Das Leben, ein Kampfbegriff

Die Brisanz kulturkämpferischer Kampfbegriffe erkennt man am besten an ihrem – stillschweigend oder nicht – mitgedachten Gegenteil. Als vor ein paar Jahren Matthias Altenburg und Maxim Biller eine Literaturdebatte im Namen der Wirklichkeit gegen den willkürlich herausgegriffenen Thomas Hettche führten, half es den unbeteiligten Zuschauern wenig, zu wissen, dass Altenburg sich unter Wirklichkeit eher eine hessische Bahnhofskneipe, Biller eher heterosexuell-newyorkerische Urbanität vorstellt. Entscheidend war der Gegenbegriff, den sie im Namen der Wirklichkeit bekämpfen wollten: die Avantgarde, schwierige Bücher ohne Sex und Bahnhofskneipen, die angeblich immer noch über die Hegemonie im Literaturbetrieb verfügten, zumal in Deutschland, wo die verbeamteten und subventionierten Avantgardisten – noch immer nicht dereguliert – ihres Amtes walten (unnötig zu erwähnen, dass natürlich alle wesentlichen, noch den Namen „avantgardistisch“ verdienenden literarischen Projekte der Gegenwart aus den angeblich so wirklichkeitsverliebten USA kommen: Gaddis, DeLillo, Pynchon etc.).

Heute lautet der Kampfbegriff nicht mehr Wirklichkeit, sondern Leben. Die heute jungen Literaten und viele ihrer älteren Freunde haben sich offenbar auf dieses Leitwort verständigt – etwa mit der Zeit, die ja in ihrer Sektion „Modernes Leben“ die Modernität zugunsten eines kreatürlicheren, biologischeren und jugendlicheren Etwas gestrichen hat. Drohend fragt wöchentlich ein Trivial-Quiz „Sind Sie noch am Leben?“ Und die Web-Site www.ampool.de, ein Treffpunkt der Leben-Literaten, begrüßt den User mit einem dräuenden Satzgeflacker, das gleich mehrfach mit „Leben“ wedelt: als Substantiv, als Verb und immer im Imperativ.

Diese Verschiebung hat Folgen. Zum einen ist das Leben noch diffuser als die Wirklichkeit: Man kann sich leichter darauf einigen und noch schlechter darüber streiten. So verbindet es einerseits die jugendbuchspezifische Aufgeregtheit, die Freude an erstem (oder zweitem) Sex, blühenden Wiesen, fremden Gerüchen und – sagen wir – den Weiten des Ozeans und des Fernsehprogramms mit all dem kneipenkennenden, seitenstraßenvertrauten Geheimwissen, das man mit Gegen- und Subkultur verbindet. Leben ist also immer noch Bahnhofskneipe, aber nun plus Rave und plus Weltreise.

Andererseits bezieht auch der Kampfbegriff Leben seine spezifische Designation aus seinem impliziten Gegenbegriff. Was ist Leben nicht? Zum Beispiel das „Ausgedachte“, das Schlimmste an der falschen Literatur – und zwar für so unterschiedliche Sympathisanten des neuen Lebens wie Rainald Goetz (Abfall für alle) oder Joachim Lottmann (Deutsche Einheit). Doch wurde das ja auch schon von der Wirklichkeit bekämpft, am allerunerschrockensten natürlich immer von Tom Wolfe und den Seinen. Im übrigen ist Avantgarde natürlich immer noch schlimm, aber die Behauptung ihrer Fortdauer als hegemonialer Faktor des deutschen Literaturlebens lässt sich von niemandem mehr aufrechterhalten, der nicht selbst veraltet wirken will. Die jungen Leute kennen den Begriff gar nicht mehr.

Bleibt der gewissermaßen natürliche Gegenbegriff des Lebens, der Tod. Nicht mehr eine falsche Herrschaft der Avantgarde gilt es noch zu bekämpfen, sondern den Tod selbst – uns, die wir blühen und leben und lieben und in Schwabing Eis essen, steht eine Phalanx von dürren, drögen Toten gegenüber. Sind es wirklich Tote? Geht es wirklich um den Tod – als „Ende von Lachen und sanften Lügen“ (Morrison)? Nein, in der Literatur geht es natürlich immer weiter, der Tod in der Literatur ist vielmehr der Tod der Literatur und der liegt bekanntlich schon dreißig Jahre hinter uns.

Sein Datum steht für eine komplett durchpolitisierte Literatur, bis zum Rand vollgesogen und durchsaftet mit Politik und Politisiertheit. Für viele erschreckend tropisch, wenn nicht entropisch. Es gab danach nur zwei Wege: den Rückzug, also den Versuch, die Politik aus der Literatur wieder herauszukriegen – sei es durch neue Innerlichkeit, sei es durch neue Äußerlichkeit, vor allem aber nun seit dreißig geschlagenen Jahren, sprich mein ganzes bewusstes Leben lang durch ganz viel „Wieder“: wieder erzählen, wieder Wirklichkeit, wieder Leben, wieder unkorrekt auf die Kacke hauen.

Der andere Weg hieß, von der Politisiertheit aufzubrechen, zu neuer Politik, neuer Rechthaberei, Aufgabe der Rechthaberei, noch neuerer Rechthaberei – immer mit dem Anspruch, die Effekte der Welt auf die Kunst umdrehen zu können. Das war der Weg zur Theorie als Literaturersatz. Hin zu einem Lesen und Schreiben, das sich selbst den kommunikativen Standards einer (wenigstens: einst) politisierten Theorie stellte (transsubjektiver Geltungsbereich, große Rosinen, Weltentwürfe samt Unmöglichkeit von Weltentwürfen etc.). Hin zu langen unübersichtlichen Büchern, die dafür sorgten, dass neue Horizonte und neue Heuristik einander ergriffen.

Ich mache kein Hehl daraus, dass dieser Weg mir immer als der sympathischere und aufregendere erschien, auch wenn er vielfach an seine Grenzen gelangt ist. Weder möchte man Theorie als Ausrede für verkrampfte Literatur noch Literatur als Ausrede für verquatschte Theorie hören. Aber immerhin wurde auf diesem Weg noch der alte Anspruch der Avantgarde mitgeschleppt, naturwissenschaftlich wie politisch auf der Höhe der Zeit zu sein – was doch eigentlich die entscheidende Voraussetzung dafür ist, was Leser immer so standhaft begehren und einklagen: Spannung.

Bislang konnten jedoch beide friedlich durch die Historie nebeneinander herlaufen. Erst seitdem in den Neunzigern in Deutschland Literatur mit viel Erfolg als Gegenstand öffentlichen Interesses relauncht werden konnte (Literarisches Quartett!), scheint die Notwendigkeit zu bestehen, sich im gleichen Aufwasch erst der Avantgarde und nun der verschraubten Theorie-Literatur mit ihren unrosigen Wangen zu entledigen. Das literarische Leben verlangt lauthals und etwas panisch nach ganzheitlichen vitalen Schrifstellersubjekten – wer jetzt nicht ins volle Menschenleben greift, wird lange nichts mehr greifen. Das einzige andere aktuelle Schreibermodell ist der gealterte, gereifte Post-Achtundsechziger, der rechts oder kulturpessimistisch geworden ist – der darf wenigstens entlang der biographischen Bruchlinie, von links nach rechts eine kleine melancholische Narbe tragen. (Gehört auch zum Leben – im Gegensatz vermutlich zu PC, dem eigentlichen Feind.)

Nun frage ich mich allerdings, was mich an dieser Entwicklung eigentlich so stört. Schließlich läge ich genauso falsch wie die Ideologen des Lebens, wenn ich von so etwas Unwichtigem wie meinen literarischen Vorlieben eine Gegennorm ableiten würde, eine andere Setzung. Ist denn nicht ganz generell das literarisch-künstlerische Manifestwesen mit seinen Normen und Grundsätzen, von „Dogma“ bis zu „ampool“, etwas unglaublich Lächerliches? Sollte mir das also nicht ganz schnuppe sein, niemand hindert mich schließlich daran, weiterhin verschraubte Asphalttheorie zu lesen? Nun ja, stimmt, aber in den letzten Jahren passierte es einfach zu oft, dass kleine blöde Tendenz-Macken sich über kurz oder lang als große böse Normalisierungsprogramme entpuppten. Es gilt also Acht zu geben, und in diesem Sinne kann ich diese Kolumne als Einführung einer kleinen Form innerhalb meiner bevorzugten literarischen Gattung nur begrüßen.