Nicht nur, daß man zuerst mit dem Kopf durch die Wand gewollt haben muß, um ein Beast Of Bourbon zu werden. Man muß auch gelernt haben, daß dies außer einem blutigen Kopf nichts bringt. Sagt ein kleiner Gentleman mit großem Lad-Hemdkragen, der Diedrich Diederichsen hintenrum auch Informationen über den Verbleib der Scientists steckt.
„I’ve got blisters on my finger.“ Die Platte beginnt mit einem Zitat im Zitat. Tex Perkins leitet die Beasts-Of-Bourbon-Fassung von „Hard Work Driving Man“ (Captain Beefheart/Jack Nietzsche, Ry Cooder) mit den legendären letzten Worten aus „Helter Skelter“ (Beatles/McCartney) ein. Der, den dieser durch Echokammern gehetzte Schrei erreichte, hatte die Blasen an den Fingern nicht von der harten Arbeit in einer Detroiter Autofabrik, wo der „Hard Work Driving Man“ noch spielte, als ihn Captain Beefheart für den Soundtrack von Paul Schraders Film Blue Collar sang, nein, der hatte die Blasen von der harten Arbeit des Mordens, Charles Manson.
Nicht der erste übrigens in Tex Perkins’ Welt, der dieser Tätigkeit nachgeht. Die erste LP der Beasts Of Bourbon begann mit einer eindrucksvoll unbeteiligten Version der einfühlsamen Ballade „Psycho“. Ein stoisches, aufzählendes Country-Lied, in dessen Verlauf ein netter Kerl eine Reihe Morde … nein, gesteht ist nicht das richtige Wort, besser wäre erwähnt, um im Kehrreim seine Thekennachbarin lakonisch zu fragen, „Think I’m psycho, don’t you Mama?“ Bezeichnenderweise sind die Opfer alle nähere Verwandte oder Bekannte („My Ex“), wie auch in dem von Perkins für die zweite Beasts Of Bourbon selber gedichteten und von Spencer Jones kongenial mit eisigen Slides versehenen „The Hate Inside“, wo ein Mann nachmittags das Treffen bei den Anonymen Alkoholikern schwänzt, bis am nächsten Morgen zwei Plätze im Schulbus frei bleiben.
Spielen die Anonymen Alkoholiker immer noch so eine große Rolle in Australien, Tex?
„Es geht, die Narcotics Anonymous haben ihnen mittlerweile den Rang abgelaufen, zumindest bei der Jugend. Aber wenn Du Dich auf ‚The Hate Inside‘ beziehst, so laß Dir gesagt sein, daß mich hierzu ein Zeitungsbericht inspirierte über den Haß, den Vietnam-Veteranen entwickeln, wenn sie nach all den Jahren im Busch wieder zuhause mitansehen müssen, wie Frau und Kinder ein Alltagsleben entwickelt haben, zum Beispiel allen Ernstes einkaufen gehen, sich mit den Nachbarn unterhalten oder die Wohnung sauber halten.“
Aber warum muß immer die Familie bei dir dran glauben, es gäbe ja auch andere Opfer, bekannte Schauspieler zum Beispiel oder vielleicht Alfred Dregger, der wartet auch seit Jahrzehnten darauf, endlich vom gerechten Zorn des Volkes gepfählt zu werden. Ich habe auf einem Irrsinns-Sampler namens Waste Sausage ein Stück von Dir gefunden, das Du mit einer Gruppe namens The Poofters aufgenommen hast und das gleich „Wipe Out Your Whole Family“ heißt?
„Ja, das ist sehr eigenartig, schon weil auf demselben Sampler noch ein Stück von mir drauf ist, mit meiner Gruppe Thug, das ‚Fuck Your Dad‘ heißt.“
Ich weiß. Ein Meisterwerk.
„Ja, ich sollte darüber mit einem Psychiater reden, das ist eindeutig ödipal.“
Was sagt Deine Familie dazu?
„Sie werden kaum davon wissen, ich habe mit meinen Eltern nicht viel zu tun, sie sollen nichts wissen, von dem, was ich tue.“
Aha.
Als Tex als Achtzehnjähriger die Beasts Of Bourbon gründete, kannten sich ihre anderen Mitglieder schon ewig, sowohl Drummer James Baker als auch Bassist Boris Sujdovic waren zu jenem oder einem früheren Zeitpunkt ihres Lebens Scientists gewesen, Kim Salmon war sowieso The Scientists, eine der zweifellos eigenartigsten, wenn nicht wichtigsten Bands der 80er, Spencer Jones schon mal Ersatzgitarrist beim Gun Club, hatte die eigenen Johnies und war Freund von Tex, der so jung, schlaksig und losgelassen war, wie er die anderen um Zweihaupteslänge überragte. Er gibt an, von jeher eine starke Faszination für Country-Musik gespürt zu haben, „wegen ihrer Bleakness“. Heute hält er jene erste Beasts-Of-Bourbon-LP The Axeman’s Jazz für fast so leichtherzig und verspielt wie das, was man, wenn man so eine Stimme hat (die immer wieder den Grobwahrnehmenden an Tom Waits oder Don Van Vliet erinnern will), verpflichtet wäre, Kinderkram zu nennen (etwas, das meiner Meinung nach in diesen Zusammenhängen eher hilft, die manchmal abwesende Dualität der Subtilität zu gewinnen). Trotz großartiger Stücke wie „Ten Wheels For Jesus“, dem bösartigen „Evil Ruby“, der amtlichen Creedence-Clearwater-Revival-Version „Graveyard Train“ und dem besagten „Psycho“ (das nicht wie bisher angenommen von der Schrägo-Legende Jack Kittel – dessen Version war es nur, die die Beasts auf das Lied aufmerksam machte – stammt, sondern von Leon Payne, einem in den 50ern weltberühmten [„I Love You Because“] Songwriter „der sich erschossen hat“, wie Tex fast freudig erregt in die Erläuterungen Spencers einflicht, dieses besonnenen Gitarristen, der über eine weit größere Elvis-Fetische-Sammlung verfügt als auf dem Beasts-Of-Bourbon-7″-Cover vom „Elvis Impersonator Blues“ zu sehen ist, und in Mimik und Temperament ein wenig an den Künstler Georg Herold erinnert, der – während ihr dies lest – vermutlich gerade teuren Kaviar auf Leinwände appliziert und damit wohl einmal mehr Johnny Rottens Ansichten darüber, was ein Künstler darf und was nicht, attackiert).
„Danach haben wir überhaupt erst Erfahrungen gemacht, das Leben kennengelernt. Die neue Platte zeigt, wie das Leben wirklich ist, sie ist wirklich hart, die erste war ein leicht dahingesagter Spaß dagegen“, so Tex, und Kim und Spencer nicken bekräftigend, als hätte es für einen der drei Vielbeschäftigten in den Jahren, die zwischen The Axeman’s Jazz und Sour Mash liegen, eine Entwicklung gegeben, die irgendeiner als die der Beasts Of Bourbon verstanden hätte. Am allerwenigsten Tex und Spencer, deren Bands und Projekte kaum zu zählen waren. Zwei LPs nahm Tex mit Thug auf („die Idee war es, respektlos mit Technologie umzugehen, eine tiefe Verachtung für elektronische Geräte und eine Faszination für Stupidität zum Ausdruck zu bringen“: das Ergebnis dieser wirklich genialen Logik, Verachtung durch liebevoll zuwendende Benutzung auszudrücken, war tatsächlich teilweise Musik, die haargenauso klang wie Acid House ohne Dynamik), eine EP mit der Band Butcher Shop mit Spencer und Kid Conga, für die absolut bemerkenswerte, mir als Demo-Tape vorliegende, nächste Butcher Shop ersetzt Lachlan McLeod, der auf fast allen komischen Projekten von Tex dabei ist und auf dem nicht genug zu lobenden Cover von Waste Sausage, wo Tex Perkins nur Perk heißt, äußerst vielversprechend blöde, intelligent und entschlossen grinst, Kid Conga, den man aufgegabelt hatte, als Spencer und seine Johnies für die frisch ausgestiegene Gun-Club-Rhythmusgruppe eingesprungen sind und der unvergeßlich einmalige Triple-Gitarren-Gun-Club eine Lebensfreundschaft besiegelte. Lachlan ist dann auch wieder bei Salamander Jim dabei, deren LP-Cover sich wie das von dem, immer noch nicht genug gelobten, ersten der drei Black-Eye-Sampler, Waste Sausage, durch geschmackvoll collagierte Idioten-Nudisten-Fotos, offensichtlich alle aus dem selben Nudistenalmanach, auszeichnet, die auf einen Sinn für Humor bei dieser ganzen Szene deuten, der bestätigt wird, wenn Tex, Kim und Spencer minutenlang begeistert die über die Redaktion verteilten Plakate von Martin Kippenberger anstarren („Disco Bombs“).
„Die Ideen dieser Bands sind nie sehr tragfähig, also macht man nur eine oder zwei Platten und vergißt sie dann wieder“, ein Schicksal, das auch den Beasts Of Bourbon widerfahren ist, in einer Zeit, als Kim mit seinen Scientists verzweifelte, von Plattenfirmenärger überschattete Versuche in London, Sydney, Perth und anderswo unternahm, als Tex sich einmal pro Abend eine neue Band ausdachte, wenn er nicht zusammen mit Spencer den Legendary Stardust Cowboy begleitete. Wie war das?
Spencer: „Wir waren seine beste Band, sagt er. Er hat einen Betreuer, der jede Band, die ihn begleitet, in alles einweist, während er seine Show abzieht … täterätät … galoppelgaloppel, und am Ende den berühmten Ledge-Strip hinlegt. Es ist ziemlich egal, was man dazu spielt … es war wohl so Ende 87, da brachtest Du (Tex) das Thema Beasts Of Bourbon wieder aufs Tapet.“
Tex: „Wir sind keine Supergroup.“ Nein, jeder hat hier, wie man hört, inzwischen seinen Lebensmittelpunkt bei dieser Band, die sich, auch deutlich hörbar, als Band entwickelt hat (auch wenn ich das sogenannte verspielte Country-Dandyhafte durchaus vermisse, dem man nicht vollständig entkräftigend allein ein inflationär verwendetes „hart“ als Realismus entgegensetzen kann) und dennoch die Besonderheiten und Neigungen der einzelnen Mitglieder zur Geltung bringt.
Kim: „Ich war immer ein Mensch, der das Ausprobieren, Improvisieren als Arbeitsmethode vorzog, jetzt beginne ich, Spaß am Aufführen und Durchführen zu entwickeln.“
Trotzdem steht ein Statement wie „People still want to boogie to this ole shit“ einnehmend überzeugend stark über allem, in seiner freundlich regressiven Männertümelei. Stimmt außerdem.
Kim: „Wir sind eine sehr reaktionäre Band (only joking).“
Tex: „Einerseits steht das da in seiner Kraft, andrerseits stehen dem Entwicklung und Verfeinerungen bis hin zu Jazz gegenüber, wenn auch immer auf einer sehr einfachen und entschiedenen Basis, selbst ein Stück wie ‚Playground‘ basiert auf einem 12-taktigen Schema.“
War da der LP-Titel Axeman’s Jazz schon sowas wie ein Ansporn, eine Umschreibung der Musik, die man einmal machen wollte und jetzt macht?
„Nein, der Titel bezog sich auf eine Geschichte aus dem alten New Orleans. Dort hat vor langer Zeit ein Axtmörder gewütet. Wöchentlich knöpfte er sich ein Haus vor und spaltete jeden Einzelnen darin. Eines Tages schrieb er an die örtliche Tageszeitung und kündigte wieder einen Mordtag an, mit der Einschränkung, daß er nur in einem Haus wüten würde, wo kein Jazz läuft. An dem Abend hörte man überall in New Orleans Jazz. Der Axeman aber hat nie wieder jemandem etwas zuleide getan.“
Also Musik über Mörder, um Mörder fernzuhalten?
Kim: „Wann war das?“
Tex: „1900.“
Kim: „Ich wußte gar nicht, daß man damals schon von Jazz sprach.“
Tex: „Kann auch 20er Jahre gewesen sein. Lange her halt.“
Wer ist euer Lieblingsmörder?
Spencer: „David Allen Coe.“
Ah, der Mysterious Rhinestone Cowboy, der Mann, der einst zu Protokoll gab, zwischen seinem neunten und achtundzwanzigsten Lebensjahr nie länger als 60 Tage nicht im Gefängnis gewesen zu sein, um dort unter anderem einen Mithäftling umzubringen. Was ihn bis in die Todeszelle brachte, wo er aber nochmal durch Umkehr und gute Führung rauskam, um zum Außenseiter-Country-Star zu werden, der sich stets von einer privaten Biker-Armee beschützen und umgeben ließ und nebenbei auch semilegendäre Platten wie den Penitentiary Blues machte.
Kim: „Ich möchte doch zu bedenken geben, daß Mord eine Sache ist, die es verbietet in ihrem Zusammenhang mit ‚Lieblings-‘ zu reden.“
Aber ihr bringt diesen Schicksalen eine Menge Verständnis und Sympathie entgegen.
Kim: „Das ist ein schmaler Grat. Verständnis – das ist ein Autor seinen Figuren schuldig, auch daß er wie ein Anwalt für sie eintritt, aber das heißt nicht, daß er ihr Tun billigt oder gutheißt.“
Tex: „Es geht um Realismus, man soll sich in die Leute in meinen Songs einfühlen können.“
Ich würde ja sagen, daß das Porträt ungehemmter Rachsucht in „Hard For You“ oder der diversen Familienmörder über Einfühlung insofern hinausgeht, als man eindeutig Partei ergreift gegen die dumpfe Familie und für den, der sich das alles mit einer nicht relativierbaren Geste vom Hals schafft. Was natürlich kein Vorwurf an euch ist: wie sonst soll man Innenleben eines Menschen schildern, wenn nicht mit Sympathie?
Tex: „Vielen Dank, das ist ein Kompliment, der Rest ist Deine Interpretation.“
Kim: „Also, Sympathie find ich dann doch zu stark …“ (und das von dem Mann, dessen Songographie sich so liest: „Blood Red River“, „Murderess In A Purple Dress“, „Psycho Cook Supreme“, „Demolition Derby“, „Hell Beach“, „Brain Dead“ und „Place Called Bad“ – aber wenn ich in den letzten Monaten jemanden getroffen habe, der sich die Bezeichnung Gentleman verdient hat, dann dieser aufmerksame, dennoch leicht zerstreute, reizende, kleine Mann mit dem großen Lad-Hemdkragen und der Trabrennbahn-Sonnenbrille …)
Spencer: „Die Sache ist doch die, viele Musiker wären unweigerlich zu Mördern geworden, wenn sie nicht die Musik gehabt hätten. Das ist doch oft ein und dieselbe Verzweiflung.“
Wohl wahr, das wissenschaftlich-akribische Country-Lexikon meines Bruders weiß ihm da seitenweise Recht zu geben. Criminal Minded.
Zwischen dem grüblerischen, alleine in Perth als Familienvater lebenden und komponierenden Kim Salmon und dem riesenhaften, unkontrolliert in Sydney Ideen produzierenden Tex Perkins macht sich die solide Musikermentalität von Spencer Jones besonders ausgleichend und verbindend. Hey, dies ist wirklich eine große Band: Kim Salmon schreibt seine Seltsam-Jazz-Nummern, und Perkins haut einen Boogie-Holzschnitt hinterher, und beides kommt genau in dem gleichen Geist, mit dem gleichen Nachdruck und der gleichen Unerbittlichkeit. Drummer James Baker spielt auch bei jedem Projekt und seinem Bruder in Sydney mit und war Gründungsmitglied der Scientists, Boris Sujdovic war nicht nur langjähriger Scientist, über seine Dubrovniks schnappe ich folgenden Gesprächsfetzen zwischen Salmon und Jones auf: „… und plötzlich denke ich, dies klingt wirklich, als hätte man Tom Verlaine eine wirklich üble Droge gegeben, aber haargenauso. Genau wie Television auf einer oberseltsamen Droge.“ Ich kenne zwei Singles, eine LP auf Timberyard ist ebenfalls erschienen, die beschriebenen, neuen Stücke schlagen aber angeblich alles.
Lauter Leute, die sich also eigentlich nicht mit völliger Hingabe dieser Band zu widmen bräuchten. Woher also dieser Druck, der jeden, auch Leute die mit solcher Musik – was für Musik eigentlich? Holzschnitt-Jazz-Country? – nichts anfangen können, sofort erreicht?
Kim: „Ich habe immer festgestellt, daß der andere Weg, für eine Sache mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, wie ich das mit den Scientists schließlich jahrelang probiert habe, nichts bringt außer einen blutigen Kopf.“
So schreibt Tex für die Instrumental-Surf-u.ä.-Band The Cruel Sea Texte und Gesangsspuren, die er auch noch singen wird, und Kim Salmon bringt gerade die zweite LP seines Trios The Surrealists heraus. Ein Outfit, das es ihm erlaubt, seine experimentelle, du darfst auch sagen, geniale, Seite auszuleben. Kim Salmon ist ähnlich wie Alex Chilton, mit dem er auch diese in all den Jahren durch Selbstzucht und Strenge mit sich selbst einige Millimeter weit aufgeschlossene Verschlossenheit teilt, ein Mensch, der im Halbfertigen, Kaputten, nicht aus Unvermögen oder jugendlichem Enthusiasmus-bricht-Perfektion-Dilettantismus-Ethos, sondern aus tiefstsitzender moralischer Überzeugung aus auf halbem Weg Stehengebliebenem und Zerrissenem Schönheiten errichtet, die nur der oberflächlichste Hörer einer echten Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit zuschreibt. Salmon hat wie Chilton in dessen Chaos-Phase der mittleren 70er die Fähigkeit, Trümmer genau und verbindlich zu bearbeiten, und sie dennoch als Trümmer zu belassen. Wie er diese Fähigkeit dann in die Beasts Of Bourbon integriert oder integriert werden läßt, führt sowohl zu Steigerungen wie zu Beschränkungen und Preisgaben. Dieser zurückhaltende, nur ganz leise querköpfige Kim Salmon hält sich übrigens für einen widerlichen, arroganten Diktator, der stets viel zu borniert und intolerant zu seinen Scientists gewesen sein will.
In allen Bands, in denen Kim Salmon mitgespielt hat, gibt es, egal wer der Drummer ist, ein völlig einzigartiges Verhältnis zum Rhythmus.
Tex: „Stimmt, stimmt, stimmt. Er gibt Drummern immer ganz genaue Anweisungen, er verläßt sich da auf nichts, er hat immer sehr genaue Vorstellungen.“
Kim (leise, mit niedergeschlagenen Lidern): „Ich habe immer auch einen eigenen Sinn für die rhythmische Seite der Musik gehabt, aber ich hoffe, ich lasse die Leute heute auch mehr machen, was sie machen wollen.“
Kim will zwar nicht darüber reden, aber ich erfahre hintenrum, daß die Scientists sich nie offiziell aufgelöst haben und eher ein Knebelvertrag mit einer ihrer früheren Plattenfirmen dazu geführt hat, daß sie nicht mehr arbeiten wollten. Auf ungute Einflüsterungen der Plattenfirma führt er auch die in der neueren Musikgeschichte einmalige Idee zurück, eine LP mit Coverversionen der eigenen Songs aufzunehmen. Er haßt dieses für Kenner keineswegs uninteressante Werk (Weird Love), nennt Human Jukebox als die beste Scientists-LP, ohne allerdings besonderen Wert auf irgendeine Reihenfolge oder das Thema überhaupt zu legen. Während draußen in der Welt die Smiths und R.E.M. die Jugendzimmer eroberten, machten sie die Musik, an die sich dieselben Jugendlichen in den 90ern erinnern werden, wenn sie vergessene Schätze der 80er entdecken und zu heben beginnen. Kim wird dann für ein französisches Label Solo-Gitarren-Platten mit neuen Versionen von bekannten Themen Charlie Parkers und Thelonious Monks machen.
„Die Scientists waren schon eine ziemlich schlimme Band, immer böse, immer düster, immer sauer, immer vom Pech verfolgt – schlimm, bad.“
Aber bad means bekanntlich good.
„Stimmt. Das stimmt auch für uns, nicht für Weird Love, das war bad bad, aber ansonsten gilt das schon. Auf meiner neuen LP Just Because You Can’t See It gibt es ein Stück, ‚Were’nt We Bad?‘, das ist mein Tribut an die Scientists.“
Und ja, es gibt auch ein Label, das für fast alle der in den vergangenen Zeilen genannten, unüberschaubaren Aktivitäten ein warmes Heim ist, Black Eye bzw. Red Eye bzw. Third Eye. Die durchweg einmalig gut gestalteten Cover und den bisher auch fast durchweg hervorragenden Katalog verantwortet John Foy. Auf dem Black Eye Label kommen experimentelle und völlig irrsinnige Platten, auf Red Eye die, die noch eine Chance haben, und auf Third Eye das, was Spencer als „Hippie-Scheiße“ bezeichnet.
„Kennst Du die Moffs? (allerdings, eine unglaubliche Zeitreise zu einem Warm-Dust-Doppel-Album oder einem Xhol-Caravan-Instrumental circa anno Plattenbörse DM 35,– aufwärts). Deren Sänger hat so eine Art New-Age-Solo-LP gemacht, die auf Third Eye erscheinen wird“, so Spencer.
Obwohl nur Tex sich der Vorzüge des immer wieder von Musikern gelobten australischen Arbeitslosenrechts bedient und die anderen noch arbeiten müssen, sind die Beasts in Australien keine Underground-Randexistenzen, spielen landauf landab nie vor weniger als siebenhundert Leuten und sind ein nicht wegzudenkender Faktor des nationalen Geisteslebens. Ihr Interesse für alles, was älter ist als Australien, hat sie in Deutschland nach Bacharach am Rhein geführt, wo ihr deutsches Label Normal und dessen Chef, der Historiker Stefan Werner, ein Hotel gefunden haben, dessen Mauern 1.000 Jahre alt sind, wie Tex fassungslos berichtet. Ja am Rhein, da träumen die schwarzen Ameisen. Hier in der Gegend soll eine gewisse Kriemhild vor noch längerer Zeit vorbildlich vorgelebt haben, was heute noch eine Band wie die Beasts Of Bourbon am meisten interessiert, Familiendramen und Rachsucht.