Ann Magnuson – Trauerspiel im Wasserbett

Sex mit dem Teufel (Unterhaltungsindustrie) ist nur eine der Prüfungen, die auf Ann Magnuson in ihrer Karriere zugekommen sind. Die ehemalige Sängerin von Bongwater hat sich als Filmstar von nebenan, Femme de lettres und Dreiviertelprominente durchgeboxt. Ihre Musik ist nicht großer Pop, sondern großes Theater. Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste des Cocktails, Camp und Kabarett.

Im reizend hügeligen Silver Lake wohnen all diejenigen SchaupielerInnen, KünstlerInnen und MusikerInnen des Großraumes L.A., die es in Hollywood und der großen Kulturindustrie entweder (noch) nicht geschafft haben oder nie schaffen wollten. In den kleinen, oft für nicht mehr als 400, 500 $ zu mietenden Häuschen sitzen die bemerkenswertesten Talente und freuen sich an dem oft sensationellen und unerwarteten Blick über das L.A.-Basin, an klaren Tagen bis runter nach Santa Monica.

Ann Magnuson gehört in beide Kategorien, und ihr reizender hölzerner Bungalow mit Piano und Playboy-Sammlung wurde von dem legendären Richard Neutra gebaut, der wie so viele Architektur-Utopisten im angenehm unschädlichen kalifornischen Klima die Baustoffe und -lösungen für ideale Bohemias ausprobierte.

Einerseits ist sie ein Film- und TV-Star, zwar nicht allererster Berühmtheit, aber doch so solide bekannt, daß sich selbst noch im Frühstückscafé dieser von Berühmtheiten übervölkerten Stadt die Leute nach ihr umdrehen. Andererseits ist sie fest installiert im Camp-, Kleinkunst- und Alternativ-Rock-Circuit. „Ich bin froh, nicht richtig berühmt zu sein. Ich arbeite für Hollywood so viel, daß ich gut davon leben kann, aber mir reicht das schon. Ansonsten ist dieses Leben ziemlich hart und unangenehm. Ich könnte Geschichten erzählen …“ Und das tut sie auch: Hollywood und die unvermeidliche Tragik einer Existenz nach seinen Gesetzen sind ihr ewiges Thema, seit sie als Schallplattenkünstlerin in Erscheinung getreten ist, zumal seit sie von New York nach Kalifornien übersiedelte. Und was man hierzulande für ein Surfen auf drei Millionen campig gewordenen Referenzen auf die große Zeit der Unterhaltungsindustrie halten und so schön bei Kenneth Angers Hollywood Babylon nachlesen kann, wodurch man fasziniert zu sein pflegt: das makellose Gesicht und den nach Balzacscher Großroman-Logik sich immer dahinter sich abspielenden Tragödien wg. verlorener Illusionen etc.; das ist für Ann mindestens ebenso ihre eigene wahre Geschichte: Liebe, Leid und Scheitern in Hollywood.

Ann Magnuson kommt aus West Virginia, entkommt nach New York, treibt sich als halbe Sängerin, halbe Schauspielerin und Kabarettistin in den Kleinkunst-Bars des East Village herum, als die in den frühen Achtzigern ihre großen Tage hatten. Sie ist schon seit jener Zeit in diversen Hollywood-Filmen zu sehen. Es hieß immer, sie hätte Rosanna Arquette oder so werden können, wäre aber immer zu talentiert, zu sehr Darstellerin gewesen, zu wenig Figur/Charakter, der/dem man seine Drehbücher auf den sogenannten Leib schreiben kann. Meine amerikanischen Freunde loben allerdings ihre Rolle als Zeitschriften-Redakteurin in irgendeiner mir unbekannten Sitcom.

Seit ’87 nimmt sie mit Kramer als Bongwater Schallplatten auf, die im Laufe der Zeit immer narrativer werden. Eine ganze Platte erzählt eine Geschichte: „Für mich muß das sein, ich habe wahrscheinlich als Kind zuviel ‚Peter und der Wolf‘ gehört.“ Durch Akte, Regieanweisungen und Dramaturgie erhalten sie immer größere Theatralik. Ihr Thema spitzen Bongwater immer mehr zu auf die unglamouröse tragische Seite glamouröser Karrieren von Frauen in der Unterhaltungsindustrie (Groupies, Casting Couch, Starlets). Geschichten, die aber ihrerseits wieder als schon bestehende Genres betrachtet werden, über das unsere Heldinnen, die echte Ann und die lyrische Ann, souverän qua Stylismen verfügen: Dieselben Stylismen natürlich, deren Opfer sie beide dann auch wieder werden. Und daher wird dann irgendwann auch eine glamouröse campy Träne über sich selbst verdrückt.

Nachdem sie sich von Kramer mitsamt seinen Alternative-Rock-Ideen getrennt hat und ihre erste Solo-Platte The Luv Show aufnimmt, verwirklicht Ann diese Stylismen im Alleingang. Unterstützt von je einer prominent zusammengesetzten L.A.-Band (Künstler und Destroy-All-Monster-Musiker Mike Kelley und Jim Shaw sowie die Besetzung der Super Session Band, die schon Pettibon begleitet hat) und einer N.Y.-Band (Don Fleming, Dave Licht und als Gast Jim Thirlwell). Liebe, vergänglicher Ruhm und Freuden der Sünde, das Mädchen, das einen Swinger kennenlernt – den Teufel möglicherweise – und schließlich selbst zum Swinger wird und sich nach dem Sinn des Lebens fragt und überlegt, ob es nicht aus dem Show-Business austeigen sollte. „Massenkultur ist für uns hier in den USA nicht irgendein mögliches Thema, auf das wir uns beziehen können. Es ist die einzige Kultur, die wir haben. In ihren Begriffen wird alles entschieden, auch die Politik.“

Dennoch ist der Ansatz ja nicht irgendeiner, sondern einer, der zur Zeit ziemlich populär ist, „Swinger“, die Idee der Lounge, Frühsiebziger-Playboy-Grafik etc. Damit gehen doch recht viele Leute zur Zeit hausieren, von Easy-Listening-Pestvögeln über Urge Overkill, Daniel Clowes bis zur Quentin-Tarantino-Arbeitsgruppe im Germanistik-Hauptseminar an der Uni Siegen – „Neue Narrative versus alte Alkoholika“. Kann man Martini-Gläser noch ertragen? Außer durchgestrichen als Piktogramm am Strandeingang von Matador Beach, das dortige Alkohol-Verbot annunzierend?

Für Ann Magnuson ist aber nicht nur das Thema Unterhaltungsindustrie, Hollywood Babylon und was die Bibel ihrer strenggläubigen Eltern aus West-Virginia dazu gesagt hätte, ernster und unausweichlicher als für einen gelangweilten Freund des Schrillen und Coolen in unseren Breiten, wie sie mir jetzt, am Tage von Buchanans erneuten Vorwahl-Triumphen und der Hinrichtung des Freeway-Killers Bonin, in Millie’s Restaurant am Sunset Boulevard erklärt. Auch ihre musikalischen Vorlieben von L.A.-Punk zu Glam-Rock und Showbombast, und vor allem ihre stilistischen Entscheidungen sollte man weniger so lesen, wie man das von Pophistoryverliebten Postmodernen speziell britischer Prägung und der frühen Achtziger gewöhnt ist, also als Popism, sondern als Theater. Weniger geht es also um das Feiern der Verfügbarkeit von Referenzen, wie das von Roxy Music über Bowie bis zu ABC die frühe Postmoderne gemacht hat, sondern um das Verurteiltsein zur Rolle, zum Genre, zur Tragik als ein Fall von Theater wie auch von Metatheater: „Daher komme ich, und darüber kann man mich auch nur verstehen.“

Wenn man eine Rolle spielt im Theater, ist das anders als im Leben oder in der Pop-Musik, wo es einen von falscher und erzwungener Unmittelbarkeit befreit. Theater ist keine solche Befreiung, sondern verpflichtet einen zur Treue gegenüber einem anderen, einem fremden Wesen. Und daß dieses fremde Wesen sich irgendwann als das eigene entpuppt, ist ja nicht nur der Kitsch, aus dem tausendundeine Schauspielerbiografie und Theater-im-Theater und Film-im-Film-Stücke sind, sondern auch ein Problem, das bei aller Durchschautheit gerne immer wieder um die Ecke lugt. Um dieses Dilemma zu wissen, führt dann vielleicht zur etwas verzweifelten Flucht in den Camp, der aber auch schon hundertmal durchschaut wurde.

Massiver als auf The Luv Show geht Ann dieses Problem bei ihrer derzeitig wöchentlich im West-Hollywood-Camp-Tempel „Lunapark“ aufgeführten Live-Show an: „Wir spielen die ganze Platte und noch ein paar Sachen mehr. Ich rede viel. Dann kommt als Zugabe ein großes Bowie-Medley. Ich erzähle von einem Traum, den ich hatte, als ich David Bowie in seinem Studio besuchte, wie er gerade in die Zusammenarbeit mit einem der großen, dunklen Prinzen des Rock’n’Roll vertieft war, niemand anderem als Gene Simmons von Kiss …“ – Was endlich mal ein guter Karriere-Mover von Bowie wäre. – „Eben, dann würde er wieder rocken. Stattdessen spielen wir dann ‚Lady Stardust‘, ‚Cracked Actor‘ …“ – Also seine L.A.-Periode? – „In dieser Show ist alles aufeinander bezogen. Dann schlafe ich ein, und meine Mutter weckt mich. Ich bin plötzlich ein kleines Mädchen und habe die Chance, alles neu zu machen, nicht Film studieren und nicht immer im Gemeindetheater abhängen, nicht Pot rauchen, nicht schauspielern, sondern in der Pharma-Firma, für die ich arbeite, das Heilmittel gegen diese schreckliche neue Krankheit finden, blablabla. Dann werde ich ‚Teenage Daydream‘ und ‚Daydream Believer‘ von den Monkees spielen und sagen, seid vorsichtig mit euren Träumen, Leute, seid vorsichtig mit dem, was ihr seid und sein wollt. Und dann sage ich: Quatsch, Blödsinn, wir leben sowieso in einer Phantasiewelt, in lauter Träumen, und dann kommt ‚Ziggy Stardust‘, und dann ist Schluß.“

Klingt gut, vielleicht auch mal an deutschen Bühnen. Vielleicht als Paraphrase auf Calderón, La vida es sueño. Oder die Gesellschaft des Spektakels. Denn daß das Leben, das ein Traum ist, nicht unter Kontrolle der Träumenden steht, sondern selbst wenn diese im Traum merken, wo sie sich befinden, immer da weiter lang müssen, wo der Sunset Boulevard seinen gewundenen Weg wählt, das hat Ann Magnuson mit ihrer neuen Theater-Camp-Lounge-Babylon-Revue ganz gut auf den Punkt gebracht. Die weckende Posaune schweigt – dekonstruiert –, der digitale Wecker plockert ungehört und bringt anderswo ganz andere Leute zum Tanzen. David Bowie ist nach Beverly Hills gezogen und denkt sich quatschige und nun wirklich unerträgliche postmoderne Müll-Geschichten aus. Dem ist der wohlig entsetzte Schrecken über die Wasserbetten Hollywoods als perverse Pointe des aktuellen Stands der Unmöglichkeit, die Unterhaltungsindustrie durch ihre eigenen Mittel zu kritisieren, zu genießen oder in den Arsch zu beißen, unbedingt vorzuziehen.