Man macht sich das kaum klar, aber: Keine Musik ist heute so verbreitet, so ruling, so allumfassend, für Tiefenstrukturen so prägend wie für rhythmische Floskeln und Phrasen maßgeblich und überhaupt so paradigmatisch wie Reggae. Wenn das virtuosistische Jazzrock-Geknatter von Drum & Bass sich nicht in Beliebigkeitsspiralen verliert, sondern uns inspiriert, dann vor allem deshalb, weil in den Molekülen der Struktur Reggae wohnt. Wenn überall Raum und Stille hörbar gemacht werden soll, und das nicht mehr mystisch und new-ageig klingt, dann besonders deshalb, weil das Produktionsmodell dafür vom Dub und damit vom Reggae kommt. Wenn überall virtuose, komplex verschachtelte und mehrfach codierte Laute menschlicher Sprechstimmen die Lokalisierung der Gefühle in Tonhöhenmanipulationen und im Brustkorb von Opernsängern als Modell abgelöst haben, verdanken wir das der zuerst im Reggae eingeführten Form musikalischen Sprechens, dem Toasten. Wenn wir nach Jazz und Blues ein neues, zeitgemäßes musikalisches Modell für die soziale Synchronisierung synkopiert schlagender Herzen, sprich eine Utopie haben, dann kommt sie aus den hybriden karibischen Beats, deren Gesamtheit wir Reggae nennen.
Daß dies, seit gleichzeitig Hippies Bob Marley als Massenphänomen und britische Punks Dub als Underground-Sound entdeckten (1977), in steigendem Maße überall im Westen, aber auch in Sierra Leone, Südafrika und Japan so ist (auch wenn die vielen Varianten und Applikationen mittlerweile vom Modell so weit weg sind wie im Falle des Blues etwa Grateful Deads „Dark Star“ von Sam Lightnin’ Hopkins), ist mehr denn je das Thema von Rockers HiFi.
Sie haben nämlich diesem Umstand mit diesem Album (Rockers HiFi, Mish Mash, WEA 1996) gewissermaßen sein Sgt. Pepper geschenkt. Ihr Interesse gilt nicht einer Schule, sondern gerade der Vielfalt des Reggae-Einflusses in heutiger Musik. Doch ihre Platte klingt weder zwangs-eklektizistisch, noch nach bemühtem Crossover oder Working Week in Dub, sondern wie das völlig organische Museum menschlicher Echos, Breakbeats und Bässe, das mit Kraftwerk und Bach sogar zwei typische Vertreter unseres Sprachraums mühelos mit aufnimmt. Dies ist das typische Werk von älteren Säcken meiner Generation, deren Horizont vom Dub-beeinflußten britischen Post-Punk der Pop Group und dem frühen Dennis Bovell bis zum Squarepusher reicht. Dazu gehört auch, daß es seine Arme den CD-Album-orientierten Erwachsenen öffnet, was einigen 12-Inch/Vinyl-orientierten Jungerwachsenen unkosher vorkommen könnte. Klar, die Beatles konnten nicht Question Mark And The Mysterians sein, aber sie konnten gute und schlechte Platten machen. Diese hier hat bestimmt Revolver-Format. (Das ist die, die besser war als Sgt. Pepper!).