So 1979 habe ich von Lydia Lunch! James White! DNA! Mars! Teenage Jesus And The Jerks! Beirut Slump! Robin Crutchfield! Contortions! Bush Tetras! etc. geschwärmt und meine Umwelt damit genervt wie heute mit SST, und im Gegensatz zu vielem anderen, wofür ich in der Vergangenheit geschwärmt habe, stehe ich noch heute zu jeder einzelnen dieser No-New-York-Platten und besitze sie auch noch. Im Zuge dieser Begeisterung las ich mal in einem Berliner Intellellen-Fanzine jener Tage ein Interview mit Adele Bertei, damals Organistin bei den Contortions, die damals jemand in die Stadt bestellt haben muß (andrerseits wohnte in jenen Tagen eigentlich jeder Berliner in New York, weil in Kreuzberg die Mieten so langsam einfach unerschwinglich wurden), und sie war irrsinnig aufregend, wie ja überhaupt diese ganzen tollen herben Frauen (womit ich nicht Lydia Lunch meine) in der Musik damals, wie die frühe Lizzy (damals Rosa Yemen) oder Adele Bertei. Sie erzählte die Geschichte der Schriftstellerin Isabelle Eberhardt, die es unfaßbarerweise geschafft hatte, als Frau (als arabischer Mann verkleidet) in die geheimsten Geheimnisse des Sufismus und anderer islamischer Mystica und Geheimlehren einzudringen und atemberaubende Tagebücher hinterlassen haben soll.
1983 hatte meine New-York-Begeisterung spürbar nachgelassen und die Eberhardt-Taschenbücher waren längst bei 2001 erschienen. Puerto-Ricaner-Discos waren das neue Ding, und ich erinnere mich gerne an meine letzte Phase von Disco-Begeisterung in der schwulen, schwarzen, alkoholfreien „Paradise Garage“. Namen waren Jellybean Benitez, Peech Boys, auch Bobby Orlando und Run DMC, von denen man sich die Rettung der erstmals darniederliegenden Hip-Hop-Szene versprach. Ein Hit, der mir gefiel, war „Build Me A Bridge“ von Adele Bertei, eine im damals noch charmant-frischen Jellybean-Stil (später sollte Adele sogar kurz mit Jellybean zusammenarbeiten, der damals gerade Madonna großmachte), allerdings von Thomas Dolby produzierte Disco-Nummer. Von No New York zu Disco, ein damals üblicher, auch nötiger Schritt, etwas, das man ausprobierte, etwas, das rausgefunden werden wollte, (um so unverständlicher, daß heute noch Leute es für ein intellektuelles Grenzgängertum ersten Ranges halten, eine Disco-Nummer über eine Avantgarde-Nummer zu stellen; eine alte erprobte Variante, interessant, hilfreich, aber nichts zum Ausruhen oder Stolzsein):
„Ich hatte die Contortions ja unter anderem deswegen verlassen, weil es in der ganzen Punk-Szene New Yorks einen fiesen Rassismus gab, was ich nie verstanden habe, wozu all diese Revolutionen ausrufen und sich anschließend wie der übelste Reaktionär benehmen? James gab Dinge von sich … wenn man dann noch bedenkt, daß er später selber mit schwarzen Musikern zusammenarbeitete, war das ganz schön heuchlerisch.“
Ich halte ihn trotzdem noch immer für einen der Größten. Wie geht es ihm?
„Du meinst drogenmäßig? Er ist clean, soweit ich weiß, aber sonst ist er nicht besonders gut im Geschäft.“
Und wie ist Adele da wieder hineingeraten, bzw. wie ist sie in the first place, nach vielversprechender Disco-Single mit toller Melodie, verschwunden, um heute, fünf Jahre später, mit einem Album zwischen Scritti Politti und Joni Mitchell, also gediegener, sensibler Mainstream mit sowohl Jazz- wie Disco-Kompatibilität, wiederaufzutauchen? … Oh, eine Geschichte von sich mit ihrer Firma verkrachendem Thomas Dolby, miesen Charakteren von Ersatzproduzenten, grauenhaften Alkohol-Jahren (die man ihr nicht mehr ansieht) und einem langen Zurückarbeiten, das neue Album ist fast ein Lebenswerk und umfaßt Songs und Kompositionen aus einem Jahrzehnt, neuen, solchen für die letzte Disco-Karriere, davor für die Bloods, ihre kurzfristige Lesben-Guerilla-Truppe, und solchen, die noch vor den Contortions entstanden sind, alle im gediegensten Gewand, mit den feinsten Gastmusikern und -produzenten, und das Ganze ist wieder Isabelle Eberhardt gewidmet. Nichts dazugekommen in all den Jahren?
„Sie ist sowas wie mein Alter Ego. Ich verdanke ihr viel und habe Angst, ich kriege Ärger, wenn ich sie nicht oft genug erwähne. Manchmal denke ich, ich war sie in meinem früheren Leben. Hahaha.“
In einem Song rechnest Du mit geldgierig gewordenen Ex-Punkern ab, wer aus deiner Clique von damals hat es denn zu was gebracht, die meisten sind doch sang- und klanglos verschwunden?
„Es sind eben ganz allgemein harte, kalte Zeiten heute, pragmatisch und geldgierig. Keine Ideale, das beklage ich, ohne mich auszunehmen. Und ich kenne da schon so einige, die es da zu ein paar Milliönchen gebracht haben. Und die früher etwas anders drauf waren, aber ich will keine Namen nennen …“
Madonna?
„Das hast Du gesagt.“
Neben Isabelle Eberhardt ist ihre Platte Peter Laughner gewidmet, dem vor der ersten Platte verstorbenen, legendären Pere-Ubu-Gründer, dessen kurzes, lächerliches und geniales Leben ein anderer Frühverstorbener, Lester Bangs, in seinem nie genug empfohlenen Buch Psychotic Reactions And Carburetor Dung so ergreifend geschildert hat.
„Wir waren uns sehr nahe, enge Freunde, ich habe in Cleveland mit Pere Ubu in einem Haus gewohnt, Peter hat mich zum Rock’n’Roll gebracht, und er hat mich die ersten Male mit nach New York genommen, wo ich Lester dann übrigens kennen lernte. Als Peter starb, bin ich dann nach New York gegangen, irgendwie um sein Vermächtnis zu erfüllen. Ich weiß nicht warum, aber man mußte damals unendlich viel Drogen nehmen, saufen, wir glaubten, unsinnigerweise, nur dann könne man genial sein. Als dann auch Lester starb, brach für mich eine Welt zusammen. Er war gerade clean geworden, er hatte gerade sein Leben in Ordnung gebracht, und dann das … Ich stürzte in ein tiefes Loch, aus dem ich erst so ganz langsam hervorgekrochen bin …“
Überlebende Adele. Lindsay und Lurie hätten es ja zu was gebracht, aber der Rest mache wieder Bildende Kunst, wie Pat Place z. B. (obwohl ich sie gerade ungenannt auf einem Foto von der neuen Kim-Gordon-Lydia-Lunch-Band erkannt zu haben glaube), oder ist am Ende. Hier taucht einmal Judy Nylon als Co-Autorin auf, was wurde aus ihr?
„Movies, sie hat an ihrer Karriere als Schauspielerin gearbeitet und wird demnächst auf diversen Leinwänden zu sehen sein.“ Die seit Ann Magnuson so vernünftig erscheinende Kombination Avantgarde-Musik/Mainstream-Movie; das wurde also aus der Autorin eines hervorragenden Solo-Albums (von Sherwood produziert), Pal Judy, und Hälfte des Duos Snatch, das u. a. die Single mit Originalstimmen der RAF herausbrachte und dessen andere Hälfte, Patti Palladin, sich heute an der Seite von Johnny Thunders durchschlägt. Frauenschicksale. In Männerkleidern in die Sufi-Geheimnisse eindringen. Dzdzdz.
Adele Bertei, das muß man festhalten, ist in der Zwischenzeit eine richtige Musikerin im eher Mitchellschen als, wie das Cover vermuten lassen könnte, Vegaschen Sinne geworden, auch wenn es meist irgendwelche Co-Autoren gibt. Sie hat, und darin ist sie ziemlich alleine heutzutage, einen Musikapparat unter Kontrolle, der so komplex wie dennoch mainstreamkompatibel scheint. Doch fehlt ihr noch etwas, sie ist noch nicht ganz glücklich, ausgefüllt:
„Mir fehlen inzwischen die Gitarren, ich brauch sie dringend wieder, das ist das, was mir wirklich abgegangen ist, in letzter Zeit. Und dann natürlich die Bühne, schließlich hatte ich ja überhaupt nur angefangen, Musik zu machen, um auf der Bühne zu stehen.“
Also hat sie sich – wer mag es bezahlt haben – sechs bis acht Leute vom feinsten kommen lassen, um – hopefully – nächste Saison auch und gerade in Europa aufzutreten.