Ist der Club eine Alternative zum Museum, zur Galerie, zum White Cube im allgemeinen? Welche der klassischen Einwände gegen museale Spaces, wie sie seit der ersten Generation von „institutional critique“ formuliert sind, teilt die Club-Kultur, welche Gemeinsamkeiten beruhen eher auf einer Verwechslung des jeweiligen Status solcher Einwände? Wie lassen sich musikalische und bildkünstlerische Institutionen überhaupt in einen produktiven Gegensatz zueinander bringen? Was geschieht, wenn sich ein Künstlertum mit seinem sozialen Gefüge dem Club (und dieser Club sich wiederum den ganz anders gelagerten Debatten aus der Welt der Bildenden Kunst) öffnet?
Seit den frühen Neunzigern (mit deutlichen Höhepunkten vor allem in den Jahren 94-96) gab es unter anderem in Berlin, Köln, Zürich, Kopenhagen eine Fülle von meist politisch codierten Aktivitäten aus dem Kunst-Milieu, die sich weniger über die teilnehmenden Künstler oder die üblichen Themen aus dem Spektrum zwischen Repräsentationspolitik, Antirassismus, Identitätspolitik und Feminismus definierten, sondern über den Typus des Events und dem für eine gewisse Zeit von dem verantwortlichen Kollektiv bestimmten Raum. Alte leerstehende Postämter, Schlachthäuser, Banken oder Kaufhäuser dienten als verzweigte, heterogene und unübersichtliche Orte, an denen sich eine Vielfalt kultureller Aktivitäten entfalten können sollte. Den so zustandekommenden Diskussionen, Workshops, Vorträgen, Film- und Video-Vorführungen, Ausstellungen und ungezwungenen Runden war eigentlich immer der doppelte Anspruch auch als eine Art Streß oder Gezwungenheit anzusehen: bloß nicht einem anspruchslosen, am Ende gar konsumistischen Hedonismus ohne politischen Anspruch Vorschub leisten – und auf der anderen Seite um Gottes Willen nicht als linke, spaßverderberische Anti-Hedonisten dastehen. Beides mußte sein, Unterhaltung, Diversität, Spaß, Ungezwungenheit einerseits, schwere Themen, Konzentration, wichtige politische Entscheidungen andererseits. Als Metapher für genau die eine Vielfalt, die diese Gegensätze versöhnen könnte, begann der Begriff „Club“ eine Rolle zu spielen, wobei für Bildende Künstler naturgemäß andere, ältere Bedeutungen eine Rolle spielten und diesen Begriff sogar noch verstärkten: Club als Verein von Gleichgesinnten, Ort der unverbindlichen Begegnung. In Wien nannte sich eine regelmäßige Veranstaltung aus dem neo-situationistischen Kunstmilieu „Art Club“, und in New York entstand der „Art Club 2000“, dessen eher an Konsumglamour orientierte Inszenierung von Kollektivität bis heute ihre sichtbaren Spuren bei Gruppenbildungsprozessen junger Künstler und Künstlerinnen hinterlassen hat. Doch zur gleichen Zeit wurde der Begriff von einer anderen Seite aufgeladen. So wie bei antirassistischen Veranstaltungen aus dem Boheme-Milieu zu Beginn der Neunziger das anschließende Hip-Hop-Event nicht fehlen durfte, gehörte zu den deterritorialisierten Alternativ-Kunst-Events der zweiten Jahrzehnthälfte die elektronische Musik und der Techno-Teil. Dahinter standen weniger konzeptuelle Überlegungen oder natürliche ästhetische Nachbarschaften; eher war es der soziale und ästhetische Impact von Club-Kultur auf den Alltag der im Kunstbetrieb tätigen Aktivisten, der hier seinen Tribut forderte.
„Club“ war also der Name für eine radikale Heterogenität der Formen, eine endlose Offenheit und Unabgeschlossenheit künstlerischer Praxis, die gegen Werkbegriff und Warenform zum Einsatz gebracht wurde. Aber die Konjunktur solcher Veranstaltungen entsprang eben auch dem Glauben und dem Interesse, echte Club-Kultur in diese Form mit einbauen zu können. Wenn aber der erste Gedanke für sich in Anspruch nahm, einerseits Werk und Warenform, Urheberschaft und Starsystem des herkömmlichen Kunstbegriffs negieren zu wollen, dann mußte etwas an seine Stelle treten, eine soziale und ästhetische Form, die durch den ausschließenden oder anderweitig verhindernden und unterdrückenden Charakter der oben beschriebenden Institutionen nicht zum Zuge gekommen wäre. Tatsächlich ist ja ein Aspekt dieser Opposition der andere Zugang, die andere Perspektive und der marginalisierte Point-of-view – dies wäre nicht nur eine massive Herausforderung an das etablierte Kunstsystem, sondern auch ein Anknüpfungspunkt an einen Leitgedanken, den Vertreter der Club-Kultur am meisten formulieren, nämlich niemanden und nichts ausschließen zu wollen. Doch diese eben noch ausgeschlossene Äußerung braucht einen Rahmen und einen Träger. Und so stellt sich am dringendsten die Frage, ob nicht gerade der antiautoritäre, werkfeindliche Rahmen der Anti-Ausstellung nicht kontraproduktiv, mindestens aber überfordert ist, wenn es darum geht, noch andere, bisher ausgeschlossene Äußerungen zu stärken und mit Dignität auszustatten. Das gilt besonders dann, wenn die neuen Stimmen aus der Club-Kultur kommen oder etwas repräsentieren, was auch diese Kultur repräsentiert.
Tatsächlich stellt Club-Kultur erst einmal einen Rahmen her, der bei aller Unbestimmtheit und Offenheit die Funktion hat, neuen Stimmen – egal, ob es sich tatsächlich um Stimmen handelt oder um Körperinszenierungen oder „nur“ Bewegungsabläufe – einen würdigen Rahmen zu verschaffen. Dieser Rahmen verliert aber seine Funktion, wenn er sich in einem irgendwie dauerhafteren Sinne einem größeren Rahmen unterordnet, wo nicht mehr die Setzung einer Aktion in diesem gegebenen Rahmen als absolut gelten kann, sondern relativiert wird durch eine Funktion in einer größeren Situation. Hinzu kommt, daß diese zweite Funktion eine Funktion der Repräsentation, des Platzhaltens ist. Damit steht sie dem Intensiven und Momentanen der Club-Situation antagonistisch gegenüber.
Dabei haben Club-Kultur und – ich nenne sie mal – post-neokonzeptuelle Kunst in ihren jeweils angestammten Biotopen einige wichtige und ausbaufähige Gemeinsamkeiten: Beide gehen von einer kulturellen Umgebung aus, in der Urheberschaft und individueller Ausdruck nicht nur – normativ – abzulehnen sind, sondern auch – deskriptiv – längst erledigt sind. Elektronischen Arbeitsbedingungen und einem darauf aufbauenden neuen Material- und damit auch Bearbeitungsbegriff ist eine künstlerische Arbeitsrealität geschuldet, an der – de facto – immer viele beteiligt sind und auch sein sollen. Damit werden einige der utopischen Forderungen, wie man sie schon seit der ersten Generation von Concept-Art und Institutionskritik kennt, auf einen ganz anderen materiellen Boden gestellt. Sie fußen in einem sehr viel entwickelteren Maße auf einer sozialen Kulturarbeitspraxis, die längst zur Wirklichkeit geworden ist.
Das hat verschiedene Folgen, Vorteile und Nachteile. Anstatt sich auf der Ebene einer rein theoretisch und ethisch politisch begründeten Forderung zu bewegen, ist es möglich, auf der breiten Basis tatsächlich gemachter Erfahrungen mit Kulturarbeit zu agieren. Nur sehen sich bestimmte Forderungen nach einer kollektiveren Produktion und einer Neuerfindung künstlerischer Berufe und Arbeitsteilungsergebnisse nun von industriellen Standards (nicht nur in der Software- und Interface-Entwicklung, sondern auch was von der Management-Seite her entwickelte Lebensformen und Arbeitsformen angeht) in unerwünschter Weise bestätigt, überformt und möglicherweise ausgenützt. Vor dem Hintergrund der geplanten Bohemisierung von Produktion sind die Perspektiven, welche die Kunst als Avantgarde den Nutznießem gesellschaftlicher Entwicklung anzubieten hat, nun nicht mehr neue Wahmehmungsformen, neue Konzeptualisierungen und Abstraktionen, neue technologische Strategien oder nur neue Formen der Unterhaltung, sondern neue Milieus, die für die Erneuerung des Arbeitsprozesses nützlich sein könnten. Beide Seiten gilt es, als Tendenzen und Entwicklungen zu beachten, ohne sie als Resultate und Fatalitäten zu totalisieren.
Politische Kunst wie Club-Kultur teilen jedoch in der Regel eine gewisse Skepsis gegenüber einer prinzipiellen Rolle der Kategorie des Ästhetischen. Das kann gute und schlechte Gründe haben, führt aber in diesem Zusammenhang zu ganz bestimmten Konsequenzen. Wenn man nämlich die Unterscheidung zwischen ästhetischen Aussagen, die durch einen institutionellen oder wie auch immer strukturierten Rahmen hervorgehoben sind, und allen anderen Aussagen aufgibt, dann schafft man die ästhetische Kommunikation schlechthin ab. Man kann zwar alles Nichtästhetische ästhetisieren, wenn man es in den entsprechenden Rahmen stellt – doch man kann nicht das Ästhetische erhalten und gleichzeitig entauratisieren und aus dem ästhetischen Rahmen herausholen. Das Ästhetische wird dann zur Alltagskommunikation. Und Alltagskommunikation ist insbesondere nicht mehr in der Lage, die prinzipielle Differenz des Ästhetischen zu einem falschen Realen zu formulieren, die zumindest die Grundlage einer Idee der Politik der Kunst ist.
Im Club könnte dies gelungen sein. Tatsächlich vermischen sich dort alltagssprachliche und ästhetische Rahmungen in einer oft nicht mehr differenzierbaren Weise. Diese Dimension der Vermischung war Musik allerdings immer schon zu einem viel größeren Anteil zugänglich als der Bildenden Kunst, wie sie in unserer Welt seit den letzten paar hundert Jahren organisiert ist. Durch ihre lineare Struktur und ihre essentielle Wiederholbarkeit verläßt die Musik viel leichter die sinngebende institutionelle Rahmung und wird zum Alltagsbestandteil, ohne damit gleichzeitig und automatisch ihre ästhetische Dignität zu verlieren.
Will man diese von Club-Kultur im besonderen und Pop-Musik im allgemeinen vielfach ausgenutzte und entwickelte Eigenschaft der Musik auf die bildkünstlerische Produktion übertragen, müßte man sie von den anderen Maßnahmen unterscheiden, einerseits den Club in die Kunst zu holen oder die Kunst clubmäßiger zu organisieren. Man müßte tatsächlich zwischen der alltäglichen visuellen Kultur und den privilegierten Kunstbildern und Kunstobjekten ein Kontinuum herstellen, das es einerseits erlaubt, den verschiedenen Status von Bildem und visuellen Eindrücken – ästhetischen wie nichtästhetischen – aufrechtzuerhalten und andererseits ineinander verschwimmen zu lassen, wie eine Melodie, die man plötzlich pfeift, weil man ein ganz anderes erfreuliches Erlebnis hatte, das nichts mit ihrer Immanenz zu tun hatte.
Dazu kommt: daß man Kunst sozusagen pfeifen kann, wäre ein interessantes Ziel. Vor allem, wenn es dann immer noch Kunst wäre. Das würde ein allgemeines und verbreitetes und vor allem operationales Verständnis der aktuellen visuellen Kultur voraussetzen, das durch ihre aktuelle Aufsplitterung in Einzeldisziplinen – auf der produktiven wie auf der akademisch-kritischen Ebene – sicherlich erschwert wird.