Bastro

Ein abgefahrenes Thema: staccato frenzy with piano & choir gone mad, quite mad. Diedrich Diederichsen schaute in das nützliche kleine Notizbuch von David Grubbs.

Meine bisherige Lieblingsplatte des Jahres ist Diablo Guapo von Bastro, Homestead HMS132. Eine Band, die mir vor diesem Meisterwerk schon wegen ihres Namens komisch vorkam. David Grubbs, der ihn sich ausdachte: „1962 lebte Lee Harvey Oswald in New Orleans. Seine Zimmerwirtin war eine passionierte Castro-Gegnerin. Sie machte sinnlose Reime auf seinen Namen. Ihr Lieblingssatz hieß ‚Castro is a bastro‘, was nichts bedeutete. Eines Tages hing Lee Harvey einen Pro-Castro-Spruch ins Zimmer, wurde gefeuert und ging nach Dallas. Der Rest ist Geschichte. Du siehst: ein sehr passender Name für diese Band.“

Am Anfang war Bastro eine von vielen Ami-Noise-Bands, wie sie vor allem Chicago vor ein paar Jahren gerne hervorbrachte und wie sie Homestead unter Vertrag nahm. Sie hießen damals Squirrel Bait und spielten eine rockigere, auch konventioneller und weniger durch Lärm- und Quälterrortechnologien abgesicherte Variante dieser Musik. Auch wenn die deutschen Lieblingswörter der Band „Fleischkraft“ und „Genickschuß“ – als deutsche Zweitbandnamen erwogen – noch in diese Richtung zeigen. Die Adresse auf dem Cover ihrer LP mit der Bestellnummer HMS028 war schon damals die von David Grubbs Eltern in Louisville, Kentucky: „Sie ziehen niemals um, deswegen habe ich sie immer dahingeschrieben. Ja, es ist ein netter Ort zum Aufwachsen. Für Familien mit Kindern sehr zu empfehlen.“ Und sonst? „Das größte Pferderennen der Welt findet dort statt. Die Leute trinken bis vier Uhr in den Bars Bourbon und erzählen sich Geschichten. Hören Country-Musik. Leben von der Bourbon- oder Zigarettenherstellung.“ Clark Johnson, der schöne Bassmann, auch schon seit Squirrel-Bait-Zeiten dabei: „Es verbindet den Charme des Nordens mit der Effizienz des Südens.“

Schon Squirrel Bait lebte und arbeitete aber in verschiedenen Städten. Clark Johnson ist inzwischen nach Chicago gezogen, Heim auch ihres früheren Mentors Albini, bei dessen Rapeman Johnson ebenfalls mitgewirkt hat. Neuzugang John Warsaw McEntire lebt bei Cleveland, Ohio, und studiert am Konservatorium Computer-Musik: „Ich beschäftige mich mit den alten, riesigen Analog-Synthesizern. Demnächst wird man das vielleicht auch bei Bastro hören.“ Beschäftigst du dich auch mit zeitgenössischen, digitalen Computer-Komponisten? Oder Ambient House?

„Ambient House, gibt es das wirklich? Nein, nur Analog-Synthies.“ Grubbs: „Wir haben dieses Wort auch schon gehört, aber für einen Witz gehalten, die Kombination der denkbar weitest voneinander entfernten Musikrichtungen.“ Johnson: „Ich lebe ja jetzt in Chicago, aber ich habe von House so gut wie nie irgendwas mitbekommen, ich finde es ganz interessant, aber es geht völlig an mir vorbei.“ Grubbs, der vorher den besonderen kentuckeyanischen Sinn für Humor und das Talent zu endlosen Anekdoten gepriesen hat: „Wahrscheinlich wäre das eine Aufgabe für die Kölner Schule Neuer Musik (im Original deutsch).“

Davids Mutter daheim in Louisville, in der Brownsboro Road Nummer 3345, verdient ihr Geld als Fotografin. Eine gewisse Sensibilität für fotografierte Bilder hat sie ihrem Sohn zweifellos vererbt. Von einem Walkman kauenden, schläfrig durch seine Brillengläser linsenden Neunjährigen auf der Squirrel-Bait-LP bis zu dem Sleeve der einzigen Bastro-7″ „Shoot Me A Deer“: Studenten der medizinischen Fakultät der Universität Louisville mit Leichenteilen, die sie soeben seziert haben. Auf eine Tafel haben sie den Satz „Usefullness Does Not End After Death“ geschrieben. „Falsch geschrieben“, merkt Grubbs an. „Das ist ja das Lustige, so ein Statement zu machen und es dann natürlich falsch aufzuschreiben: Usefulness mit einem L!“

Die Bastille schreibt man hingegen mit zwei „L“, und die spielt ebenfalls eine immense Rolle in der Geschichte von Bastro. So wurde die erste Vollzeit-LP Diablo Guapo zum 200sten Jahrestag des Sturmes auf die Bastille aufgenommen (zum zweiten Mal aufgenommen, um genau zu sein: es waren bereits alle Songs in einer 8-Track-Version als Testpressung fertig, als man sich entschloß, sie mit 24 Tracks und dem neuen Drummer McEntire neu aufzunehmen, was zu [allerdings erfolglosen] Selbstmorddrohungen der Homestead-Direktoren geführt zu haben scheint), die nächste wird zum 201sten begonnen. Die Koinzidenz von Elvis 10ten Todestag und der Planetenkonstellation, bei der alle Himmelskörper des Sonnensystems eine Linie beschrieben, gereichte ebenfalls zur Inspiration.

Jeden Tag setzt sich Grubbs hin und schreibt Tagebuch: „When we arrived in Berlin at the Ecstasy everybody was watching fucking soccer … etc.“ Sorgfältig gezeichnete winzige Buchstaben, alles Versalien, sehr hübsch, wie Sprechblasenlettering. Das Buch ist die ganze lange Tour dabei, und jeder von der Band und von der befreundeten anderen Band, Happy Flowers, darf es lesen. Dann stehen auch die Kurzgeschichten, Prosa-Poeme und Consciousness-Ströme, die Grubbs auch schon des öfteren veröffentlicht hat, in Zeitschriften, die z. B. Georgetown University Literary Magazine heißen und in Kentucky oder Washington erscheinen. „Ich lasse sozusagen meine literarischen Texte implodieren und mache sie zu Songtexten.“

Aber kann ein Text bei einer derart einnehmenden Musik, die auch so eindeutig Musik sein will, als Musik erzählen, und nicht Worte unterstützen, ja ein geradezu aufdringliches Eigenleben führt, überhaupt Texte gebrauchen, oder sind sie nicht so wichtig?

„Doch sie sind sehr wichtig. Unsere Musik ist ja sehr verdichtet, besteht aus aufeinanderfolgenden Höhepunkten und Steigerungen, Gipfeln und Aufstiegen. Und ich gehe an meine Notebooks und suche mir aus meinen Stories genau die Gipfel und die Crescent heraus.“

Zu dieser dichten, reichen Musik kam es aber erst, nachdem Grubbs schon eine Bastro-Mini-LP (Rode Hard And Put Up Wet, 1988) veröffentlichte, die er allein mit Computern und Maschinen und ein bißchen Unterstützung von Clark eingespielt hatte. Die war nicht nur ein Rückschritt im Vergleich zu dem kompakten, geilen Pre-Grunge-Oberton-Groove von Bitch Magnet, sondern in ihrem zwar kraftvollen, aber ziemlich zugelärmten Post-Big-Black-Terror-Rock so indifferent, daß niemand als nächstes eines der überraschendsten, schönsten Alben eines Jahres (besagte Diablo Guapo von diesem Jahr) ahnen konnte. Musik, die mir zum ersten Mal seit langer Zeit wieder etwas Neues erzählt hat. Die erste garantiert Retro-freie Rock-Platte seit The Process Of Weeding Out?

Auf dem Weg dahin mußte Bastro erst eine eingespieltere Band werden und ging auf Marathon-Touren. Denn eingespielt muß man sein, um das spielen, vor allem aber lesen zu können, was Grubbs so komponiert. Komponiert? Heißt das aufgeschrieben? „Ja, was denkst du denn. Wir haben alles aufgeschrieben, alles steht in meinen kleinen Notizbüchern. Überrascht dich das?“

Aber was steht darin? Grubbs holt ein Notizbuch raus und zeigt mir die neue Komposition „Etude des Chemins de Fur“ („ein Wortspiel: die Pelzeisenbahn“), die so notiert ist:

low single note prepared piano one minute

intro scattered quite diffuse

main swinging part piano drums interreiterated sparse percussion

main swing with louder percussion low distorted organ grinds, builds

second piano integrates into melody all coalesce until

staccato frenzy with piano & choir gone mad, quite mad

swing drum & loud organ main swing riff (over the top?) over the top cacophony

return to single note double piano organ rhythm

Toll, nicht? Liest sich exakt wie ein Bastro-Song. Aber ihr habt auf der Bühne nicht kleine Notenständer, auf denen deine Beschreibungen liegen.

„Nein, aber wir üben sehr lange und hart. Vor ein paar Tagen haben wir ein Stück aufgeführt, an dem wir über ein halbes Jahr fast täglich gearbeitet haben.“

Es liegt nahe, in dieser Art Musik zu schreiben und zu verstehen, in engem Zusammenhang mit literarischen Praktiken, deren Grundlage ein ebenso von der ganzen Band gelesenes Tagebuch über gemeinsame Erlebnisse ist, das Neue und Einzigartige zu erklären, das die fragliche Bastro-LP ausmacht. Grubbs hat noch eine einfachere Erklärung: „Es ist Lärm plus zehn Jahre klassischer Klavierunterricht. Viele Leute verwenden Begriffe wie Free Jazz und Free Music im Zusammenhang mit dem, was wir machen, das beweist nur, daß sie weder uns noch echte Free Music je gehört haben. Damit haben wir nun wirklich am allerwenigsten zu tun.“

Wahrscheinlich sind Bastro diejenigen, die alten Ideen europäischer Impressionisten, „semantischer“ Komponisten oder Programmmusiker in einem ganz anderen Kontext am nächsten kommen. Schönen, als unmöglich verworfenen Ideen, deren Unmöglichkeit besonders dann Brisanz entfaltet, wenn sie Rock’n’Roll-Praxis, wie so vieles Unmögliche vorher, plötzlich doch möglich macht. Grubbs hat besonderen Spaß daran, seine Gebildetheit und seinen Kentucky-Konversationshumor ständig gegeneinander auszuspielen. Gut an Amerika ist, daß man trotz diverser Flauten immer wieder Leute entdecken kann, die an längst vergessenen Jahrhundertprojekten sitzen, die sie plötzlich als Musik zur Zeit einbringen und die der Zeit Problemlösungen bringen, auf die in den Zentren der Zeitverwaltung mit ihren engen Problemstellungen kein Mensch kame.

„Es ist ganz bestimmt so, daß man eine eigene künstlerische Methode, eine Vision etc. nur entwickeln kann, wenn man in Orten wie Louisville aufwächst. In der Stadt brennst du aus, mußt dich mit Dingen wie Konkurrenz zwischen Bands etc. herumschlagen …“

Aber es gibt ein genaueres Bewußtsein von dem, was man tut, einen Diskurs über Musik, der vielleicht auch hilft, Musik zu entwickeln …

Clark: „Der Diskurs würde mich schwächen und ablenken.“

Stattdessen beschließen sie zum Ende der Tour, wieder ganz amerikanische-Literaten-in Europe-mäßig, über die Pyrenäen nach Pamplona zu fahren (Vgl. ****ingway), „über Andorra, the fun way“.

Grubbs: „Ich hab auf der letzten Bitch-Magnet-Tour als Gitarrist ausgeholfen. Und die diskutieren ja auch nächtelang darüber, wie man Songs schreibt, über Entstehungsbedingungen, und ich habe immer gesagt, daß alle Songs der nächsten Bitch Magnet vermutlich von Touren, Soundcheck, Zollbeamten etc. handeln werden, denn man schreibt ja über das oder wie das, was man erlebt. Also müssen wir jetzt für die Inhalte der nächsten Bastro-Platte sorgen. Mit dem, was wir jetzt erleben.“