. Er hatte mir einmal in der Redaktion ein Gemälde von sich gezeigt, das geheime Beziehungen zu einer Platte von Captain Beefheart aufweisen sollte. Ich hatte damals gerade über Beefheart einen Artikel geschrieben. Später schickte er mir den „Bericht eines Feiglings“ und rief an, ob der Text in Sounds gedruckt werden könne. Ich schlug ihm vor, diesen für ein Buch zu verwenden, womit er einverstanden schien. Sein Versprechen, sich wieder zu melden, hat er nicht gehalten. Manfred Hulverschmidt lebt in Berlin und schreibt frei, unter anderem für Tumult. Stefan Boas Kelle lebt ebenfalls 24-jährig in Hamburg und sollte endlich ein Star werden. Bertram und Ulrich Kowski sind mir nicht bekannt, wohl aber ihre drei Mit-Autoren: Xao Seffcheque ist Sounds-Autor und auch bei diversen anderen Publikationen tätig gewesen (Rock Session, Spex, Überblick), außerdem ist er mit diversen Schallplatten-Veröffentlichungen ein recht reger Musiker, Peter Hein und Thomas Schwebel waren bei Mittagspause und später bei den Fehlfarben, die Hein jedoch nach der ersten LP verließ, um sich losen Projekten anzuschließen. Zusammen mit Peter Glaser bilden die drei die Organisation O.R.a.V., die sich als ein medienübergreifender Verbund mit subversiven Zielen zu verstehen scheint. Kid P. ist, wie auch die drei ebengenannten aus der Generation der Spätfünfziger-Kinder stammend, 24 Jahre, lebt in St. Pauli, gab früher Fanzines heraus, drehte dann Super-8-Filme. Sein Beitrag sagt alles Wesentliche über ihn. Klaus Maeck ist einer der Begründer des ersten unabhängigen deutschen Vertriebes der neuen Szene, Rip Off, außerdem arbeitet er als Super-8-Regisseur, Schreiber und Abwärts-Manager, Felix Reidenbach ist Comic-Zeichner und in diversen Publikationen vertreten gewesen. Er ist 21 Jahre alt, lebt ebenfalls in HH. Wolfgang Welt sagt eine Menge über sich in seinem Text. Fürs Telefonbuch dachte er sich die (treffende) Bezeichnung Universaldilettant aus. Die Post druckte sie. Frank Z. Sinalco, noch ein 24-jähriger St.-Paulianer, ist Sänger und Gitarrist bei Abwärts.

Zwei Beiträge fallen aus dem Rahmen: „Speculationes Lusitanae“ des Hamburger Malers Werner Büttner entstand zu einer Zeit, als Büttner eigentlich den Auftrag hatte, einen Text über seine Beziehung zur Rock-Musik zu schreiben. Er verlor das Interesse, mußte Urlaub machen und lieferte stattdessen das Vorliegende. Nicht nur, daß es mir überaus gut gefiel, es schien mir auch plötzlich passend als Ergänzung und Atempause, als der nötige Schritt aus der Enge des immer gleichen Zusammenhangs, der sich wiederholenden Bezugskoordinaten. Der Beitrag von Hermann Haring (Ex-Chefredakteur von Musik Express und Ex-Label-Manager von Arista) fällt aus dem Rahmen, weil ich bei jedem Wort „Nein!“ schreien muß, weil er für mich die Ansammlung all dessen enthält, was ich in der Subkultur für bekämpfenswert halte. Nicht nur, daß er den Kräften der Vernebelung das Wort redet, er vereinnahmt sogar offensive und klare Leute wie John Lennon, dessen eindeutig atheistisches „Imagine“ („Imagine there’s no heaven!“) ebensowenig in Harings Argumentation paßt, wie Kubricks (viel zu guter) Film 2001 „archetypische Heilsbotschaften“ verkündet. Dennoch steht dieser Artikel in diesem Buch. Erstens weil auch er seine Wahrheiten nicht im öffentlichen Meinungsgesabbel wiederfindet und mithin ein Recht auf Vertretung hat, zweitens weil Haring für viele spricht, drittens weil das Aussprechen dieser unterschlagenen, aber in vielen Köpfen wirksamen Gedanken die Auseinandersetzung fördert, auch und gerade wenn ich mich distanzieren muß und stattdessen Motörhead und Boney M. empfehle.

Ich selber bin übrigens – wie könnte es anders sein – 24 und lebe in Hamburg.