Aria – Schrill!

Ein Opernfilm von einem knappen Dutzend namhafter Regisseure. So viele Ärsche und Titten! Voller Abscheu wandte Diedrich Diederichsen sein altes Puritaner-Auge ab.

Die Arie sei nichts anderes als ein Pop-Song, von früher allerdings und mit Niveau. So muß derjenige es sich gedacht haben, der mehr oder weniger namhafte Regisseure beauftragte, zu Arien eigener Wahl den künstlerisch-wertvollen Clip zu drehen. Da muß man durch: Opfer und Erotik. Wird ja seit Jahren für das durchsetzbare neue Ding gehalten, von den McLarens, Beineixs und Sauras dieser Welt, und stinkt entsprechend.

Berechenbar auch die Einfälle der bekannten berechenbaren Regisseure. Nic Roeg schwelgt in Eindrücken vom alten Wien, klischeespezifisches Personal sind graugesichtige Attentäter, Balkan-Prinzen und süße Mädels, Derek Jarman stellt mal wieder eine alte Diva in einen Federregen und läßt sie sich in unscharfen Bildern daran erinnern, wie es war, als sie noch jung, schön und Tilda Swinton war und im Badeanzug herumlief. Godard, Bruce Beresford und Franc Roddam nutzen die knappe Zeit, um junge Mädchen zu entkleiden. Robert Altman sagt uns, was wir schon wissen. Daß nämlich im Paris des 18. Jahrhunderts ein wahrlich derber Haufen aus Alkoholikern, geilen Weibern, Wahnsinnigen und Entrückten das Opernpublikum gestellt habe, und zeigt eine Rameau-Arie lang nur bizarr-geschminktes schrilles Volk. Dazu zoomt seine Kamera aufs obszönste durch die Menschen durch, stochert und wühlt in den frisch-geschminkten Wunden und im Dreck herum, daß man kotzen könnte. Zwei Regisseure vertreten die Ansicht, daß eine Arie ungefähr so lange dauert wie ein durchschnittlicher Geschlechtsakt (die Amerikaner sagen Quickie dazu) und versetzen das diesen ausführende Paar in dekorative Umgebungen (das alte Brügge, Las Vegas – bei Las Vegas bringen sie sich anschließend ohne erkennbaren Grund um: die Arie war der „Liebestod“ aus Tristan und Isolde). Erträglich Julien Temples launiges Ehedrama zum Uralt-Hit aus Rigoletto, das von der unerträglichen Schrillness amerikanischer Honeymoon/Ehebruchs-Liebesnester lebt, wie auch eigenartigerweise der Beitrag Ken Russels, der Unfallchirurgie als schöne Kunst betrachtet. Eigenartig blöd der Beitrag eines gewissen Sturridge, der in schwarz-weiß schöne, böse Enfant terribles in dekorativ heruntergekommenen Vierteln Londons einen Mercedes klauen und in Brand setzen läßt. Ein besonders unredlicher Versuch, jugendlichem Rebellentum eine falsche natürliche Schönheit anzudichten, die richtige speist es aus anderen Quellen als aus Pädophilen-Phantasien und Sozialarbeiter-Sex. Zum Knochenkotzen die Rahmenhandlung, in deren Verlauf ein alter Sänger sich zu – of all people – Pierrot schminkt, in einem großen leeren, unübersichtlichen Opernhaus nach einem mäßig schönen, sehr züchtigen Mädchen Ausschau hält, das sich neckischerweise – oh diese Frauen – immer wieder versteckt, und dieser schließlich zum Caruso-Playback was vorsingt, röchelt und abkratzt. Bleibt Godard, mit einer berechenbar sehr guten Mischung aus seinen immer etwas schlaueren Sex-Phantasien (junge Mädchen in Kitteln, nichts drunter, stauben erst Tische, dann bewegungslose Bodybuilder ab, ziehen sich aus, richten das Messer gegen die Bodys der Builder, verharren in eigentümlichen Passion-Posen und schreien „Oui“ und „Non“ zu einer Arie von Lully. Das Gym als Versailles – sowieso) und seinen berechenbar schlaueren Einfällen zu der Bedeutung historischer Formen. Ohne weiteres hätte dies auch ein Ausschnitt aus irgend einem neuen Godard-Film sein können. Und dann wäre mehr passiert. Ein Film, von dem man zehn Minuten sehen kann.