Die bloße Tatsache, daß der legendenumwobene Can-Sänger nach mehr als zehnjähriger Öffentlichkeitsabstinenz wieder auftritt, ist noch nicht so sensationell wie der tatsächliche Ablauf des Konzertes.
Vorab ein paar Informationen: So um 1970 las ich einmal in Sounds eine rührende Petition von Karlheinz Stockhausen. Der begabte Sänger Suzuki solle aus Deutschland abgeschoben werden, weil er unerlaubt als Straßensänger tätig gewesen sei. Stockhausen fühlte sich, so seine Einlassung, bei einem solchen Umgehen mit dem kreativen Nachwuchs, bei derlei Ordnungsfanatismus und Ausgrenzungsbestrebungen an Deutschlands ungute Vergangenheit erinnert. Offenbar hatte der Professor Erfolg, denn Suzuki blieb noch Zeit, sich als Sänger – in der besten und für den weltweit unsterblichen Ruf der Band entscheidenden Phase – bei The Can unvergeßlich zu machen. Am Abend nach dem Konzert berichtet eine Frau, sie hätte Ende der 60er bei einem Open-Air-Festival, das sie als Vierzehnjährige besucht hätte, erlebt, daß sich Suzuki nach dem Konzert wortlos zu ihr und ihrer Freundin ins Zelt gesetzt hätte, die Nacht im Lotussitz stumm im Zelt verbracht und erst am nächsten Morgen wort- und grußlos wieder gegangen sei. Sommer 1972 freute ich mich auf ein Can-Konzert im Hamburger Stadtpark, doch die Band trat ohne ihren Sänger auf, der krank oder unpäßlich sei. Derlei Ereignisse häuften sich und gipfelten in dem Gerücht, Suzuki, wie schon sein Vorgänger Malcolm Mooney („The Looney“), sei in eine Irrenanstalt eingewiesen worden. 1985 haben The Fall einen Szene-Hit mit dem Song „I Am Damo Suzuki“.
Köln ist eine tolerante Stadt. Das hat seine Vor- und Nachteile. Ein Vorteil ist, daß das Zusammenleben zwischen Deutschen und Ausländern nach meiner Anschauung nirgendwo so gut funktioniert wie hier, was der Kultur der Stadt durchweg zum Vorteil gereicht. Zu den Nachteilen gehört die Tatsache, daß hier jeder Scheiß erlaubt ist. Jeder Sepp, Depp und Penner wird als der „kölsche Sepp“, der „kölsche Depp“ und der „kölsche Penner“ bejubelt, jeder, dem jedes Gefühl für Würde, Takt und Anstand verloren gegangen ist, kann sicher sein, in dieser Stadt als Original zu gelten. Eine besondere Spielart repressiver Toleranz, die das traurige Scheitern eines Menschen als Gaudium für die besser Weggekommenen bestätigt.
Im „Stollwerck“, einem alternativen Zentrum – wenn man sich als Spex-Mitarbeiter einführt, wird einem erstmal ein Kübel Unflat über dem Kopf entleert –, gehört es zum guten Ton, nett zu den Pennern der umliegenden Bowery zu sein. Wogegen nichts einzuwenden ist, wenn diese nicht über Stunden nicht ablassen würden, ein ergreifendes, konzentriertes Konzert zu stören, wie das von Damo Suzuki. Immer saß da irgendein Bacchus auf der Bühne, griff nach imaginären Mikros, leerte die Getränke der Band und wußte sich des Einverständnisses des amüsiert zurückblinzelnden Publikums sicher.
Überhaupt, was für ein trauriger Rahmen für so ein großes Konzert! Außer Rüdiger Pracht und mir nur ein kleines Häuflein aus Kindern, Hunden und Greisen. Ein paar Anwohner hatten interessiert hereingeschaut, ein paar Kiffer fanden, daß sich die Musik mit den von ihrer Droge herbeigeführten Bewußtseinszuständen vertrug. Das war’s.
Damo Suzuki ist eine schüchterne Person. Wenn er aufhörte zu singen, schien er die Souveränität zu verlieren. Aber, wenn er sang! Zusammen mit Jaki Liebezeit und einem Pianisten und Gitarristen, die dem Vernehmen nach von Dunkelziffer ausgeliehen waren, schien er sich vollständig in der Musik zu verlieren (das mag gräßlich klingen, war aber das Gegenteil). Die einzelnen „Stücke“ waren locker verknüpfte Medleys unzähliger reicher, neuer Songs. Songs, die stilistisch zwischen Scott Walker und den Sparks, Burnin Red Ivanhoe und Teardrop Explodes, John Cale und dem Release Music Orchestra lagen bzw. mal nach dem einen oder dem anderen klangen, mithin eine unglaubliche Fülle extrem melodiöser, vollmundiger, prachtvoll-reifer Songs, die nie das Material von etwas Anderem, von irgendwoher bezogen, die sich nicht durch den Rückgriff von sich selbst distanzierten, sondern dann, wenn sie eben, was auch vorkam, Hippie-Muff verbreiteten, authentischer, überlebter Hippie-Muff waren. Dies war absolut ernste Musik. Wer es nicht hören konnte, konnte sehen, wie Damo Suzuki mit Ergriffenheit darum bemüht war, etwas mitzuteilen. Die Songs veränderten sich oft so stark, daß man an willkürlich improvisierte Teile hätte denken können, aber die Texte rissen nie ab. Leider verstand man sie nicht.
Wer hier nicht das Gefühl gehabt hätte, daß in dieser Musik die Stimmungen, Launen, Couleurs, Atmosphären von mindestens 15 Jahren Pop-Musik als tragisch-verzweifelter Kampf gegen Beliebigkeiten aller Art vorgeführt wurden, wer nicht gemerkt hat, daß dies ein Punkt, ein Einschnitt war, von dem es neu losgehen kann, der hat dieses Resumee möglicher, menschlicher Launen als Kind oder Hund erlebt. Aber das waren ja fast alle. Drei Stunden und mehr dauerte dieses Ringen um Anstand in der Pop-Musik, drei Stunden inmitten des Unanständigen und Würdelosen. Solange aber ein Peter Hammill oder ein John Cale pro Großstadt in den letzten Jahren noch ein paar hundert Häupter in ihren Konzerten zählen konnten, sollte es auch ein Publikum für Damo Suzuki und seine Band geben. Unsere Unterstützung ist ihnen sicher.