Ist der perfekte Tag ein Modell des Glückes? So wie es in Carpe Diem anklingt, dass, wenn es uns nur gelingt, den einen Tag, heute, perfekt zu machen, wir es am nächsten Tag wieder genau so machen können. „Heute“ ist ein Shifter, wie der Linguist sagt, ein Wort, das wie „ich“ oder „Omi“ Verschiedenes meinen kann. Jeder Tag ist bekanntlich einmal heute. Heute glücklich zu sein würde also reichen. Aber das gilt wohl eher für Profis des Glücks wie Zen-Mönche in koreanischen Kunstfilmen. Ist der perfekte Tag nicht vielmehr deswegen perfekt, weil er eine Ausnahme darstellt?
Als etwa der sichtlich zufriedene Ice Cube in „It Was A Good Day“ die Bilanz eines gelungenen Tages zieht, spricht er ex negativo. Keine Toten in der Hood, keine Polizeibrutalität, und seine Mutter hat sogar daran gedacht, dem konvertierten Moslem heute kein Schweinefleisch zu den Frühstückseiern zu servieren. Rührend. Heute den Bus nicht verpasst: reines Glück. Auch für Madonnas „Holiday“ ist der Anlass ihrer ganz großen Euphorie, einen „day out of life“ zu erleben. Life ist anscheinend eine unangenehme, ermüdende Angelegenheit. Wenn man nur rauskönnte.
An Lou Reeds steinerweichendem „Perfect Day“ hingegen fällt die Alltäglichkeit, nein besser die etwas spießige Sonntäglichkeit seiner schönen Momente auf: ein Tier im Zoo füttern, in einer Bar Sangria trinken, ins Kino gehen – und dann nach Hause. Alles zu zweit. Dies scheint aber weder eine große Ausnahme zu sein, noch lässt sich mit der wiederholten Anwendung dieses Rezeptes ein ekstatisches Leben führen. Man kann das ganz unglücklich jeden Sonn- und Feiertag wiederholen.
Der Schlüssel liegt in Reeds Resümee, Glück sei „someone else, someone new“ werden zu können. Also doch. Auch Lou Reeds Glück ist der ganz andere Tag, der Tag, an dem er ein anderer wird. Die Banalität aber der Elemente seines Glücks lässt zwei Deutungen zu: Wo Glück ist, sind die Distinktionen eben völlig gleichgültig. Das Glück vergoldet eben gerade so langweilige Middle-Brow-Attraktionen wie Sangria und Tierpark. Oder aber: es ist gar nicht egal. Das Glück, um das es im „Perfect Day“ geht, ist das Glück einer spießig normalen Ausnahme von einer andauernden und längst zu Ende gelebten Libertinage. Es muss Middle-Brow sein, denn es ist Urlaub von der Boheme. Slumming bei der Mittelschicht. Drei Jahre vorher hatte Reed schon die bürgerliche Speisenfolge aufgekündigt: „Wine in the morning and breakfast at night / I’m beginning to see the light“. Er pries mit zarten Worten die Freuden eines Ehebruches ohne schlechtes Gewissen: „It was good what we did yesterday and I am sure we do it again, the fact that you are married only proves you’re my best friend. And it’s truly truly sin.“ Der „Perfect Day“ ist also die Unterbrechung eines sündig ausschweifenden Alltags. Der gütige Blick des Libertins auf die kleinen Freuden des Bürgers verliert seine Gönnerhaftigkeit, wenn er wie hier eine Verwandlung versucht, die die Logik der glücklichen Ausnahme durchbricht. „Perfect Day“ erschien auf dem Album Transformer, das ansonsten dramatische und lakonische Verwandlungen in die andere, die befreiende, weitende Richtung feiert. Vom He zur She, von Miami nach New York, von der Blume zur Peitsche. Doch wenn man das Glück der Neuerfindung wirklich ernst nimmt, dann muss man bereit sein, sich voller Courage als das neu zu erfinden, was keine weitere Wandlung mehr zulässt: als Sonntagsspaziergeher, als Mensch, der das Glück nur in Ausnahmen kennt. Und diese auch noch „perfect“ nennt.
Perfekt sind Einstellungen in Filmen und Sätze in Texten. Noch perfekter sind Waren und Neurosen. Wer so das Leben will, will womöglich was anderes. Und kriegt die falsche Alternative von Flexibilität und Authentizität zur Sangria serviert.