Ekstase und Abstraktion

Es ist interessant, dass einer der wichtigsten Texte zur Theorie der Rockmusik erstens kein Text im eigentlichen Sinn ist und zweitens nicht von einem Rockmusik- oder Gegenkulturtheoretiker stammt, sondern von einem bildenden Künstler. Dan Grahams Rock My Religion ist ein Video – von dem es allerdings eine Transkription gibt und das den Titel für die Ausgabe seiner Gesammelten Schriften abgab. Es ist die erste systematische Arbeit über den Zusammenhang von Sexualität und Kapitalismus als Grundlage eines kulturellen Komplexes mit verschiedenen, aber ganz spezifischen Erscheinungsformen. Graham konzentriert sich auf zwei Symptome aus der amerikanischen Version des Komplexes: Einerseits als Vorgeschichte die protestantischen und häretischen Sekten, die seit dem siebzehnten Jahrhundert aus England in die USA kommend dort eine spezifische Mischung aus utopisch-sozialistischer, ekstatischer oder genau reglementierter Gesellschaftsformen entwickelt und ausprobiert haben. Andererseits als Nachgeschichte dieser Entwicklung: Rock’n’Roll.

Diesen Zusammenhang zu behaupten und als vergessenen Zug Popmusik-basierter Gegenkulturen zu stärken, wäre, vereinfacht gesagt, Grahams These. Und sie war neu und folgenreich, als er sie in den frühen 1980er Jahren formulierte. Dies war allerdings auch eine Zeit, in der es so aussah, dass sich Rock’n’Roll als messianische und transgressive Kultur noch einmal erneuern könnte: durch Punk und New Wave nämlich, in New York speziell durch die so genannte No-Wave-Kultur, die experimentelle Rockmusik (James Chance, Teenage Jesus & The Jerks, Mars, DNA, später Sonic Youth) mit einer Super-8-Film-Avantgarde verband (Scott & Beth B, Eric Mitchell, Lydia Lunch, später Nick Zedd, Richard Kern etc.), die tatsächlich in der High Art folgenreich bleiben sollte. Im Nachhinein kann man so verschiedene Künstler wie John Zorn, Jim Jarmusch oder Glenn Branca als mehr oder weniger direkte Produkte dieser Szene bezeichnen. Graham war an der No-Wave-Zeit teilweise direkt u. a. bei Platten von The Static und den Theoretical Girls beteiligt. Die zugespitzte Mischung aus religiös-messianischen und nihilistisch-aggressiven Zügen schien Grahams Position, die er an Personen der 1960er und 1970er wie Jim Morrison und vor allem Patti Smith entlang entwickelte, in den frühen 1980ern noch einmal zu bestätigen.

Heutzutage sind die diversen Phänomene, welche die Rock’n’Roll-Kultur und gerade ihre revolutionär-messianische Seite geprägt haben, alltägliche Erscheinungen der Spektakelkultur geworden. Dafür mussten sie jedoch jeweils aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen werden. Grahams Videoessay ist aber vor allem deswegen so einschlägig geworden, weil er die – auch oft unbewussten – zusammenhangsbildenden Elemente der Rockkultur herausarbeitet und die subkutanen Züge einer Genealogie freilegte, die auf den ersten Blick nur aus besonders grellen und deutlichen Erscheinungen zu bestehen scheint, die nichts Untergründiges miteinander verbindet. Grahams Theorie der Performativität des Rockentertainers macht hingegen vor allem einen Zusammenhang manifest, der latent die ganze klassische Rockkultur prägt: den gemeinschaftsstiftenden und stabilisierenden Aspekt performativer Akte. Graham zeigt, wie die am Einzelnen, am Star, am Performer zelebrierte Sexualität des Einzelnen und ihre individualisierende Kraft zugleich und gerade eine Gemeinschaft hervorbringt. Diese Gemeinschaft ist aber eine Gemeinschaft von durch – meist individuell motivierte – Überschreitungen hindurchgegangenen Einzelnen, die sich über hyperindividuelle Performer – sozusagen anstelle von Priestern und Opfertieren – quasireligiös herstellt.

War bisher die Rockkultur als eine Gegenkultur gelesen worden, die sich im Wesentlichen durch Ablehnung von Institutionen auszeichnete und ihre eigenen Institutionen spiegelbildlich und negativ gegen diese ausrichtete, zeigte Graham, dass sie dabei durchaus eigene Gemeinschaftsbildungsstrategien herausgebildet hatte, die aber keineswegs vom Himmel gefallen waren, sondern aus einer spezifisch anglo-amerikanischen Häretiker-Kultur kamen. Graham legt einen eher geheimen Verbindungstunnel frei, der unterschiedliche, von einer normalen Historiker-Perspektive unsichtbare Punkte miteinander verbindet. Dies wäre so etwas wie ein unbewusstes Amerika, das immer wieder versucht hätte, Gemeinschaft und Sexualität neu in Ritualen zu erfinden. Diese hätten nicht nur oft kommunistische Züge gehabt, sondern eben auch feministische wie Graham in der Kontinuität von den Shakern zu Patti Smith zeigt. Die Elemente der zeitgenössischen Gegenkulturen – alternative Wirtschaftsideen, alternative Sexualität und alternative Geschlechterrollen, zusammengehalten von den Ritualen des Rock’n’Roll – wären demzufolge weniger eine Addition verschiedener zeitgenössischer Ideen, sondern historisch systematisch miteinander verbunden.

Heute erscheinen diese Elemente voneinander meist ebenso isoliert wie sie von genealogischen Erzählungen nicht mehr zusammengehalten werden. Von der Lächerlichkeit der Isoliertheit ebenso wie von der überraschenden Komik rekonstruierter Zusammenhänge handelt „Don’t Trust Anyone Over Thirty“ und stellt neben seinem Interesse an der Geschichte der Gegenkulturen auch in diesem Sinne eine Kontinuität zu Rock My Religion her. Wenn man Jugend von den historischen Zusammenhängen abkoppelt, in denen Jugendliche rebellieren oder sich auch nur aktiv zu unterscheiden versuchen, erhält man eine falsche Abstraktion. Es ist typisch für kulturindustrielle Verwertungen, mit solchen Abstraktionen als Markenzeichen von zu lancierenden Produkten zu operieren. Und es ist ebenso verbreitet, dass die auch in ihren autonomen und kritischen Versionen stets marktnahen Jugendkulturen von diesen Abstraktionen beeinflusst werden.

Jugend ist aber nicht nur eine falsche Abstraktion, sondern generiert in der Farce, die diesem Puppentheater zugrunde liegt, dem Film Wild in the Streets aus den 1960ern, ein groteskes Modell von Rebellion und Jugendkultur. Der Ausschlussgrund, der eine Rebellion begründet (Jugend gehört nicht zur Gesellschaft der Erwachsenen), wird selber zum Kriterium des Ausschlusses (Wir Jugendlichen schließen alle Nicht-Jugendlichen aus). Dieser Zyklus einer auf ein formales Element, den Ausschlussgrund, reduzierten Politik ist nun nicht mehr die falsche Abstraktion der Werbung und der Verwertung durch die Kulturindustrie, sondern die falsche Abstraktion, die eine Öffentlichkeit regelt, in der einfache Themen und so genannte Single-Issue-Politik öffentliche Debatten bestimmen. Natürlich hängt beides auch miteinander zusammen: Die Öffentlichkeit selbst ist marktförmig und Issues (Themen) konkurrieren um Aufmerksamkeit.

Genial an dem Marionettenspiel ist vor allem ein Kunstgriff: die beiden falschen Abstraktionen bilden einen Zusammenhang. Zum einen die Reduktion der Gegenkultur auf eine Single-Issue-Bewegung von Jugendlichen, schließlich Minderjährigen und Kindern, zum anderen die idiotische Idee, die Gegenkultur der 1960er Jahre ließe sich auf realpolitische Vorschläge zum Wahlalter und andere verkrüppelte Formen einer politischen Öffentlichkeit runterkochen. Die so auf das Niveau einer falschen Öffentlichkeit und einer falschen Ökonomie gebrachte Gegenkultur ist aber so immer noch wenigstens in der Lage, ihr kulturelles System zu überschreiten: Die Jugendlichen interessieren sich für politische Repräsentation, die politischen Repräsentanten werden von kulturellen Akteuren herausgefordert. Angesichts einer Gegenwart der vollständigen Segmentierung und Segregation der Lebensbereiche ist das kurios und komisch, zumal eben noch die lächerlichste, kindischste und verzerrteste Gegenkultur der 1960er dies jeder gegenwärtigen Gegenkultur, die immer nur auf einem meist sehr kleinen gesellschaftlichen Gebiet operiert, voraus hat.

Es gibt aber noch einen anderen Kunstgriff: die Gleichzeitigkeit liebevoll rekonstruierender und hochgradig alberner Stilmittel, ja die freundliche Negation der Negation, welche die Trash-Version von Gegenkultur wieder für eine merkwürdig verschobene Empathie und ein versetztes Engagement öffnet. Das Beste, was man für sie tun kann. Im Gegensatz zu Vorläufern einer solchen kulturtheoretisch durchdachten wie kindlichen Geschichtsrekonstruktion wie etwa diversen Platten und Videos der Band Redd Kross in den späten 80ern, stellen Graham und seine Mitstreiter auch einen Link zur Gegenwart her: Der einzige Pop-Star der Gegenwart, der diesen Titel verdient und dennoch auch nur zu gut in diese Tragikomödie passt, André 3000 von Outkast, ist das ausdrückliche Vorbild einer der Marionetten.