Simon Bonney, Leader, Sänger und Denker von Crime & The City Solution erklärt Diedrich Diederichsen nicht nur sein ambitiöses neues Album, sondern auch die Geschichte der australischen Kronkolonie Berlin, von den Filibuster- und Freibeuterjahren über die britische Besiedelung bis zur Neuzeit in Nordfriesland.
SPEX: Dein am meisten benutztes Wort ist Licht …
Simon Bonney: Hm, könnte sein. Nicht bewußt …
SPEX: Oder seine Gegenteile und Verhinderer: Vorhang, Schatten …
SB: … aber auch dunkel, eng; Licht bedeutet für mich Raum, Freiheit, Hoffnung.
SPEX: In der Vergangenheit schien aber das Licht in Zellen, in denen Einzelne ihre Zeit absaßen oder kleine Gruppen von der allgemeinen Bewegung abgeschlossen waren. Auf The Bride Ship betrifft es plötzlich Völker, gesellschaftliche Gruppen, Emigranten, die die neue Welt suchen, den Menschen schlechthin, der aus dem Schatten tritt.
SB: Ich denke, daß andere auf die Dauer zu sehr ausgeschlossen werden, sich auch zu ausgeschlossen fühlen, wenn man immer nur von sich redet. Ich habe vor einem Jahr Hundert Jahre Einsamkeit gelesen und mir hat gefallen, wie García Marquez große historische Vorgänge benutzt, um die Geschichte nur einer Familie zu erzählen; wie er große Dinge benutzt, um eine kleine Welt zu beschreiben. So wollte ich es auch machen, und das ist das Prinzip dieser neuen Platte.
SPEX: Verstehe. Hat aber in der Vergangenheit Dein Publikum, besonders bei Deiner Art zu singen, sich nicht eher mit dem Sänger und dem, was dieser durchmacht, identifiziert, als sich ausgeschlossen zu fühlen?
SB: Klar. Die Leute, die eh zu uns kamen, haben genau so gefühlt. Ich meine, ganz generell. Man erreicht mehr Menschen, wenn man das Persönliche durch ein Allgemeines, ein alle betreffendes Ereignis darstellt, als wenn man es als das Persönliche schildert, das es ursprünglich war. Wenn man abstrakter wird, ist es leichter, die grundsätzlichen Ähnlichkeiten zwischen den Charakteren in den Songs mit den eigenen Eigenschaften zu erkennen.
SPEX: Und das Thema ist das Scheitern der Utopien …
SB: Ja, das prinzipiell Falsche an der Utopie. Utopie existiert nicht …
SPEX: … im Sinne der direkten Übersetzung aus dem Griechischen, der Nicht-Ort?
SB: … der Ort ist im Kopf, in der Vorstellung, was man aber verwirklichen sollte, ist, daß jeder das Gefühl hat, ein Teil der Menschheit zu sein, sich darüber zu freuen, dabei wohlzufühlen, als Mensch zufrieden zu sein, nein besser bequem …, man wird das nicht erreichen, die Reise dahin ist das Ziel.
SPEX: Auf der Platte scheitert diese Reise völlig, die neue Welt wird nicht erreicht.
SB: Ja, weil es um eine neue Welt eben nicht geht. In den 60ern wollte man auf verschiedene Weise die Welt ändern. Du kannst das Konzept von Nirwana verstehen, aber Du bist nicht im Nirwana. Die politischen Theorien bestehen ebenfalls nicht den Lackmus-Test. Ich denke, daß die richtigen Aktionen entstehen, wenn das Individuum mit sich selbst eins ist, wenn es sich zu Hause fühlt bei sich und seiner Gemeinschaft. Das kann aber weder die westliche noch die östliche Gesellschaft leisten. Der Kapitalismus baut darauf auf, daß Menschen sich unsicher und fremd fühlen. Ich sehe niemanden, der die Antwort hätte; die Radikalen der 60er glaubten, sie könnten die bessere Welt durch Theorie und Ideen, durch Denken erreichen, und beachteten nicht, daß sie sich währenddessen vom Rest der Menschheit immer weiter abkapselten …
SPEX: Das Leninismus-Problem.
SB: Ja, ich glaube nicht, daß irgendjemand das Recht hat, irgendjemand anderem zu sagen, wie er leben soll. Ich habe immer sehr an den bewaffneten Kampf geglaubt, an die Notwendigkeit einer bewaffneten Revolution. Aber immer da, wo Unterdrückte sich dieses Mittels bedient haben, entstand anschließend eine militarisierte Gesellschaft. Wie zum Beispiel in Vietnam, wo durch den bewaffneten Kampf einfach Strukturen entstanden sind, die einen zivilen, sozialistischen Aufbau ungemein erschweren.
SPEX: Aber wie hätten sie es sonst machen sollen, ist das die Schuld des Volkes, das zu den Waffen greift …
SB: … nicht seine Schuld, aber vielleicht haben sie die Amis auf die falsche Art vertrieben. Die Palästinenser erreichen auch sehr viel mehr, seit sie vom Terrorismus zum zivilen Ungehorsam umgeschwenkt sind, sowohl direkt als auch in der öffentlichen Weltmeinung.
SPEX: Aber hätte je irgendjemand der Intifada Aufmerksamkeit geschenkt, wenn es nicht vorher den palästinensischen Terrorismus gegeben hätte?
SB: Klar, aber ich habe eben noch nie vorher gesehen, wie und daß bürgerlicher Ungehorsam so gut funktioniert wie im Falle der Intifada. Das begeistert mich, und ich bewundere das Selbstbewußtsein, das diese Leute haben müssen, und den Mut.
SPEX: Vielleicht haben sie keine andere Wahl.
SB: Man könnte einfach sterben.
SPEX: Oder sich verkaufen.
SB: Eben.
SPEX: Was denkst Du von dem Satz: es gibt nichts Lächerlicheres, als in den modernen Industriegesellschaften von heute von Revolution zu sprechen, aber von etwas anderem zu sprechen ist noch lächerlicher.
SB: Sehr gut, das bringt es wahrlich auf den Punkt, ein deutscher Gedanke?
SPEX: Nein, französisch, Guy Debord.
SB: Ich bin in den 60ern von Eltern erzogen worden, die geglaubt haben, daß die Welt sich ändern würde, so daß ich mit dem starken Gefühl aufwuchs, ich würde die Welt erben, daß ich einer Generation von Modellmenschen angehören würde, die den Rest der Welt erziehen würde. 1970 merkte jeder, daß nichts daraus wurde, und ich sah die Leute enttäuscht und bitter werden …
SPEX: Was sind Deine Eltern von Beruf?
SB: Meine Mutter ist eine führende Forscherin auf dem Gebiet der Vergewaltigung, mein Vater war ein marxistischer Erziehungswissenschaftler, in erster Linie an Medien interessiert.
SPEX: Mögen sie die neue Platte?
SB: Meine Mutter sehr, mein Vater ist tot. Es hat sie beide eine Weile gekostet, zu akzeptieren, was aus mir wurde …
SPEX: Hat Dein Vater Dich einen bürgerlichen Individualisten geschimpft?
SB: Nein, im Gegenteil. Daß ich Musiker wurde, hat ihn gefreut. Nach der Überzeugung meiner Eltern war es das einzig Richtige, einen Beruf außerhalb der Bindungen der Gesellschaft zu ergreifen, der ehrenwerteste Beruf war in ihren Augen der des Spielers. Nein, aber sie brauchten eine Weile, um zu akzeptieren, daß ich, so wie ich heute bin, ein Ergebnis ihrer Erziehung bin, obwohl ich nicht so wurde, wie sie mich geplant haben, aber sie haben akzeptiert, daß man nicht alles planen kann. Es irritierte sie immer, daß ich mich mit bestimmten Dingen beschäftigen konnte, ohne eben durch alles hindurch zu müssen, wo sie durch mußten. Als Ex-Katholik hast Du immer noch die ganzen Probleme des Katholiken am Hals, während ich, der ich ohne Religion aufwuchs, mich viel unbeschwerter mit religiösen Dingen beschäftigen konnte und sagen, daß es einen Ort für das Spirituelle durchaus gibt. In den 60ern aber, ja sogar auch in den 80ern in Berlin, herrscht immer noch diese Vorstellung von dem Einzelnen, der gegen den Rest der Welt und alle Widrigkeiten kraft seines Willens antritt. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß nichts so wird, wie du es planst, daß der persönliche Wille immer überschätzt wird. Ich habe lieber Überraschungen und nicht mehr dieses Bedürfnis, alles zu kontrollieren. Ich möchte lieber darin aufgehen, ein Mitglied der Menschheit zu sein.
SPEX: Lieber in der Gemeinde als der Prediger?
SB: In gewissem Sinne, zumindest was die Musik betrifft. Ich bin ja mit all diesen Mythen aufgewachsen und von ihnen beeinflußt worden, Little Richard, Jim Morrison. Ich habe da dieses Buch gelesen, No One Here Gets Out Alive, über Jim Morrison, das, hätte ich es mit zehn gelesen, mich von Jim Morrisons hervorragendem Leben überzeugt hätte; heute denke ich, was für eine arme paranoide Sau er doch war, wie unglücklich. Und ich glaube, viele seiner Probleme hatten damit zu tun, daß er seine Vision jedem an den Hals hängen wollte, jeder sollte sich seinen Ideen fügen, mindestens die ganze Welt ihm zuhören, in dem Sinne waren er und viele andere 60er-Musiker ziemlich so wie die Politiker, die sie bekämpfen wollten.
SPEX: Aber Morrisons Ideen waren doch persönlich-poetisch und unpolitisch.
SB: Vom Inhalt her schon, aber er wollte, daß jeder davon weiß. Er wollte die Behörden davon informieren, was los ist. Die Kids, was Jim dachte. Und das würde ich heute nicht mehr idolisieren. Was ich an Crime mittlerweile mag, ist, daß die Leute hinter die Bühne kommen und sich als sie selbst besser fühlen. Weil sie eben ein sehr wichtiger Teil unserer Show sind. Sind wir in einer Trümmerstimmung und sie helfen uns, dann überwinden wir unsere Mörderlaune, und dann sind wir richtig gut. Wenn sie ebenso übellaunig reagieren, wie wir anfangen, gibt es einen Trümmerhaufen. Was ich auch mag. Für jeden Song gibt es circa 15 verschiedene Arten, in der ich ihn singen kann.
SPEX: Sind die Leute so verschieden?
SB: Nein eigentlich nicht. In England kriegen wir Gothic-Leute, die verwirrtesten Menschen, die ich je kennengelernt hab. Und die sind genauso enttäuscht von uns, wie die Punk-Publiken oder die Birthday-Party-Fans, und wir müssen die alle enttäuschen. In England haben die Leute immer sehr genaue Vorstellungen davon, wie eine Band zu klingen hat. Und wenn sie Pogo wollen, dann tanzen sie Pogo auf „The Dangling Man“. Das hat auch viel mit der Presse zu tun.
SPEX: Ja, die hat in England auch eine sehr administrative Funktion, sie leitet die Leute durch den Verkehr des Überangebots wie Ampeln und Umleitungshinweise, sie agiert nicht von alleine, will nicht irgendwas durchsetzen, was sie in ihrer Lage wohl gar nicht mehr können.
SB: Ich will jetzt gar nicht auf die schimpfen, weil diese Klage über Journalisten immer so blöd ist und wir in England zuletzt auch eine sehr gute Presse hatten, ich bin auch kein Gegner des geschriebenen Wortes, aber ich finde es besser, wie es in Amerika organisiert ist, wo die Leute durch dieses College-Radio-System die Sachen zunächst hören, bevor sie irgendwas darüber lesen.
SPEX: Heute morgen beim Aufwachen fiel mir ein, daß ich Crime & The City Solution interviewen würde. Ich dachte, wenn die anderen Australier Bluessänger sind, ist Bonney der Gospel-Sänger, sein Gesang scheint immer etwas Höherem dienen zu wollen.
SB: Also mit Gospel-Musik habe ich nichts zu tun, aber in dem Sinne, daß alles, was man kann, schal wird, wenn man es ausschließlich einsetzt, um sich persönliche Befriedigung zu verschaffen, aus egoistischen Gründen, dann ja. Musik ist für mich nichts, was man macht. Musik ist da, und du hängst dich an, du klinkst dich ein, wenn du dafür empfänglich bist. Andere sind empfänglich für Murmelspiele, ich bin empfänglich für Musik und für Worte. Meine Frau, Bronwyn, erzählte mir, daß sie als Kind Talent zeigte, Violine zu spielen, und dafür immens gelobt und bestätigt wurde. Das beschämte sie, weil es ihr ja nicht schwer fiel, weil sie ja keine Hindernisse überwinden mußte. So sehe ich die Musik auch. Für mich ist Musik ein Mittel, mich als ein Teil der Welt zu fühlen.
SPEX: Wohnst Du noch in Berlin?
SB: Teilweise, außerdem in London, in Niebüll. In Norddeutschland, wo ich eine Menge interessante Leute gefunden habe, aus diversen deutschen Städten, die da in Kommunen leben. Man kriegt da oben im Norden, auf dem Lande, eine ganz andere Perspektive, in Berlin sieht man ja nichts, nicht wegen der Mauer, die mich nie gestört hat, aber das Gesichtsfeld ist extrem klein, und man sieht nirgendwo den Horizont, was psychisch schädlich ist. Australier und Berliner sind sich ziemlich ähnlich, beide sind ziemlich skrupellos, und beide haben ein merkwürdiges Verhältnis zu Geschichte. Ich war neulich im Reichstag, und als ich sah, wie sie so viel über Bismarck und so viel über Kaiser Wilhelm und so viel (zeigt extrem kleinen Umfang) über Hitler hatten, dachte ich, wie schwer es für junge Deutsche sein muß, mit so einer widersprüchlichen Geschichte aufzuwachsen, denn schließlich will jeder zu irgendeiner Tradition gehören. So ist es auch mit Australiern. Deswegen gehen sie nach England, oder sie suchen nach ihren irischen Vorfahren. Ich meine, da muß man durch, aber als Pariser hat man es sicher leichter. Und es ist nicht sehr befriedigend, diese Suche, denn man findet diese Antworten nicht. Also zieht man weiter, unsere Gruppe zog nach Berlin, wo Menschen aus aller Welt hinkamen, die so wurzellos sind wie wir. Dort entstand aber mit der Zeit sowas wie unsere eigene kleine Welt, eine Isolation, zu der uns die Stadt natürlich ermutigte, wo wir schließlich umgeben waren von unseresgleichen.
SPEX: Dann ist also die Geschichte der Emigrantenfamilie auf dieser Platte die Geschichte der australischen Künstlerkolonie?
SB: Also ich mag die Leute in meiner Band und meine Freunde in Berlin. Aber Künstlerkolonien sind suspekt und führen zu obskuren Ergebnissen. Ich habe in Australien die Hippies aufs Land fliehen sehen, weil sie sich fremd fühlten, um nur noch mit Menschen zusammen zu sein, die ihnen ähnlich sind. Aber sie wurden noch einsamer, statt etwas aufzubauen, wo sie hingehören …, denn das findet man nicht durch Isolationismus …, ich hatte diese schreckliche Flugangst, als ich in Griechenland wohnte. Dann überwand ich diesen Schmerz, und plötzlich war der Tod nicht mehr so wichtig. Dadurch fühlte ich mich sehr klein, während ich zuvor sehr groß war, und war nur noch dankbar, zur Menschheit zu gehören. Und darum geht es in der Musik, für mich, den Leuten das Gefühl zu geben, daß das, was sie sind, schon sehr gut ist. Dann wären sie glücklicher und besser befähigt, das durchzusetzen, was sie tun wollen, es würde ihnen natürlicher von der Hand gehen. Denn wenn Du einen guten Song schreiben mußt, um ein guter Mensch zu sein, wirst Du Dein Talent dazu verlieren; wenn Du ohnehin schon selbstsicher bist, schreibst Du Deine Songs völlig natürlich hin.
SPEX: Kommt die Begabung des Australiers für die amerikanische Musik, speziell den Country-Song, das Country-Sentiment, daher, daß der Australier in einer Weise ähnliche Erfahrungen macht, bezogen auf seine Kultur, wie der Amerikaner zu der Zeit, als diese Formen entstanden?
SB: Australien ist ein eigenartiges Land, vollkommen rätselhaft und unverstanden. Wir sind verzweifelt hinter einer Geschichte her. Erst versuchten wir, Engländer zu werden, aber das funktionierte nicht. Dann wurden wir Yobbos, was bedeutete, überhaupt keine Kultur zu haben und stolz darauf zu sein. Wir sind ein sehr gewalttätiges Volk. Verzweifelt auf der Suche nach einer Vergangenheit, die längst im Übermaße da ist, weil es ja alles da gibt: Griechen, Italiener, Asiaten, Araber, darüber die dünne Schicht angelsächsischer Kultur und die Hackordnung unter den verschiedenen Volksgruppen der Einwanderer. Jetzt sind die Boatpeople da, die nicht unbedingt alle hätten kommen müssen, wie ich finde. Ein großer Teil waren ja nun wirklich Kriminelle, Schwarzmarkthändler, trübes Gesindel, das dann in Australien prompt neue Unterweltfraktionen bildete, jetzt haben wir eine vietnamesische Mafia; aber die bis dahin unten auf der Skala stehenden Italiener und Griechen, die diskriminiert, verachtet und verprügelt wurden, werden jetzt akzeptiert, weil man meint, sie hätten genug gedient und schlechtbezahlte Jobs gemacht, weil sie jetzt alle gemeinsam auf die Vietnamesen einprügeln können und vor der asiatischen Invasion warnen. Ich meine, da ist dieser tolle multikulturelle Ort, aber es funktioniert einfach nicht. Es ist alles noch zu neu und zu weit weg, niemand in der Welt nimmt zur Kenntnis, was da passiert, es wird nicht als Geschichte aufgeschrieben, also empfindet es auch niemand als Geschichte. Daher kommen, glaube ich, auch die Gemeinsamkeiten mit Sachen wie dem Blues: in einer unschuldigen Zivilisation neigt Musik zu besonderer Stärke und Verbindlichkeit. Sophisticatede Kulturen sind sich einfach zu sehr ihrer selbst bewußt, um irgendwas machen zu können. Wie man als ein belesener Mensch ein Buch schreiben kann, ist mir ein Rätsel, unmöglich. Man vergleicht mich immer mit irgendwelchen Autoren, und ich kann nur von Glück sagen, daß ich diese Autoren nicht gelesen habe. Sophistication ist fast immer der Ruin der Künste: In Australien kannst Du Dich als Band noch entwickeln, weil man vier Jahre lang vor sich hin mucken kann, ohne irgendeine Chance, einen von der Presse zu treffen. In Australien waren wir alle Punkrocker, ohne so recht zu wissen, was das eigentlich heißt und konnten den Begriff so mit eigenem Leben füllen, in London brauchst Du nur auf der Kings Road akustische Gitarre zu spielen und schon macht der NME einen Bericht und bringt so einen Haufen Bands um, weil die alle noch nicht stark und sicher genug sind, zu wissen, was gut für sie ist. Southern Death Cult existierte drei Wochen und hatte vier Songs und war schon auf dem Cover vom NME: die neue Kraft der Rockmusik.
SPEX: In australischen Bands trifft man auf Leute, die in einer Person einerseits wortkarg und rockistisch sind, aber andrerseits dann doch plötzlich Sermone erzählen und Finnegans Wake auswendig können …
SB: Ja, wir sind eben ’ne Trinkkultur …
SPEX: … und das bringt Cretins und Schriftsteller naturgemäß einander nahe …
SB: … und wenn einer Band eine ausgiebige Australien-Tour angeboten wird, würde ich sie inständig warnen. Es gibt zwei Läden in Sydney, zwei in Melbourne und zwei in Adelaide, wo man spielen kann, der Rest sind riesige Saufhallen, wo Leute hingehen, um sich einen exzessiven Abend zu bereiten und laute Musik allenfalls störend wirkt. Es hat eine Umfrage gegeben, welches Volk der Welt das zufriedenste ist, und die Australier wurden erste. Sie sind sehr konservativ, wollen keine Änderungen. Man kann ganz gut von Arbeitslosengeld leben, und die Leute, die dageblieben sind, sind eigentlich alle spurlos verschwunden, weil man da unten sehr gut einfach nur rumsitzen kann und gar nichts machen, es wird nicht kalt, und man muß nicht selbständig aktiv werden, um zu überleben … Deswegen haben wir alle so eine relaxte Art. Außerdem sind wir alle etwas roh. Was nicht nur schlimm ist. Vulgarität ist nicht notwendig schlecht …
SPEX: … keineswegs …
SB: … und in Australien ist das die eingeführte Norm, vulgär zu sein. Wer sich zu ernst nimmt, sich für was besseres hält, hat es schwer dort.
SPEX: Wie bei immer mehr Bands (Fall, Sonic Youth, Cramps etc.), steht auch bei Crime ein Ehepaar auf der Bühne?
SB: Ja, es gibt diesen Trend, obwohl es für mich rein persönliche Gründe gibt: Bronwyn hilft mir sehr bei meinen Texten, ich mag ihre Texte und ihr Geigenspiel. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, daß die Instrumente, die Mädchen traditionell lernen, wie Geige oder Klavier, inzwischen mehr akzeptiert werden …
SPEX: Kammerinstrumente. Ich wußte es: Frauen entstehen in der Kammer, Männer werden mit einer Gitarre auf dem Feld geboren. Die anderen Australier arbeiten ja auch mit ihren Frauen zusammen (Cave, Howard), jetzt hast Du auch einen Neubauten als Gitarristen (Alex Hacke), der aber für meine Ohren doch eine andere Funktion hat als Blixa bei den Bad Seeds?
SB: Ich glaube, er hat genügend Charakter, um solche Vergleiche hinter sich zu lassen, er ist einfach ein sehr guter Gitarrist.
SPEX: Haben Crime & The City Solution Humor?
SB: Ich hoffe, nicht im Sinne eines guten Witzes, aber indem wir uns nicht so ernst nehmen, wie man sich als humorloser Mensch nimmt.
SPEX: Wer ist Edward Low?
SB: Ein Pirat aus der Zeit von Captain Kidd, der großen Zeit der Piraten. Er schnitt den Leuten, die anderer Meinung waren, die Lippen ab. Ich habe ihn ausgesucht, weil er sich eine Ehefrau gekauft hat, und das bringt einerseits Kapitalismus auf den Punkt, ist andrerseits so grotesk und lustig. Das ist vielleicht unser Humor: „Keepsake“ hätte eigentlich auch ein sehr grandioser, eingebildeter Song werden können, ist es in einem gewissen Sinne auch, andrerseits wissen wir, wie lächerlich solche Grandiosität ist, und das hört man wohl hoffentlich auch.
SPEX: Ja, das gefällt mir. Die Absurdität eines Vorhabens einsehen, aber nicht aufzugeben und sich in den reinen Witz flüchten, sondern es trotzdem, etwas gequält grinsend versuchen …
SB: Ja, Witze sind ziemlich langweilig.
SPEX: Nie so witzig wie freiwillig unfreiwillige Komik jedenfalls. Danke für das Gespräch.