Es fehlten uns: Walter Dahn, Georg Dokoupil, Werner Büttner, Albert Oehlen, Markus Oehlen, Martin Kippenberger, Jörg Immendorff, Penck und sein Schlagzeug, Lüpertz und sein E-Klavier, und Peter Bömmels wollte auch nicht mit, zur Kunstmesse nach Basel, der renommiertesten in Europa: „Ich will doch nicht mit ansehen, wie meine Kunst zur Ware wird.“
Doch gerade durch die Abwesenheit des von Künstlern bei Kunstgroßereignissen üblicherweise veranstalteten Rummels, gerade durch die Abwesenheit ihres diffus-unterhaltenden und ablenkenden Diskurses über Kunst, lag deren Warencharakter offen dar wie ein entblößter Fels, ein Monument des Mammon. Der Tauschwert rules, o.k., und macht alle gleich, so will es die Idee der Messe, auch wenn sie sich als glamouröser Supermarkt ausgibt. Und plötzlich ist ein Hausner mehr wert als ein Kippenberger.
Die Händler dagegen hatten ihre helle Freude. Händler aller Größen und verschiedenen Formats machten sich mit unverhohlenem Genuß daran, ihre Waren an den Mann zu bringen. Selbst amerikanische Galeristen, die keinen eigenen Stand auf der Messe hatten, waren eigens nach Europa gekommen, um – mit dem Aktenköfferchen voller Ektachrom-Dias – zu verhandeln. Und die vom Hasten durch die Messehallen erhitzten Händler – klassisch schön, diese Händler mit den dicken Ringen und Sonnenbrillen – ließen sich im Innenhof des Messegeländes an kleinen Tischen nieder, pokermäßig um die begehrten Kunstwerke dealend, daß es eine Freude war zuzuschauen. Das Wetter war milde, und das Klatschen der Ektas auf die Tischplatte wiederholte sich mit der Regelmäßigkeit eines entspannten Tennis-Matches an einem entspannten, südfranzösischen Sommerabend. Kunst als Ware, aber was für eine Ware muß das sein, die dies wunderbar ölige antike Händlervolk so lüstern und dabei so dekorativ hin- und herschiebt. Purpur? Safran? Laserkanonen?
So eine Kunstmesse entspricht ihrer Funktion und ihrem Wesen nach den großen Sommer-Pop-Festivals. Man wird durch ihre kommerzielle Vollständigkeit daran erinnert, was es alles noch an Monstrositäten gibt. Chris De Burgh zum Beispiel. Hatten wir nicht alle vergessen, im Kölner Elfenbeinturm, wie schlecht Kunst sein kann? Katharsis kam auf beim Besuch von Kojen echter Dinosaurier-Künstler wie Rudolf Hausner, Johannes Grützke, Günther Uecker, „dem signierenden Giger und dem sinnierenden Helnwein“ (Basler Zeitung), Friedensreich Hundertwasser und ihrer New Wave-Pendants wie Elvira Bach und Helmut Middendorf. Zu unserer vollständigen Läuterung fehlte eigentlich nur Horst Antes.
„Umfangen und umschlungen“ (Spiegel) wurde man an allen Ecken und Enden von einer vielköpfigen Hydra namens Martin Disler. Der Schweizer, den laut Spiegel derselben Woche ein „mythischer Juckreiz“ plagt und sein „Farbgewühl“, wie es der subjektiv Disler verteidigende, ihn aber objektiv der Lächerlichkeit aussetzende Spiegel-Artikel nennt, war so unvermeidlich omnipräsent wie Paul Hardcastle in den Ghettoblastern dieser Tage. This Year’s Julian Schnabel.
Die wohltuende Antithese, zum Glück kaum minder präsent, waren die spitzfindigen, gleichwohl übersichtlichen und gedanklich wie ästhetisch optimal geordneten Arbeiten des britischen Schwulen-Duos Gilbert & George, ohne deren Wirken in den letzten zwanzig Jahren weder Kraftwerk noch Devo noch Boy George denkbar gewesen wären und die David Bowie für seine letzte LP-Hülle schamlos beklaut hat.
Neben bewährten, aber auch teuren Kräften wie Gilbert & George hatte Art ’85 zwischen Dinosaurier-Kunst und Reste-Ausverkauf (schon auffällig, die vielen unverkauften Reste aus Einzelausstellungen, die man selber gesehen hat, jetzt in Discount-Kojen der großen deutschen Galeristen wiederzufinden) noch einiges zu bieten, das wir dem kunstinteressierten Yuppie zum Aufbau einer Sammlung empfehlen möchten:
Markus Oehlens Elefanten-Psychedelia – ein gegenständlich-milde gewordener Pollock trifft einen Picasso auf Acid – (bei Metzler), Philip Taffees Op-Art-Remakes (unfrei nach Bridget Riley und Vasarely), Bettina Semmers anthologistische, scharfsinnige Stilleben auf Monochrom-Braun und Albert Oehlens farbenlehregewordene Rehabilitationen des Kästchendenkens (alle gesehen bei Ascan Crone) … „Pretty Girls Going This Way“, „Evil And Trouble Going This Way“, die erste Schrift, dünn und weiß, links unten, die andere rechts unten, weisen den Weg aus einem circa 2,50 Meter langen, aber nur wenige Zentimeter hohen, illusionistisch gemalten, bräunlichen, an einen Abendhimmel erinnernden Gemälde Ed Ruschas, das uns bei Tanja Grunert begeisterte. Bei der Londoner Galerie Lisson fanden wir zwischen den cleveren, dreidimensionalen, sich langsam etwas abnutzenden Späßchen Julian Opies rührende, unbeholfen-ungenaue geometrische Zeichnungen Sol LeWitts, die an so manche Quälerei aus dem Mathematik-Unterricht gemahnten, sogar auf selbst gezeichnetem Kästchenpapier. Art & Language beschäftigen sich weiter mit dem Inhalt ihres Ateliers. Hatten sie ihn zuerst mit allen Details inclusive Red-Crayola-Platten halbwegs realistisch abgebildet, wie er sich scheinbar zufällig im Atelier gruppierte, sind sie jetzt dazu übergegangen, alte Zeitungen und Farbreste, platt gewalzt und in Rahmen gepreßt, also im buchstäblichen Sinne den Inhalt selbst, an die Öffentlichkeit zu bringen (für den sophisticated Yuppie, ebenfalls bei Lisson).
Unter der Rubrik „Perspectiven“ wurden, nach einem nicht transparenten Schlüssel, sogenannte hoffnungsvolle junge Leute mit jeweils eigenen Kojen ausgestellt. Nicht einsichtig, zu welchen Hoffnungen die schlabbrigen Oberschüleraquarelle Alessandro Franchettis, der ein illegitimer Sohn des Cy Twombly sein will, die Kuratoren berechtigt haben. Ebensowenig der Endart-Müll, den wir aber in Spex 1/85 so erschöpfend beschimpft haben, daß sogar Art es für nötig befand, darauf zu verweisen. Ernst Trawögers einziger Verdienst ist die überaus hippe Kombination seiner Wohnorte (Innsbruck/New York. Warum nicht Lüdenscheid/Manila?). Und auch sonst keine Perspektiven außer den hierzulande und unsereinem schon etwas bekannteren Talenten der Rosemarie Trockel und des Donald Baechlers. Ersterer verdanken wir die Innovation der Strickbilder und letzterem eine neue Form von Monomanie: die Fetischisierung des eigenen Vornamens: DONALD, DONALD!
Apropos Donald! Der definitive Hip-Sammler kauft dieses Jahr Donald-Duck-Kunst, also die Sorte moderner Kunst, die in von Carl Barks gezeichneten Donald-Duck-Geschichten an den Wänden hängt und in Basel günstig im Angebot war: Deutsches Informel, 50er-Jahre-abstrakte-Malerei der plumperen Art, gern auch aus der Schweiz, wo die Abstraktion schon immer leicht ins Graphisch-Dekorative lappte. Dazu ein runder Teppich, überdimensionierte Ohrensessel und erbauliche Lektüre an Regentagen: „Kinder, wer möchte noch ein Hühnerbein?“
XY-ungelöst! Whatever happened to Graffiti? Außer Rammellzee und Crash sind sie offensichtlich alle zurück in die Bronx geschickt worden, die Spraydosenhelden der Subway. An deren Stelle ist österreichische und schweizerische Friseursalon-New-Wave-Kunst getreten.
Worüber wir uns besonders ärgerten, weil schlechte österreichische und schweizerische Kunst die Theorie sabotierte, die sich uns beim Besuch spanischer, sowjetischer, lateinamerikanischer Kojen und beim staatlichen Kunsthandel der DDR aufdrängte: Je besser ein Land, desto schlechter die Kunst, die es hervorbringt.
Man sieht also: Jedem unserer idealistischen Versuche, qualitative Hierarchien oder andere akzeptable Ordnungssysteme zu etablieren, wird von der nivellierenden Profanität des Kunsthandels der Teppich unter den Füßen weggezogen. In einer solchen kalten Welt trieb es dann auch die wenigen anwesenden Künstler bezeichnenderweise in die Kojen der weiblichen Galeristen, wo die Mummy’s-Dearest-Künstler noch so etwas wie Wärme zu finden glaubten (und wohl auch fanden). Uns zog es dagegen in die Bars, Cafés und Diskotheken dieser Kunststadt, immer vor Tinguely-Brunnen, im Schatten von St.-Phalle-Monumenten der Kunststadthaftigkeit dieser Kunststadt ausgesetzt.