Bis es weh tut: Die einzig wahre deutsche Hip-Hop-Platte

Dieses Werk ist eine Qual (Wahre Schule, Im falschen Geruch von Ghetto hier, What’s So Funny About/EFA 1997). Und gleichzeitig die interessanteste deutsche Hip-Hop-Platte ever. Diese Platte haben wir, ihr und sie alle verdient. Zuerst dachte ich, sie stammt von Menschen, denen man mit 22 und im fünften Semester für fünf Jahre jede andere Informationsquelle als Spex, Beute, Arranca, Interim und 17 Grad Celsius und die dort erwähnten Bücher, Zeitschriften, Filme und Platten entzogen hat. Doch fallen diese Zirkulare bekanntlich nicht vom Himmel: Sie stehen auch für ein reales Milieu und dessen Bedürfnisse. Man kann sich das alles auch so zulegen.

Das Cover ist ein nur noch durch den Rand erkennbares zerkratztes, reproduziertes Cover der BDP-Platte By All Means Necessary, der Bibel der Hip-Hop-Militanz – seinerseits auf ein berühmtes Malcolm-X-Foto anspielend, das sich seinerseits Motive der Filme Scarface und Le jour se lève zunutze machte. Damit aber noch nicht gebrochen und selbstreflexiv genug: Man hat sich die Idee, Gebrochenheit und Beeinflußtheit durch ein zerkratztes Cover einer Vorbild-Platte darzustellen – Dekonstruktion mit Fingernägeln, dem pubertären Instrument schlechthin –, wiederum von Cpt. Kirk & geliehen und gibt denen dann auch noch Credit, wie es sich gehört. Aus einem Foto vom Eingang zum U-Bahnhof Kottbuser Tor hat man per Collage ein „Identity-Tor“ gemacht – gebrochene Bestimmung der Community-Zugehörigkeit: Kreuzberg. Aber so naheliegend es sein mag, man weiß, Kreuzberg ist kein Ghetto, nicht mal vergleichbar, nicht mal zwei Ghettos. Und man glaubt natürlich nicht einfach so an Community, man hat ja das kokett unbestechliche 17 Grad gelesen – die einen weiteren Credit kriegen –, und die halten jeden Zusammenschluß, im Zweifelsfall auch von Kreuzberger Hip-Hop-Fans, tendenziell für eine potentiell völkische Zusammenrottung.

Es bleibt aber nicht beim Abschreiten linksradikaler Ideen und Wahnideen, man weiß, das wäre auch zu eng. Dieser Gruppe entgeht keine Aporie. Daher dann der Hinweis auf Deleuze/Guattari, die mit einem Plädoyer für oszillierende Signifikation statt Despotie der Bedeutung auf dem Info zitiert sind. Naja. Die Beherzigung läßt zuweilen zu wünschen übrig, wenn eine – sehr richtige – Kulturalismus-Definition gerapt wird, als gebe es gar keinen Unterschied zwischen den Ebenen – denn die andere Möglichkeit, man wolle sich von der Sachlichkeit der Kulturalismus-Definition dadurch, daß man sie rapt, distanzieren, fällt ebenfalls aus. Sie stimmt ja. Gleich darauf wird dann Deleuze/Guattaris Forderung übererfüllt, wenn die lyrisch wortspielerische Seite der Gruppe ganz offen läßt, wie man zu einem der anderen hier verhandelten Themen steht. Lieber als Songwriter sterben als eine Assonanz verschenken.

Das Problem dieser Band ist, daß sie alles, was ihr auf verschiedenen Ebenen durch den Kopf schießt und geschossen ist, meint sagen zu müssen, ohne unterschiedliche Ebenen in der „Kunst“, dem „Resultat“ einzuziehen. Einerseits kennt man hier politische Theorie, Praxis, Lyrik, die Import-Export-, Autorenschafts-, etc.-Probleme und kann sie sortieren, trennen, über- und zuordnen, andererseits wird alles gleichartig gerapt: zornig, jung, männlich – als wäre Rappen an sich natürlich, gottgegeben, neutral, zumindest aber gut und stark genug, alles zu synthetisieren. Wahre Schule sagen eigentlich alles über die Entstehungsbedingungen von allem, womit wir’s hier zu tun bekommen: ihrem politischen Bewußtsein, ihrem Geschmack, ihrem Denken, ihrer Musik, der Welt, aber sie sagen es nicht in einer Form, die der Unterschiedlichkeit der einzelnen Stufen und Ebenen gerecht wird. Alles wird zum gleich zornigen Idiom, ob’s gegen Liberale geht, um Race/Class/Gender oder ein Text von Nelly Sachs verarbeitet wird.

Darüber hinaus kann man jetzt noch feststellen, daß die Musik manchmal gar nicht so schlecht, manchmal grottenschlecht und manchmal klasse ist, daß die Thematisierung der Unmöglichkeit, Hip-Hop einfach so hier machen zu wollen und es dann trotzdem zu tun, die richtige Haltung ist etc. Doch klingt das nur so, als könne man einigermaßen neutral abwägend mit diesem Ding umgehen. Das ist aber vielmehr – weil da richtig gedacht wird, die richtigen Auseinandersetzungen vorkommen etc., andererseits irre Stilblüten, wahnsinnige Ausdemfensterlehnereien, schlicht: Peinlichkeiten das Geschehen beherrschen – nicht nur nicht möglich, das Ding ist eine Provokation. Eine Platte, über die endlos zu reden wäre. Damit ist sie allen anderen deutschen Hip-Hop-Platten, die sich irgendwie darin eingerichtet haben, daß hier Deutschland ist und kein Ghetto, sondern Mittelklasse und Kinderzimmer und das eigentlich auch ganz okay, ganz weit voraus. Hier hört man, daß es eben tatsächlich wehtut, und zwar auf der Ebene, wo ästhetische Ergebnisse einst unbestechlich recht hatten, wenn hier Hip-Hop gemacht wird. Diese Platte läßt es knirschen. Damit ist sie nicht so peinlich, daß sie wieder gut ist, sondern ein häßlich zutreffendes Dokument einer ersten ernsthaften Peilung der Problemlage. Von hier aus könnte jetzt künstlerisch weitergearbeitet werden, durch Identity-Nadelöhre hindurch und über andere Hindernisse hinweg.