Das Geheimnis hinter der Tür

Für die Studierenden wie für die Lehrenden ist es wahrscheinlich ein leidiges Thema, aber für einen ehemaligen Gast wie mich war es denn doch zu lustig: Wenige Monate nach dem Ende meiner Gastprofessur an der Münchner Akademie sah ich sie wieder als Schauplatz eines Derricks. Ich weiß nicht mehr, ob es eine zeitgenössische Folge oder eine Wiederholung war, man kann das bei Derrick vermutlich genauso wenig erkennen wie an der Akademie selber, wenn man sie nur von ihrem Äußeren oder von den Gängen außen betrachtet.

Dabei war das thematische Spektrum dieser Derrick-Folge scheinbar hochaktuell. Ein Kunststudent hatte eine Kommilitonin vergewaltigt. Diese nahm sich anschließend aus Gram über die erlittene Schmach das Leben. Doch dies war nicht das eigentliche Verbrechen. Der Vergewaltiger war kurz nach dem Selbstmord seinerseits ermordet worden, und diesen Mord hatte der Münchner Kommissar mit dem englisch klingenden Namen aufzuklären. Das Personal, das in diese Geschichte verwickelt war, geriet nun so archaisch wie in den meisten Derrick-Fällen: die übersensible, geschändete Jungfrau; die mitleidende, mütterliche Sekretärin, die die jungen Studentinnen in dieser rauhen Männerwelt unter ihre Fittiche zu nehmen pflegte; eine Schneider-Buch-mäßige Troika von zur Blutrache entschlossenen Hanni & Nanni-Freundinnen – und dennoch traute man den Gängen der Akademie, ohne daß zusätzliche Kulissenschiebereien nötig gewesen wären, ohne weiteres zu, daß genau solche Menschen solche Dramen zwischen Aktzeichnung und Gipsformen hier erlitten.

Interessant ist der Vergleich mit einem einige Jahre vorher in der ARD gelaufenen Stück, das in der Düsseldorfer Akademie spielte, die ja weißgott auch kein Ort ist, dem man auf den ersten Blick das ausgehende Jahrtausend ansieht, wo ein aus noch archaischeren Jahrhunderten herausgefallener Rektor seine Schar von Professoren lenkt. Doch gab es in dieser Geschichte zum einen wesentlich modernere Geschlechterbeziehungen, darunter auch einen veritablen Homosexuellen, und zum anderen eine Fülle von Außenbezügen, die aus den unmittelbaren Verstrickungen innerhalb der Akademie nach außen führten. Bei Derrick hingegen spielte die Münchner Akademie die Rolle, die in der Phantasie des Drehbuchautors Reinecker schon immer Mietshäuser, Vorortvillen, Kneipen oder auch Discotheken spielen: Sie sind alles einschließende magische Örtlichkeiten, in die alle Beteiligten immer wieder zurückkehren müssen und die letztlich genau den klaustrophoben Zwang ausüben, der es den Tätern endgültig unmöglich macht, ihr Geheimnis weiter zu wahren und sie dazu bringt, es den beiden Polizeibeamten anzuvertrauen, die die ganze Zeit nichts anderes getan haben, als entspannt und gelegentlich provozierend lässig moralischen Druck, Über-Ich und Gewissen zu verkörpern, als auf dieses in Wahrheit durch Zwang und Enge erpreßte Geständnis zu lauern.

Daß in solchen geschlossenen Räumen immer junge Mädchen dran glauben müssen, scharfe junge Dinger, die aber doch für ihre begehrte Sexualität, die sie nicht alten Männern wie Herbert Reinecker darbieten, bestraft werden müssen, erscheint so atavistisch wie die Malerei, die in dieser speziellen, Akademie-bezogenen Folge eine Rolle spielte. Tatsächlich gehört dieser Zusammenhang genau in das 19. Jahrhundert, wo auch Akademien wie diese gemeinsam mit der frisch entdeckten, begehrten und natürlich auch wieder zu bestrafenden Sexualität von Kindern und Jugendlichen und anderen zur Erziehung Schutzbefohlenen, insbesondere junger Mädchen aus der Sicht älterer Herren, in die Welt der Ideen und Kriminalromane eintraten.

Nun ist aber unser Agent des 19. Jahrhunderts, der deutsche Kommissar – Über-Ich, Professor und Vergewaltiger in einem – auch deswegen immer nur durch die schier endlos wirkenden Gänge, Flure und Korridore gelaufen, weil die geschlossene Welt, auf der seine Existenz beruht, abrupt aufgehört hätte zu existieren, wenn er eine der Türen geöffnet hätte. Der Effekt ist nämlich äußerst überraschend und entspricht meiner alten Kindheitsbegeisterung für Szenarios, in denen eine Fassade nichts mit dem zu tun hat, was sich dahinter tatsächlich abspielt. Dies ist in München kein einfacher Gegensatz – außen, von den Gängen gesehen, 19. Jahrhundert, hinter den Türen Cyberspace –, sondern absolut offen. Von den Gängen aus gibt es nicht den geringsten Hinweis darauf, wie es dahinter aussehen würde. Tatsächlich zuweilen wie bei Derrick und dann wieder wie in einer Kommandozentrale eines Satellitensenders. Ich erwähne dies, weil die extreme Distanz zwischen den Erwartungen vor der Tür und dem, was die Tür verbirgt und verspricht, archaische Abenteuer, Märchen mit verbotenen Räumen und dergleichen, mir die ganze Zeit gut gefallen hat. Der Raum, in dem die meisten meiner Veranstaltungen stattgefunden haben, war dann ein durch Rationalität, Architekturskizzen-Deko immer wieder überraschender Sitzungsraum. Hier haben wir unser erstes Projekt begonnen.

Theorie an Kunstakademien ist ja bekanntlich ein hartes Brot. Die Studierenden haben keinen institutionellen Grund (Schein!), regelmäßig zu erscheinen, also betrachten sie es als eine Art Filmclub, der je nach Interesse besucht wird und nach völlig unvorhersehbaren Kriterien an einem Tag Konjunktur hat und am nächsten leer bleibt. Bei meinem Projekt, das einen Monat im Sommersemester dauerte und dann im Winter verlängert wurde, hatte sich nach einigen sehr gut besuchten Eröffnungssitzungen folgende Situation eingependelt: Drei bis vier Interessierten aus der Akademie und weiteren unvorhersehbar und nie mehr als einmal Erscheinenden stand ein fester Stamm von philosophisch gut trainierten Examenskandidaten der Amerikanistik gegenüber, die ein schnelles Arbeiten und hohes Niveau der Diskussion ermöglichten. Ihnen war allerdings die Vorstellung völlig fremd, die Ergebnisse theoretischer und analytischer Arbeit „umzusetzen“, wie es immer so häßlich heißt. Zu produzieren. Den Akademie-Studenten und -Studentinnen war wiederum bis auf eine Minderheit das konzentrierte Durcharbeiten von Texten fremd. Damals erreichte mich eine E-Mail von Matthew Slotover von der Zeitschrift frieze, er mache gerade eine Umfrage über den idealen „syllabus“, eine kanonische Liste, was Kunststundenten gelesen haben sollten. Ich schickte meine Antwort nicht gleich ab und formulierte erst forsch eine Liste, die immer kürzer wurde, dann ganz das kanonische Prinzip verließ und schließlich in ihrer endgültigen Fassung auf den Satz hinauslief, ich wüßte nicht, was Kunststudenten lesen sollen, ob sie überhaupt lesen sollten.

Tatsächlich sind wir uns darüber wohl einig: Theorie, wissenschaftliche Fächer sollten ein Angebot sein und bleiben. Andererseits funktioniert nichts ohne Konzentration und eben Bereitschaft, Minima des wissenschaftlichen Arbeitens zu akzeptieren. Man kann Theorie-Veranstaltungen nicht unter Entertainment-Zwang durchführen. Solange die Kunstakademien strukturell nicht reformiert sind – Meisterklassen-System z. B. – bleibt, glaube ich, nur eine Möglichkeit, diesem Problem abzuhelfen. Die theoretische, philosophische und analytische Dimension des Studiums sollte nicht nur von sozusagen externen Nichtkünstlern, Wissenschaftlern vertreten werden, sondern durch mehrere starke, Klassen leitende Professuren, die eine – nennen wir sie mal – Theorie-affine Position vertreten.

Was haben wir gemacht? Ich hatte die Idee, daß man die im Kunstbetrieb kursierenden theoretischen oder als Theorie getarnten Reden im Gravitationsfeld der Begriffe „Neue Medien“, „Multimedia“, „Digitalität“ und „Cyber“ auf gemeinsame Merkmale durchsieht und daraus in gemeinsamer Arbeit Theorie-Objekte entwickelt. Klassifikationssysteme, Imitationen und Parodien, austauschbare Module etc. Gute alte kritische Spiele zwischen Ideologiekritik und Diskursanalyse. Im ersten Monat lasen wir Texte. In Ermangelung von Referenten arbeiteten wir sie laut lesend im Seminar durch: typische Beispiele von Cyberdiskurs und anderen Futurismen, von Norbert Bolz bis zu den Krokers, aber auch kritische Texte, die bereits den Cyberdiskurs oder seine Vorläufer als Gegenstand erkannt hatten, etwa von Armand und Michèle Mattelart oder Andrew Ross’ Kritik des Hacker-Mythos. Als ich nach den Semesterferien wieder daran anknüpfen wollte, rutschten wir auf eine grundsätzlichere Ebene: Auf welche Mittel stützen wir unsere Beschreibung, was ist denn Ideologie? Und – believe it or not – in kürzester Zeit wurden wir zu einem Seminar über Ideologietheorie und in noch kürzerer zu einer Althusser-Lesegruppe. Das war zwar nicht meine Absicht gewesen, machte aber großen Spaß. Hier waren Leute, die das machen wollten (die Amerikanisten meistens in der Überzahl), regelmäßig kamen, und schließlich war das doch genau das, was man wohl mit solchen Projekten nur ermitteln muß: Welche Theoriearbeit ist eine Gruppe bereit zu machen, was wird gebraucht – okay, wenn das Althusser ist, dann ist es Althusser. Es waren auch noch ein paar andere.

Das andere Modell: Theorie und Kunstgeschichte als Unterhaltungsangebot habe ich dann durch Walter Grasskamps variantenreiche und spritzige Vorlesungsreihe zu den 80er Jahren kennengelernt. Hier kamen verschiedene Leute und hielten auf recht unterhaltsame Weise Vorträge über ein Gebiet oder Problem der 80er. Ich selbst hatte mir die Geschichte der 7″-Single für drei aufeinander aufbauende Veranstaltungen ausgesucht. Dies wurde natürlich wesentlich besser aufgenommen, aber ich glaube nicht, daß von dem vielleicht unterhaltsamen, aber auch etwas beliebigen Potpourri von Ideen, das ich apropos der Konstante 7″-Single über die 80er Jahre ausgebreitet habe, irgendetwas anderes bleibt als zufällige Erinnerungen an einen Song oder eine Zeile (wie etwa „It’s alright to expose yourself to kids / Do it now when they’re grown up it’s too late“ von G.G. Allin, auf die mich später mal jemand angesprochen hat).

Man soll ja bescheiden sein und mit solchen Momenten zufrieden. Aber dagegen sprechen zwei Dinge: erstens, wie sehr eine Phase kontinuierlicher Textarbeit in ein Leben eingreifen kann – wie eine gute Drogenerfahrung, nur am anderen Ende der Kontrolliertheitsskala. Und allein schon solche Selbstbeobachtungen sollten von jeder angehenden Künstlerin und jedem angehenden Künstler irgendwann mal gemacht worden sein. Zweitens, daß es die merkwürdige Stimmung der hinter den stummen Türen alles mögliche vorstellbar machenden Atmosphäre der Münchner Akademie auch möglich machen sollte, daß ganz unerwartete Dinge nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit stattfinden, auch wenn das in vielen Räumen das 19. Jahrhundert ist. Unsere Althusser-Lesegruppe hatte so eine Stimmung von Herbst 1965. Walter Grasskamp zitierte mir gegenüber auch einmal einen anderen erfahrenen Art Teacher, ich habe vergessen wen, der gesagt hat, daß man immer, wenn man zu unterrichten glaubt, nicht unterrichtet, aber genau dann, wenn man es nicht zu tun glaubt, dann unterrichtet man. Wenn Figuren, die sich über Formen und Gegenstände des Unterrichtens – aus natürlich auch konzeptkünstlerischer Sicht und Tradition – enorm viel Gedanken machen, auf diese Weise produktiv scheitern, dann kann das klappen. Es braucht aber die entsprechend Bemühten in möglichst großer Zahl, damit man die Streuverluste verschmerzen kann.