Pop-Musik war immer nur dann spannend, wenn sie zu einem Ort des Austauschs zwischen segregierten Welten wurde, wenn dieser Marktplatz wenigstens zu einem kleinen Teil auch dazu beiträgt, dass Stimmen, Subjektivitäten, Positionen Grenzen überschreiten, nicht nur Investitionen.
Die wesentliche Entwicklung in der Pop-Musik der letzten zehn Jahre war die Abwendung von Bühne, Expression, Text und der Bedeutung der Persönlichkeit des Performers. Kurz: alle Elemente alteuropäischer Kunst innerhalb der Pop-Musik, insbesondere die performativen verloren durch die Techno-Kultur rapide an Bedeutung. Verteidiger der Bewegung schlossen das mit postmodernen Tod-des-Autors-Theorien kurz und feierten diesen nun als Befreiung und Durchbruch zu einem nicht-hierarchischen Miteinander aller. Die Abwesenheit von Stars und die relative Unwichtigkeit des kulturindustriellen Produkts Schallplatte gegenüber prozessualen Inszenierungen – Raves – konnte sogar einige Anhänger noch älterer kulturkritischer Positionen erfreuen.
Für eine Weile trug das zu neuen Teilnehmern bei oder wurde von ihnen verursacht. Zu Beginn vor allem durch die vielen neuen Teilnehmer aus dem Osten. Aber natürlich blieben diese und andere Errungenschaften nicht stabil. Die Bühne kam zurück in einer vielleicht noch viel hierarchischeren Version – als DJ-Kommandozentrale. Die Stars nicht, aber dafür ließ sich auch das Prozessuale wunderbar als Basis-Lebensgefühl für alle möglichen Produkte von der neuen Hauptstadt bis zum Soft Drink einsetzen. Geblieben in allen möglichen aus Techno hervorgegangenen musikalischen Formen ist ihr Funktionalismus. Keine Egos breiten sich mehr aus, Atmosphären werden inszeniert. Auch Musik, die nicht zum Tanzen anregen soll, will einer Stimmung, einer Verrichtung, einer Tageszeit dienen. Keine eitlen Erzähler plustern sich mehr auf, die ihrem Publikum nichts als die Möglichkeit der Identifikation anbieten. Elektronische Musik – wie sich heute alles nennt, was nach Techno gekommen ist – ist stolz auf ihre subjektlose, architektonisch-gestalterische Funktion.
Doch je mehr dieser Funktionalismus sich nicht mehr an Tanzende richtet, desto mehr entpuppt er sich als Stil von Mittelschichtsjugendlichen. Diese sind heute Experten für Nuancen von Stilismen, und ihr Lieblingsmodus ist das Design: Sound-Design, Text-Design etc. Egal, ob man Design hier als einen Platzhalter für Stil- statt Expressions-orientiert nimmt, als begrüßenswerte Überwindung von Macho-Expressivität oder eher kulturpessimistisch als Slogan für komplett warenförmig und anspruchslos, als inhaltsfreie künstlerische Gestaltung, die nur noch dazu dient, dass Kenner ihre Distinktionsgewinne einfahren. Demgegenüber ist immer expressivere Expression – aber auch deren Ironisierung – die entscheidende Entwicklung in der ursprünglich eher von marginalisierten Jugendlichen getragenen Rap- und Hip-Hop-Kultur. Doch hierzulande, wo deutscher Hip-Hop mittlerweile eines der erfolgreichsten Segmente des Binnenmarktes darstellt, ist dieses Genre nun ebenfalls ganz an die Mittelschicht gefallen. Angefangen hatte es mit den Fantastischen Vier aus Stuttgart, die beschlossen, sich hier ihrer kleinbürgerlichen Herkunft nicht mehr zu schämen und offensiv zu vertreten: „Wir sind Mittelklasse!“ Wie wunderbar ehrlich. Mittlerweile in der Generation Neue Mitte schämt sich keiner mehr.
Heute an der Jahrtausendwende ist die gesamte Pop-, Jugend- und Gegenkultur vollständig von den immer gleichen Ideen, Projektionen und Vorlieben von Mittelschichtsjugendlichen kontaminiert. Wie eine Glasglocke, in der langsam die Luft ausgeht, zieht sie sich über ihren Akteuren und Bewohnern zusammen. Zwar waren die Träume und Einbildungen der Mittelschichtskinder schon immer ein wesentlicher Bestandteil der Popmusik. Doch war deren entscheidendes Moment, immer wieder aufs Neue, Kontakte über Klassengrenzen und andere Demarkationslinien hinweg herzustellen. Zwar schluckten die behüteten Kinder der ersten Welt alles Fremde und stellten es in ihre Spielzimmer: Aber dadurch kamen andere Welten, Forderungen und Vorstellungen wenigstens zu Wort – und zwar vor besseren Resonanzräumen. Heute sind die Mittelständler so abgebrüht, dass sie alles ergreifen und in ihre Welt aus Geschmacksdifferenzen einsortieren, bevor das Einsortierte auch nur die Chance zur Äußerung hatte. Selbst Exotismus wäre immer noch besser als das.
Es ist also höchste Eisenbahn, dass wieder andere Stimmen gehört werden. Dafür gibt es nur eine Chance: Denn so gut der Mittelstandsjugendliche die Kulturtechniken des Deutschunterrichts beherrscht: Über sein Innenleben reden, sein Begehren artikulieren, andere interpretieren, projizieren – so schlecht kennt er sich mit den härteren Techniken aus, z. B. der elektronischen und elektrischen Seite der Elektronik. Hier hatten nichthegemoniale Jugendliche – vom karibischen Dub-Producer bis zum afroamerikanischen Umgang mit Samplern und Schallplattenspielern – immer einen Vorsprung durch Technik, vor allem die unerwartete, unorthodoxe Anwendung von Technik. Der Erfinder neuzeitlicher DJ-Techniken, Grandmaster Flash, war tatsächlich Elektriker. Zur Zeit kann das kaum heißen, irgendein anderes Programm oder einen anderen Rechner zu verwenden als Millionen behütete Kinderzimmer-Künstler weltweit, es kann nur wieder mal darum gehen, etwas ganz anderes damit zu machen.
Und damit zur Zukunft: Von überall her deuten sich Entwicklungen an, dass nun gerade auch Marginalisierte den nichtexpressiven Funktionalismus, die Ambiente-Kultur, als paradoxerweise expressive Formen entdecken. Was sich in Hip-Hop-Videos aus den USA schon andeutet, scheint sich auf andere visuelle Ausdrucksformen im Umfeld von Popkultur – Zeitschriftenlayout, Anzeigengestaltung – auszudehnen. Es gibt einen neuen Umgang mit all den visuellen Gestaltungsmitteln der Computerkultur am Rande der herrschenden, die sich nicht von dem Ziel möglichst genauer Simulation leiten lassen, sondern einfach effektorientiert ist.
Diese Videos – zu TLC, Busta Rhymes, Aaliyah, Missy Elliott – bebildern ebenfalls eine Musik voller neuer Ansätze: aus der Hip-Hop- und Soul-Kultur herausgewachsene neue, extrem fein gestylte, aber gleichzeitig immens expressive Personen- und Präsenz-orientierte Musik, zu der zwar jeder tanzen kann, aber die zur Zeit kein Stuttgarter Mittelständlerle imitieren oder gar erweitern und übersetzen können wird. Ganz einfach, weil starke expressive Subjekte – so sehr sie auch Mythos und Kitsch und seit Foucault erledigt sein mögen – auch etwas mit den alltäglichen Zwängen zu tun haben. Die, denen diese Welt nicht gefällt, entwickeln eben ein anderes Verhältnis zu allen Mitteln, den Techniken elektronischer Pop-Musik wie zu denen der Subjektwerdung. Ginuwine und Timbaland und Missy Elliott kennen sich in allen Feinheiten funktionalistischer und zurückhaltend eleganter Sounds aus, aber sie sind große Subjekte und daher etwas lauter.