Alle haben recht. Man muss ausnahmsweise wirklich allen Vorrednern zustimmen, die dieses Werk bereits gelobt haben. Alles, was alle über Black Messiah behaupten, ist das Album auch wirklich. Fangen wir mit einer Nebensache an: Pino Palladino, ein alter Session-Hengst aus der Nacht des internationalen Studiomuckertums, steuert eine der vielleicht geilsten Konstanten dieses so abwechslungsreichen Albums bei: einen kackknackigen, superpräzise prügel-stolprigen Bass – kein Funk-Klischee, kein Slapping (nur hie und da angedeutet). Was Palladino macht, wirkt fast wie ein neuer Stil, wie die Erfindung von so etwas wie dem Walking Bass, nur für andere Körper und andere Bewegungsabläufe.
Und noch eine Nebensache – oder vermutlich doch mehr als das: Dies ist eine Gitarrenplatte if there ever was one. Von Charlie Christian bis Jimi Hendrix sind alle Grundlagen afroamerikanischer Gitarrenmusik präsent, aber nicht als Sache selbst, sondern als Sound, als eine Art Prime-Olivenöl, in dem hier alles brutzelt. Und Marc Bolan auch – noch so eines von Millionen geilen nebensächlichen Details: die „A Beard Of Stars“-Gitarre im D’Angelo-Song „Prayer“. Und die allen Ernstes angedeutet rückwärts laufenden Gitarrenlicks in – natürlich – „Back To The Future (Part I)“.
Für einen Teil dieser Perlen ist der Künstler selbst verantwortlich. Für den anderen die famosen Musiker seiner Band The Vanguard. Vanguard ist nicht nur das lange vergessene Wort für (militärische) Vorhut, das in manchen Sprachen, etwa im Spanischen (vanguardia), auch das für die künstlerische Avantgarde ist, in anderen wie dem amerikanischen Englisch ist es nur die politische Avantgarde (weswegen auch ein politisches Folk- und Folkrock-Label so hieß). Nein, in den Sechzigerjahren gab es außerdem auch ein seinerzeit viel beachtetes Fotobuch, das Werbung für die sozialen und urbanen Hilfsprogramme der Black Panther Party machte. Es hieß The Vanguard. Ein must für jeden linken Kaffeetisch.
Die Erinnerung an einen Widerstand, der zugleich glamourös war, verkommt hier aber nicht zum üblichen kulturellen Polit-Placebo, als das sich Retro-Kultur gewöhnlich die Sixties einverleibt. In der sonischen Vollversorgung dieser an jedes Detail denkenden Arrangements mit ihren Tiefenbohrungen in die Soul- und Funk-Geschichte wird eine ergreifende Dringlichkeit erreicht, die das kulinarische Prinzip des Retro umdreht: Statt warmen Wind aus einer wohlig erinnerten Vergangenheit in die Kälte der Jetztzeit zu pusten, wird das Hitzezentrum in einer Gegenwart errichtet, in der alles zusammenschießt und höchste Intensität selbst die entspanntest groovenden Nummern noch zum Kochen bringt.
Dass es sich beim titelgebenden Messias um keine Selbstüberschätzung und auch nicht um religiösen Wahn seitens des von der Kollegenschaft ja nicht zu Unrecht längst zum Genie erklärten Künstlers handelt, erörtert R’n’B-Theoretiker Nelson George in einem kurzen Geleitwort in den Liner Notes. Wir alle – oder besser: alle, die sich in Ferguson, bei Occupy Wall Street und in Kairo erhoben haben, seien dieser Messiah – eine Paraphrase des alten Hip-Hop-Selbstermächtigungsglaubens, jeder sei ein god. Dieser Messias und seine politische Vorhut sind aber auch keine Träumerei, sondern Resultat einer unglaublich einheitlichen Verlebendigung ganz unterschiedlichen historischen Materials.
Selten hat jemand den Gedanken, dass es eine offene, aber unübersehbar reiche Tradition von Funk, Soul, Hendrix und Hip-Hop gibt, die nicht nur als Erinnerung zur Verfügung steht, sondern mit aktueller Kraft in die Zukunft schießt, so evident werden lassen wie dieser Künstler. Er hat dabei Unterstützung von Leuten bekommen, die für sehr ähnliche Projekte renommiert sind: von Q-Tip als dem großen Überlebenden des coolen Conscious Rap, von ?uestlove von den Roots am Schlagzeug und von Kendra Foster, einer Göttin aus dem P-Funk-Universum, die an den Lyrics für zwei Drittel der Songs mitgeschrieben hat. Kein Wunder, dass der Titel „Back To The Future“ mit dem Zusatz „(Part II)“ gleich noch ein zweites Mal auftaucht. Nur ist damit eben nicht melancholisch die Rückkehr in eine Zeit gemeint, als es noch eine Zukunft gab, sondern das Aufblitzen der Einsicht, dass es jetzt eine zu gewinnen gibt.